Rr. 101.
Marburg, Sonntag, 1. Mai 1887.
XXIL Jahrgang.
25 Pfg.
Erstes Blatt
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und
OberWschk IM-
Wöchentlichc Beilagen. Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustrierte- 21 ~ Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Koch.
K-ertagen. — Quartal- onnements-Preis bei der Expedition 2«/4 Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg., ReÜamen für die Zeile
Für die Monate Mai und Jtz»«i nehmen alle Postanstalten, auf dem Lande auch die Landbriefboten Bestellungen auf die
Oberchesfische Zeitung
mit ihren Gratisblättern entgegen.
In Kirchhain nimmt unsere Agentur, Herr Buchbinder Rindt, sowie in hiesiger Stadt die Expedition (Markt 21) Bestellungen an.
In Kirchhain wie hier erhalten neu zugehende Abonnenten bis zum 1 Mai die Zeitung gratis.
unmittelbar bevor, trotzdem die Untersuchung evident erwiesen hrt, daß Schnäbele keineswegs auf deutsches Gebiet, wo er thatsächlich verhaftet wurde, gelockt worden ist. Wohl aber betrachte die deutsche Regierung mittelst weitgehender Interpretation die Einladung Schnäbeles seitens des deutschen Polizeikommissars als eine Art Geleitsbrief, obgleich -re Verhaftung selbst, wie ebenfalls aktenmäßig feststeht, unabhängig von der Einladung und ohne Wissen des Polizei- Kommissars Gautsch durch die beiden Berliner Polizei- Beamten erfolgte, welche zufällig von dem Eintreffen Schnäbeles Kenntnis erhalten hatten. — Nach der „Nat.- Ztg." ist in politischen Kreisen das Gerücht verbreitet,' daß zur Abwehr landesverräterischer Unternehmungen in Elsaß- Lothringen der Kriegszustand verhängt werden soll.
wichtigstes Ergebnis der Beratungen der Kom- ""U'^.über das Kunstbutter-Gesetz ist wohl zu betrachten, daß dieselbe beschlossen hat, einmal jede künstliche Färbung jenes Fettpräparats und zweitens die Beimischung von Naturbutter zu untersagen. Gegen diese Beschlüffe wendet sich nun der Inhaber einer Berliner Kunstbutter-Fabrik in einer Zuschrift an die „National-Ztg.", in der er die Färbung der sog. Kunstbutter als unerläßlich bezeichnet. Er macht für diese Behauptung geltend, daß die natürliche Farbe, die sich bei der Vermengung von Margarin, Milch und Oel ergiebt, „schmutzig grau und unappetitlich" sei, somit auf den Käufer abschreckend wirken müffe. Der Beschluß der Kommission, fährt er dann weiter fort, sei aber um so „unerklärlicher", wenn man erwägt, daß die Kunstbutterfabriken zur Färbung keinen anderen Pflanzensaft verwenden, als die große Molkereigenossenschaften in Holstein, nämlich Annatosaft. In dieser Beziehung müffe doch aber auch weiter der Wahlspruch „Gleiches Recht für alle" gelten. Dabei übersteht derjenige, der so seinen Widerspruch begründet, allerdings, daß einmal das Färben der Naturbutter keineswegs allgemeiner Gebrauch ist und zweitens nirgends und niemals zu dem Zwecke erfolgt, um die Butter als etwas anderes erscheinen zu lassen, als was sie wirllich ist. Dagegen ist die für die Kunstbutter gewählte Art der Färbung entweder direkt darauf berechnet,, oder dient doch 'der Wirkung, diesem Fabrikat das äußere Ansehen eines anderen mehrwertigen, nämlich des Natur-Produkts zu geben und es als solches in die Hände des Käufers zu spielen Das „gleiche Recht auf dieselbe Farbe für alle" stellt sich in dieser Farbe also thatsächlich so, daß in dem einen Falle von dem Farbstoff zu ganz loyalen und dem Publikum im Grunoe gleichgiltigen Zwecken, im anderen Falle behufs
D«rch eigene Schuld.
«in Original - Roman aus der Handelswelt von Friedrich Friedrich. .
