Rr. 91.
Marburg, Mittwoch, 20. April 1887.
XXII. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Lountaasblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlas von 5lob. Ana Sn*
D-tttsch-s Reich
Berlin, 18. April. Der Kaiser nahm heute mehrere kurze Vorträge entgegen, empfing den ihn persönlich atta- chierten russischen Oberst Golenitschew - Kutusow, arbeitete mit dem Geheimen Kabinettsrate von Wilmowski und machte nachmittags eine Ausfahrt. Um vier Uhr erscheint Fürst Bismarck zum Vortrage. — Der Kronprinz hat, der „Niederschl. Zig." zufolge, von dem Abgeordneten von Kardorff dessen im Kreise Oels gelegenes Rittergut Wabnitz für den Preis von 800000 Mark gekauft. — Daß Prinz Wilhelm mit Nachwehen seines vorjährigen Ohrenleidens zu kämpfen habe, ist, wie man aus zuverlässiger Quelle hört, völlig unbegründet. — Fürst Bismarck ist gestern abend 91/* Uhr hierher zurückgekehrt. — Die unterm 5. Februar d. Js. erlassene Prüfungsordnung für das Lehramt an höheren Schulen, welche an die Stelle des Reglements von 1866 zu treten hat, ist, vom Kultusminister mit eingehenden „Bemerkungen" versehen, zur allgemeinen Kenntnis gebracht worden Es wird in diesen Bemerkungen ausgeführt, daß das „Reglement" im Verlaufe der zwei Jahrzehnte seiner Anwendung vornehmlich in dreifacher Beziehung Anlaß zu Einwendungen und Aenderungsvorschlägen gegeben hat: erstens hat die Zulassung eines dritten Zeugnisgrades eine nahezu einstimmige Mißbilligung erfahren; zweitens ist gegen die angeordnete Prüfung über die „allgemeine Bildung" geltend gemacht, daß sie sachlich nicht erforderlich sei und durch die Zahl und Mannigfaltigkeit ihrer Gegenstände einen nachteiligen Einfluß ausübe; drittens ist gegen den indem § 21 des Reglements unternommenen Versuch, alle Kombinationen von Hauptfächern und von den damit zu verbindenden Nebenfächern festzustellen, welche zur Erwerbung einer Lehrbefähigung erforderlich oder zulässig sind, der Einwand erhoben worben, daß er zu einer beengenden Kasuistik geführt habe, welche die Uebersicht erschweren und durch die Mannigfaltigkeit der Fälle nicht zu erschöpfen vermöge. Diese Einwendungen, denen man ein gewisses Maß der Berechtigung nicht absprechen kann, haben die hauptsächlichen Gesichtspunkte bestimmt, welche bei der Revtsion der Prüfungs - Ordnung in Betracht zu ziehen waren. In der seit längerer Zeit vorbereiteten Revision hat das Kultusministerium durch die eingehenden Gutachten der bei der Ausführung der Lehramtsprüfung uird bei ihren Ergebnissen in erster Reihe beteiligten Wissenschaftlichen Prüfungs-Kommissionen und Provinzial-. Schulkollegien wesentliche Unterstützung erhalten; auch ist einzelnen außerhalb dieser Kreise stehenden hervorragenden Schulmännern Gelegenheit gegeben worden, über die beabsichtigten Aenoerungen sich zu äußern. Die jetzt zur Ein
führung gelangende Prüfungsordnung ist hiernach als das Ergebnis der gemeinsamen Erwägung der bei dieser Frage beteiligten Faktoren zu betrachten. In formaler Hinsicht ■ unterscheidet sich die neue Prüfungs • Ordnung von dem gütigen Reglement dadurch, daß alles ausgeschieden worden ist, was nicht zur Information der Kandidaten erforderlich, sondern das geschäftliche Vorgehen der Prüfungs- Kommission zu regeln bestimmt ist. Die Prüfungs-Ordnung tritt unter Aufhebung des Reglements mit dem 1. Oktober d. Js. allgemein in Geltung. Für die vor diesem Zeitpunkte eingehenden Meldungen kommt sie nur dann zur Anwendung, wenn der Kandidat bei seiner Meldung eine dahin gerichtete Erklärung abgiebt. — Der Verband der oberschlesischen Walzwerke ist jetzt durch Vertrag vom 18. April definitiv auf drei Jahre abgeschlossen worden. — Es wird uns bestätigt, daß die Branntweinsteuervorlage dem Bundesrate nunmehr zugegangen und als „ganz geheim" bezeichnet ist. Mitteilungen über den Inhalt der Vorlage sind sonach ausgeschloffen. Es wird angenommen, daß die zuständigen Ausschüsse alsbald in die Beratung des Gesetzentwurfs eintreten werden; ob diese Beratungen, wie von anderer Seite gemeldet wurde, unter Beteiligung der süddeutschen Finanzminister stattfinden werden, scheint noch nicht entschieden zu sein. Jedenfalls dürfte die Vorlage, wie die im vorigen Jahre eingebrachten Gesetzentwürfe, den Beitritt der süddeutschen Branntweingemeinschaft vorsehen.
