Rr. 93.
Marburg, Freitag, 22. April 1887.
XXII. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f.-. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
Den schwerste» Schlag
durch die letzten Reichslagswahlen Haden die Sozialdemokraten bekanntlich erhalten; die Zahl ihrer Abgeordneten ist von 25 auf 11 gesunken, so daß sie nicht mehr im Stande sind, ohne Unterstützung anderer Parteien Anträge im Reichstage einzubringen. Die sozialdemokratischen Anführer vertuschen allerdings nach Kräften die erhaltene Schlappe, indem sie auf den bedeutenden Stimmenzuwachs Hinweisen, welchen sie erhalten haben; es wäre falsch, diese Zunahme unbeachtet zu lassen und sich einfach bei der Verminderung der Zahl der Abgeordneten zu beruhigen. Aber das steht denn doch fest: Wären auch jetzt übergroße Wahlkreise, z. B. der vierte und sechste Wahlkreis in Berlin, in welchen die Sozialdemokraten zwischen 60000 und 70000 Stimmen erhalten haben, geteilt gewesen, mehr Abgeordnete würde sie doch nicht erhalten haben; denn dann wären die ihnen gegenüberstehenden Parteien auch zu ihrem Recht gekommen. Die Sozialdemokratie gruppiert sich in dichten Zndustriebezirken. Teilt man diese, teilt man auch den sozialistischen Einfluß und die Ordnungsparteien gewinnen erhöhte Ehancen. Die Sozialdemokraten haben also wohl am wenigsten Anlaß, sich über zu große Wahlkreise zu beschweren. Sie haben einen Schlag empfangen, davon , läßt sich nichts abstreichen; denn, was die Hauptsache ist und bleibt, waren sie, was bereitwillig zugestanden werden soll, recht stark, der Gegner war doch stärker. Eine Niederlage bleibt immer eine Niederlage, wenn sie auch nur mit äußerster Anstrengung zugefügt werden konnte.
Das Wachstum der Sozialdemokratie ist ein natürliches, und es ist sehr leicht möglich, daß auch die nächsten Reichstagswahlen wieder eine Vermehrung der Stimmen- zahl aufweisen werben. Die Netze, welche die Sozialdemokratie jungen, unerfahrenen Leuten legt, sind bewunderungswert; wie ein Kind in der Schule, werden die politisch unreifen Männer in Die Lehren der Sozialdemokratie eingeführt. Der Unerfahrene läßt sich stets von ihm persönlich und der ganzen Lebenslage nach Nahestehenden leiten, scheinbare Biederkeit und Offenherzigkeit, vermischt mit einer, wo es Not thut, entsprechenden Portion Zwang, thuen nicht nur viel, sondern alles. Beweis: die letzten Wahlen. In ihrem großen Lehrbuche erwähnen die L>ozialdemokraten nur eines Faktums nicht, das doch gerade am interessantesten ist und am besten beweist, daß die ganze sozialistische Idee in ihren Auswüchsen, wie sie in den Köpfen der SozialDemokraten ihr Wesen treibt, Selbsttäuschung ist. Man stellt die sozialdemokratische Lehre als die allein wahre politische Lage hin und behauptet kühn, daß sie dereinst den Sieg erringen werde.
Durch eigene Schuld.
6iu Original»Roman aus der Handelswelt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Auf der Villa des reichen Handelsherrn herrschte ein lautes lustiges Leben. In dem piachlvollen Saale ertönte die- Musik und lud zum Tanze ein, und in den Nebenzimmern war für Erquickungen aller Art Sorge getragen.
In den vom Fackellicht erhellten B mwgängen des Paikes gingen einzelne Gruppen spazieren, um den milden Abend zu genieße», Und Alle gaben sich ungestört ihrem V rgnügen hin. Man wußie, daß es hi r zum feinen Ton gehörte und daß der Handelsherr es liebte, sich ungeniert zu bewegen und nach seinem eigenen Gefallen zu leben.
