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Marburg, Freitag, 15. April 1887.

XXII. Jahrgang.

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Der Wucher auf dem Lande.

Bei Beurteilung des Wucher - Notstandes handelt eS sich keineswegs um die Fälle, in denen reichere Grund- Besitzer durch leichtsinnige Wirtschaft in Schulden geraten und ihren Leichtsinn forlsetzen, indem sie sich den Händen unreeller Geldverleiher überliefern. Leichtsinnige Wirt­schafter wird es immer geben und für ihren selbst ver­schuldeten Notstand kann keinerlei Schutz von außen her angerufen werden. Für die Gesellschaft kommt nur jener chronische Notstand in Betracht, bei welchem der Unver­stand der Landleute einerseits und die Gewissenlosigkeit geriebener Geldleute andererseits vollendet, was Unglück, Mißernten, Hagelschlag oder aber andauernde Verschlech­terung der Lage des Landwirts überhaupt vorbereitet haben. Die Wucherpflanze setzt sich nur an wirtschaftlich unge­sunde Organismen an und hat leider in einzelnen Be­zirken mit vorwiegendem Kleinbesitz eine so verheerende Verbreitung erlangt, daß sie auch noch die gesunden Teile in Mitleidenschaft z ziehen droht. Der Beseitigung solcher Uebel kann und darf sich eine verständige Staatswirtschaft nicht entziehen.

Am wirksamsten ist der Lösung dieser Frage bis jetzt, abgesehen von _ den praktischen Maßnahmen, welche zur Hebung der ökonomischen Lage einzelner schwere Not leidender Bezirke durch Hergabe von Mitteln aus Provin­zial- und Staatsfonds, wie z. B. im Eifelgebiete, ergriffen worden sind, und abgesehen von Bethätigungen der Selbst­hilfe, wie z. B. den Vereinen gegen den Wucher im Saar­gebiete, durch wiffenschaftliche Untersuchungen und Erhe­bungen von dem Verein für Sozialpolitik vorgearbeitet worden. Findet sich schon in seinen Schriften über den deutschen Bauernstand reichliches Material über die Wucher­krankheit, so hat er sie noch besonders zum Gegenstand einer Enquete gemacht, deren Ergebnisse in kurzer Zeit werden veröffentlicht werden.

Je mehr der Größe des ländlichen Wohlstandes, der größeren oder geringeren Zersplitterung des Besitzes, der größeren oder geringeren Intelligenz der Landbewohner, je nach dem Alter des Uebels, das bei längerem Fortbe­stand die Leute abstumpft und gleichgiltig macht, ist der Wucher in den verschiedenen Gegenden des Reiches auch in sehr verschiedenem Umfange vorhanden. Geheimer Rat Dr. Tiel hat jüngst im Berliner Klub der Landwirte auf Grund der Kenntnis des Materials jener Erhebungen nach den Berichten verschiedener Blätter folgendes Verbrei­tungsbild entworfen: Elsaß-Lothringen zeigt sehr schlimme Verhältnisse, die übrigens dort schon von Alters her zu

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasensteiu undVogler in Fianksurt a. M , Saffet, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffc in Franlfurt a. M., Berlin München und Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. SR., Berlin, Hannover u. Paris

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. 8. Kreise Marburg u. Kirchhain

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Durch eigene Schuld.

Ein Original»Roman aue der Handelswelt von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung)

Es war Gabriele garuicht entgangen, daß ihr Vater in manchen Stunden und Tagen mit der ganzen Welt zer­fallen war, daß das Leben keinen Reiz für ihn zu haben und sein Herz leer zu sein schien. Sie hielt dies für die Wirkung des Schmerzes über den Tod ihrer Mutter, welche ihr Vater innig geliebt hatte und schloß sich deshalb um so zärtlicher an ihn an. Daß ihr Vater wirklich lebens- überdrüssig war, weil er alle Freuden des Lebens zu rasch und in einem stürmischen Laufe genossen und ausgekostet hatte, davon hatte sie keine Ahnung und ebenso wenig kannte fie den Fluch des Reichtums, der das Herz aus einer Freude und einem Rausch zum auderu drängt, bis es zuletzt freuden­los in sich verkümmert.

