Nr. 86.
Marburg, Donnerstag, 14. April 1887.
XXII. Jahrgang.
itinig
staatssekretär Studt das Innere, wozu Gewerbe und öffentliche Arbeiten gezogen werden, Back Finanzen, Domänen und Landwirtschaft übernehmen. Der Oberschulrat soll mit der nach wie vor durch Herrn von Puttkamer geleiteten Abteilung für Justiz und Kultus vereinigt werden. Staatssekretär von Hofmann ist durch das Großkreuz des Roten Adlerordens, Unterstaatssekretär Ledderhose durch den Stern zum Roten Adlerorden zweiter Klasse ausgezeichnet worden. — Um die schwierige Neuwahl zu vermeiden, hat der Gemeinderat von Straßburg beschlossen, den Unterstaatssekretär Back zu bitten, die Geschäfte als Bürgermeister fortzuführen, bis das im Reichstage einzubringende Gesetz über Aenderung der Gemeindeverfassuna in Kraft getreten sein würde.
— Ueber die die Innungen betreffende Gewerbeordnungs-Novelle bemerken die „Hamb. Nachr.:" Besonders hat bie, Bewegung zu Gunsten der Innungen in den Hansestädten, in den alten preußischen Provinzen und im Königreich Sachsen Erfolge gehabt. Wenn diese Erfolge nicht noch größere waren, so muß anerkannt werden, daß dies darin seinen Grund hat, daß die Innungen in ihrer letzrgen rechtlichen Berfaffung wegen des Ueberwiegens der ihnen auferlegten Pflichten im Verhältnis zu den ihnen gewährten Rechten keine hinlängliche Anziehungskraft besitzen. Daraus erklärt sich auch, daß die Innungen nicht dleienige Wirksamkeit für die Interessen des Handwerks zu entfalten vermögen, zu der sie nach der ursprünglichen Absicht des Gesetzgebers berufen und bei lebhafterer Beteiligung der Gewerbsgenossen auch fähig sind. Die Berechtigung der Bestrebungen auf Erweiterung der Jnnungs- befugnisse in diesem Sinne ist nicht in Abrede zu stellen. Bisher hatte die Innung nur auf dem Gebiete des Lehrlingswesens Einfluß über den Kreis ihrer Mitglieder hinaus. Eine Erweiterung dieses Einflusses erscheint im Hinblick auf die den Innungen obliegenden Pflichten wünschenswert, namentlich betreffs der Fürsorge für das Herbergswcsen, den Nachweis der Gesellenarbeit und die Ausbildung der Meister, Gesellen und Lehrlinge. Die Einrichtungen, welche in dieser Beziehung von den Innungen geschaffen sind, kommen unmittelbar und mittelbar auch solchen Berufsgenossen zu gute, welche der Innung nicht angehören. Es ist daher auch billig, daß die Möglichkeit gegeben ist, auch die außerhalb der Innungen stehenden Handwerker zu den Kosten der Einrichtungen heranzuziehen, von denen sie Vorteil haben. Das ist der Zweck des Entwurfs. Man muß anerkennen,
Deutsches Reich.