Mau mußte Damken das Verdienst lassen, daß er eine Gesellschaft vortiefflich zu ordnen und zu unterhalten verstand. Die freundliche Aufmerksamkeit, welche er jedem seiner Gäste widmete und mit welcher er den einzelnen Wünschen und Bedürfnissen entgegenkam, zeigte ihn als den reichen und noblen Wirt, z-gleich nahm er aber auch au allen Ul.terhaltu. geu der Gäste teil und wußte sich ihn-n so gle chzustellen, daß er einem Unb. kannten selbst als Gast erschienen sein würde. Er besaß einen falt bewunderungswürdig n Takt, mit dem er sich in Gesellschaften bewegte und solche gab. Er war lebhaft und heiter, und doch behielt er stets eine s-lbstbewußte Ruhe, welche bei Allen, die um ihn waren ein sicheres und gemütliches Gefühl hervorrief. Er galt deshalb allgemein als ein feiner Gesellschafter und war als solcher allgemein beliebt.
Auch an diesem Abend war er, wie er immer zu sein pflegte. Durch keinen Blick verriet er, daß er kaum eine Stunde vorher die Nachricht empfangen hatte, welche seine ganze Existenz gefährdete. Er bewegte sich so sicher und ruhig, als ob der Boden, auf dem er stand, für ewige Zeilen fest gegründet sei. Seine H iterkeit hatte auch nichts ErzwuugeueS, er schien ganz dem Vergnügen der Gesellschaft zu leben.
Und dennoch waren die Worte des alten Geschäftsführers
Ja, aber worauf beruht denn die ganze Sozialdemokratie? Folgerichtig doch auf den Schultern ihrer Anhänger, denn schwänden die, würde die Sozialdemokratie verfliegen, wie eine Seifenblase. Diese Anhänger, die Arbeiter, wären aber nur in verhältnismäßig geringer Zahl vorhanden, wenn wir nicht eine so hoch entwickelte Industrie hätten, wie wir sie eben in Deutschland haben. Streckte unsere Industrie ihre gewaltigen Arme nicht nach allen Seiten aus, arbeiteten ihre Vertreter nicht unermüdlich in der Erweiterung ihres Absatzes und dächten sie nicht darüber nach, die Sozialdemokratie wäre ein Schatten, ein Abklatsch von dem, was sie heute ist. Der Industrie, der machtvoll anwachsenden Industrie, hat die Sozialdemokratie ihre Rekruten zu danken, sie erhält alljährlich Tausende und Tausende neue Arbeiter, für die sie ihre Fangnetze aufstellt. Es sollte einmal wirkliche, bittere Not über Europa hereinbrechen, dann würden die Herren sehen, ob sozialdeürokratische Weisheit in solchen Zeiten Stich hält. _ Jede extreme Richtung gipfelt in einer noch extremeren. So ist es auch bei der Sozialdemokratie, deren Fortsetzung Anarchisten und Kommunisten bilden. Diese Thatsache wird uns immer von Neuem wieder anfeuern müssen, unermüdlich in der Bekämpfung dieses modernen Dämons zu bleiben, durch Worte und Thaten gegen ihn ins Feld zu ziehen. Es ist viel geschehen und geschieht noch viel, aber noch mehr kann geleistet werden, wenngleich allgemeine Zufriedenheit nie hergestellt werden kann und das erfolgreichste Mittel, eine behagliche Lage herbeizuführen, das Blühen von Handel und Wandel ist. Die sozialdemokratische Agitation sucht ihre Hauptstärke in der Aufreizung; sie bietet damit allerdings Steine statt Brod, aber die Erfahrung lehrt, daß man mit viel größerem Erfolge an die Leidenschaften der Menschen, als an chre Ruhe und Besonnenheit appelliert. Thäten die sozialdemokratischen Agitatoren letzteres, sie würden tief im Sande stecken bleiben. Wer Ruhe und Ordnung liebt, kann nicht mit den Waffen der sozialistischen Agitation kämpfen, und das macht den Streit zu einem ungleichen und sehr schweren; aber eben darum muß verdoppelte Kraft aufge- wenDet roetoen, und wenn die Ernte auch spät kommt, sie wird kommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. April. Der Kaiser nahm heute mehrere kurze Vorträge entgegen, arbeitete mit dem Geh. Kabinettsrate von Wilmowski, empfing den elsaß - lothringischen Unterstaatssekretär Studt und machte nachmittags eine Spazierfahrt. Morgen abend findet eine Soiröe bei dem
»10)1 aus fein n iS.Dunfeu gekomm n, dennocy sann er auf einen Weg, um der Gefahr, welche so drohend und nahe an ihn herangetreten war, auszuweichen. Er besaß eine außerordentliche Kraft, sich selbst zu beherrschen und feine inneren Gefüvle zu verbergen. Niemand ahnte seine Gedanke» und een Plan, ben er rasch gefaßt und eben so schnell auszuführen strebte.
