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Rr. 97

Marburg, Mittwoch, 27. April 1887.

XXII. Jahrgaug

OWMk Seitens

Wöchentliche Beilagen: «reis - Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. -

___Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Brrlag von Joh. Ang. Koch.

Artillerie 800 Mk.; 10. Zur Erweiterung der vorhandenen

das Bedürfnis zu der neuen Leistung und zugleich die Leistungsfähigkeit der Unterhaltungspflichtigen an, so werden dre Letzteren sich derselben unterwerfen, ohne das Gefühl einer unberechtigten Belastung zu haben So wird bis zu der Zeit, wo es möglich sein wird, eine Erleichterung der Schullastung durch stärkere Beteiligung des Staats herbeizuführen, die notwendige Erhöhung derselben ihres beschwerenden Charakters beraubt werden.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureanx von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. SR., Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Woffe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln; 8. Daube und

Co. in Frankfurt a. M, Berlin, Hannover u. Paris-

Die «ismarcksche Steuerpolitik

geht bekanntlich dahin, die finanziellen Bedürfnisse von Reich und Staat in einer der Bevölkerung möglichst wenig drückenden Weise zu beschaffen. Der Vorzug, welcher den indirekten Steuern zuerkannt wird, beruht wesentlich auf der Erwägung, daß sowohl durch die Art der Erhebung, als durch die zumeist vorhandene Möglichkeit, sie durch eine geringe und beinahe unmerkliche Herabsetzung des Verbrauchs auszugleichen, die Aufbringung des gleichen Betrages im Wege der indirekten Steuern weit weniger drückend empfunden wird, als auf dem Wege direkter in größerem Betrage zu bestimmten Zeiten fälliger direkter Abgaben. Den gleichen Zweck verfolgt die von dem Fürsten Bismarck angeregte Gesetzgebung über die Feststellung neuer Leistungen für die Volksschule. Die Schullasten sind in Preußen langst zu einer sehr erheblichen Höhe gestiegen; sie werden vielfach um so drückender empfunden, als die Art der Aufbringung derselben keineswegs durchweg der Gerechtigkeit entspricht und gerade die ärmeren Landesteile verhältnismäßig die höchsten Schullasten haben. Die Über­nahme eines erheblichen Teiles der Schullasten auf den Staat, welche längst als notwendig erkannt ist, hat wegen der Stockung der Reichssteuerreform nicht zur Ausführung ge­bracht werden können. Selbst eine Erhöhung der für die Volksschule bestimmten Forderungen der Unterrichtsverwal­tung hat sich aus diesem Grunde nicyt herbeiführen laffen.

Es ist daher erklärlich, wenn die Neuanforderungen, welche die Provinzialregierungen an die Schulunter­haltungspflichtigen stellten und bisher ohne gesetzliche Be­grenzung segensreich durchzuführen in der Lage waren, vielfach hart empfunden wurden und zwar umsomehr als es öfter den Anschein hatte, als ob die Regierungen allzu mechanisch und ohne ausreichende Rücksicht auf die lokalen Bedürfnisse und die Leistungsfähigkeit der Unterhaltungs- Pflichtigen vorgingen. Diesem letzten Uebelstande soll nun­mehr dadurch vorgebeugt werden, daß über neue Leistungen für Volksschulzwecke bei Mangel des Einverständnisses der Unterhaltungspflichtigen statt der Staalsregierung die Selbst- Verwaltungsorgane zu entscheiden haben. Erkennen diese

»Rio de Janeiro, den 11. Januar. Mein lieber Onkel!

Deinen letzten Brief und die Anweisung von fünftausend Thalern auf das hiesige deutsche Hans habe ich richtig e^ und die Anweisung bereits etukasfiert. Ich habe b™ejJLöefärirben' bo& ich in meinen früheren Einkäufen s'hr glücklich gewesen bin, uud seitdem haben sich mir noch öorteUIjaftere Aussichten geboten, ich werde sie sicher ttitft unbenutzt vorubergehen lassen. Ein ziemlich große Partie Kaffee habe ich bereits wieder verkauft. Ich konnte der Versuchung dieses kleinen Zwischengeschäfts nicht widerstehen, und der Gewinn, den ich dadurch gehabt habe, lohnt die Mühe reichlich Du siehst daraus, daß ich hier nicht uu- thätig bin, und daß unser Glück im Steigen begriffen ist.