Berlin, 12. April. Ter Kaiser nahm heute vormittag die Vorträge des Chefs des Militärkabinetts Generals von Albedyll und des Chefs der Admiralität General- Leutnants von Caprivi, sowie mehrere militärische Meldungen entgegen und machte nachmittags eine Spazierfahrt. Nachmittags ahm der Kaiser den Vortrag des Finanzministers von Scholz entgegen. — Fürst Bismarck ist heute nachmittag 51/. Uhr nach Friedrichsruh gereist. — Die neueste Nummer des „Amtsblatts des Reichs-Postamts" bringt folgenden kaiserlichen Dank an die Reichs- Post- und Telegraphenbeamten zur Kenntnis der Verkehrs- Anstalten: Ich habe aus Ihrem Berichte vom 21. d. M. "sehen, daß Mein Geburtstag, an dem Ich mit Gottes Hülfe das neunzigste Lebensjahr vollendet habe, den Anlaß dazu geboten hat, unter den Angehörigen der Reichs-Post- und Telegraphenverwaltung eine Sammlung zu dem Zwecke zu veranstalten, um der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger die Mittel zur Beschaffung dreier Rettungsboote zu gewähren. Wenn diese Sammlung einen Betrag von 17000 Mark geliefert hat, so entnehme Ich daraus zu Meiner Freude, daß die Spende, welche der Vermitte- lung des Weltverkehrs dienen, auch ihren Mitbrüdern in dem gefahrvollen Vertehr auf hoher See ihre teilnehmende Fürsorge wivmen. Ich kann Mir nicht versagen, dem gemeinnützigen Sinne, der sich dadurch bethätigt hat, Meine volle Anerkennung zu zollen, was Sie Allen, die sich bei der Sammlung beteiligt haben, kundgeben wollen, (gez.) Wilhelm. — An den Staatssekretär des Reichspostamts, Wirklichen Geheimen Rat Or. von Stephan. — Die Antwort des Kaisers auf die am 15. März d. Js. vom Gemeinderat von Metz einstimmig beschlossene Geburtstags- Adresse betont, daß im Herbst vorigen Jahres ein damals plötzlich eingetretenes Unwohlsein den lang gehegten Wunsch des Kaisers, der Stadt Metz persönlich einen Besuch zu machen, nicht zur Ausführung kommen ließ. Se. Majestät nehmen an der Wohlfahrt und dem Gedeihen dieser ehrwürdigen Staot ein warmes Interesse und erwarten zuversichtlich, daß sie unter den hoffentlich andauernden friedlichen Verhältnissen einer fortdauernoen Entwickelung ent- gegengehen wird. — Die „Nordd. Allg. Ztg." bestätigt, daß eine Branntweinsteuer - Vorlage dem Reichstage bald nach den Osterferien zugehen werde und die am vergangenen Sonnabend unter dem Vo sitze des Reichskanzlers stattgehabte Sitzung des Ltaatsministeriums mit derselben beschäftigt gewesen ist. — In Elsaß-Lothringen wird Unter«
daß es wesentlich praktische Zwecke sind?, welche die Re- gierung verfolgt, und daß sie ihren Standpunkt in der Jnnungsfrage hiermit nicht verändert hat. Von den weit- gehenden Bestrebungen nach obligatorischen Innungen oder nach Einführung eines Befähigungsnachweises hält sich der Entwurf fern, und das dürste seine Chancen bei den Nattonalllberalen günstig machen.
Im „Deutschen Tageblatt" erörtert eine Zuschrift aus der Provinz.den Gedanken, die Zuckersteuer gänzlich aufzuheben und den Einnahmeausfall durch eine höhere Branntweinsteuer zu decken. Die Zuschrift aus der Provinz findet in der Aufhebung der Zuckersteuer die richtigste Schadloshaltung der Landwirtschaft für die Erhöhung der Splrttussteuer. An dem hohen Zuckerverbrauch in anderen Landern weist die Zuschrift nach, daß eine Erhöhung des Zuckerkonsums in Deutschland nur durch den hohen durch die Steuer verursachten Zuckerpreis verhindert wird. Nach Aufhebung der Steuer würde der Zucker wie in England eines der billigsten Nahrungsmittel werden. Eine Steigerung der Produktion auf Grund einer Zunahme des inländischen Verbrauchs würde die ganze Zuckerindustrie auf eine sicherere und gesundere Grundlage stellen, als auf den schwankenden Boden des Absatzes nach dem Ausland. Der Schaden aus einer Erhöhung der Spiritussteuer aber ist für die Landwirtschaft im Ganzen geringer als der Vorteil welcher der Landwirtschaft aus dem Wegfall der Mucker-' steuer erwächst. Ueberall, wo Zucker, und Spiritusin- dustrle neben einander bestehen, oder wo eine Einführung der Zuckerindustrie möglich ist, wird also der Schaden durch den Gewinn mehr als ausgewogen. Die höhere Besteuerung des Spiritus, so schließt der Artikel, „bildet unzweifelhaft eine Belastung der ärmeren Klassen. Spricht man von Entschädigung der Spiritusbrenner, so ist es nur billig, daß man auch eine Art von Entschädigung des armen Mannes ins Auge fasse. Und diese liegt in dem Billlgerwerden des Zuckers. Allerdings verbrauchen unsere ärmeren Klaffen gegenwärtig wenig Zucker. Wird derselbe aber so billig, daß er vielleicht das preiswerteste von allen NahriiNgsmitteln bildet, so wird sein Konsum gerade in diesen Klassen außerordenttich zunehmen. Dann wird berjenige, welcher ben Branntmein mäßiger Weise genießt reichlich entschädigt dadurch, daß ihm und seiner Familie em gelundes Nahrungsmittel billiger geliefert wird."
