Rr. 94.
Marburg, Somiabcnd, 23. April 1887.
XXII. Jahrgang.
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Expedition Martt 21. — Reaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Deutsches Reich.
Berlin, 21. April. Der Kaiser nahm heute mehrere kurze Vorträge an» konferierte darauf längere Zeit mit dem General von Albedpll und dem Kriegsminister und machte nachmittags eine Ausfahrt. — Prinz Heinrich soll, wie den „Hamburg. Nachr." aus Wandöbeck gemeldet wird, das adlige Gut Ahrensburg von dem Grafen Schimmelmann erworben haben. Ahrensburg ist ein großer Besitz mit prachtvollem Park uud Schloß nicht weit von Oldesloe in Holstein. — Ueber die gegenwärtig zur Einführung gelangende Ausrüstung unserer Infanterie sind teils unrichtige, teils unvollständige Angaben gemacht worden. Nach der jetzt amtlich ausgegebenen Beschreibung der Jn- fanterieausrüstung pro 1887 sind folgende Aenderungen Lingetrelen: Beim Tornister ist die kleine Klappe nebst den beiden Seitenpatrontaschen In Wegfall gekommen, ebenso hat die Art der Verpackung Vereinfachung erfahren. Ei» wasserdichter, blauer Beutel (Tornisterbeutel) der Größe des Tornisterkastens entsprechend, dient zur Aufnahme der eisernen Portionen. Ein sogenanntes Tragegerüst, aus Rückenstück, Trageriemen und Hülfstrageriemen bestehend, vermittelt die Verbindung zwischen Tornister und Leibriemen, eine an letzterem angebrachte dritte Patrontasche dient dem Tornister gleichzeitig als Stütze. Der Leibriemen ist aus besserer Qualität hergestellt und die Säbeltasche verschmälert. Die Patrontaschen zerfallen in drei verschiedene Arten, und zwar vordere Patrontaschen für Mannschaften, vordere Patrontaschen für Unteroffiziere und hintere Pattontaschen. Die vorderen Taschen nehmen je 30, die hinteren 40 Patronen auf, so daß der Mann nunmehr 100 scharfe Patronen bei sich trägt. Anstatt eines zweiten Paares Stiefel werden Schnürschuhe mitgeführt. Am Helme fällt die Voroerschiene weg, die Schuppenketten werden durch Sturmriemen ersetzt, der hintere Schirm erfährt eine Verkleinerung, der Beschtag eine Erleichterung. Das Kochgeschirr ist verkleinert und erleichtert, der Brotbeutel wird aus wasseroichtem Stoff gefertigt. Bei der
Drrrch eigene Schul».
Ein Original-Roman aus der Handelswelt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
„Er hat über fünfzig Jahre in meinem Komtor gearbeitet," entgegnete der Handelsherr. „Um so mehr sollte er aber wissen, welche Rücksichten er zu nehmen hat. Er war außerdem zu alt uud zu schwach geworden, um die bedeutungsvolle Stellung, welche er inne hatte, länger cms- süllen zu können; sie erfordert jüngere Kräfte.'
Er ließ nun mit ruhiger und gleichgiltiger Miene, als ob sich keine weitere Bedeutung für ihn daran knüpfte, diesen Gegenstand fallen, und gab der Unterhaltung eine andere Wendung, nachdem er sich überzeugt hatte, daß der Gutsbesitzer aus «dem Benehmen seines Geschäftsführers keinen weiteren Verdacht schöpfte.
Als er nun mit seinem Begleiter langsam in den Saal zurückkehrte, eilte dieier auf Gabriele zu, um sie zum Tanze zu führen, uud er hatte nun Zeit, den jungen Kleuser aufzusuchen, den er in einer Fensternische neben seiner Gattin fand.
„Da sieht man, daß Ihre Flitterwochen noch nicht vor. über sind,' rief er dem Paare scherzend zu. „Es fehlt nur noch, daß Sie sich eine schattige Laube oder ein stilles Plätzch n im Parke ausgesucht haben, um dem süßen Beisammensein den völligen Reiz zn verleihen.'