(Fortsetzung)
„Ich schätze diese Ansicht von Ihnen," erwiderte Damken. „^ch wünsche aber deshalb, daß Sie zuerst die Bücher durchsehen, damit nie in Ihnen der Verdacht aufsteige, daß ich Sie zu Ihrer Teilnahme überredet habe. Sie soll ein völlig freier^ Entschluß von Ihnen sein, denn nur dann weiß ich, daß Sie gern mein Kompagnon geworden sind. Ich will nicht, daß Sie mir einen Vorwurf zu machen haben, wenn auch nur im Innersten Ihres Herzens: deshalb kommen Sie zuvor, die Bücher einzusehen."
„Mein Entschluß steht fest, und daß es ein freier und freudiger Entschluß ist, will ich Ihnen zeigen," rief der jnnge Mann, der durch das scheinbar offene und ruhige Wesen Damkens überlistet ivard. Kommen Sie, Herr Damken, wir gehen zuerst zum Notar, ich sehe es als eine Ehrensache an, deshalb bestehe ich darauf."
Scheinbar ungern gab der Handelsherr nach. Aeußerlich völlig ruhig, war sein Inneres von einer heimlichen Freude über das leichte und glückliche Gelingen seines Planes erregt. Dies hatte er gewollt und erstrebt. Er schien, wenn Kleufer den Stand des Geschäftes bedenklicher fand, als er erwartet, gerechtfertigt; denn er selbst hatte darauf bestanden, daß er die Bücher zuvor durchsetzen sollte. Ihn konnte kein Vorwurf treffen, Kleuser mußte sich die Schuld beimeffen. Dies war freilich nicht sein Hauptstreben gewesen, sondern das war es, jedes Zurücktreten Kleusers unmöglich zu machen. Er hatte es erreicht.
Der Notar setzte die gegenseitigen Bedingungen auf. Das Vermögen, welches Kleuser in das Geschäft brachte, wurde verzeichnet und sein Anteil danach bestimmt. Er hatte die selbstständige Leitung des ganzen Geschäfts — natürlich blieb dem Handelsherrn zu jeder Zeit ein freier Einblick in dasselbe und eine freiwillige Beteiligung an der Arbeit unbenommen, nur die Verpflichtung dazu hielt er sich fern. Für
jeden Verlust oder etwaigen Fall des Hauses waren Beide gleich verantworlich. Zu einer Trennung mußten beide Teile ihre Zustimmung geben. Die Auseinandersetzung sollte nach dem derzeitigen Zustande des Geschäfts erfolgen
Alle die Bestimmungen wurden sämtlich aufgesetzt- als der Kontrakt vollendet war, wurde er von dem Notar nochmals vorgelesen, und sowohl Damken wie Kleuser waren mit ihm vollkommen einverstanden und zufrieden. Beide unterzeichneten und waren nun aneinander gebunden für Glück und Unglück, für gute und schlimme Tage. Das alte Haus Damken hatte in diesem Augenblicke aufgehört als selbstständiges Geschäft zu existieren.
Damken führte Kleuser in das Kontor und legte ihm die Bücher vor und während dieser sie dnrchsah, entfernte er sich, angeblich, um noch eine Angelegenheit in Ordnung zu bringen, in Wahrheit aber, um nicht zugegen zu sein, wenn sein Kompagnon die Wahrnehmung machte, daß er getäuscht sei oder sich übereilt habe.
Ueber die Bücher gebeugt, saß Kleuser da, und seine Sttrn verfinsterte sich immer mehr und mehr, je tiefer sein Blick in die Geheimnisse und den Stand des Geschäftes emdrang. Die musterhafte Ordnung und Pünktlichkeit welche in den Büchern herrschte, erleichterte ihm den Ueber- blick. Er war erschrocken und erstaunt, als er die enormen Sunimener blickte, welche der Handelsherr verschwendet hatte • uni» als er sie mit der Einnahme verglich, erst da sah er eim daß nicht seinem Vorgänger die Schuld beizumessen sei, daß das Haus mehr und mehr in Verlegenheit geraten war. Der Handelsherr selbst hatte es dahin gebracht.