Da» gelbe Fieber, welches hier manches Opfer gefordert, hat mich gänzlich verschont gelassen. Weu» Du so wohl bist, wie ich mich fortwährend befinde, will ich Gott dankbar sein. Inliegenden Brief fließ Gabrielen. Grüße sie, mit nächster Post sende ich Ihr einen ausführlichen Brief und in wenigen Monaten hoffe ich für immer zu Euch zurück- gekehrt zu sein.

Das Schiff, welches Dir diese» Brief bringen soll, mein guter Du kl lichtet schon die Anker — ich muß eilen. — Tausend Grüße von

Deinem Hermann Bootmer.

Der Handelsherr war im Begriff, den Brief zur Seite b^-iuersen, da er nichts enthielt, was fein Interesse erregte, al» ihm plötzlich der Name Bootmer auffiel. @r kam ihm begannt m anb doch erinnerte er sich nicht, wo er ihn ge. Mrt batte. ®r sann nach und endlich fiel ihm ein, daß ei” Manu dieses Namens mehrere Jahre in seines» Hause als Bnchsuhrer gearbeitet hatte. Derselbe war ein Neffe' des alten Steider und dieser hatte wahrscheinlich den Brief, der an ihn gerichtet war, hier verloren. 1

Mit größerem Interesse las er den Brief noch einmal

Für die Monate Mai und Juni nehmen alle Post- anstalten, auf dem Lande auch die Landbriefboten Be­stellungen auf die

Oberhessische Zeitung

«it ihren Gratisbeiblättern entgegen.

In Kirchhain nimmt unsere Agentur, Herr Buchbinder Rindt, sowie in hiesiger Stadt die Expedition (Markt 21) Bestellungen an.

In Kirchhain wie hier erhalten neu zugehende Abonnenten bis zum 1. Mai die Zeitung unentgeltlich.

Deutsches Reich.

Beelite, 25. April. Der Kaiser nahm heute vor­mittags mehrere Vorträge entgegen, arbeitete mit dem Ge­heimen Kabinettsrat v. Wilmowski, empfing den Präfi- denten der italienischen Waldenser Gemeinden, Matteo Prochet, und machte nachmittags im offenen Wagen eine Ausfahrt. Die Kaiserin empfing heute vormittags den Botschafter Grafen Münster. — Großes Aufsehen erregte heute im Reichstage, daß der Reichskanzler, nachdem v. Bennigsen seine Rede zum Reichstagsetat gehalten hatte, kaum im Reichstage angekommen, mit Bennigsen zu einer längeren Unterredung in das Bundesratszimmer sich zurück­zog. — Der außerordentliche Etat, der heute im Reichs­tage zur Beratung steht, enthält folgende Einzelheiten: (Zu Garnisonbauten rc. in Elsaß-Lothringen): 1 Neubau einer Kaserne für 2 Bataillone Infanterie, einschließlich des Regimentsstabes in Kolmar, I. Rate (zum Grund- stuckserwerb und erste Baurate) 1000000 Mk.: 2. Ein- richtungen im alten Garnisonlazareth und in Bodenräumen con Kasernen in Kolmar zur vorläufigen Unterbringung von Mannschaften 26800 Mk.; 3. Bauliche Herstellungen vorhandenen fiskalischen Kasernen in Diedenhofen 2500 Mk.; 4. Neubau einer Kaserne für ein Regiment Infanterie m Dieuze 2370000 Mk.; 5. Herstellung eines vorläufigen Mannschaftskoch-Küchengebäudes in Dieuze für ein daselbst zunächst in Naturalquartieren unterzu- brlngendes Bataillon Infanterie 7300 Mk.; 6. Neubau einer Kaserne für zwei Bataillone Infanterie und den Reglmentsstab tn Hagenau, I. Rate (zum Grundstückser­werb und zur Enlwurfsbearbeitung) 94000 Mk.; 7 Her­stellung von Wohnungen für Verheiratete im Barackenlager auf dem Artillerieschießplatz bei Hagenau, sowie Einrich- mng von Wohnräumen und Montierungskammern bezw. Erweiterung von Menageanstalten in den vorhandenen Kasernen rc. in Hagenau behufs vorläufiger Unterbringung der Garnifonverstärknug 14 990 Mk.; 8. Neubau eines Kasernements für zwei Bataillone Infanterie in Mül- Raufen 1. Rate (zum Grundstückserwerb und zur Ent- wurfsbearbeitung) 466000 Mk.; 9. Zu verschiedenen baulichen Herstellungen tn fiskalischen Kasernen in Neu- brei|ad) behufs vorläufiger Unterbringung von Mann-