Gabriele hatte keine von den vielen Schwächen und Fehlern ihres VaterS bemerkt, weil fie nie daran gedacht hatte, daß er Fehler haben tonnte, und weil fie seine un. verkennbar guten Eigenschaften zu hoch anschlug.

Als der Herr von Letzingeu auf seinem Gute angelangt war, begab er fich nach seinem Zimmer und rief seinem Diener.

Ein mittelgroßer, etwas verwachsener Bursche von einigen zwanzig Jahren trat ein. Sein Geficht war keineswegs häßlich zu nennen, aber sein kurzes, schwarzes, krauses Haar, seine bunt- In, stechenden Augen und ein fortwährend lächelnder Zug, der fich von der Nase den Mundwinkeln zu zog, gaben ihm einen unangenehmen Ausdruck. List und Verschlagen­heit waren auf diesem Gefickte zu offen und beutltd) aus­geprägt, als daß sein Befitzer trotz der gutmütigen Miene, welche er häufig aunahw, fie zu verbergen vermocht hätte. Ein ziemlicher Grad von Eitelkeit, welche man bei ver­wachsenen und körperlich mißgestaltenen Menschen häufig antrifft, ließ fich sofort aus der zierlich akurateu Kleidung und dem ganz-u Auftreten dieses Dieners erkennen und gab ihm ein fast lächerliches Aussehen.

Dieser Bursche stand schon eine Reihe von Jahren i«

Deutsches Reich.

Berlin, 13. Lpril. Der Kaiser nahm heute vor­mittags die Vorträge des Hofmarschalls Grafen von Per- poncher und des Geh. Kabinettsrals von Wilmowski ent­gegen, empfing später den Oberstallmeister v. Ranch und den General der Kavallerie, Grafen zu Stolberg-Wernige­rode und machte nachmittags eine Spazierfahrt. Morgen abend findet eine größere Loire bei dem kaiserlichen Paare statt, wozu 120 Personen geladen sind. Der Kronprinz und die Kronprinzessin empfingen heute mittag die hier anwesenden Minister. Verschiedene Handelskammern haben in ihren Jahresberichten das Thema: Abzahlungs­geschäfte behandelt, und die Mehrzahl derselben hat diese Geschäfte als eine den allgemeinen wirtschaftlichen Inter­essen und besonders denen der den Kundenkreis bildenden kleinen Leute schädliche Erscheinung unseres Wirtschafts­lebens charakterisiert und deshalb ein Einschreiten gegen dieselben verlangt Indem dieDeutsche volkswirtschaft­liche Korrespondenz" hieran erinnert, führt sie zur Sache weiter aus:Unseres Erachtens handelt es sich bei der­artigen Geschäften um eine veränderte schlimme Form von Wucher, welchem man bei dem gegenwärtigen Stande der Gesetzgebung schwer beizukommen in der Lage ist. So wie in der Landwirtschaft nicht mehr der gewöhnliche Geld­wucher sich geltend macht, bei welchem das Opfer einfach zu ruinösen Zinszahlungen verpflichtet wurde, und durch die Unmöglichkeit, seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, in immer tieferen Verfall gerieth, sonoem der Wucher in anderer Form seinem Opfer beikommt, indem er das Wuchergeschäft in die Form der Viehleihe, des Protokoll­handels oder des Waarenwuchers kleidet, so tritt bei den Abzahlungsgeschäften ebenfalls eine neue Art von Wucher in Thätigkeit, welche auf die Dauer von verderblicheren Folgen sein wird, als der gewöhnliche brutale Gcldwucher. Wiederum hat die Handels- und Gewerbekammer für Schwaben und Neuburg in ihrem Jahresberichte für 1886 diesen Gegenstand behandelt, indem sie bemerkt, daß dem Publikum der Zutritt zu solchen Geschäften unter den gegenwärtigen Verhältnissen zwar nicht verboten werden könne; die behördliche Prüfung der Bedürfnisfrage wäre aber auch in Ansehung dieser mit den Wanderlagern auf einer Stufe stehenden Geschäfte wohl thunlich und im In­teresse des Publikums dringend geboten; wenn man er­wäge, mit welchen großen Steuern diese Geschäfte belastet seien, und welche Ausgaben dieselben für Betrieb und Reklame zu machen hätten, so bliebe es völlig rätselhaft, wie dieselben bestehen können, wenn der Betrieb ebenso

