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Rr. 88

Ml»rb«rg, Soniiabciid, 16. April 1887.

XXII. Jahrgang.

AcchMc jcihiuii

Katkow, -er Zar ««» -er P<mria»rs«m-.

Ueber die Stellung Kalkows schreibt die „Köln. Ztg.": Katkow hat für sein keckes Auftreten gegen Herrn von Giers nicht jene scharfe Abweisung erhallen, welche viel­leicht erwartet wurde. Wäre dieselbe erfolgt, so hätte sie vielleicht weniger Bedeutung .gehabt, als in Westeuropa erwartet und vielfach gehofft nmrde, da sie tatsächlich die herrschende Denkrichtung nicht .geändert oder auch nur auf kurze Zeit äußerlich zurückgedrängt hätte. Umgestaltend hätte eine derbe Abfertigung «ur dann auf die Lage ge­wirkt, wenn sie nicht vereinzelt geblieben, sondern von entschiedenen positiven Schritten der Regrenmg in dem­selben Sinne begleitet gewesen wäre. Nur angesichts einer solchen entschiedenen Haltung hätten diejenigen Elemmte, die nicht oder doch nur in geringerem Maße von Leiden­schaft geblendet sind, die mit kälterer Ruhe die Lage Ruß­lands begreifen und über Rußlands Nachbarn ruhiger urteilen, aufachmen und einen Halt und eine Bedeutung gewinnen können, die ihnen bisher fehlte, weil sie sehr .zahlreich aber vereinzelt sind und keine größere Zeitung zur Verbreitung ihrer Absichten besitzen. Die Unterlage der merkwürdigen Stellung und Bedeutung Katkows läßt sich etwa folgendermaßen schildern: Die Unzufriedenheit, ■ der materielle Notstand, das Streben nach umwälzenden politischen Neuerungen ist in Rußland sehr weit verbreitet r und drängt nach Abhülfe und Reform. Die Journalistik darf innere Fragen jedoch nicht berühren, das einzige Feld ihrer Wirksamkeit findet sie in der Erörterung der aus­wärtigen Beziehungen, im Hetzen und Aufwiegeln, und so treibt diese Presse zum Krieg, um überhaupt eine Bedeu­tung zu gewinnen, dann aber auch, um ihre Pläne für die .innert Politik auf einem Umwege durchzusetzen. Es kommt den Russen im allgemeinen im Gegensatz zur Re­gierung, zwn Zaren weniger auf den Erfolg, den Aus­gang Les Krieges, als auf den Krieg sechst an. So groß auch der nationale und politische Haß gegen Deutschland und Oesterreich sein mag, so ist dieser Haß doch nicht, oder wMigstens nicht in erster Linie die Ursache für das weit verbreitete Verlangen nach einem Kriege. Ein Krieg soll vielmehr dazu dienen, die erwünschten politischen Ver­änderungen im Innern, bei der man an irgend eine Ver­fassung denkt, herbeizuführen. Jeder Russe ist sich dar­über mehr oder weniger klar, daß die Stellung und Be­deutung des Zaren nicht dieselbe bleiben würde, wenn es zu einem Kriege ferne, und daß der Grad der Veränderung von dem glücklichen oder unglücklichen Ausgang des Krieges ubhängen würde.

Es handelt sich nur darum, die Frage zu beantworten, wie Katkow sich zu tiefer Richtung, zu ihrem Ziele und den Mitteln, die sie zu diesem ZiÄe führen sollen, ver­halt. Stimmte er mit beiden ein, so hätte er ganz Ruß­land dem Zaren gegenüber hinter sich. Nun ist Katkow nicht der Mann derjenigen Partei, die innerer Reformen wegen einen auswärtigen Krieg wünscht. Er hat in dieser Partei sogar die zahlreichsten uno entschiedensten Gegner. Während nämlich für das Volk der Zar mehr noch ist als ein unumschränkter Herrscher im westeuropäischen Sinne, streben die Panslavisten wie die Nihilisten, die ihnen im Grunde nicht allzu feri stehen, eine Beschränkung der zarischm Gewalt und eine Schwächung des UebergewichtS der Kirche an. Katkow dagegen stellt Zarentum und griechisch-katholische Kirche als erstes herrschendes Prinzip auf. Der Haß gegen den „faulen Westen ist es, der Katkow und den Panslavisten einen gemeinsamen Boden giebt. Die Isolierung Rußland», das Zurückstoßen des Abendlandes, die Lossagung von den Ueberlieferungen von der auswärtigen Politik, die Befreiung vor dem Einflüsse der Deutschen in Handel, Industrie, Verwaltung und Heer, der Haß gegen alles, was nicht un bedingt der russischen Herrschaft zuneigt, die Reaktion gegen Alles von den großen Herrschern Rußlands Einge- fuhrte, Elngeschobene, Eingezwungene, das alles bildet die AthmoSphäre, die Katkow im Verein mit den Panslavisten athmet, stellt die Strömung her, in welcher der Moskauer Publicist behaglich neben den Panslavisten dahinschwimmt Die Verschiedenheit der Endziele tritt dabei vorläufig hinter der , Gemeinsamkeit der Mittel, welche beide Richtungen zunächst anwenden möchten, in den Hintergrund. — Wie bie Masse der Russen, handelt Katkow im Rausche der Leidenschaft und ist sich wohl kaum klar darüber, welche Richtung hinter ihm lauert. Die Panslavisten aber wissen

