Rr. 95.
Marburg, Sonntag, 34. April 1887.
XXII. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt s.-. Kreise Marburg «. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt,
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
Erstes Blatt.
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Oberhessische Zeitung
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Deutsches Reich.
Berlin, 22. April. Der Kaiser empfing heute vormittag militärische Meldungen und mehrere Vorträge, konferierte darauf mit dem Geheimen Kabinettsrate von Wilmowski und dem Oberstkämmerer Grafen Stolberg und machte nachmittags eine Spazierfahrt. — Der Bundes» rat genehmigte in der am 21. d. Mts. unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staatssekretärs des Innern, von Bötticher abgehaltenen Plenarsitzung die Gesetzentwürfe, betreffend die Feststellung eines Nachtrages zum Reichshaushalts-Etat für das Etatsjahr 1887/88, und, betreffend die Aufnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltung des Reichsheeres und für die Vervollständigung des deutschen Eisenbahnnetzes im Interesse der Landesverteidigung, mit den von den Ausschüssen für das Landheer und die Festungen, für Eisenbahnen, Post und Telegraphen und für Rechnungswesen vorgeschlagenen Abänderungen. Die Vorlage wegen Abänderung des amtlichen Warenverzeichnisses zum Zolltarif mit Beziehung auf Zigarrenkistenbretter wurde den Ausschüssen für Zoll- und Steuerwesen und für Handel und Verkehr überwiesen. Außerdem wurde über die geschäftliche Behandlung mehrerer Eingaben Beschluß gefaßt. — Der dem Reichstage zugegangene Nach- tragsetat beträgt 176085950 Mark, darunter an fortdauernden, durch Matrikularbeiträge aufzubringenden Ausgaben 19408019 Mark; an einmaligen Ausgaben 156 677931 Mark. Die fortdauernden Ausgaben umfassen für die Verwaltung des Reichsheeres inkl. der bayerischen Truppen 18 658019 Mark; dazu treten für Verzinsung der Reichsschuld 750000 Mark. Von den einmaligen Ausgaben entfallen für die Verwaltung des
Reichsheeres im ordentlichen Etat 80225077 Mark, darunter für Sachsen 5 389134 Mark, für Württemberg 2 643444 Mark, für Bayern 9 280 342 Mark: im außerordentlichen Etat für Garnisonbauten in Elsaß-Lothringen 6943065 Mark, zur Verstärkung von Festungen 29V, Millionen Mark, für Vervollständigung des Eisenbahn- Netzes im Interesse der Landesverteidigung 36314000 Mark. Zur Steigerung der Operation«- und Schlagfertigkeit des Heeres werden unter den einmaligen Ausgaben angesetzt für Preußen 45613190 Mk., für Sachsen 3017457 Mk., für Württemberg 2283221 Mk. Dieselben sind dazu bestimmt, diejenigen notwendigen Vervollkommnungen und Ergänzungen des Kriegsmaterials zu bewerkstelligen, welche die Militärverwaltung mit den bisherigen verfügbaren Mitteln nicht ausreichend erreichen konnte. Dem Nachtragsetat beigefügt ist eine Denkschrift, betreffend die Vervollständigung des deutschen Eisenbahnnetzes, namentlich mit Mcksicht auf die systematische Vermehrung der französischen Transportstraßen nach der Ostgrenze. Die beabsichtigten Bauten zerfallen in Ergän- zungsbauten behufs Legens zweiter Geleise innerhalb der Elsaß-Lothringener Bahnen, der Hessischen Ludwigsbahn, der Bayerischen Staatsbahnen, des phälzischen Eisenbahnnetzes, sowie auf den Württembergischen und Badischen Eisenbahnen. Die bezüglichen Verträge wegen Herstellung dieser Anlagen zwischen dem Reiche und den betreffenden Regierungen sind unterm 11. März abgeschlossen worden und dem Nachtragsetat beigefügt. Endlich handelt es sich noch um Herstellung einer das Schweizerische Gebiet umgehenden Eisenbahnverbindung