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Marburg, Sonnabend, 3. April 1887.
XXII. Jahrgang
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Wochenschau.
So laut und fröhlich es in der vergangenen Woche in der Reichshauptstadt aussah, so still und ruhig war es in dieser. Der Festtrubel von Kaisers Geburtstag hatte keine anderen Spuren hinterlassen, als die Erinnerung, die von nah und fern herbeigeströmten fremden Gäste hatten bis auf einige wenige nahe Anverwandte der Kaiserlichen Familie Berlin wieder verlassen. Kaiser Wilhelm war in , den Festtagen der Rüstigste von Allen gewesen; nach denselben machte sich aber doch die Ueberanstrengung etwas geltend und hinzutrat eine kleine Erkältung, welche sich der Kaiser bei dem Besuch des Opernhauses geholt hatte Nach den Worten der Aerzte legte der Kaiser sich für wenige Tage absolute Schonung auf und enthielt sich der Teilnahme an allen Regieruilgsgeschäften. Das hat sich denn auch als eine vortreffliche Medizin erwiesen und der kaiserliche Herr ist fast ganz wieder hergestellt. Bei gutem Wetter wird er bald seine gewohnten Ausfahrten wieder unternehmen können. — Von den fürstlichen Gästen, welche dem Kaiser ihren Glückwunsch persönlich abgestattet, ist besonders der König von Rumänien in den Vordergrund getreten. Bei der heiklen Lage der Dinge im Orient hat das junge, aber auf gesunder Grundlage ruhende und von einem einsichtigen Monarchen geleitete Königreich eine erhöhte Bedeutung gewonnen. König Karl hatte vor seiner Abreise aus Berlin eine längere Unterredung mit dem
lNachdruck verboten.)
Zrr Ostern.
Eine Erzählung aus dem Hochgebirg.
Das heilige Osterfest war früh ins Land gekommen und rin harter Winter grab ihm voihergegangen. Da lag der Schnee »och dicht in den Bergen und die Wälder beugten sich unter seiner Last. Alles wartete sehnsüchtig auf wärmere Sonnenstrahlen, die als Herolde des Frühlings diesem den Weg ebnen und mit ihren schimmernden Lanze» den bösen Feind in die Flucht schlagen sollten.
Am Bergabhang schmiegte sich das stattliche Dorf; das höchst gelegene Gehöft befand sich uock innerhalb der Schnee- regiou. Sauber hatten seine weiße Flocken das reiche Anwesen geziert und dem reichen Bauer gar umsonst einen Schmuck für seine Gebäude abgegeben. Nimmer rechts wars ihm aber; er schaute schon lang in den Kalender, ob denn nicht endlich der Schnee weichen und warmem Wetter Platz machen müßte. Ganz gleich ists des Bauern Madel, wie die Witterung ausschaut! W-nn die Gertrud auch sonst wohl iu Wirtschaftssorgen aufging und dem Vater die früh verlorene Frau ersetzte, jetzt schauts Madel nimmer darnach. Der steckt etwas Anderes im Kopf! Lted'sgedanken natürlich! Als obs etwas Anderes gab, was einem jungen Blut von zwanzig Jahren so total den Kopf begehen könnt, daß sie in den Milchzuber eine Hanv voll Salz htnetn- werfeu thät!
Der Trude wars just am Tag vor dem heiligen Osterfest passiert! Ihr Bruder, der Franzl, war drüber hinzu- gekommen. Das hatte ein Wetter g-geben, schlimmer als in einer stürmischen Dezembernacht. Die Trude war braunrot geworden, rot vor Scham, dann aber braun vor Zorn. Was giugs so einen dummen Burschen an, daß gerad an diesem Morgen sie den Jäger aus der Försterei am Zaun getroffen, daß der sie umgefaßt und herchaft geküßt h^tte. Nun, einem Anderen hätts die Gertrud auch nicht raten mögen. Aber der Jäger von droben, das war ihr Schatz, an dem sie hing, mit ganzem Herzen seit manchem Tag. Sein sollts uit! Der Vater wollts nit, der Bruder, den die bösen Burschen aus dem Dorf schon zum Wildern verlockt, erst recht nicht, denn der Jäger von droben war der schärfste von Allen. Und der Bauer wollte wieder einen Bauern zum Schwiegersohn haben, aber keinen, der wildem Gewehr den Tag über durch den Wald strich. Und Gertrud wußte es doch ganz gewiß, war er erst ihr Mann, dann gabs gewiß keine» fleißigeren Bauer» im ganze» Land.
