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Rr. 75
Marburg, Mittwoch, 30. März 1887.
XXII. Jahrgang
AkchejW Jritinij
Japan 3, Zentral-Asien 1, zusammen 23; III. Amerika: Britische Besitzungen in Norv-Amerika 5, Vereinigte Staaten von Nord-Amerika 60, Mexiko 8, Central-Amerika 8 Süd-Amerika 11, zusammen 92; IV. Afrika 10; V. Australien 6. Alles in allem sind es also nicht weniger als 1648 Gratulationen, welche der Telegraph Sr. Majestät zum 22. ds. Mts. übermittelt hat. — Dem Feldmarschall Moltke sind in der Audienz, welche er am 22. März beim Kaiser hatte, nach der „Kreuzztg", die Brillanten zu dem Sterne der Groß-Komthure mit Schwertern des Hausordens von Hohenzollern verliehen worden. Der Fürst-Reichskanzler befindet sich bekanntlich schon im Besitze dieser hohen Aus- Zeichnung. — Nach dem jetzt vorliegenden Resultat der Reichstags-Nachwahl im 2. oldenburgischen Wahlkreise (Varel) * ist Stichwahl zwischen Träger (deutschfreisinnig) und Thünen (nationalliberal) erforderlich. — Die „Neue Reichs - Korresp." schreibt: Gegenüber einer angeblich Berliner Korrespondenz des Pariser „Figaro" nach welcher die Beteiligung Deutschlands an der internationalen Ausstellung in Paris im Fahre 1889 in sicherer Aussicht stunde, können wir unsere neuliche Mitteilung, daß weder für die deutsche Industrie, noch für die deutsche Kunst eine Beteiligung ins Auge gefaßt ist, voll und ganz auf. recht halten. Was aber die Meinung der „Republ. frantz." betrifft, wonach die deutsche Regierung den diesseiligen Handels- und Gewerbetreibenden wahrscheinlich volle $rei= ^eit lassen werde, sich auf ihr eigenes Risiko an der Ausstellung zu beteiligen, so können wir versichern, daß unsere industriellen keinerlei Neigung verspüren, auf eigene Hand an der Pariser Ausstellung Teil zu nehmen.
Kiel, 28. März. Die Stadt Kiel brachte gestern "bend dem Prinzen Heinrich einen Fackelzug, an welchem sich 2500 Fackelträger mit 10 Musikkorps beteiligten. Auf die Ansprache des Oberbürgermeisters, in welcher derselbe dem Prinzen anläßlich dessen Verlobung die Glückwünsche der Stadt aussprach, dankte der Prinz in bewegten Worten und schloß mit einem jubelnd aufgenommenen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser.
Köln, 28. März. Die „Köln. Ztg." berichtet über eme gestern stattgehabte Unterredung ihres Berliner Berichterstatters mit dem päpstlichen Gesandten Galimberti: „Im Verlaufe einer längeren Unterredung, die ich heute mit dem päpstlichen Abgesandten Monsignor Galimberti hatte, wurde ich von demselben ermächtigt, die Erklärung zu veröffentlichen, daß nach Ansicht des heiligen Stuhles mit der Annahme
am „Grauen Wolf- bemerkt zu Haven. Ach Gon, §rrtz,Fntz. .•
J<6 indessen nur im Stande war, irgend etwas zu ermibern, griff Freund Schellhorn nochmals rettend in den Gang der Singe ein und bemerkte mit mildestem Tone:
»O, beste Frau Oekonomierätin, es handelte sich, wie ich mir schon erlaubte hervorzuheben, nur um ein leichtes Fieberchen, das lediglich einige Tage Zuhausebleiben und eine angemessene Diät erforderte, und um Sie und Ihren werten Herrn Gemahl nicht in unnötige Besorgnis zu stürzen. A"^e ,es Fritz auf ausdrückliche Anordnung des Herrn Dr.-Windmeier uMerlassen, Ihnen Mitteilung von seinem Unwohlsein zu geben . . . aber, ich verstehe nicht, verehrte Fran, was Sie da von irgend einer Szene am „Grauen Wolf erwähnten und womit Sie den Namen Ihres Herrn Sohn in Verbindung zu bringen beliebten."