Er wußte, daß ein geschickter Geschäftsführer, auch wenn er dasGes.aft ganz in sein.m Smne und ganz nach seinen Wünsch n leiten würde, allein nicht im Stande wäre, dasselbe aus der aug-nblicklichen V-rlegenheit und Gefahr zu befreien. Es bedürfe außer einer umsichtigen und energischen Leitung auch sofortiger neuer Mittel, um wieder festen Fuß zu fassen,, dies hielt dann weniger schwer, da er den festgegründetc» Ruf und Kredit feines Hauses kannte.
Er hatte im ersten Augenblicke feine G danken auf den Herrn von L tz ngen gerichtet, aber schn.ll ließ er diesen Gedanken wieder fallen, da er wußte, wie schwer sich dieser vom Gelbe trennte. Es lag ihm auch da an, ihm die"be- denkliche Lage seines Hauses zu verbergen, um ihn nicht von der Bewerbung um die Hand seiner Tochter zurückzuschrecken. Er bedurfte eines reichen Schwiegersohnes, um seine eigene Existenz sicher zu stellen; war her Herr von Letziugen einmal mit seiner Tochter verbunden, so hatte er nölig, Ruckstch.en gegen ihn zu nehme», denn dann lag es t» seinem eigenen Interesse, ihn z» unterstützen.
Er hatte alle seine B kannten vor seinem Geiste vorüberziehen lassen, und unter ihnen hatte er einen jungen Manu gefunden, der ganz seinen Wünschen entsprach. Ec entschloß sich, ihn für sich zu gewinne», und es schien ihm ein günstiges Zeichxn zu sein, daß er ihn, ohne im entferntesten daran gedacht zu haben, zur heutigen Abendgesellschaft ein» geladen hatte.
Leopld Klenser, dies war fein Name, hatte sich vor einigen Wochen mit einer Freundin Gaditelens verheiratet nnd zugleich mit seiner Frau ein nicht unbedeutendes Ser» mögen erhalte». Er war jetzt darauf bedacht, sich eine selbständige Stellung zu verschaff-n, ein eigenes Geschäft zu gründe», sobald sich eine passende Gelegenheit dazu darbot.
kaiserlichen Paare statt, wozu gegen 200 Einladungen ergangen sind. — Bei der Behandlung des Halsübels des Kronprinzen ist, nach dem „Deutsch. Tagebl.", Dr. Schmidt aus Frankfurt a. M., ein renommierter Spezialarzt für Halsleiden, konsultiert worden. — Das Branntweinsteuer- Gesetz dürfte in dieser Woche noch nicht an das Plenum des Bundesrates kommen, dagegen haben die Ausschüsse des Bundesrats die Beratung des Nachtragsetats und der Anleihevorlage beendet; beide Vorlagen werden wohl in der in dieser Woche stattfindenden Sitzung des Bundesrates zur Beratung gelangen. — Die „Nordd. Allg. Ztg." weist die Behauptung des „DniewnikWarschawSki' zurück, daß erst der Berliner Vertrag die Unterstützung der Orient- Politik Oesterreichs und die unaufrichtige Politik der deutschen Regierung Mißtrauen in der öffentlichen Mei- nung Rußlands gegen die deutsche Freundschaft erweckt habe. Die Unterstützung der Orientpo.iiik Oesterreichs datiere keineswegs vom Berliner Vertrage, sie sei nicht von Deutschland, sondern von Gortschakoff ausgegangen, der über Jahr und Tag vor dem Zusammentritte des Berliner Kongresses Oesterreich diejenigen Zugeständnisse gemacht habe, welche der „Dniewnik Warschawski" nunmehr der unaufrichtigen Politik der deutschen Regierung zuschiebe als Ursache des Mißtrauens der öffentlichen Meinung Rußlands gegenüber Deutschland. — Die alleinige Verantwortlichkeit des Statthalters Fürsten Hohenlohe macht eine Korrespondenz der „Hamburger Nachrichten" für alle Aenderungen geltend, welche in Bezug auf Elsaß- LothringeN-beabsichtigt fein könnten. Es bliebe abzuwarten, was das Straßburger Ministerium vorbereite und beabsichtige. Die Korrespondenz deutet an, daß der Reichskanzler dem Statthalter völlig freie Hand lasse. Ob hiernach noch in dieser Reichstagssession dem Reichstage Gesetzentwürfe in Bezug auf Elsaß - Lothringen vorgelegt werden, sei nicht wahrscheinlich oder wenigstens fraglich! „Vermutlich wird erst die Wintersession nach dieser Richtung dem Reichstag eine umfangreiche Thätigkeit bringen, die aber, wie gesagt, mit einer Aenderung der Organisation der Verwaltung und der Verfaffung für Elsaß- Lothringen nichts gemein haben wird.'