9enau, daß Katkows Thätigkeit schließlich ihnen zu Gute kommt, und suchen deshalb Katkows Ansehen und Bedeutung zu erhöhen, indem sie in der Presse und in der Gesellschaft ganz Rußland hinter ihm aufmarschieren lassen. Zwar Alexander III., ein vornehm und ehrlich denkender Mann, hat bisher noch einem andern, den er “UroaL/alt ^stellt hat, hervorgezogen. Das weiß man in Rußland. Sollte er nun einer Person gegenüber, die von Rußland als der Mann der Zukunft angesehen wird, t>em Jgnatiew eine Ausnahme von dieser Praxis machen so würde die Thatsache eines Ausgleiches zwischen Rar und Panslavisten sofort klar und deutlich vor der Welt dastehen. Der erste ischritt dazu wäre die Beseitigung

Uch Sautitt vor de. Thur imne, waren mit ein m Maie au diese inneren Leidenschaften aus sein m G sichte ver- schwunden- er sah ruhig und gleichgültig aus, nur in den Augen blieb ein lauernder, schlauer Ausdruck zurück.

Der alte Geschäftsführer Ernst St.tder saß in dem kleinen Zimmer des alten Hauses tu der Stadt an dem Schreibpulte. Vor ihm lag ein großes, schwer s Buch aus- geschlagen und sein Arm, auf den er d n Kopf gestützt hatte ruhte darauf. Seine Augen blickten starr auf die Folien' aber er las nicht darin, denn die silberne Brille, ohne welche die alten Augen nicht mehr lesen konnten, lag ban b n war in Gedanken versunken und aus den kummervollen Zügen feilt s Gesichts, aus den Seufz rn, welche sich bann mtb wann langsam und ohne W ssen aus der Brust her­vorrangen, vermochte man zu erk.nnen, daß diese Gedanken nicht der angenehmsten Art waren.

Es war das Hauptbuch des Hauses Damken, auf welches der Arm de» greifen Geschäftsführers g stutzt war. K ine Zahl und kein Name war tn ihm geschrieben, welches er mcht abgeschlossen, w, Ickes ihm nicht Mühe und Arb.it ge- unb gleichsam einige Tropfen von feinem Lebensblute enthielt. Jede S ite in h m war ihm bekannt san jebe Zahl, welche darin geschrieben stand, war auch zugleich seinem G-dächtnisse etng prV. Wie ein Abschnitt aus seinem eigenen Beben lag das Buch vor ihm. Wie ein Heiligtum betrachtete er es, obschon er es täglich vor Augen hatte und in ihm schrieb, konnte er e8 doch nie offnen ober schließen, ohne daß ihn ein Achtung gebietender Schauer durchrieselte, denn auf dem Buve beruhte die Große des Hauses Damkeu, es war schon das Siegel sein s Kredits, und in ihm stand die Ehre jeden G schästs ausge, zeichnet.

Wie in dem Buche kein Fleck, wie in ihm jede Zahl und jeder Name von der Hand des Geschäftsführers deutlich unv sauber eingetragen war, so haftete auch auf der Ehre d 8 alten Handelshauses kein Flecken, so hatte auch die Ha >d des greisen Steider diese Ehre gehütet und geschirmt. Es war ja auch seine Ehre. Länger als fünfzig Jahre arbeitete et tu dem Hause, mit dem er zu einem unzertrennlichen Ganzen verwachsen war.

