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Nr. 85

Marburg, Mittwoch, 13. April 1887.

XXII. JahkMg

(Ohnljcflirdir ZkiliiW

W-chentliche Beilagen: Kreis-Blatt s. l>. Kreise Marburg «. Kirchhain. - Zllnstriertes Sonntaasblatt ___________________________Expedition Martt 21. Redaktio», Druck uud Lerlag von Ioh. Sug. Koch. O *

D«rch eigene Schuld.

Ein Original-Roman aus der Handelswelt von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

Die beiden Reitkruchle, welche kurze Zett zuvor dem Herrn von Letztngen in der Allee begegnet waren, kehitm in diesem Augenblicke auf den Hof der Billa zuruck. Der Handelsherr winkte sie heran und fragte dann den älteren: »Wie hoch schätzest Du den FuchS des Herrn von Letziuaen, Wilhelm r"

Der Gefragte blickte das Tier einen Augenbick an, zuckte mit den Achseln und sprach: .Der ist leicht zu schätzen. Ich weiß, daß der Herr von L< tztngen ihn vor zwei Jahren für hundert uud sechszig Loaisd'or gekauft hat und seit der Zett ist er nicht besser geworden. Solche scharfe Ritte greifen das beste Tier au, und Herr von Letztugeu hat ihn wenig geschont.-

Der Handelsherr war durch diese Worte aufs Höchste überrascht. Er richtete sein Ange auf den Gutsbesitzer; die bleichen Wangen desselben waren von einer flüchtigen Röte bedeckt und eine uurnhtge Verlegeuheü «halte ihn ergriffen.

»Mein Reitknecht hat de» Fuchs sehr gering geschätzt," sprach Dawken mit einem IPöltischen Lächeln, doch so leise, daß die Diener es nicht zn hören vermochten.

Herr von Letzingen kämpfte mit seiner Verlegenheit, denn er sühlte den Vorwu.f, der tu diesen Worten lag. .Wenn Ihnen das Pferd zu teuer ist, so mag der Kauf unge­schehen sein, Herr Dawken," erwiderte er, »ich wußte nickt, daß Sie auf das Urteil Ihres Reitknechts so viel geben würden.-

»DaS Pferd ist mein,- entgegnete der Handelsherr. »ES thut mir leid, daß ich Ihnen die Summe nicht gleich zahlen kann, ich habe ste im Augenblick nicht hier; ich werde Ihnen, wen» es Ihnen Recht ist, :ine Anweisung auf mein Haus ousstelleu, wo Ste die Summe zu jeder Stunde er­heben tonnen.-

Er halte diese Worte ziemlich kalt gesprochen, nm zu zeigen, daß der Verlust von einigen hundert Louisd'or ihm gleichgültig sei, aber er vergab sich nicht das Geringste in der Höflichkeit gegen seinen Gast. Er gab dem Gespräche

D-utfches Reich.

