Nr. 98
Marbttvg, Donnerstag, 28. April 1887.
XXII. Jahrgang.
WttMihk ZitilW
gangenen, im Statistischen Amt ausgearbeiteten Zusannnen- stellung des Ergebnisses der Reichstagswahlen von 1887 sind bei den entscheidenden Wahlen 7527 601 gültige Stimmen abgegeben worden, davon für deutschkonservative Kandidaten 1160869, Reichspartei 745 378, Nationalliberale 1711069, Deutschfreisinnige 986517, Zentrum 1537351, Polen 221825, Sozialdemokraten 673 283, Volkspartei 79891, Welfen 10712, Dänen 12 360, Elsässer 233685 Stimmen. — Der Reichstag wird sich wahrscheinlich morgen auf kurze Zeit bis Anfang nächster Woche vertagen, um der Budgetkvmmission Zeit zur Beratung des Nachtragsctats zu lassen. — Der deutsche Botschafter in Petersburg von Schweinitz wird morgen auf seinen Posten abreisen
— Der Zwischenfall Schnäbele gestaltet sich nach den letzten Nachrichten für Frankreich immer ungünstiger und das laute Geschrei, das man an der Seine gegen Deutschland in Scene setzt, gleicht auffallend dem Verhalten des Diebes, der, um die Aufmerksamkeit der Verfolger von sich abzulenken, selbst: Haltet den Dieb! ruft. Bedauerlich ist, daß man sich in der deutschen Presse dadurch vielfach düpieren und in seinem klaren Urteil verwirren läßt Namentlich entwickelt die Pariser Presse einen wahren Feuereifer Nebenpunkte in den Vordergrund zu schieben und dadurch die Hauptsache zu verdunkeln. Diese ist und bleibt, daß Frankreich durch einen französischen Beamten, der durch seine Stellung und seine Fähigkeiten sich sogar früher zeitweise das Vertrauen der deutschen Regierung erschlichen hatte, eine organisierte Verräterei betreiben ließ, deren Endfäden, wie man wohl mit Recht vermutet, in dem Kabinett des Generals Boulanger, dieses großen Ge- sttzgebers gegen die deutsche Spionage, zusammen liefen. Das ist die für Frankreich nach den Hochverratsprozessen gegen Sarauw, Krazewski und Genossen außerordentlich beschämende Vogelperspektive, aus der man den ganzen fjall beurteilen muß. Die deutsche Regierung beging nur einen Akt der Notwehr, wenn sie diesem raffinierten Spion, der Seele des protestlerischen Widerstandes in den Reichslanden, auf die Finger passen und ihn so schnell wie mög- llch hinter Schloß und Riegel setzen ließ, ja nach unserer Meinung war sie es, welche gerechten Grund zu diplomatischen Rekriminationen besaß, welche das Treiben des französischen Agenten zum Anlaß einer energischen Beschwerde machen Durfte: Statt dessen nimmt man in Paris bie Miene des unschuldig Gekränkten und des „Provo- sierten" mit jener oben gekennzeichneten durchsichtigen Drebestaktik an; man schlägt aus Einzelheiten der that- sachllchen Berha-tung, welche gar nicht in das Gebiet der
wird. Suche ihn rückgängig zu machen, Leopold, thue es mn zu Liebe und zur Beruhigung.-' ’
fle^ nicfct, Pauline, es geht nicht," rief Kleuser. »Ich habe Damken mein Wort gegeben und ich darf mein offenbares Gluck nicht von der Hand weisen, weil Dich eine Dir .selbst unerklärliche bange Ahnung ergriffen hatte. Wo. hin tollte das fuhren, Pauline, wenn ein Kaufmann auf Zu« .Rücksicht nehmen wollte? Jeden anderen Wunsch will ich Dir e. füllen, nm diesen nicht. — Svrich indeß zu niemand hiervon. Unsere Verbindung soll für den Augen- bli/ noch ern Geheimnis bleiben, es soll den Anschein haben, als ob ich nur als Geschäftsführer in das Haus Damken eingetreten fei."