Durch eigene Schuld.

Ein Original-Roman aus der Handelswelt von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

„ES soll also wirklich so etwas wie Hochz-it heißen," sprach er zu sich selbst, indem das Lächeln stimm Gesicht einen fast grinsenden Ausdruck gab. „Das adelige Vollblut will sich mit dem bürgerlichen Gelbe kreuzen, ha, ha, da käme vielleicht eine ganz neue Menschengartung zustande, und ich, als der treue, ergebene Di-net, soll den Spion machen und auskuvdschasten, ob der Weg auch rein und sicher ist, auf dem das adelige Blut vor die Tyür des Liebchens reiten will. Ich soll das Beste dabei thun, um, wenn es glückt, der künftigen gnädigen Frau in tiefster llnterthänigkeit die Hand küssen zu dürstn, wenn es aber nicht glückt, den Unwillen des Herrn auf mich nehmen. Ho, ho! Herr von L-tzingen, das geht nicht! Sie glauben, daß ich aus einem Unteithänigkeitsgefühle gegen Sie nur Ihre Interessen im Ang- habe, als ob ich mich den Kukuk nm Ihre Interessen kümmerte, sobald Sie nickt ben mei­nigen diemn! Mein.« Jnttrefsen läuft es aber zuwider, daß ein Frauenregiment hier im Hause eingeführt würde, so lange ich das Vergnügen habe, darin zu verweil- n. Ehe Sie unter die Haube, ich m- ine unter den Pantofft I kommen, will ich 's erst selbst bei suchen, ob ein solcher Sckritt für das Wohl eines Mannes nickt allzu gefährlich ist. Wir gehen einen Weg, Herr von L-tziugeu: eie zur Herrin, ich zur Dienerin, aber ich habe einen guten Vorsprung vor Ihnen voraus, und obendrein find Sie so frennblich, mich in Ihre Absichten einzuweihen. Moigen am Tage will ich wissen, ob bas Fräulein mit Herren korrespondiert und dann — nun dann werde ich zusehen, welche Partei am Nobelsten bezahlt, denn für beide habe ich ein Geheimnis und Wenns geht, sollen sie mir beide zahlen.*

Er sprang in die Höhe und rieb sich vergnügt die Hände. Wer ihn in dieser Minute b-obocktet hätte, würde keinen Augenblick über seinen wirklichen Charakter in Zweifel ge­blieben ft in, so viel Schlauheit unb List, so viel Hohn und Selbstsucht prägte sich in seinem Gesichte aus. AIS er plötz.

bes Herrn von Giers, des Mannes also, der dem Saren und Rußland treu ergeben ist; der aber weiß, welche Formen un diplomatischen Verkehr mit Europa üblich und allein möglich sind Giers hat nieimnb hinter sich als dm £aren und diese Thatsache beweist, wie klar und bestimmt der Zar weiß, was er Europa gegenüber will. Der Rar und Giers bedeuten ben Frieden, ber Zar ohne GierS ae- fahrdet den Fneben, ber Zar mit Ignatjew bedeutet die Androhung des Krieges. — Wenn trotzdem das Auftreten Katkows nicht die Abfertigung gefunden hat, die in West- europa erwartet wurde, so muß man berücksichtigen daß man westeuropäische Ansichten nicht ohne weiteres' nach Rußland übertragen kann, wo alles anders neben einander liegt. Katkows Verdienste um die Stellung des Saren- turns in Rußland stehen so hoch, daß der Zar es chm nachstehen mag, wenn er eigenmächtig in die Kreise über- greift, die der Zar sich selbst Vorbehalten hat, denn derselbe Mann der dem Zaren im Gebiete der auswärtigen Politik

unbequem ist, hat bei inner« Fragen für den Selbstherrscher mehr Bedeutung, als irgeno jemand sonst, ^eider hat Katkow, ohne es zu wollen, durch sein Auf­treten vielmehr als durch die Art, in welcher dasselbe ab- gefertigt routbe , der Autorität des Zaren geschadet, was

°re6r*C"ril^CrK ' alS Autoritätsmangel die bedenk- lichste Erscheinung des panslavistischen, ohnehin revolutio­när anstürmenden Russentums der Gegenwart ist.

Deutsches Reich.