scheint wenig Arbeit zu h ben, wett sie Z.ir hat, solch rhörichte Vermutungen auszusinnen. Mir scheint Fräulein Samten persönliche Reize genug zu besitzen, um einen Mann zu fesseln, auch wenn ihr Baier nicht so vermögend wäre. Spricht man nicht davon, daß das Fräulein irgend einen Bewerber besonders begünstige?

Nein," entgegnete der Diener turz.Man amüsiert fich sogar darüber, daß die Tochter des Handelsherrn alle Herren falt zurückweist.'

Vermutet man denn nicht eine heimliche Liebe des Fräuleins?

-So viel ich weiß, nicht. Ich habe noch nichts darüber gehört,' gab der Diener zur Antwort.

Herr von Letzingeu schwieg und schien in Gebauten einen Plan zurechtzulegen.Höre, Karl,' sprach er endlich,ich weiß, daß das Fräulein eine geheime Liebe hat und mit ihrem G liebten korrespondiert. Ich weiß freilich nichts Näheres darüber, aber die Suche interessiert mich; suche auSjuforschen, ob das Fräulein vou einem Herrn Briefe empfängt und werte Dir den Namen deS H rrn genau. Ich überlasse es Dir, den besten Weg hierzu zu -len, ich will aber, daß eS niemand erfährt, daß ich um die Briese, die daS Fräulein empfängt, weiß. Es soll auch niemanb ahnen, daß ich ein Jutereffe an bet Sache nehme, sei also vorsichtig.'

Der Diener lächelte verschmitzt.Sie wissen, baß ich schon jchwierigere Sachen erforscht habe.'

Gut, Karl,' unterbrach ihn Herr von Letzingeu,ich weiß, baß Vorsicht unb strenge Verschwiegenheit nie Dein Schaden gewesen.'

Er brach bas Gespräch ab unb verließ bas Zimmer. Der Diener blieb noch eine Zett lang in bemftlben zurück. Er trat bann anS Fenster, und als seinen Herrn über den Hof schreiten sah, wandte er fich vom Fenster ab und warf sich ungeniert unb b haglich auf das Kanapee. Er schien über ben soeben erhaltenen Auftrag nachzudenten und ans dem höhnischen Lächeln, welches sich um seinen Mund zog, tonnte man erraten, daß ihm derselbe nicht so ganz an­genehm war.

(Fortsetzung folgt.)

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t Alk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Mg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Hause sind, wie Angaben ans dem vorigen Jahrhundert erweisen ; nur noch schlimmer ist es heutzutage geworden. Nicht viel besser liegt es in Baden und Württemberg, sowie in den ärmeren Teilen Hessen-Darmstadts (Oden­wald) ; die bayerische Pfalz und die ärmeren Gebiete Alt­bayerns, die Gebirgsgegenden Nassaus, vor allem aber der Regierungsbezirk Cassel haben Wucher in großem Maßstabe. Im Rheinlande sind es wieder die ärmeren Berg­länder, in denen der Wucher sich breit macht; in West­falen stößt man auf die eigentümliche Thatsache, daß meist die größeren Bauernhöfe dem Wucher zum Opfer fallen. Die Erklärung liegt in dem gerade dort besonders hoch­entwickelten Bauernstolze, der die Leute hindert, bei Geld­bedarf an Kredilvereine zu gehen, weil sie dort ihre Ver-' hältnisse klarlegen müssen. Ziemlich günstig sieht es in Hannover und Oldenburg aus, noch günstiger in dem gesegneten Braunschweig; die Provinz Sachsen zeigt nur in den ärmeren Teilen Wucherschäden, während Thüringen infolge der kleinen Besitzverhältnisse und der Armut vieler Gegenden schlechter daran ist. Schleswig - Hol­stein steht gut, Brandenburg und das Königreich Sachsen im ganzen auch; bei »Schlesien kommt nur das allerdings schwer heimgesuchte Oberschlesien in Betracht, dagegen leidet Posen unter der Unwirtschastlichkeit seiner stamschen Ele­mente. In Pommern und Mecklenburg ist bei oem über­wiegenden Großbesitze vom Wucher wenig zu spüren; auch die Berichte über Westpreußen klingen nicht schlecht, was allerdings angesichts des starken Bruchteiles an slavischer Bevölkerung etwas verdächttg erscheint; mehr Vertrauen verdient die günstige Auskunft über Ostpreußen.