Pauline erwiderte nichts darauf. Tie bange Stimmuna. welche fie ergriffen hatte, wich nicht von ihr. Während ihr Mann schon längst schlief, zogen finstere, beängstigende Gestalten vor ihren geschloffenen Augen vorüber. Träume ziehen ja oft Tage lang ängstigend und quälend durch die schwache Menschenbrust hin, und alle Tageshelle und alles Sonnenlicht vermag die dunklen Schattenbilder nicht zu verscheuchen. Wie Dämonen einer höheren Macht treten sie an den Menschen heran, und so weniger sie seinem Willen unterthan zu machen sind, um so mehr gewinnen sie über em schwaches Herz das Übergewicht.
Noch ein anderes Paar Ang-n hatte diese Nacht durchwacht: das des greif-.» Steiders. Er hatte sich nicht zm Ruhe gelegt. Auf dem Sessel, auf dem er am Abend zuvor erschöpft ntedergesunken war, saß er noch am frühen Morgen. Fast ohne Leben hatten feine Augen auf den Boden gestarrt, und nur bann und wann hatte ein schwerer Seufzer verraten, daß das alte Herz noch schlug.
Was er in dieser einen Nacht gedacht und erduldet, welche bange und folternden Schmerzen er ausgestanden, wußte er selbst nicht, denn an sich selbst hatte er am wenigsten gedacht. Er stand allein und verlassen in der Welt da, alle seine einstigen Bekannte und Freunde waren vor ihm ins Grab gesunken, nur ein einziges Herz hatte "-das ihm nahe stand: bas seines N-ffen, aber dieser »eilte fern von ihm in Amerika. (Fortsetzung folgt.)
Drrrch eigene Schnld.
Sin Original-Roman ans der Handelswelt von
.Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Die Frau war überraswt, aber natürlich nicht im Stande zu erraten, daß es das Haus Damken sei. Ihre Gedanken hatten eine ganz andere Richtung genommen. Daß Damken einen Teilnehmer in seine alte und große Firma annehmen könne, vermochte fie nicht zu denken, und außerdem hatte Kleuser nie mtt Damken in näherer Verbindung gestanden.
„Ich wußte, daß Du es nickt erraten würdest, wenn ich Dir auch bis morgen abend Zeit gegeben hätte," rief der junge Mann lächelnd. „Sieh her, Pauline, steh mich genau und respektvoll an, denn Du erblickst in mir den Kompagnon deS Hauses Damken."
Erstaunt und mehr erschrocken als überrascht, blickte Pauline ihn an. Ans seinem Gesicht laS sie, daß er wirklich die Wahrheit gesprochen.
„Leopold, Leopold," rief fie aufgeregt, „halte mich nicht zum besten. Wie sollte der reiche Damken dazu kommen, einen Kompagnon anzunehmen?"
„Er hat feinen alten Geschäftsführer fortgesandt und ist nun in Verlegenheit um einen anderen tüchtigen Mann," erwiderte Kleuser nicht ohne freudiges Selbstbewußtsein.
„Deshalb wird er noch keinen Kompagnon nehmen," entgegnete Pauline, „ich kenne Damken bi ff er als Du, ich weiß, wie stolz er ist. Hat er Dich wirklich als Teilnehmer seines Gesckäfls angenommen, Leopold, so steckt etwas anderes dahinter, darauf kannst Du Dich verlassen."
„Allerdings ist sein Haus durch die Schuld und Untauglichkeit des alten Geschäftsführers in Verlegenheit geraten," gab Kleuser zur Antwort. „Er braucht augenblicklich das Geld eines Kompagnons, da er zu stolz ist, sich auf andere Weise Geld zu verschaffen."