— In der Kommission des Abgeordnetenhauses für das Unterrichtswesen hat der Ministerialdirektor Schultz im Auftrage des Ministers der öffentlichen Arbeiten folgende Erklärungen über die Ausschließung der Abiturienten der Ober-Realschulen vom Studium des Baufachs abgegeben: Als der Herr Minister Maybach unter dem 1. November 1878 in seiner damaligen Eigenschaft als Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten, dem in gleicher Weise wie das Staatsbauwesen, so auch das technische Schulwesen unterstellt gewesen, den Abiturienten der Ober- Realschulen den Eintritt in das gesamte Staatsbaufach, also neben dem Maschinenbaufach auch in das Hoch- und in das Jngenieurbaufach, eröffnet hätte, da jwäre er von der wohl selbstverständlichen Voraussetzung ausgegangen, daß es seitens der Herren Chefs der übrigen höheren und insbesondere seitens der dem Staatsbaufach näher ver- wandteil sogenannten technischen Staatsverwaltungszweige für zulässig und zweckmäßig würde erachtet werden, mit einer gleichen Maßregel für ihre betreffenden Ressorts nachzufolgen. Diese Voraussetzung wäre aber nicht ein« getroffen, die für das Staatsbaufach getroffene Maßregel hatte eine Erweiterung und Ausdehnung bisher nicht ge
funden, es wäre nach dem Verlaufe der gepflogenen Ver- handlungeu auch nicht anzunehmen, daß dies in absehbarer Zeit geschehen werde. Daß dadurch eine Benachteiligung dcs Staatsbaufaches eintreten müßte, würde sich nicht in Abrede stellen lassen Die Abiturienten der Ober Realschulen, sofern sie überhaupt in den höheren Staatsdienst einzutreten den Wunsch hätten, würden, gleichviel ob sie Neigung, Beruf oder Beanlagung für das Baufach hätten, in dasselbe hineingedrängt, und würden der Staatsbaukarriere, abgesehen davon, daß der ohnehin schon zu große Andrang zu derselben noch gesteigert würde, Elemente zugeführt, welche vielleicht wegen mangelnder Anlagen als besonders geeignet nicht anzusehen wären. Von entscheidender Bedeutung für die Entschließung des Herrn Mliusters zur Aufhebung der von ihm int Jahre 1878 getroffenen Maßregel wäre die Notwendigkeit gewesen, die Vorschriften über die Prüfung und namentlich auch über die Ausbildung der angehenden Staatsbaubeamten, wie dies durch die neuen Vorschriften vom 6. Juli 1886 geschehen wäre, in sehr erheblicher Weise umzugestalten. Daß die Benachteiligungen der schulen durch die Entziehung der Berechtigung ihrer Abiturienten zum Eintritt in das Staatsbaufach besonders erhebliche sein sollten, könnte nicht ange- nommeu werden, da Die Schulen ja der Hauptsache nach zur Vorbereitung der Schüler für das praktische Leben und für private Stellung in demselben bestimmt wären.