„Ich würde es gethan haben; aber Sie vergessen, Herr Damkcn, welche Zauberkraft Musik und Tanz auf die Damen ausüben', und ein guter Ehegemahl muß sich dem Wunsche seiner Gattin fügen, zumal in den Flitterwochen,' erwiderte der junge Mann lächelnd. *
„Und wie lange werden diese noch bet Ihnen währen?' fragte der Hand lsherr.
Der junge Mann zuckte lächelnd mit den Schultern. „DaS hängt von meiner Gattin ab; ich denke, so lange, bis sie meiner müde wird. Hätten Sie mich allein und unter vier Augen, ganz im Geheimen gefragt, so würde ich Ihnen
Feldflasche ist der Tragriemen fortgefallen, dieselbe wird im Brotbeutelring eingehängt. Die wesentlich erleich- teilen Schanzzeugfutterale werden am Leibriemen befestigt. Sämtliche hier angeführten AuSrüstungs - Gegenstände zusammen wiegen in Zukunft nur 12V, Pfund. — Aeber die schwebenden Steuervorlagen werden verschiedene Mitteilungen verbreitet, deren Richtigkeit uns von zuverlässiger Seite bestritten wird. Dazu gehört die Angabe von der Zurückschiebung der Zuckersteuervorlage bis in die nächste Reichstagssession. Diese Richtigstellung ist um ffo wertvoller, als sich mit der falschen Notiz gradezu ungeheuerliche Andeutungen über ein Besteuerungsprojekt verbanden, welches in den Köpfen sehr einflußreicher Zucker- Produzenten spuken sollte und das auf nichts geringeres hinauslief, als die minder gutgestellten Zuckerfabriken sich verbluten zu lassen, damit die kleine Zahl der Leistungsfähigen um so ungehinderter sich „entwickeln" könne. In sehr erfreulichem Gegensatz zu dieser egoistischen Politik steht die Nachricht, daß die Zuckerproduzenten der Provinz Hannover mit einer eingreifenden rationellen Steuerreform sich einverstanden erklärt haben, welche den Reichsfinanzen die entsprechenden Einnahmen sichert und zugleich den berechtigten Interessen der Landwirtschaft und des Zuckergeschäfts entspricht, ohne aber den Konsum zur Milchkuh für die bestgestellten Zuckerproduzenten zu machen. Was die Branntweinsteuervorlage anbelangt, so befindet sich der preußische Vorschlag gegenwärtig bei den deutschen Negierungen, welche darüber zum Zweck der Jnstruierung der Bundcsbevollmächtigten beraten. Die Vermutung, daß mehrere Finanzminister zur Verhandlung der Vorlage im Bundesrate nach Berlin kommen werden, wird auch uns bestätigt und bei der Wichtigkeit des Gegenstandes ist dies fast selbstverständlich. Ueber den Inhalt des preußischen Vorschlags wird noch das tiefste Geheimnis bewahrt und alle bisherigen Mitteilungen darüber entbehren des Anspruchs auf Glaubwürdigkeit. Ueber eine praktisch sehr wichtige Seite der Frage, die Einbeziehung Süddeutschlands und insbesondere Baierns in die Branntweinsteuergemeinschaft, äußert sich die neueste Nummer der baierischen nationalliberalen Korrespondenz. Nachdem der günstige Stand der derzeitigen baierischen Finanzen anerkennend besprochen ist, heißt es weiter: „Nichtsdestoweniger fällt auch für die bairischen Finanzen die Gestaltung des Reichsbesteuerungswesens schwer inö Gewicht und unsere Staatsregierung erfüllt nur ihre Pflicht, wenn sie die augenblicklich im Vordergründe stehende Frage der Branntweinbesteuerung, obgleich Baiern der norddeutschen Branntweinsteuergemeinschaft nicht angehört, mit dem größten Interesse verfolgt. Ein Abschluß der Steuerreform in einer Weise, welche es Baiern dauernd unmöglich machen erwidert tjaben: dis iw mir em Ge;wasl ooci eine reget- mäßige Beschäftigung erworben habe — denn j tzt mache ich nur in Liebe, Herr Damken.' fügte er laut lächelnd hinzu.