Bertt«, 10. April. Die Kaiserlichen und König­lichen Majestäten verbrachten ebenso wie die Mitglieder der Königlichen Familie nach der am Vormittage voraut- gegangenen Abendmahlsfeier den Nachmittag und Abend des Gründonnerstags in stiller Zurückgezogenheit. Am Charfteitag, vormittags 11 Uhr, fand bei den Kaiserlichen Majestäten ein Festgottesdienst statt, an welchem die Kron- prinzliche Familie und die zur Zeit in Berlin anwesenden Mitglieder der Königlichen Familie teilnahmen, und zu dem auch der Prinz und die Prinzessin Wilhelm von Potsdam nach Berlin gekommen waren. Am Nachmit­tage unternahm der Kaiser, wie auch am vorhergehenden Tage eine Spazierfahrt. Wie bereits bekannt, begiebt sich die Kronprinzliche Familie gleich nach dem Osterfeste auf einige Wochen nach Bad Ems, woselbst der Kronprinz seines Halsleidens wegen eine Kur gebrauchen wird. Es ist dringendster Wunsch der behandelnden Aerzte, daß der Kronprinz während der Dauer der Kur sich möglichste Schonung auferlegt und nur der Herstellung seiner Ge­sundheit lebt. Derselbe wird deshalb während seiner An­wesenheit in dem Badeorte allen Geschäften fern bleiben, niemand empfangen und auch teinerlei Audienzen erteilen. Als Nachfolger des nach Straßburg versetzten Regierungs- Präsidenten Studt in Königsberg wird der vortragende Rat im Ministerium des Innern Geh. Oberregierungs- Rat Heyer genannt. Die kirchenpolitische Vorlage wird voraussichtlich bereits am zweiten Sitzungstage nach Ostern, 20. April, auf die Tagesordnung des Abgeordnetenhauses gesetzt werben. Da der Gesetzentwurf diesmal nicht als abgeschlossenes Werk, das stcy auf eine sichere Mehrheit stützt, an das Abgeordnetenhaus kommt, sondern von ver­schiedenen Seiten Abänderungsanträge zu erwarten sind, so wird Beratung in einer Kommission nicht zu ver­meiden sein, und die Entscheidung wird sich sonach noch geraume Zeit hinziehen, vielleicht auch das Herrenhaus noch einmal mit der Angelegenheit befaßt werden. Der Berliner Korrespondent derTimes" hat erfahren daß der Herzog von Edinburgh bei seinem kürzlichen Aufenthalt in Deutschland formell auf seine Rechte auf den Thron von Sachsen-Coburg-Gotha zu Gunsten seines ältesten Sohnes, des Prinzen Alfred, welcher jetzt in Deutschland für seine künftige Stellung erzogen wirb, ver­zichtet habe. Abgesehen von persönlichen Neigungen, mag der Herzog von Edinburgh eingesehen haben, daß seine Ansprüche als englischer Prinz auf den Thron seines Onkels, so legitim sie auch sein mögen, bei dem hohen

-lue auueie Alcnouug iuu> um dul Gnisvesttzer, ihn in das Haus zu begleiten.

Lelstngen folgte ihm. Die heimliche Freude über den erl-natenGewinn verdrängte seine Verlegenheit rasch nnb er 0ap sich Mühe, sich jetzt möglichst unbefangen zu zeigen, nm dadurch j den Verdacht, daß er den Handelsherrn über, vm teilt habe, von sich abzuwenden. Sein Gewissen sprach ihn ohmdieS von jeder Schuld frei. Seine Grundsätze gingen in dieser Beziehung äußerst weit, und war Je­manden ein Vorwnrf in Betreff des Handels zu machen, so traf er nach seiner Ansicht den Kanfherrn selbst, denn dieser hatte das Pferd gese-ien und gekannt, ehe er eS erstand. Daß er es nicht besser zu schätzen gewnßt, war seine eigene «chuld- »Ec ist Kaufmann,« sprach er zu sich selbst,der muß die Maare, die er kauft, kennen. Ein Pferd ist freilich keine Waare, die sich wiegen und nach Zentnern und Pfunden berechnen läßt. Hut er für Don Juan sechshundert Louisd'or bezahlt, so rotib mein Fuchs wohl auch so viel weit sein. Teure Pferbe fiub ja seine Passion, unb Passionen wollen bezahlt setu.-

Als er nach einiger Zeit sich entfernen wollte, bot ihm der Handelsherr ein Pferd aus seinem Stalle zur H-lmkebr an.Wollen Sie sich eines meiner Pferde bedienen, so stehen ste Ihnen mit Vergnügen zn Gebote,- sprach er. Sie sind zwar weniger schnell als der Fuchs, aber deu bekommen Sie nicht, er mag ausruhen, denn er hat seine Arbeit bereits für heute gethan und ich denke, auch feinen Lohn verdient,- fügte er mit einem Lächeln hinzu, aus dem sich schwer erkenneu ließ, ob eS Scherz oder Ironie sein sollte.

»Ich danke für Ihre Freundlichkeit-, sagte Letzingen.

"uf jeden Fall langsamer als auf dem Fuchs hetm- kehren soll, so will ich den langsamsten Weg wähle» und zu Fuß gehen. Schnell bin ich hei gekommen, langsam will Ich zuruckkehren das find zwei Extreme nnb deibe zn- samm n geben einen Mittelweg, unb Sie wissen, bie Mittel­wege sind bie beften.-

, »Mmr nennt sie beshalb die golbenen," bemerkte der 'n. £b Sie haben recht, was zwischen Ihrer

Heimkehr liegt ist golden, zum wenigsten für Ste.-

Letzingen suhtle ote|e bettete Äu,p.etnug. Er vc.iuchle darüber zu lachen, aber sein G ficht nahm durch das er­zwungene Lachen verzerrte und unangenehme Züge an