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Der höchst interessante Roman
Durch eigne Schuld
beginnt in Nr. 80.
Reichskanzler und hat nun auch mit seiner Gemahlin am kaiserlichen Hofe in Wien einen Besuch abgestatket. Der ganzen Reise des Königs wird hohe politische Bedeutung im Hinblick auf die Gesamtlage zugemessen. — Aus Wien kam auch eine bedauernswerte Mittheilung. Die Gemahlin des Herzogs von Cumberland, des ältesten Sohnes des letzten Königs von Hannover, ist an einem schweren geistigen Leiden erkrankt und ihr Zustand erscheint nicht unbedenklich. — Fürst Bismarck begeht heute, am ersten April, m großer Frische seinen 72. Geburtstag.
Für die in Berlin tagenden Parlamente haben bereits die Osterferien begonnen. Den Anfang machte das preußische Herrenhaus, nachdem es außer der neuen Kirchenvorlage noch die Eisenbahngesetze angenommen hatte. Im Abgeordnetenhaus wird die Kirchenvorlage erst nach Ostern zur Beratung kommen. Nach dem preußischen Herrenhause ging der deutsche Reichstag in die Ferien, nachdem er noch das Kunstbuttergesetz einer Kommission zur Spe- zlalberatung überwiesen, den Reichshaushaltsetat endgiltig angenommen und das bisherige Präsidium definitiv für die Dauer der Saison gewählt hatte. Eine ausnahmslos dastehende Thatsache hat die eben abgelau'ene Sitzungsperiode des Reichstags aufzuweisen: So still und ruhig wie diesmal war es noch nie. Und als Dritter im Bunde trat dann zu guterletzt das preußische Abgeordnetenhaus den holden Ferienweg an. Es hatte nur kleine Vorlagen und Petitionen zu erledigen und erleichterte sich seine Arbeit noch durch wiederholte Pausen. Also — über allen Parlamentstribünen ist Ruh, wenigstens bei uns im Deutschen Reiche, denn außerhalb der schwarz weiß-roten Grenzpfähle gehts noch laut genug zu.
Verschiedentlich wurde behauptet, daß das in Skier- niewice vereinbarte Kaiserverhältnis seinem Ende entgegengehe. Das ist aber unrichtig. Das Verhältnis ist nicht auf bestimmte Zeit geschlossen und dauert also fort, bis Rußland es bricht. Es geht wie im Ehestand! Die Flitterwochen des Kaiserverhältnisses sind längst vorüber, es hat auch schon heftige häusliche Szenen gegeben, aber es wird immer wieder ein Auge zugedrückt, weil es das eigene Interesse gi t. Freilich, was speziell uns betrifft, die Panslavisten-Räsonniererei des Moskauer Geheimrates Katkow gegen Deutschland wird mitunter wirklich etwas
„W ld Ihm die Llev schon aus Dem Kops treiben, belli Jager!- schrie der Franzl. Die Gertrud betrachtete ihn spöttisch von oben bis unten. „O, Du, Du!- Weiter sagte ste nichts, aber es lag genug Hohn darin, um den Franzl rabiat zu machen. Der schwor es sich fest zu: Am Abend wollte er drobm in den Beigen mit dem Jäger ei» Wort unter vier Augen reden, und führte keine andere Sprache zum Ziel, dann gab Pulver und Blei just den rechten Ton an.