zwischen dem Ober-Elsaß und den süddeutschen Hinterlanden. — Im Abgeordnetenhause hat Graf Kanitz, unterstützt von Konservativen und Freikonservativen, den Antrag eingebracht, die königliche Staatsregierung zu ersuchen, im Bundesrat dahin wirken zu wollen, daß der Einfuhrzoll auf gekämmte Wolle «Nr. 41 b des Zolltarifs) von 2 Mark auf 20 Mark pro Doppelzentner erhöht werde. Dem Antrag ist nachstehende Begründung beigegeben: Es werden gegenwärtig circa 5 Millionen Killogramm gekämmte Wolle im Werte von 20—25 Millionen Mark jährlich nach Deutschland eingeführt, zu weitaus größtem Teile aus Frankreich. Die französische Wollkämmerei hat sich unter dem Schutze eines Eingangszolls von 25 Francs gleich 20 Mark pro Doppel- zentner derart entwickelt, daß sie auf dem deutschen Markt der einheimischen Industrie eine empfindliche Konkurrenz macht. Es erscheint deshalb geboten, der deutschen Wollkämmerei den gieichen Schutz zu gewähren.
Metz, 22 Lpril. Die Verhaftung des französischen Pollzerkommissars Schnäbelö erfolgte auf Verfügung des
Untersuchungsrichters in Verbindung mit landesverrätischen Vorgängen in den Reichslanden. — Schnäbelö soll im Verhör angegeben haben, seine Verhaftung sei auf französischem Boden erfolgt. Von der hiesigen Staatsanwaltschaft wurde an Ort und Stelle vor Zeugen konstatiert, daß er auf deutschem Gebiet verhaftet wurde. Die Be^ weise, daß Schnäbe ö im Auftrage seiner Regierung Spio-' nage getrieben hat, sind so gravierend, daß seine Verur- teilung keinem Zweifel unterliegt, voraussichtlich dürsten sich diese Beweise noch vermehren.
Ausland.
Wie«, 22. April. Im Herrenhause begründete v. Schmerling seinen Anttag betreffs der Prazakschen Sprachenverordnung Nachdem Graf Taaffe die Sprachenverordnung verteidigt und sich für Zuweisung an eine Kommrsslon ausgesprochen hatte, damit Gelegenheit gegeben werde, die Ausführungen von Schmerlings noch mehr zu entkräften, wurde der Antrag von Schmerlings nicht einer Kommission von 9 Mitgliedern, sondern auf Antrag galten» fyatynö einer solchen von 15 Mitgliedern zugewiesen, welche sofort gewählt wurden.
Paris, 22. April. Der Justizminister konferierte gestern mit dem Ministerpräsidenten Goblet und dem Minister des Aeußern Flourens anläßlich der Verhaftung des Polizeikommissars Schnäbelö und trug alsdann dem Generalprokurator, sowie dem Prokurator von Nancy auf sich nach Pagny zu begeben und Bericht über die näheren Umstände wegen der Verhaftung eiuzuholen. Der Präfekt des Departements Meurthe et Moselle, der gestern abend nach Paris gekommen ist, konferierte über diesen Fall mit Goblet. — Außerdem wird noch gemeldet: Die an der lothringischen Grenze durch die deutsche Polizei vorge- nommene Verhaftung des stanzösischen PolizeikommisarS Schnabels aus Pagny erregt hier großes Aufsehen -und wird mit vieler Erbitterung von den Blättern besprochen. Da zuverlässige Nachrichten über die Gründe derselben noch fehlen, es möge als Probe von der hier beliebten Darstellung ein Telegramm der „Paris' aus Pagnye an der Mosel hier folgen: „Herr Schnäbele, der französische Spezial-Polizeikommissar am Bahnhof von Pagny, ist von der deutschen Polizei verhaftet worden. Man glaubt hier vorläufig, daß er in einen Hinterhalt gefallen ist Schnä- bels hatte mehrere Briefe vom deutschen Polizeikommissar Gautsch in ArS a. d. Mosel erhalten, welche ihn aufforderten, dorthin zu kommen, um einige Angelegenheiten der Grenzpolizei zu besprechen. Gegen 2 Uhr nachmittags begab sich Schnäbels zu Fuß dorthin. In dem Augen- blick, als er die Grenze überschritt, stürzten sich zwei in
Durch eigene Schuld.