— Mit dem Beginne dieses Sommersemesters ist den höheren Mädchenschulen in den Provinzen Preußens auf höhere Anordnung Gelegenheit gegeben, ihre Einrichtungen nach dem für die höheren Mädchenschulen zu Berlin auf- gestellten Rormal-Lehrplane, soweit es die gegebenen Verhältnisse gestatten, umzumodeln. Der Lehrplan, der in der Oeffentlichkeit bereits bekannt geworden ist/ war das Ergebnis der Beratungen einer Kommission, welche unter Damken kannte ihn bereits längere Zett and mußte» daß er vorzugsweise in Aktiengeschäften eine gute Romine besaß, denn ohne irgend welche G.ldmittel hatte er sich in kurzer Zeit durch glückliche Spekulationen ein ziemliches Vermögen erwoiben. Er war unternehmend und hatte ganz dieselben Ansichten über den Handel, wie er selbst, d. h. er haßte den langsamen und b schwerlichen Weg der Arbeit und suchte sein Glück nur in kühner Spekulation. — Diesen jungen Mann suchte er für sich z» gewinnen unb er war entschlossen, den Augenblick zu benutzen, da ber Stand seines Geschäfts ihn drängte.
Ec war eben im Begriff, au8 dem Park in den Saal zu gehen, wo er den jungen Klenser zu finden hoffte, als hm L'tzingen entgegentrat und die Hanb freundschaftlich in einen Arm legte. „Ein Wort nur, Herr Samten,* sprach der Gutsbesitzer, indem er ihn in den Paik zmückfuhlte. „Ich war heute in der Stadt und benutzte diese Gelegenheit, »m Ihre Anweisung . . .•
„Es ist gut, daß Sie daraus komme», lieber Herr von Letziugen,« unterbrach ihn der Handelsherr, „ich war soeben im Beg tff, Sie auszusuchen und Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen für die Unart meines Geschäftsführers Genugthuung verschafft habe.*
„In wiefern Genugthuung?« fragte derGutsbesitzer erstaunt.
„Mein Geschäftsführer hat die Anweisung nicht sogleich ausgezahlt,« erwiderte der Handelsherr, „weil der Morgen für Zahlungen bestimmt ist. Es ist eine Eileichteruug für ben Geschäftsführer, doch dieser hat die Ordnung zu weit getrieben. Ich dächte, eine Anweisung von meiner Hand sollte eine Ausnahme machen — jeoensalls wäre er Ihnen, Herr von Letziugen, eine größere und freundlichere Rücksichts. »ahme schuldig gewesen. Um Ihnen hierfür Genugthuung zu geben, habe ich den Geschäftsführer seiner Stelle enthoben.«
„Wie?" rief der Gutsbesitzer. „Sie haben deshalb den greifen Mann aus Ihrem G> schäft entlaffen? Wie ich gehört habe, ist er sehr lange Zeit darin. Es thut mir leid, daß ich bteSeranlaffung zu seiner Entlassung gewesen bin."
(Fortsetzung folgt.)