Bepli«, 14. April. Der Kaiser empfing heute vor- mlttag den Besuch des Kronprinzen, welcher sich vor feiner heute Abend erfolgten Abreise nach Ems verabschiedete und nahm darauf den Vortrag des Generals v. Albcdvll entgegen. Nachmittags machte Se. Majestät eine Ausfahrt.

Uhr erscheint beim Kaiser der Staatssekretär Graf v. Bismarck zum Vortrage. — Der Minister v. Putt- kamer wird zu Beginn nächster Woche aus Rom hierher zuruckkehren; vorgestern ist derselbe vom Papst empfangen und man nimmt an, es fei dabei auch die kirchen- politische Frage und die Haltung des Zentrums gegenüber be2*! Kirchengesetz zur Verhandlung gekommen. — Die nSif ‘ c?ret6m- "®ini9e Zeitungen hatten mit- £ ) ber ^^Bürgermeister DOn Berlin, Herr von

ZU der gelegentlich des 90. Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers veranstalteten Soiree im königlichen ®$Mfe keine Einladung erhalten hätte, und man hatte

Mutung geäußert, daß diese Uebergehung aus der politischen Oppositionsstellung des Herrn v. Forckenbeck,

Es tifuUk ihn uou uua) in 16 u.« tuiem htvi.vewußten 4C,«mtn«n er Vor dem Buche gesessen. Er suhlte daß ™JptVxCtfwtD?r, in deiner ganzen Hand das Geschäft

'E.b- und oft sprach er mit einem stillen Lächeln zu sich- •ßd) es mit den besten Kräften geführt, noch stritt e8 L'L »»» U»E°»-N da. wk Kd«« MS alten Herrn Damk N es empfangen habe." V 3a, er fühlte die Bedintung feiner Stellung, unb wenn er sie auch äußerlich nickt zur Sckau trug, so hatte sie doch in chm eine zufriedene Ruhe unb selbst!» wußte F ftiafeif hervorgerufen Nur in diesem Augenbl cke schien keine von diesen Empfindungen feine Brnst zu erfüllen, wie sie über» baupt feit einiger Zeit nur selten bei ihm eingekchrt waren Unbeweglich saß er da. ®d„e »banl«" „in „TS Sorgen, welche ihn erfüllten, abgrschweift und oeilten zuruck. Wie ein Traumbild li.ß er fein ganzes Lebens» dfr Erinnerung vorüberziehen, von dem Tage an, mo^er in biefeS Haus eingetreten war, bis zu btefer Stunde, und wie im Traum erschien ihm alles. '

2811^ stolzen Hoffnungen, w'lche kühnen und hohen Plane sein Herz erfüllt, als er emst, nun vor länger als

^?E°s°s Geschäft als Lehrling einigen re*11 m^QI ‘c- n ?t fur Id" ftlbst ehrenvoll und die beste Empfehlung für fein späteres Leben, d.ß er in diesem Häuft biente? Damals lebte der alte Herr Damken noch unb war noch ein rüstiger Mann, unb fitzt ruhte auch er schon über etu Viert Ijahrhundert in ber Erde. Er war ein strenger, aber ruhig freundlicher Mann gewesen, der mir rastlos, m Eifer sich dem G ftäft widm-te. Fleckenlos batte er es aus der Hund s ines VateiS empfangen, fl ckculos wollte er es einst auch in die seines Sohnes legen, unb er batte e8 gethan. Sein ganzes Leben batte nur diesem einen ^c^c^oii-n. Ja, er batte sich kaum als ben Besitzer biefe« Hames angefiben, sondern schien nur ein Baum iiter i“ fein, der all seine Kräfte darauf wandte, den G und dieses alten Geschäftes zu sichern, feine G-öße, feinen Ruf und feinen Reichtum zu vermehren. 1

(Fortsetzung folgt)

Bescheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. — Quartal« Abonnements-Preis bei der Expedition 2</4 Mk.. bei ben Postämter 2 SH. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gehaltene Zeile 10 Pfg., ÄeÜamen für die Zeile 25 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Burecmx von Haasensteiu undVoglee in Frankfurt a. M., Cassel, ’li'ogfcefcurg und Wien; Rudolf'N. offe in Frankfurt ♦ a. L'.., Berlin München und

Köln; 8. Taube und Co. in Frankfurt a. SR., ---—________________________________________________________________________Berlin, Hannover u. Parisk

Wöchentliche Beilagen: «r-is-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonutaasblatt

_____________________ Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch. ’ *