Kasernen behufs Unterbringung einer Abteilung Feld-Ar­tillerie in Neubreisach 260400 Mk.; 11. Verschiedene bauliche Herstellungen in fiskalischen Gebäuden in Pfalr- burg behufs vorläufiger Unterbringung eines der Gamison hmzutretenden Bataillons Infanterie 15 000 Mk • 12 Verschiedene bauliche Herstellungen in Kasernen, Exerzier- und Wagenhäusern rc. in Straßburg behufs vorläufiger mSoS"8 Pkden unb F-hr,-ugm

80000 M 13 Neubau einer Kaserne für ein Train­bataillon tn Straßburg, I. Rate (zum Grundstückserwerb und zur Entwurfsbearbeitung) 458000 Mk.; 14 au baulichen Einrichtungen in zu vermiethenden rc. Gebäuden behufs Beschaffung vorläufiger Unterkunftsräume (in Dieuze, Forbach, Hagenau, Straßburg) 28420 Mk.- 15 Zur Erwerbung neuer, bezw. Erweiterung vorhandener Exerzier- und Schießplätze, sowie zur Herstellung und Ein­richtung derselben, letzte Rate, 547 000 Mk.; 16 Zur Erweiterung des Barackenlagers auf dem Artillerie-Schieß­platz bei Hagenau 97750 Mk.; 17. Neubau von Hülfs- lazareth-Lokalen in Straßburg, I. Rate, 100000 Mk.- ^'^°^^";»^arnisonlazareths in Hagenau, I. Rate' 35 000 Mk.; 19. Neubau und Ausstattung eines Gar- nifonlazareths in Dieuze, I. Rate, 110000 Mk.; 20. Er­weiterung der Lazaretheinrichtungen in Neubreisach 30000 M zusammen 573000 Mk; 21. Zur Steigerung der Opera- tlons- und Schlagfertigkeit des Heeres 1199 105 Mk • 22. Zur Ergänzung unb Verstärkung der Festungen bezw' der Verteidigungseinrichtungen in denselben 29 500 000 Mk • 23. Für die Vervollständigung des deutschen @ifenfaüm= N/er Landesverteidigung, 1 Rate, 36 314 000 Mk. — (zu Kasernenbauten); 24 Neubau und Ausstattung einer Kaserne für eine Abteilung Feld- Artillerie l^Allenstein, II. Rate (erste Baurate) 500000 Mk — Durch die Blätter war eine Notiz gegangen, ein Berliner Rechtsanwalt fei tn Untersuchung wegen Majestätsbeleidiauna verwickelt, weil er im Altenburger Wahlkreise als Reichs- tagskandidat vorn „Raube" Elsaß-Lothringens gesprochen hatte. Für denjenigen, der die Wahlvorgänge verfolgt, liegt das irrtümliche dieser Meldung auf der Hand, die denn auch durch die .Volksztg." dahin richttg gestellt wird: „Wie uns mitgeteilt wird, ist nicht gegen einen hiesigen Rechts­anwalt Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben worden, sondern gegen den hiesigen Schriftsteller Arnold Perls, welcher bei den letzten Wahlen als freisinniger Kandidat tm Fürstentum Reuß in einer in Schleiz gehaltenen Rede eine Aenßerung gethan haben soll, auf Grund deren die Staatsanwaltschaft zu Gera einschreiten zu müssen glaubte Gegen den freisinnigen Landtagsabgeordneten Halberstadt ist, .tote wir hören, gleichfalls aus Anlaß einer Kandidaten- rebe, Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben worden." Der letztere Fall ist schon im Abgeordnetenhause amtlich erwähnt worden.

Erscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn- unb Feiertagen. — Quartal - Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/* Mk.. bei den Postämter 2 Mk. 50 Sffl. (excl. Bestellgeld). Jnfertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Stille ringsum tm Gegensatz zu dem lauten Leben, welches vor einige» Minuten noch in der Villa unb im Parke ae- hem inVtt ©<£ Beleuchtung im Vergleich mit bem von bem Kronleuchter erhellten Saale, machte auf ibn Ln» """"«'nehmen Eindruck. Er vermochte sich des nn- willkürlich an ihn herantretenden Gedankens nicht zu er­wehre», baß auch sein Leben nach allem Reichtum und Glanze einst so traurig erlö chen werbe. Mit aller Kraft riß er Nto von dem Gebanken los unb schöpfte aus ber an biesem Ad-nb eingegangeuen Verbindung neue Hoffnung unb frischen Mur. Er dachte an die Worte seines alten Geschäfts, führers. dab nur er sein Haus zu retten vermöge unb ein spotisches Lächeln flog über sein Gesicht. „Ich will Ihnen ^igen, Herr Steider,' rief er zu sich selbst, „daß auch ohne Sie mein Hans nicht verloren ist, ich will Ihnen reinen baß es noch Köpfe giebt, welche es besser zu letten ver.' stehe», unb baß durch Spekulationen mehr auszurichten ist als durch mühsame knechtische Arbeit. Ich bin töricht ge- wesen, baß ich ben alten Menschen nicht schon längst ans meinem Hause entfernt habe. Ich will zngeben, baß er fest daran hing und treu war, aber durch seine lange Dienstzeit glaubte er sich mir gegenüber Rechte erworben zu haben welche feder Andere als unverschämte Anforderungen zurück- gewiesen habe» würde. Mag es jetzt komme», wie es will lebenfalls bin ich fernerhin allen lästigen Ermahnungen meines Dieners überhöhen." 8

Er trat in das Haus zurück unb begab sich auf sein Gr hatte es feil bem Augenblicke, wo er es, über die Nachricht seines alten Geschäftsführers verstimmt, ver.

betreten, unb wie anbers hatte» sich jetzt bie Verhältnisse gestaltet!

Ei» an dem Bode» liegendes Papier erregte seine Auf­merksamkeit. Er hob es auf und erkannte einen Brief in »» « offen war und keine Aufschrift trug. Er nahm

keinen Anstand ihn zu lesen. Der Bries lantete:

Kröhlingsmorgen am Marburger Schlosse.

Hinaus, hinaus ins Freie, Den grünen Berg hinan Am sonnenhellen Morgen, Der Frühling bricht nun an! Da oben am hohen Schlosse Da find ich den schönste» Saal Mit Bäumen, Blumen und Felsen Und brunten bem grünen Thal. Unb burch ben blauen Himmel, Da jauchzen die Vögeletn Und fingen in Bäumen unb Büschen Mir Lust ins Herz hinein. Sie singen ber golbnen Sonne, Des blauen Himmels Pracht, Der Erbe wonnigem Leben, Dem Schöpfer, ber alles gemacht. Nun singt's in meinem Herze» Dasselbe schöne Lieb. Ich lass' es weiterklingen, Wie's mir ber Frühling verriet.

D«rch eigene Schuld.

Sin Original»Roman au» der Handelswelt von Friedrich Friedrich.

(Fortfetzung.)

I» ber Villa, in welcher soeben noch ein lustiges unb lautes Leben geherrscht hatte, war es jetzt still unb fast öbe. Die prachtvollen Kronleuchter waren ausgelöscht, nur hier und dort fuhr noch bas Licht eines Dieners burch bas Ziumter. Der Hanbelsherr war zu aufgeregt, um ben Schlaf zu suchen. Er trat vor die Villa, lehnte sich au eine mti Weinreben umzogene Säule, welche ben Balkon trag, unb schaute träumerisch in die Nacht hinein. Die