„Du, Du!« lachte Gertrud nochmals spöttisch. Und da stand fest in ihm der Vorsatz, fest wie die Felsen. „Du Du!- brummte der starke Buische vor sich hin und schüttelte seine Arme. „Wanns an der Zeit, werden wir abrechnen, aber für alle Zeiten!- Davon merkte die Gertrud nichts, und ste dachte nur an das nächste Wieders hen. Ja, es gab reichere Bmschrn, aber k inen so gut, treu, li.b und männlid, wie er! Von ihm lasten, wells der Bruder sagt? Just nun erst recht nicht, heut nicht, morgen nicht und keinen Tag! I
Der Franzl mußt ganz genau, wenn der Jäger Andreas iu den Abendstunden aus dem Revier ins Dorf heimkam, und als tg leicht zu dämmern begann, stahl sich der Bursche aus dem Hofe und schlich tu die Berge.
Ein paar tausend sch ilte vom väterlichen Gehöft mußt er eine gute Stelle hinter einer schroffen Felswand, öd uud einsam und gemieden, dort mußte der Andreas vorüber und dort konnte er mit ihm eine deutliche Sprache sprecheeu. Der Lump seiner Schwester Mann! Da gavs denn doch noch andere Leute! Drunten im Dorf der reiche Ignaz, das war so ein Mann uns der hatte auch noch eine seine, bildsaubere Base im Hause, das konnte eine Dopp lvochzeit geben, von der man sechs Stunden im Umkreis sprechen mußt! Jus!
D r Bu sch mit s iner Büchse wartete lange Zeit, aber der Jager kam nimmer. Da stieg er höher iu die Berge hinein, je wester vom Dorf ab, um so b sser wars. In seinem Elfer und ärgerlichem Ingrimm achtete er auch gar "T J>a,auf' daß d r Htmm.l sich zu verdunkeln begann und Wtndstöß durch die Baumwipfel brausten. Alles kündigte einen Wetterums; lag an. Höher und höher stieg der Franzl, und bet jedem Tritt sagt er sichs in Gedanken immer wieder: „Glauben muß er dran!'
®a”8 dunkel wars inzwischen geworden. Der Franz! i ljatte nicht recht auf den Weg gea'tet, er ward all - ählich i A"de und s. tzte fich am Weg unter einen vorhängendeu 1 Felsblock. Ja den Lüften wetterte und stürmte eg. Da
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1 struppig. Katkow wird nun in Petersburg vom Craren ' "neu kleinen Verweis bekommen. Weiterschimpfen wird 1 allerdings doch; die russische Regierung kann es auch 1 uscht recht riskieren, dem Zankteufel einen gehörigen Fun« tritt zu geben. Er hat zu großen Einfluß und besitzt zu ; viele Gönner Sie kann sich aber auch nicht wundern wenn m Deutschland das rechte Vertraueir zu seinem östlichen Nachbar nicht wiederkommen will.
. Das Nücktrittsgesuch des Staatssekretärs von Hofmann in Straßburg ist genehmigt. Vorläufig wird der Posten nicht wieder besetzt. Im Reichslande selbst geht die Regierung andauernd mit strammen Polizeimaßregeln gegen alle Franzosenfreunde vor und räumt unter diesen gewaltig auf Wahrend der Osterferien wird wohl das neue Gesetz über die Reform der Verwaltung im Reichslande fertig gestellt "^den. — Auch die neue Branntweinsteuervorlage wird sich bald nach den Ferien dem Reichstage präsentieren. Ausgearbettet und dem Reichskanzler vorgelegt ist sie bereits' Fürst Bismarck konferiert gegenwärtig mit Herrn Miquel Auch der preußische Landtag wird seine Steuerdebatten nach dem Feste haben, denn die Konservativen haben im Abgeordnetenhause bereits einen Antrag auf Reform der direkten Steuern eingebracht. — Die Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Varel ergab eine Stichwahl zwischen dem freisinnigen und nationalliberalen Kandidaten. “
Bei unserem Bundesfreunde Oesterreich machten hohe Ordensverleihungen an die Minister Graf Taaffe, von DunMski und von Gautsch viel von sich reden; die drei Herren hatten kurz zuvor ihren Strauß mit dem öster- reichlschen Abgeordnetenhause gehabt und es ist klar also daß Kaiser Franz Joseph ihnen für die erhaltenen Angriffe eine Genugthuung gewähren wollte. Das Abgeordneten, Haus hat denn auch Reue über seine Missethaten empfunden und die hart umstrittene Bankvorlage schließlich unverändert in oer Regierungsfaffung angenommen. Der Wiener Anarchlstenprozeß ist beendet. Die Angeklagten haben bis zu zwanzig Jahren schweren Kerker erhalten. In Ungarn haben die edlen Magyaren wieder einmal große Pläne Sie wollen die magyarische Sprache, die der geringste Teil der Soldaten nur versteht, zur Armeesprache machen. Immerzu! Wenn es dann einmal Ernst wird und die Truppen vorm Feind stehen, dann zieht jeder Soldat sein ktaugtn auch Schritte vom Beigpsad hinab, fest-, schwere Ser Franzl sprang auf und def in die Nacht hinein- „2Ber kommt?" — „Andreas, der Jäger!- antwortete eine laute Stimme.