„Ich glaube nichr, daß Damken in dieser Beziehung stolz ist," entgegnete Pauline. „Eine bange Ahnung ergreift mich bei dem Gedanken, daß Du Dein Geschick au diesen Manu
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marbnrg n. Kirchhain.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Au« Kock
international-politischen, sondern höchstens juftitiaren Begehungen fallen, Kapital, um der Welt über die eigene Kompromittierung Sand in die Augen zu streuen. Eine Möglichkeit zur, diplomatischen Einmischung wäre daae- wesen, wenn Schnäbele thatsächlich auf französischem Gebiete verhaftet worden wäre. Alle glaubwürdigen Berichte bestrerten das und nur in Paris hält man'noch daran fest, werk diese Fiktion das einzige ist, was das Verhalten Frankreichs bisher entschuldbar macht. Völlig unbegreiflich ist es uns, wie man den Umstand, daß Schnäbele durch eine List des deutsch-elsässischen Kommissars Gautsch auf deutschen Boden gelockt worden zu fein scheint, rum Gegenstände diplomatischer Einsprache erheben will. Deutsche Blätter darunter selbst die „Franks. Ztg.", drucken mit Besorgnis diese Auffassung nach. Seit wann darf aber ern Pollzeibeamter, welcher auf einen steckbrieflich verfolgten Verbrecher — dies und weiter nichts ist in unseren Augen Schnäbele — fahndet, nicht zu einer List greifen, um die Verhaftung desselben zu ermöglichen? Es mag für Schnäbele und damit für Frankreich eine unangenehme Empfindung sein, daß er in die Falle tappte; aber wir wüßten keinen Paragraphen, der es den deutschen Polizei- beamten verbot, ihm eine zu stellen. Die Verhaftung des gefährlichen Spions ist also zwar unter Anwendung eines Pollzeikniffes, aber in allen Formen des juristischen Rechtes vor sich gegangen und Frankreich wird vergeblich gegen diesen bitteren Stachel lecken. Ueber den viel wichtigeren Kern der ganzen Affaire, das fricdensstörerische, schamlose Treiben des französischen Agenten mit dem alemannischen "amen, wird er uns dagegen hoffentlich bald klare Rede zu stehen haben.
Der französische Generalprokurator, der zur Unter» lUd^niLbe6 Schnäbele nach Pagny entsandt ist, beruft sich zum Beweise dafür, daß die Verhaftung Schnäbeles auf französischem Boden erfolgt fei, auf das Zeugnis zweier Winzer, die sich zu jener Zeit in den Weinbergen an der Grenze aufhielten. Betreffs dieses Zeugnisses rc. schreibt ?au der ,,etr. Post": Den Aussagen dieser beiden Zeugen stehen die Aussagen der deutscherseits vernommenen Zeugen, die Aussagen von sechs Rottenarbeitern, welche in jener Stunde nahe an Ort uno Stelle auf dem Eisenbahndamm beschäftigt waren, entgegen. Diese haben übereinstimmend ausgesagt, daß die Verhaftung auf deutschem Boden statt- gesunden habe. Hervorgehoben zu werden verdient, daß vier dieser^ Arbeiter französisch sprechende Lothringer sind. Der Hut L-chnabcles, welcher diesem während des Kampfes entfallen war und von einem der letztgenannten Arbeiter ausgehoben und den Herren nachgetragen wurde, lag gleich-
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geknüpft hast. Ich traue ihm nicht und nimmermehr würde ich an Deiner Stelle in sein Geschäft als Teilnehmer ein» treten, mag es auch noch so ehrenvoll für Dich scheinen — er hat besondere Absichten dabet."