Dresden, 17. April. Gestern und vorgestern hatten sich hier Vertreter der Kürschner, einer Einladung der Dresdener Innung folgend, zur Abhaltung ihres dritten Verbandstages versammelt. Der ersten Sitzung wohnte der Präsident der Handelskammer, Reichstagsabgeordneter Hultzsch, ein Vertreter des Rats und der Vorsitzende des Deutschen Handwerkerbundes bei Den Vorsitz führte Obermeister Schulz-Berlin. Die Versammlung beschäftigte u. A. die Frage der Einführung und gesetzlichen Regelung der Waarenstempelung. Beschloffen wurde, beim Reichskanzler vorstellig zu werden, einen Gesetzentwurf wegen Ergänzung des § 104 h der Gewerbeordnung und event. des § 1 des Markenschutz - Gesetzes vom 30. November 1874 vorzulegen. Für Einführung einheitlicher Lehrverträge, Gesellen- und Meisterbriefe, sowie Verbandsarbeitsbücher konnte man sich nicht erwärmen und beschloß, Verbandsarbeitsbücher fakultativ einzuführen. Beschloffen wurde ferner, eine Abänderung der Verbandsstatuten vvrzunehmen, wonach bestimmt wird, daß auch Diejenigen, welche eine richtige Lehrlings- und Gesellenzeit hinter sich haben, nur dann in die Innung ausgenommen werden können, wenn sie eine Meisterprüfung abgelegt haben. Es wurde hierbei darauf hingewiesen, oaß die Innungen es selbst in Der
Durch eigene Schuld.
Ein Original-Roman aus der Handelswelt von Friedrick» Friedrich.
(Fortsetzung.)
„Wie geht eS zu, Steider," fragte er mit dem bitteren, halb spöttischen Zone, den er anzunehmen pflegte, trenn er über ligeno etwas unwillig war, „rote geht <8 zu, daß so Viele junge Geschäfte, deren Herren sich nicht mehr eiu- schiänken als ich, von Tage zu Tage steigen und reicher werden, wahrend mein altes Haus, das so fest »egtündet war, von jenen übe, flügelt ist und, wie Sie sagen, dem Verdeiben nahe steht?"
„Ich tnne keins, welches sich mit dem Hause Damken au Groß- und ehrenvollem Ruf messen könne,' erwiderte der Geschättstührer.
„Nicht?" fragte der Handelsherr lächelnd. Ich glaubte, Sie wären in der kaufmännischen Welt besser bekannt. Kennen Sie die Firma Buchmann nicht?"
„Buchmann?" wiederholte der Alte, indem er seinen Herrn erstaunt anblickte. „Sie werden doch dieses HauS nicht mit dem Jhrtgen vergleichen wollen? Wohl hat Bnch- mann sich außerordentlich rasch emporgeschwungen, aber ist das auch ehrenhaft, sein Vermögen nur durch Aktienschwindel erlangt zu hab n?"
„Warum nicht?" warf der Handelsherr ei». „Zum wenigsten wird das Haus Buchmann nicht eine Anweisung seines Herrn zurückzuweisen nötig haben, well es außer Stande ist, zu zahlen. Buchmann ist reich, und ich habe noch nicht wahrgenommen, daß er weniger ehrenhaft als andere Kaufherren ist."
„Sie kennen ihn nicht, Herr Damken," fbl der Alte eifrig ein. „Sie wissen nicht, daß Herrn Buchmanns Geschäft kein reelles ist, daß kein solides HauS mit ihm in Verbindung treten wag. Der Grund, auf dem es gebaut, ist Sand. Durch glückliche Aktienspekulattonen ist es rasch gestiegen, nicht durch Arbeit und Mühen seines Besttz-rS. ES wird sich vielleicht eine Zett laug halten, aber ebenso
schnell, als eS gestiegen, wird es wieder fallen. Es kann kn» Segen auf einem Geschäfte ruhen, das durch das Ver- derben Anderer groß wird, in dem keine Reellttät zu finden ist. Das ist mein stetes Streben gewesen, das Haus Damken von solchem Treiben fernznhalten. Solche Geschäfte, wie das Bachmanns, find eine Schande für den ganzen Hand ls- stand. Sie wollen die Arbeit durch die Spekulation vertreiben, sie wollen reich werden ohne Mühe, sie haben kein Interesse für die allgemeine Wohlfahrt, sie woll,n nur Geld — gleichviel, auf welche Weise sie es erwerben I Noch ist kein solches Geschäft im Hause Damken abgeschlossen, wie die sind, denen Herr Buchmann seinen Reichtum verdankt. Noch habe ich das Hans Damken rein und unverletzt an feiner Ehre erhalten —*
„Und Dafür es dem Verderben nahe gebracht," unterbrach ihn unwillig der Handelsherr. „Gung, Herr Steider! Ihre Worte bestätigen mir, was ich schon lange eingesehen, daß Sie die Aufforderungen der Zeit ebenso wenig erkennen, wie sie im Stande find, ihnen zu genügen. Ich will an ihr redliches Streben glauben, aber Sie find zu alt und schwach, nm die Z tt, in der Sie leben, zu begreif u und mit ihr fortzuschreiten. Sie find mit Ihren Ansichten noch nm fünfzig Jahre zurück, sonst würden Sie erkannt haben, daß j tzt nicht mehr die Arbeit der Hänoe, sondern der Geist Den Steg daoonträgt; der Geist, der in Sp kalationen der Börse am besten seine Kraft bewährt. ®8 ist Z°4t, Herr Stetder, daß ich die Leitung mein s Geschäfts anneren Händen ano rtraue, welche die Zeit besser begreifen und mehr auf meine Interessen, als auf das Festbalten veralteter Ansichten ihre Aufmerksamkeit wenden. — 3ch bin genötigt, Sie aus meinem Geschäft zu entlassen."