Er bereuete, in diesem Augenblick di- leichtsinnige Ueber- eilung, mit der er diese Verbindung abgeschlossen hatte. Nur die großen Häuser, mit denen das Geschäft in Verkehr stand . ehrenhaften Verbindungen, in denen es mit den berühmten Firmen aller Weltteile stand, und die Solidität der mit ihnen abgeschloffenen Geschäfte, welche ja natürlich aus den Kredit des Hauses eine vorteilhafte Rückwirkung gemacht haben mußten, tröfteten ihn, da er in ihnen die
Deutsches Reich.
Beeliu, 29. April. Der Kaiser nahm heute vormittag mehrere kurze Vorttäge entgegen, empfing später im Beisein des Staatssekretärs Grafen Bismarck den neuen Gesandten von Uruguay zur Ueberreichung seiner Akkreditive und konferierte dann noch mit dem Staatssekretär Grafen Bismarck und dem Geheimen Kabinettsrat von Wilmowski. Nachmittags machte der Kaiser eine Spazierfahrt und empfing nach der Rückkehr den Generalquartiermeister der Armee, General Grafen Waldcrsee, sowie den Minister des Königlichen Hauses, Grafen Stolberg. — In der gestern unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staatssekretärs des Innern, von Bötticher, abgehaltenen Plenarsitzung erteilte der Bundesrat dem Entwurf eines Gesetzes wegen Abänderung der Gewerbeordnung (Jnnungswesen), der Nachttaqs- Konventwn zwischen Deutschland und Rumänien vom 1. März 1887 zur deutsch - rumänischen Handels - Konvention vom 14. November 1877 und dem Entwurf einer Anweisung zur Gewinnung, Aufbewahrung und Versendung von Tier lymphe die Zustimmung. Ueber den vom Reichstage abgeänderten Entwurf eines Gesetzes, betreffend Abänderungen des Reichsbeamtengesetzes vom 31. März 1873, soll in einer der nächsten Sitzungen Beschluß gefaßt werden. Von dem Bericht der Enquete-Kommission zur Revision des Patentgesetzes nahm die Versammlung Kenntnis. Endlich wurde noch über den Sr. Majestät dem Kaiser zu unterbreitenden Vorschlag wegen Besetzung der Stelle eines Vize- Präsidenten beim Reichsbank-Direktorium Beschluß gefaßt. — Der „National-Ztg." zufolge steht die Entlassung Schnäbeles
einer Täuschung Gebrauch gemacht wird. Gegen dieses bestimmte Urteil können die Kunstbutter-Fabrikanten auch nicht das geringste emwenden. Sie wollten erst von einer Fär- bung ihresFettpräparatsanscheinend überhaupt nichts hören, obwohl wir ihnen jede beliebige „appetitliche" Farbe __
""r uicht die der Naturbutter — zur Auswahl freistellten, ^zetzt wo ihnen die Majorität der Kommission entgegen- kommt und das „verekelnde" Färben unter Strafe stellt wollen sie das Privileg zu Färben um keinen Preis missen' aber merkwürdigerweise ist es gerade die Butterfarbe, auf der sie für ihre Fettmischung bestehen. Deutlicher kann man wirklich seine Karten nicht auf den Tisch legen. Auch das angeblich „unappetitliche" Aussehen der Kunstbutter im unpräparierten Zustande rührt uns in keiner Weise. Es i,t gar nicht nötig, daß dieses Produkt äußerlich besonders „appetitlich" erscheint. Diese Eigenschaft kann man beispielsweise auch dem gewöhnlichen Rindertalg nicht nachsagen, und doch wird diese Art Fett in bürgerlichen Haushaltungen von sparsamen Hausfrauen vielfach ohne Anstand verwandt Sie denken eben nicht daran, dieses Rindertalg als eine p. e der Tafel dienen zu laffen, sondern geben ihm feinen Platz in der Küche, wo es allein hingehört; und wenn die Kunstbutter-Fabrikanten für ihr Präparat ebenso keine anderen Stellen und Verwendungsarten erobern wollen als d,e ihm seiner Natur nach gebühren, dann können sie Lwk“ i k‘e Wwkung des minder glänzenden Aeußeren vollständig beruhigen. Wenn endlich der Beschwerdeführer m der „Nat.-Ztg. dem Verbot der Mischung des betreffenden Fettpraparats mit Naturbutter den Einwand entgegensetzt,