Ein Original-Roman an» der Handelswelt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
„Ich weiß nicht, welchen Beweis ich Ihnen für die Aufrichtigkeit meiner Ueberzeugnng von der Trefflichkeit Ihrer Kenutviffe und Grundsätze geben soll," entgegnete der Handelsherr. „Genügt Ihnen das Geständnis, daß ich Sie mit Freuden zum Kompagnon meines Hauses annehmen würde, wenn Sie anders dazu geneigt wären — freilich auch diesem Wunsche treten große Schwierigkeiten entgegen.*
Der junge Mann war durch diese Worte auf das Höchste Überrascht, aber seine Eitelkeit verhinderte ihn, sie ruhig zu Überlegen, sonst würde es ihm nicht entgangen sein, daß der Handelsherr ein besonderes Interesse verfolge. Als Kompagnon des Hauses Damken — so weit hatten ihn seine kühnsten Träume und Hoffnungen kaum getragen.
„Was find denn dies für Schwierigkeiten?* fragte er lebhaft und mit erwartungsvoller Erregung. Der Handels- berr schwieg einen Augenblick, als müßte er sich erst zur Beantwortung dieser Frage entfdjliefeen. „Gut, Herr Kleuser,* sprach er endlich, „ich will sie Ihnen nennen, damit Sie sehen, welches Zutrauen ich zu Ihnen und Ihrer Diskretion habe. Die erste Schwierigkeit ist die, daß die Annahme eines Kompagnons doch in den Augen mancher dem Rufe und Kredit meines Hauses schaden möchte; denn mancher würde vielleicht vermuten, daß eS nicht im Stande fei, allein länger zu bestehen. Ander« würde es sein, wenn Sie einige Jahre in meinem Hanse gearbeitet hätten, dann würde Ihre Teilnahme nur als eine Anerkennung Ihrer Verdienste und als mein Bestreben, Ihren Kopf meinem Hause zu erhallen, angesehen werden. — Die zweite vnd größte Schwierigkeit ist aber die, Herr Kleuser--daß
mein Haus durch die schlechte Leitung meines alten Geschäftsführers für diesen Augenblick in einige Verlegenheit gekommen ist. Leider habe ich mich zu wenig nm mein Geschäft bekümmert, und der alte Mann hat dasselbe ganz
nach denselben G.undsätzen und Prinzipien geführt, die vielleicht vor 50 Jahren zeitgemäß waren, aber jetzt nicht mehr sind. Mein Haus ist dadurch hinter der Zeit und ihren Anforderungen zurückgeblieben, es ist bis jetzt durch die Schuld seines Leiters jeder Spekulation, wie sie jetzt zeitgemäß ist, verschlossen worden, und hierin liegt der Grund, daß es, trotzdem seine Ehre und sein Kredit unverletzt dastehen, in Verlegenheiten, ja fast zu einer Krisis geraten ist. Ich weiß, daß eine tüchtige und den Anfor- bedungen der Zeit entsprechende Leitung diese Verlegenheit mit leichter Mühe beseitigen würde, ich weiß, daß ein Vermögen wie das Ihrige die scheinbare Krisis augenblicklich verschwinden machen und daß mein Haus durch Sie einen ganz neuen Aufschwung erhalten würde. — Aber ehrlich zugestanden, Herr Kleuser, meine Freundschaft gegen Sie ist zu aufrichtig, als daß ich in einem solchen Augenblick Ihre Teilnahme an meinem Geschäft annehmen könnte.*
Der Handelsherr hatte durch diese Worte seinen Zweck vollkommen erreicht. Die Eitelkeit des jungen Mannes fühlte sich geschmeichelt, und durch die scheinbar glänzende Ausficht, der Teilnehmer einer großen und alten Firma zu werden, war zugleich seine Ehrfurcht angestachell. Was Herr Damken beabsichtigt hatte, war wirklich geschehen, er befand sich in einem Zustande der Begeisterung, er war durch die verlockenden Aussichten gleichsam berauscht und nicht im Stande, einer ruhigen Ueberlegung Raum und Zeit zu gönnen.