„Was hast Du gegen Damken?" fragte Kleuser fast unwillig. „Du verkennst ihn, Pauline. Er hat sich mir heute Abend ganz offen anvertraut. Wenn auch fein Haus in noch so großer Verlegenheit ist, so gebe ich mein Geld darein, beim ich weiß, wie angesehen unb fest dieses alte Haus dasteht. Damken hat keine Lust zum Geschäft, er ist fein Kaufmann, deshalb sucht er einen Kompagnon, auf de» er sich verlassen kann, in dessen eigenem Interesse es liegt, zu prosperieren. — Damken hat aber noch einen an» bereu Grund, weshalb er meine Teilnahme wünscht, unb bat ihn mir offen geftanben. Er mißgönnt Buchmauu ben schnell erworbenen Reichtum, er befürchtet, von ihm überflügelt zu werben, unb um bies zu oermeiben, um ihm ein Gegengewicht entgegenzusetzen, wünscht er, daß fein Haus nach denselben Handelsprinzipien geführt werde, welchen Bnchmanu sein Glück verdauft. Das ist der Hauptgrund, glaube ich, weshalb Damken gerade mich als Kompagnon angenommen hat, da er hundert andere hätte haben können."
„Damken hat gewußt, daß Du Bnchmanu hassest, und hat Deine Leidenschaft benutzt, nm Dich für seine Pläne zu gewinnen," entgegnete Pauline.
„Dies konnte er nicht wissen," rief Kleuser, über den Einspruch seiner Frau unwillig. „Wenn Du alles mit einem unbegründeten Vorurteile ansiehst und hinter Jedem eine List oder eine unrechte Absicht vermutest, kannst Du freilich meine Verbindung mit Damken nicht als ein Glück betrachten. Ich hätte nicht geglaubt, Pauline, daß Du Dich so sehr durch Vorurteile leiten ließ st und mir selbst so wenig Kraft und Scharfblick zutrantest."
„Du verkennst meine Worte, Leopold," erwiderte die Fran mit weicher, versöhnlicher Stimme, indem fie die Hand ihres Mannes ergriff. „Ich vertraue Dir so fest, wie nur ein Mensch einem anderen vertrauen kann; dennoch vermag ich eine fich mir unbemußt aufbrängenbe Angst nicht znrück- zuweisen, mir ahnt, baß tiefer Schritt Dein Verderben fein
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Deutsches Reich
Berlin, 26. April. Der Kaiser nahm heute vormittags mehrere Vorttäge und eine Reihe militärischer Meldungen entgegen, empfing den General von Treskow, arbeitete mit dem General von Albedyll und machte nachmittags eine Spazierfahrt. Um 4 Uhr erscheint Fürst Bismarck zum Vortrag. An dem Diner nimmt Prinz Wilhelm teil. Die Kaiserin empfing heute vormittags die Gemahlin des Botschafters von Schweinitz und nachmittags den Botschafter von Schweinitz. — Während der gestrigen Reichstagssitzung erschien der Reichskanzler, welcher vorher im Abgeordnetenhause gewesen war und mit einer kurzen Auseinandersetzung in die Debatte über die Wiederzu- laffung der Ordensgeistlichkeit eingegriffen hatte. Der Hauptzweck seines Kommens schien eine Konferenz mit dem Abg. v. Bennigsen gewesen zu sein, über deren Inhalt sich.jeder seine Geoanken machen kann, wenn auch die Vermutung am nächsten liegt, daß es die zur Zeif schwebenden Steuervorlagen gewesen sind, welche den Gegenstand der Unterhaltung gebildet haben, und dies um so mehr, da Herr v. Bennigsen unmittelbar vorher in der Verhandlung über den Nachtragsetat die Beschleunigung der beiden Gesetzentwürfe über bie Znckersteuerreform und die Brannt- weinbesteuerung befürwortet hatte. Aus dem Umstande, daß zwar der bairische und der badische Finanzminister hier persönlich anwesend sind, um sich an der Beratung dieser Entwürfe zu beteiligen, nicht aber der Finanzminister Würtembergs, will man schließen, daß die Zustimmung Würtembergs für einen etwaigen Eintritt dieses Landes in die Branntweinsteuergemeinschaft keinen Schwierigkeiten begegnet, während bezüglich der beiden anderen Südstaaten die Entwicklung noch nicht so weit gediehen sei. Es wird fich wohl bald zeigen, ob diese Vermutung Grund hat oder nicht, da die Feststellung der Vorlage in wenigen Tagen erwartet wird. — Nach der dem Reichstag zuge-