„Ich möchte Sie darum beneiden, H rr Kleuser,' erwiderte der Handelsherr, „denn Ihre Liebesaktien scheinen vortrefflich zu stehen. Um aber eine genaue Antwoit auf meine Frage zu erhalten, muß ich Sie nochmals fragen: Warn werden Sie ein Geschäft gründen und Ihre neue Firma deklarieren?'
„Nehmen Sie die Sache ernstl'ch, so muß ich Ihnen sagen, daß ich nur auf günstige Gelegenheit warte, nm meiN'M jetzigen faulen Leben ein Ende zu machen.'
Seine junge Frau wurde in diesem Augen blick von einem Herrn zum Tanze aufgefordert und verließ ihn.
„Machen Sie für die Zett, tu welcher Ihre Frau engagiert ist, einen Spaziergang mit mir im Pmk?' fragte der Handelsherr. „Ich finde eS sehr warm hier und der Abend ist schön.
Da der junge Mann hierzu gern bereit war, legte er feine Hand in dessen Arm und verließ mit ihm den Saal.
„Ich glaube, Sie werden Ihrem Geschäft, sobald Sie ein solches gegründet haben, schnell einen guten Namen verschafft haben, denn Sie haben Glück und Ihre Zett begriffen,' fuhr der Handelsherr fort.
»Ich will das Erstere nicht in Abrede stellen, Herr Damken,' entgegnete fein Begleiter. „Aber offen gestanden, scheue ich mich doch, ein ganz neues Geschäft zu gründen, denn ein solches empfindet den Wechsel des Glückes dopoelt schwer, und es kostet unendliche Mühe, ehe es sich einen festen und allgemeinen Kredit erringt. Und Sie wissen, ohne Kredit lassen sich keine guten Geschäfte machen. Am liebsten möchte ich mich bet einer alten und gut gegründeten Firma beteiligen.'
Der Handelsherr schwieg und schien nachzusinnen. „Ich wünschte, Herr Kleuser, ich hätte Ihren Kopf auf meinem Geschäfte, ich würde viel, darum geben. Ich bin genötigt, meinen alten Geschäftsführer zu entlasten, weil er seines
würde, sich an der neuen Art der Besteuerung zu beteiligen, würde mit den schwersten Nachteilen für die bairische Volks- und Landwirtschaft, sowie für unsere Finanzen verknüpft sein. Wir zweifeln aber nicht, daß in den bevorstehenden Verhandlungen zwischen den Bundesregierungm das bairische Finanzministerium vollauf bemüht sein wird, die heimischen Interessen zu wahren, wenn auch im Bundesrat, so lange Baiern wie die andern süddeutschen Staaten außerhalb der Branntweingemeinschaft bleibt, die bairische Regierung nur an den Beratungen, nicht aber an den Abstimmungen über diesen Gegenstand beteiligt ist.'
Mainz, 21. April. Gestern nachmittag wurden abermals drei Sozialdemokraten — zwei Schriftsetzer und ein Fabrikarbeiter — von der Polizei festgenommen und dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Nach dem Verhöre wurde einer derselben wieder entlassen, zwei wurden aber in Haft behalten. In den Wohnungen der Verhafteten zu Hechtsheim wurde hierauf Haussuchung gehalten und daselbst eine Menge sozialdemokratischer Schriften, Bücher u. s. w. konfisziert. Ob auch gegen diese Verhaftete Anklage wegen Teilnahme an einer geheimen Verbindung erhoben wird, ist noch^ nicht festgestellt.
München, 21. April. Finanzminister Riedel reist morgen mit dem Oberzollrat Geiger zu den Bundesratsverhandlungen nach Berlin. Augenscheinlich handelt es sich um die Branntweinsteuer. — Staatsrat Ritter von Pfistermeister ist vorläufig mit der Leitung des Justizministeriums beauftragt worden.