„Herr Damken,* rief er, indem er feurig und begeistert des Handelsherrn ergriff, „ich weiß nicht, ans welche Weise ich Ihnen für das Zutrauen, welches Sie mir schenken, und die gute Meinung, welche Sie von mir haben, bmaten kann — rechnen Sie in jeder Beziehung auf mich. Ich raume Ihnen die zuerst angeführte Schwierigkeit ein, denn in der Thai würde es Aufsehen erregen und vielleicht zu mancher falschen Vermutung Anlaß geben, wenn Sie ein«i so jungen und unbekannten Menschen, wie ich bin, zu Kompagnon nehmen würden. Aber Ihre zweite Schwie- «gkeit kann ich nicht gellen lassen. Herr Damken, wenn Sie einmal eine gute Meinung von mir haben, so müssen
®w mit auch glauben, baß ia; ge.avc Unter solchen Vcr. hältmssen doppelt gern an Ihrem Geschäft teilnehmen möchte nm Ihnen zu z igen, daß ich Ihr. s Vertrauens nicht unwert bin. Die zweite Schwierigkeit fällt also weg, Herr Damken und ich glaube, auch die erste ließe sich leicht umgehen. Ist eS denn notwendig, daß ich öffentlich als T ilnehmer Ihres Hauses gelte ? Kann ich es nicht im G heimen sein?__
für uns wäre es ja derselbe Erfolg. Ich habe das Ver- mägen meiner Frau und meinen eigenen geringen Erwerb disponibel, und ich hoffe, es wird ausreichen, der augenblicklichen Verlegenheit abzuhelfen. Ihr Geschäft besitzt aber einen unermeßlichen Reichtum und ein unberechenbares Gcnnd- kap tal — das ist sein Kredit. Ich weiß, was damit zu beginnen ist. Er ist im Stande, Handesttansende baaren G-ldes zu ersitzen. Es ist ein Leichtes, Ihrem Haufe einen größeren Aufschwung zu geben, als es je besessen hat, denn die ausgezeichnetsten Verbindungen kommen ihm zu Hilfe. Was sagen Sie zu meinem Vorschläge, Herr Damken?'
Der Handelsherr hätte mit Fr üben die Hand des jungen Mannes ergreifen und dm Vorschlag desselben annehmen moaen, aber er fühlte, daß er sich desselben noch fester Der. sichern müsse. Die Begeist rnng. durch welche er j tzt ge» trieben wurde, mußte notwendig bald verrauchen, auch fdne geickm ichette Eitelkeit mußte einer ruhigen Uebeilegung Raum machen, und bann konnte er aus ber scheinbar Inter- ess-losen Freundschaft, mit ber er ihm entgegengekommm war unb welche ihn für bett ersten Augenblick begeistert. Verbackt schöpfin. Er bürste nicht so eb l, wie er jetzt bem jungen Mann gegenüber baftanb, erscheinen, benn auch biefe eiste Gesinnung konnte in Jen m Argwohn erweck n; er mußte ihm noch einen anberen Grunb gleichsam als Gegen- gewicht entgegensetzen, ber von seiner Seite als eine Schwäche erschien unb zugleich bas Inter-sie Jenes berührte. Er schwieg deshalb einen Augenblick, als ob er sich nicht ent» schließen könne, den Vorschlag anzunehmen.
(Fortsetzung folgt.)