Berlin, 12. April. Fürst Bismaick wird sich in Friedrichsruh nur einige Tage aufhalten, jedenfalls beim Beginn der Reichstagssitzungen wieder in Berlin sein —
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_____________________________ Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. jkoch.
Durch eigene Schuld.
8in Original-Roman aus der Handelswelt von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Er warf einen schnellen, spähenden Blick ringsum, nnd als er Niemand bemerkte, schritt er mit schnellen Schritten auf dem Rasen dahin und näherte sich dem Mädchen so weit, daß es ihm möglich war, einen Blick über ihre Schuller zu werf-n. Zwar vermochte er nur ein einziges Wort, die Namensunterschrift „Hermann" zu lesen, aber dies eine Wort war schon ausreichend, nm ihn den Verdacht schöpfen zu lassen, daß GabrielenS Herz urcht mehr frei sei. Er ließ rasch die Namen all der Männer, mit denen Gabriele so viel er wußte, in Berührung kam, in seinen Gedanken vorubegleiten, aber kein einziger führte den Vornamen Hermann. Hier schien ein Geheimnis, eine geheime Liebe obzuwalten, und das Versunkensein Gabrieles in den Brief bestärkte ihn in seiner Vermutung. Dies Geheimniß mußte er erforschen, denn unheimlich drängte es sich zwischen seine Pläne. Leise ttat er einige Schritte zurück und grüßte dann das Mädchen mit unbefangener Mine.
Gabriele fuhr erschrocken in die Höhe und ihre Wangen röteten sich, als sie plötzlich den Herrn von Letztugen vor sich erblickte.
„Es thut mir leid, Fräulein Damken, daß ich Sie gestört habe," sprach der Gutsbesitzer, „ich würde es auch nicht gewagt haben, hätte mich nicht mein Weg unmittelbar an Ihnen vorübergeführt. Sie müssen sehr in den Brief ver- tteft gewesen sein, denn Sie scheinen es nicht bemerkt zu haben, daß ich herankam."
„Ich habe es in der Thal nicht gehört," ewiederte Gabriele, „ich habe hier auch Niemanden vermutet."
„Es muß ein lieber Brief sein, daß Sie sich gleich mit ihm in die Sttlle der Einsamkeit flüchten, und daß er im Stande ist, Sie so sehr zu fesseln," bemerkte d r Gutsbe- fitzer scheinbar ganz arglos. Es entging inb.fe seinem Auge nicht, daß Verlegenheit fich des Mädchens bemächtigt hatte, welche dieses mit aller Kraft zu bekämpfen suchte.
»Ich denke, Briefe müssen uns immer fesseln, den» das ist doch eigentlich ihr Zweck, sobald es nicht gewöhnliche
G schastsbriese find," erroieoeue Gabriele, gleichsam um oem Gespräch eine andere Wendung zu geben.
„Gewiß, gewiß, Fräulein Damken, ausgenommen die sogenannten Freundschaftsbriefe, die nur geschrieben find, um st- zu schreiben. Doch der Ihrige scheint ein solcher nicht zu fein, oder sollte er wirklich von einer Freundin kommen?•
»Ja er ist von einer Freundin," erwiederte Gabriele.
„Diese Schrift scheint von der Hand eines Maums zu sein," versetzte Herr von L,hingen^ indem er seine Augen auf den Brief, welchen Gabriele in der Hand, hielt, richtete, gleichsam, als ob er erst tu diesem Augenblicke dies bemerkte.
Gabriele errötete und wurde verlegen.
„Ha, ha, Fräulein Damken," rief der Gutsbesitzer lachend, „man sieht es Ihnen an, daß Sie in solchen kleinen Notlügen noch wenig geübt sind."