•• Plüsche Durchführung dieses Verbots ganz unmöglich wäre, da es keinem Chemiker der Welt bisher gelungen sei, festzustellen, ob die in einer Kunstbutter enthaltenen Butterteile aus Sahne oder mitverarbeiteter Naturbutter stammen", so könnte er ja eigentlich, wenn er das Gesetz so von vornherein bestimmt als wirkungslos erkennt, ganz zufrieden sem und seinen Protest für überflüssig halten. Wir wollen aber doch lieber abwarten, ob sich nicht auch der Chemie .ober anderen genügenden Kontrollmaßregeln, etwas für die Sicherung der Wirkung des Gesetzes auch nach dieser Sette abgewinnen läßt. Denn an die Ablehnung der Kommissionsbeschlüffe durch die Regierung, auf welche diese Auslastung in der „Nat.-Ztg." rechnet, können wir uns unmöglich entschließen zu glauben. Hat doch -gestern auch bereits der Preußische landwirtschaftliche Minister, Herr vr. Lucius, bestimmt ausgesprochen, daß er weitere un jjntere)ie der Landwirtschaft liegende Verbesserungen des
Gewähr fand, daß sich auf Grund dieser Verbindungen und de- wetteren festen .Kredits großarttge Spekulationen unternehmen ließen.
rt- ,7.^ w^de mich für das Vermögen, welches ich in das Geschäft bringe, durch welches ich dasselbe aufrecht halte schadlos zu halten wissen, Herr Damken," sprach er für sich' „Ich bin nicht solch ein Thor, daß ich mich für Sie abmuhen und für Sie arbeiten werde, damit Sie desto lustiaer verschwenden können. Ich bin nicht Ihr Diener, der Name und der Kredit Ihres Hauses sollen mir dienen. Sie glauben einen schlauen Koup ausgeführt und mich getäuscht zu haben. — Geduld, Herr Damken, Ihre List soll sich an ^hnm selbst rachen; wir wollen sehen, wer von uns beiden am Ende der ^Betrogene ist."
Der Handelsherr trat in diesem Augenblick wieder in ba§ Zimmer unb Prüfend fiel fein Ange auf Kleusers Ge- W. Er war auf einen Vorwurf gefaßt unb hatte sich für ihn gewappnet. Es entging ihm nicht, daß bet junge Mann gewaltsam leidenschaftliche Gefühle nieberzukümpsen unb fein Gesicht in ruhige Mienen -u legen suchte.
„Sie scheinen fleißig ftubiert zu haben," sprach der Handelsherr ruhig lächelnb, „boch hoffe ich, baß Sie unsere Verbmbung nicht gereuen wird."
„Keineswegs," erwiderte Kleuser scheinbar ruhig Aber die Verlegenheit, in der sich das Geschäft befindet, ist größer als ich vermutet habe. Es wird Mühe kosten, sie glücklich zu überwinden,"
„Um so größer wird das Verdienst Ihres Kopfes sein " entgegnete der Handelsherr. „Ich weiß, daß diese Aufgabe für Sie nicht zu schwierig ist, Sie werden sie ausführen, davon bin ich fest überzeugt."
Kleuser schwieg. Der Handelsherr ries nun das Komtor- persoual zusammen und stellte ihm den jungen Mann als neuen Geschäftsführer vor, indem er allen den strengsten Gehorsam anempfahl.
(Fortsetzung folgt)
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», sowie d.Annoncen-Bureaix von Haasenstei» undBogler in Frankfurt a. M., Gaffel, Magdeburg unb Wien; Rudolf Messe in Frankfurt ♦ a. M., Berlin.München und
Köln; ®. 2. Daube und Co. in Frankfurt a. M , Berlin, Hannover u. Paris.