„Grad der Rechte!' knirschte der Bursche, „hab mit Dir zu reden! Von wegen meiner Schweiftet!-
«Kanns mir nit denken, daß sie just Dich zum Boten erwählt haben sollt!- antwortete der Andere ruhig
„Kannst sie so genau!- lachte Franzl höhnisch. „Und daß Dus nur weist! Aus ists mit Euch Beiden, g7nz aus" . -Wer sagt das?- fragte Andreas kaltblütig. „Ich weiß mx davon! w
"Ja, sags!" schrie der Bursche grimmig, seine Waffe fest in die Hand nehm nd. "
„Du?" lachte der Jäger. „Geh nach Haus, Franzl und misch Dich nicht in solche Sachen!' V
»Nimm Dich in Acht!" schrie der Wütende. „Gleich sagst, daß der Gerttud den Kopf nicht mehr verdrehen willst oder um Dich ists geschehen V* '
Der Jäger antwortete nicht durch Worte; aber rasch sprang er vor, entriß dem Gegner die geladene Waffe, ehe dieser an Verteidigung dachte, und warf sie in den Ab, gründ. Während er fich bei dem letzteren Vorhaben aber halb abgewendet, hatte der ILberfaHene sich besonnen, ein Messer blitzte in feiner Hand und mit wütendem Aufschrei warf er sich wider den Jäger. Andreas war ein sehr stai ker Mann, aber der wuchtige Anprall warf ihn doch zu Boden. Franzl fiel über ihn. Dem Jäger aelaug es, die rechte Hand seines Feindes, welche das Messer hielt, zn fassen, so daß der Bursche nicht zustoßen konnte. Knirsch nd und stöhnend rangen die beiden Gegner auf dem schneebedeckten Boden mit einander, während der Frühjahisstuim gewaltig durch die Berge sauste und braust !
Da in der Höhe, welches feltfame Krachen und Donnern? Keiner der beiden am Bod-n liegenden Männer acht.te darauf, fie setzten ihren Kampf mit steigender Wut fort. Uad Jefct kams herabgeprasseli und gebraust mit schauerlichem Klang, eine Schneelawive, Baumstämme und Felsblöcke mit sich reißend. Ein einziger g ll »der Schrei entfuhr der Bi Ust der beiden Todfeinde, im selben Momente war der Kampf auch beendet, Beide sprangen seitwäus, — aber zu spät; im nächsten Augenblick Kaufte die schwere Last über ste hmfort und begrub ste unter ihren Trümmern. Siill wars auf dem Kampfplatz, nur der Simm heulte weiter durch die Lüfte.------------
(Schluß folgt.)
Anzeigen nimmt entgegn die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Burkanx von Haasensteni undVogler in Fiankfurt a. 3)1., Cassel, Magdeburg und Wim; Rudolf Moffe in Frankfurt ♦ a. M., Berlin,München und
Köln; G- S. Daube und Co. in Frankfurt a. M-, ___ _____________ _________Berlin, Hannover u. Paris.
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg «. Kirchhain. - Illustriertes Sonntaasblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. "