„Notlügen!" wiederholte Gabriele mit fester, ernster Stimme, indem sie ihre scklanke Gestalt in die Höhe hob. »Ich werde nie zu einer Notlüge meine Zuflucht nehmen. Ich habe Ihnen allerdings eben die Un oahrheit gesagt, Herr von Letzingen, aber nur, um Ihre Fragen zurückzu- weisen, mit denen Sie in meine Geheimnisse zu bringen versuchen."
„Sie gestehen also hoch ein, daß biefer Brief ein Geheimnis birgt?"
»Ich benfe, von Eiugesttheu kann nnr bann bie Rebe sein, wenn ber Andere em Recht zu fragen hat," entgeg« n te Gabriele abweisend. „Ich wüßte nicht, Herr von Letzingen, was Ihnen mir gegenüber das Recht einräumte! Außerdem können meine Geheimnisse Sie ebenso wenig tntereffiten, wie ich nicht das geringste Interesse an den Ihrigen nehmen würde."
, „Sie scheinen fich durch meine Fragen beleidigt zu fühlen ?" fragte Herr von Letzingen mit ruhiger fast weicher Stimme, denn es kam ihm darauf an, das Mädchen freundlich zu stimmen.
»Seleibigt? Nein, gewiß nicht, Herr vonLetzingen. Ich bin über ihre Frage nur erstaunt, weil sie eine größere Vertraulichkeit voraussetzt, als zwischen uns je stattgefuudeu hat," gab Gabriele ruhig zur Antwort. Aber in ihrer
Stimmt lag eine solche abweisende Kalle, sie stellte sich ihm m ^^. ^Egenübe^ daß er alle Hoffnung abgab, in diesem fomnen * 6 ”eH 2Bun^en au$ nur einen Schritt näher zn
Er grüßte höflich und setzte seinen Weg weiter fort. In Z« taub der Entschluß fest, Alles aufzubieten, um da» Geheimnis Gabriel s zn entdecken, denn eine innere Ahnung fagte ihm, daß er nicht eher auf bie Erfüllung seiner Wünsche hoffen dürfe, als bis er das Hindernis dieses Geheimnisses ans d»m Wege geräumt. ’
Gabriele, welche in ihren Träumen, denen sie sich beim Lesen des Briefes hingegeben, auf eine so unangenehme Weise gestört war, verbarg den Brief in ihrem Kleide und kehrte langsam nach ber Villa zurück.
E'st jetzt konnte man ihre schöne Gestalt ungehinbert wahrnehmen. Sie war schlank gewachsen, unb ihr ganzer Körper hatte eine elastische Biegsamkeit. Sie schritt mit etner Leichtigkeit über ben Rasen bahin, als ob ihre Füste ihn kaum berührten. Lange bunfelbraune Locken fielen auf die Schultern unb Nacken herab. Die Ange» waren grost mrb bunkel unb erhielten burch bie langen, sie beschattenden Wimpern einen schwärmerischen Ausdruck. Aus bem Gesicht war eine frische Lieblichkeit ausgepiägt, es war mehr anmutig als reizend zu nennen, denn für Schönheit waren bie einzelnen Zage nicht regelmäßig genug.
Gabriele war 18 Jahr alt. Als einzige Tochter des Handelsherrn war sie schon früh in Gesellschaft und auf Ballen eing efübrt, und bie Herren hatten es an Auf, merksamkeit und Huldigungen nicht fehlen lasse», aber trotz, dem hatte sie ihre natürliche Einfachheit unb Anspruchslosigkeit bewahrt, bie freilich mit ihrer ganzen Umgebung in miffaUmbem Kontraste staub. Sie war reich an Geist und Gemüt unb würde gern auf allen äußeren Glanz und Reich, tum, auf alle Gesellschaften unb Bälle verachtet haben, hätte nicht ihr Vater ihre Teilnahme gewünscht.
Sie liebte ihren Vater zärtlich. Unter seinen Augen nnd seiner Sorgfalt war sie ausgewachsen ba ihre Mutter früh gestorben war, unb Damken schien alle Liebe und Zärtlich, k. it, deren sei» Herz fähig war, für dieses eine Kind vereint zn haben.
(Fortsetzung folgt.)