Wie ein Blitzstrahl hatten diese Worte auf den Greis gewirkt. Sprachlos stand er da, und seine Augen waren starr auf den Handelsherrn gerichttt, der mit gleichmütigem Keficht im Zimmer auf- und abschritt. Er hatte seinen Oberkörper nach vorn übergebeugt, um die letzten Worte noch einmal zu vernehmen, denn er glaubte falsch gehört zu haben. Er — sollte aus dem Hause Damken entlaßen werde»
Wie em Lehrling, wie ein M rttytllet, oei kaum einige Monate darin gearbeitet! Er solle aus dem alten Geschärte, mit dem sein Leben so eng zusammenhing, scheiden--
scheiden in einem Augenblicke, ao es am Rande des Verderbens stand, wo nur seine Hand es allein zu retten vermochte! Nein, nein, das konnte er nicht, das durfte er nicht — zum wenigsten jetzt nicht!
„Ich soll Ihr Komtor verlassen" — stammelte er mit zitternder Stimme. „Das Komtor, in dem ich ein halbes Jahrhundert gelebt Uub gearbeitet habe?"
„Ich habe Ihnen meine Grunae, weshalb ich das Geschäft nicht länger in Ihren Händen lassen kann, g.sagt erwiderte Damken kalt.
Wieder stand der Greis erschüttert und regungslos da. Mühsam rang er nach Fassung. „Herr Samten - Herr Damken!" rief er endlich, „stoßen Sie mich nicht fort, lasse» Sie das Geschäft in meinen Händen, d-nn nur ich all in vermag es zu retten. Ich kenne es f.it iünszia Jahren, ich weiß, wo es am stärksten und schwächsten ist. Noch ist seine Ehre und sein Kredit unangetastet; ich habe Freunde und Verbindungen; ich will Alles, Alles auf bieten, um .S zu retten, und sollte ich selbst Darüber zu Grunde gehen. Lass-» Sie es mir, Herr Damken, nur wertige Monate noch, und kein Mensch soll erfahren, wie nahe es am Abgründe gestanden. Nur j tzt, nur jetzt stoßen Sie mich nicht fort — oder es fallt und — Sie sind ein Bettler."
Der Handelsherr fitzte äußerlich ruhig seinen Weg im Zimmer fort und zuckle bei den bewegten Worten des Alte» zweifelnd mit den Schultern. „Mein eigenes Interesse, ja neine eigene Rettung erfordert, daß ich mir einen andere» Geschäftsführer wähle," erwiderte er. „Es thut mir deshalb leid, daß ich auf Ihre Bitte keine Rücksicht nehmen kau». Sie brauchen indessen nicht zu befurchten, daß ich Ihre lang- lahrigen, meinem Hanfe gewidmeten Dienste unbelohnt lasse» werde. Sie mögen Ihr jetziges Gehalt ruhig fonbeziehen, so lange Sie leben. Ich will nicht, daß man mir nachsagt, ich hatte einen meiner Diener Not leiden lass n, — aber morgen treten Sie a»8. (Fortsetzung folgt)