Schnell schritt er auf dem nächsten Wege durck den $tU?0 zu. Die letzten bitteren Anspielungen fkh HEU ihn unangenehmer b-rühit, als er

Ab selbst gestehen mochte. Er erkannte aus ihnen haft £mffihÄ^'r b'n Kauf seines Pf rdes ärgere und gegen ^.^.^iöst im Innern erbittert sei, wenn et auch äuß rlick vollige Gleichgültigkeit über den Verlust und die größte Freundlichkeit gegen ihn zeigte. Es lag ihm aber daran, Damkm in freundschaftlicher Stimmung zu erhalten, weil /tzt mehr denn je sein Auge auf dessen Tochter geworfen sh°^.^^ichwohl tonnte er fich nicht entschließen,^auf den so leicht erlangten Gewinn zu v-rzichten.

, .^llen Augenblick lang lagen feine Pläne mit seiner H^acht in Streit. Zur Forderung jener mußte es dienen, S? b/u Kauf auf irgend eine Weise rückgängig machte bt? einmal erlangten Gewinn nicht wieder trennen. Und die Habsucht siegte. Den Gewinn hatte er fest unb sicher in Händen, bie Erfüllung seiner h6 Zukunft. Sie konnte noch durch

verschiedene Zufälligkeiten scheitern, obwohl er entschlossen war, sie mit regstem Elfer zu verfolgen.

^87°E"^?"se?enWünschen entgegen zu kommen. Indem er rasch durch den Park hinsch.itt, bemerkte er Ga­briele, welche auf einer Bank am Wege saß. Sie sab ibn nicht weil sie ihm den Rücken zug^anbt hätte und unbe" ^mochte er ihr zu nahen, da seine Schritte auf dem weichen Rasen kaum hörbar waren.

Das Mädchen hielt einen Brief in der Hand, auf den ihre Äugen gefesselt waren. Unb wie sie ba- in einem einfachen Morgenkleibe. welches ihre schöne Gestalt unge- hinbert hervortreten ließ, wie ihre dunklen Lock n auf den weißen Racken herabfielen, schlug das sonst empfiudungs- U"b "usgelebtt Herz des Mannes wirklich lauter. Er uebte Gabriele nicht, ab r ihre schöne und frische Gestatt ihr lieblich mild.s Geficht übten einen mächtigen R-iz auf ihn aus, der daS Verlauge» nach ihrem B. sitz steigerte.

(Fortsetzung folgt.)

Pusten, welchen er gegenwärtig in der britischen Marine entnimmt, beim deutschen Volke auf beträchtlichen Wider­stand stoßen würde. Noch besteht keine Gewißheit darüber, ob neulich in Gatschina wirklich ein Attentat auf den Kaiser von Rußland versucht worden ist, und schon meldet man demBert Tgbl." von einem neuen Attentat. Das genannte Blatt erhielt folgende, vom 7. April datierte Depesche aus Petersburg: Gestern nachmittag sollte ein neues Sprengbombenattentat gegen den Zaren und die Zarewna auf der großen Morskaja zur Ausführung ge­bracht werde». Die beiden Attentäter, ein junger Mann unb eine Frau, ersterer anscheinend ein Student, wurde» rechtzeitig verhaftet. Wenige Minuten nach der Verhaftung der Beiden fuhr das Kaiserpaar im offenen Wagen über die große Morskaja.

10. April. DieNordd. Allg. Ztg." publiziert «neAnzahl diplomatischer Aktenstücke, die im Sommer 1870 zwischen dem damaligen deutschen Geschäftsträger in Wom, Grafen Arnim, und Fürst Bismarck gewechselt sind Es soll damit bewiesen werde», daß dasVatikanum" und die Unfehlbarkeit nicht Anlaß des Kulturkampfes waren- trotz des Drängens Arnims habe die Regierung strikte Zurückhaltung in dieser Dogmenfrage beobachtet. Daß Fürst Löwenstein, wie er erkläre, einen formellen Auftrag des Zentrums »ach Rom nicht gehabt habe, sei zuzugeben er habe als ornamentales Aushängeschild gedient, während andere, namentlich Lingens, die Geschäfte besorgt hätten.