Straßburg, 20. April. Wie Pariser Blätter melden, - hat der Pariser Gemeinderat einen Antrag des Herrn Delabrousse dringlich erklärt, wonach einer der Zukunfts- Straßen der Stadt Paris der Namen des verstorbenen Kablä gegeben werden soll. In der Motivierung heißt es, daß der Gemeinderat das Andenken eines „erhabenen (eminent) und mutigen Patrioten" ehren will, und in Dispositis ist Kabls als „Vertreter des Niederrheins in der 1871er Nationalversammlung" bezeichnet. Dieser Zwischenfall hat bei den Alt-Straßburgern keine große Begeisterung hervorgerufen, indem man befürchtet, daß dem Antrag eine provokatorische Bedeutung beigemessen werde. Hoffentlich wird aber die Sache nicht anders aufgefaßt werden, als sie es wirklich verdient. Der Antragsteller Delabrousse hat seinerzeit in Straßburg Jus studiert; seit Jahren lebt er in Paris als L>treber, als Politicien, der gerne ein Mandat zur Deputiertenkammer erobern möchte und dem nun der yfame Kabläs dazu dient, den eignen in Erinnerung zu bringen. — Eine andere Kundgebung, jedoch ganz verschiedener Art, wird heute vom „Elsässer Journal" gemeldet. Die Königin-Regentin von Spanien hat dem hiesigen Schleswig-Holsteinischen Ulanen-Regiment Alleis wegen dieser Stellung nicht mehr gewachsen in, und ich bin in der That in Verlegenheit um einen Kopf wie den Ihren, mit Ihren Kenntnissen und Grundsätzen. Ich selber kann mich um mein Hans wenig bekümmern und habe mich obendrein übereilt, indem ich meinen alten Steider seiner Stelle enthoben habe, ehe ich einen Nachfolger für ihn gefunden. Ich möchte fast wünschen, Herr Kleuser, Sie wären unbemittelt, um Ihnen diese Stelle antragen zu können, — unter den jetzigen Veihältnissen bleibt cs natürlich nur ein frommer Wunsch, der eben nicht erfüllt werden kann.'
Kleuser hatte diese Worte des Handelsherrn nicht ohne Erstaunen gehört. Aber obschon er ihm an Schlauheit nicht das G rtngfte nachgab, glaubte er ihm doch arglos.
„Weshalb kann dieser Wunsch nicht erfüllt werden, Herr Damken?' fragte er lebhaft. „Ich möchte wahrhaftig lieber Geschäftsführer des Hauses Damken sein, als ein eigenes neues Geschäft begründen. Wenn Ihnen mein Kopf genügt, so habe ich nichts dagegen.'
„Nein, nein, Herr Kleuser,' unterbrach ihn der Handels- Herr, „so sehr ich es auch wünsche, so kann doch nie etwas daraus weiden. Sie schlagen meine Freundschaft zu Ihnen zu gering an, wenn Sie glauben, ich könnte es verlangen, daß Sie, wenn auch nur dem Namen nach, in ein unters geordnetes Verhältnis zu mir treten. Auch auf Ihre Fran müssen Sie Rücksicht nehmen, sie ist eine Jugendfreundin meiner Tochter. Die scheinbar untergeordnete Stellung, tn welche sie dadurch zu Gabriele treten würde, müßte sie verletzen. Ich danke Ihnen für diesen Beweis Ihrer Freundschaft — aber ich muß mich mit meinem Wunsche begnügen."
„Ihre Meinung von meinem guten Kopf muß doch nicht außerordentlich sein, Herr Damken,' erwiderte Kleuser, der die Gründe für die Ablehnung nicht genügend genug sand und in der That die St-llung als Geschäftsführer in dem alten und bewährten Handelshause gern angenommen haben würde, da sie ihm völlig freie Hand in feinen Lieblings- fp-kulationen ließ, und auch Gelegenhett bot, feine eigene Zukunft durch gute Verbindungen zu sichern.
(Fortsetzung folgt.)