So verschieben wie ihre Verbreitung ist auch die Form, in welcher die Wucherkrankheit auftritt. Früher überwog der gewöhnliche Geldwucher, bei welchem das Opfer sich zu Übermäßigen Zinszahlungen verpflichten mußte und durch Nichtinnehaltung derselben in immer tieferen Verfall ge­riet Hingegen ist das Wuchergesetz von sehr guten Wir­kungen gewesen. Der Wucherer hat sich nunmehr auf andere Schliche gelegt, und das Leiden, an welchem der Sandmann zu Grunde geht, heißt jetzt vielfach: Viehleihe, Landhunger, Protokollhandel oder Warenwucher. Diesen Krankheitsformen ist durch das Gesetz sehr schwer beizu­kommen. Hier muß Vereinshilfe, Belehrung und der Kampf gegen die Gewohnheit der Landleute helfen, lieber den Wucherer aufzusuchen, als ihre Lage einem ver­mögenden Nachbar oder einem Kreditinstitute offen zu lege . Auf die verschiedenen Arten des Wuchers kommen wir in einer besonderen Betrachtung zurück. (C.J.) Tienste d-s Herrn von Letztngen. Dieser hatte ihn nach seinen Wünschen heravgezogen und gebildet, und er war mit der Zeit unentbehrlich geworden, denn er war ihm Diener, Sekretär und in mancher Beziehung Vertrauter und Ratgeber zugleich. Es ließ sich nicht lemnen, baß dieser Mensch außerordentlich viel Geschicklichkeit besaß, und seinem Herrn gegenüber war er bis zu einem gewissen Grade auch zuverlässig und treu.

Herr vou Letzingeu erkannte die Vorzüge feine3 Diener» vollkommen und hielt ihn für durchaus zuverlässig. Er räumte ihm deshalb oft größere Rechte ein, als fie einem Diener zutommeu, und jener verstand es, fie auf feine Weise zu benutzen, ohne feine eigenen Interessen irgend wie deutlich hervorleuchten zu lassen.

Du gehst öfter zur Villa des Herrn Damkeu, Karl,' wandte fich Herr von L-tzingen zu dem Diener.Du ver­kehrst viel mit der Dienerschaft, wie urteilt diese über die Tockter des Herrn Samten ?

»Sie spricht besser von ihr als von ihrem Herrn,' er­widerte der Diener.DaS Fräulein soll einen freundlichen Charakter haben.'

Hast Du nicht gehört, ob fich Jemand nm die Hand des Fräuleins bewirbt und besondere Hoffnung hat, ihre Liebe zu gewinnen? fragte Herr von Letz ugen weiter. Die Dienerschaft interessiert sich für solche Angelegenheiten ganz besonders und ist in der Regel die erste, welche die HerzenSgeheirnniffe ihrer Herrschaft errät.

Der Diener blickte seinen Herrn mit einem schlauen und halb vertraulichen Lächeln an.

»Mau erzählt sich,' erwiderte er,daß die häufigen Besuche des Herrn vou Letzingeu der reichen KaufmauuS- tochter gelten unb meint . . .'

»Nun, was meint man?* forberte Letzingeu ben Diener auf, fortzufahren.

»Daß bas Gelb ber Anziehungspunkt fei, welcher in diesem Falle ben Abel mit bem Kaufmannssianbe vereinen werbe,' fuhr ber Diener mit ziemlich breister Stimme fort.

Der Gutsbesitzer schien bmch diese Worte nicht sehr an­genehm berührt zu fein, boch verbarg er feinen Aerger unb entgegnete ruhig:Die Dienerschaft deS Herrn Damkeu