In unterrichteten Kreisen wird es als Thatsache behandelt, daß das französische Kabinett auf Umwegen ver­sucht hat, den Papst zur Vermittelung zwischen Deutsch- ~nCL und Frankreich auf der sonderbaren Grundlage der Neutralisierung von Elsaß-Lothringen zu bewegen. Selbst- verftandlich sind diese Schritte nicht offiziell gewesen, die französische Regierung wird sich gehütet haben, sich einem offenen Mißerfolg auszusetzen, aber eine Anregung ist dennoch erfolgt, wenn auch nur in den vertraulichsten Formen. Man hat Ursache anzunehmen, daß der Papst 4« begnügt hat, die Vorstellungen des französischen Botschafters beim Vatikan, oes Marquis Lefebvre de Beharne, einfach anzuhören und sie als Privatmitteilungen zu behandeln. Wenn dann Msgr. Galimberti ebenso privatim und leichthin in Berlin von der Angelegenheit gesprochen haben sollte, so wird alles erforderliche geschehen sein, um die Pariser Machthaber in den delikatesten und für sie am wenigsten verletzenden Formen davon zu über­zeugen, daß sie gut daran getha» haben, auf dem Boden der allervorsichtigsten Versuche zu bleiben. Elsaß-Lothringen

Erscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2'/, Mk.. bei den Postämter 2 Mk. 50 Bfg. (erd. Bestellgeld). Jnserliousgebühr für die gehaltene Zeile 10 'Bfg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaur von Haasensteitt undVogler in Frankfurt a. M., Caffd, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a. ®<., Berlin München und Köln; ®. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris

ift und bleibt deutsch, an diesem Refrain ändert auch die sonstige Melodie nichts.

10. April. Ueber das Kaisermanöver

rm Herbst dieses wahres sind folgende Bestimmungen ge- troffen: Die Ankunft des Kaisers erfolgt am 5. September am 6. September findet eine große Parade statt und am 7. das Korpsmanöver. Der 8. September ist der Ruhe gewidmet, die Tage vom 9. bis 10. September sind für die Feldmanöver bestimmt. Während des Aufenthalts des Kaisers im Korpsbezirke wird das Hauptquartier in Königsberg sein. Die große Parade findet auf dem Exer­zierplatz bei Königsberg, das Korpsmanöver und die Feld­manöver der beiden Divisionen gegen einander voraussichtlich nördlich von Königsberg statt. Vom 9. zum 10. September bejieljen sämtliche an den Herbstübungen teilnehmenden Truppen Blvouak.

_ Stratzbirrg, 9. April. Das Ministerium hat be- schlossen, daß die Verfügung vom 31. Dezember 1886 wonach reder, der dem französischen Heere angehört oder zu demselben in Beziehungen steht, eine Genehmigung zum Aufenthalte rn den Reichslanden einzuholen hat, fortan auf alle Franzosen, mit Ausnahme derjenigen, die bereits Lande wohnen, anzuwenden ist. Der nunmehr ge­storbene Reichstagsabgeordnete Kabto hat wiederholt als seinen politischen Nachfolger den Rentner Schmutz bezeichnet, denselben, bet welchem kurz vor der Wahl Haussuchung wegen Verdachtes von Beziehungen zur Patriotenliga und zwar ohne Erfolg, vorgenommen worden war. Die ver­söhnlichen oder versöhnten einheimischen Kreise werden RecWanwalt Petri aufstellen, der bei den letzten Wahlen unterlegen war. Die Deutschen wieder zu einem einheft- lt$en Schritte zusammenzubringen wird diesmal schwer

Schon vor einigen Wochen, als irrtümlich der Dod Kabltzs gemeldet war, schien man in deutschen Kreisen entschlossen, der Wahl sich zu enthalten unb nur wenn man von elsässischer Seite um Bundesgenossenschaft ange­gangen werden sollte, in den Wahlkampf einzutreten. Der Gemetnderat von Straßburg hat beschlossen, den Unter- staatösekretar Back zu bitten, die Geschäfte als Bürger- metster fortzu ühren, bis das im Reichstage einzubringende Gesetz über Aenderung der Gemeindeverfassung in Kraft getreten sein würde. Nach einer Mitteilung des Ministe- nums für Elsaß Lothringen an denStraßburger Manner­gesangverein" hat der Kaiser dem Verein zum Bau eines Sangerhauses eine Beihülfe von 2000 Mk., sowie mit Rücksicht auf das eingereichte AlbumStraßburger Sänaer- haus noch aus der Schatulle einGeschenk von 300 M bewilligt.