Diese wohlangebrachte direkte Aufforderung veranlaßte denn Mama, das ihr und ihrer Freundin widerfahrene Abenteuer in der Kutsche zu erzählen und es ist wohl kaum notig, besonders zu versichern, daß Mama meine Serbin. bun08bruber ob ber seltsamen Promenade durch die Kutsche mit Ausbrucken belegte, welche mehr als hinlänglich von der Entrüstung der »Frau Oekonomierätin" zeugten. Als sie aber nun hierbei der fabelhaften Aehnlichkeit zwischen dem letzten ber „Kutschensturmer" unb mir gedachte, inter» benierte der vermeintliche Jünger Aescnlaps zum dritten Male zu meinen Gunsten, indem er, ein herzhaftes Gelächter ansstoßeud, meinte:
„Da hat der arme Fritz seinem Doppelpänger wieder einmal etwas Nettes zu verdanken! Sie müffen wissen verehrte Fran, baß 'seit letztem Semester hier in X. ein lunger Mann studiert, ber eine wirklich frappante Aehnlichkeit mit Ihrem Herrn Sohu besitzt unb ba ber betreffenbe junge Manu ein rechter Leichtfuß ist, so kommt es gar nicht filten vor, oaß bie Streiche, bie er macht, Ihrem F itz aufs Konto geschrieben werben, sobaß Fritz ben Herrn schon ein» mal vor di Klinge hat fordern massen unb . . . .«
„Ach Gott, Fritz," fuhr bei biefer Stelle in den Ausführungen des vortrefflichen Sch llhoru Mama von ihrem seflel auf, „diese abscheulichen Stechereten ... mir wird da ganz plümerant vor den Augen, wenn ich nur daran beute .. . . Fritz, Du mußt es mir fest versprechen, Dich nie roteber auf Eurer Mensur ober wie es Ihr sonst nennt, herumzuhanen unb Herumstechen. . . ." (Schluß folgt.}
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Durch eigne Schuld.
Spannende Handlung, fittenreine Tendenz, schöne Sprache, tiefergreifenbe Darstellung sind die Hauptvorzüge dieses Familienromans im v Usten Sinne des Wortes aus der Feder des genialen Schriftstellers
Friedrich Friedrich.
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Die rettende Schwitzkur.
Humoriftifche Erinnerung eines „allen Hauses". (Fortsetzung)
Die nochmalige Empfehlung zur Eile hörte ich kaum mehr, denn ich sauste spornstreichs meinem Quartier in ber .©innen Gasse" zu; unterwegs gelang es mir leicht, bie btet „Vandalen" zu der ihnen zugedachten Rolle zu über, reben unb so ruckten wir benn vier Mann hoch auf meiner „Bude ein. Nietn „Hausphilister" ober Ouarüerwirt, ber brave Tischlermeister Meixner, sowie ber „Besen", vulgo otenftbare Geist Hannchen nahmen verständnisinnig ihre Instruktionen entgegen, benen zufolge ich als fett einigen Tagen bettlägerig gelten sollte und nun ging es au bie weitere Komöbt^ bie ich — leider, letber — vor den Augen LL^u Frau Mama jebeusalls aufführen mußte. Zunächst warben alle Fenster im „Krankenzimmer" ge- faloffen, woraus ich mich in mehrere Decken ein. Pocken ließ, unb um ben nötigen Schwitzprozeß zu beschleunigen. bereitete einer ber „teilnehmenden" Vandalen einen starken, heißen Gog, von dem ich rasch einige Gläser hinunter,lürzte. Und ob ich nun schwitzte! Draußen herrschte das prächtigste Juniwetter, so etwa zwanzig Grad Reaurnnr und ich lag inmitten eines Wulstes von Federbetten mit vier oder fünf Gläsern eines steifen Grog im Leibe, ba . natürlich lies mir ber gewünschte Schweiß halb stromweise von der Stirn unb überhaupt b.gann ich mich so unbehaglich, wie nur möglich zu fühlen. Aber bas war nur bie gerechte Strafe für bie kecke „Kouischneiderei" in der Sutfclje und überdies mußte ich nun auch durchführen, was tch einmal begonnen; trotzdem verwünschte ich immer unb immer wieder meine Situation, bie mir um so unerträg- 018 /'ch die drei „Freunde auf Kranken- befud) inzwischen ein paar K-uge mit schäumenden Bier patten „kommen lassen unb sich ganz wohlgemut zu bem lanbesudlichen schonen Bier-Ramsch neben mir niederließen — es war znm Bei zweifeln!
.. Da e.klangen Schritte auf der Treppe, leise öffnete fich die Thür, Hannchen steckte einen Augenblick ihr Gesicht mit einer höchst bezetchnenben Geberoe herein, um wieder zu verschwinden und dann meine Frau Mama hereinzuschieben. Mama blickte erst bte drei tamfdfptelenben Sanbaien, die sich Ht ehrerbietig erhoben, unb bann mich, ihren schwitzen- beu filiue in bem umfangreichen B ttgehäuse mit einem
SeuWjeä Reich
' Berit«, 28. März. Der Kaiser nahm heute den Vortrag des Geh Kabinettsrats v. Wilmowski entgegen — Die Kaiserin empfing heute nachmittag den päpstlichen Abgesandten Mgr Galimberti und den Abgesandten des Sultans Ali Nizami Pascha in Audienz und machte da- rauf eine L>pazierfahrt. — Die Einsegnung der beiden jüngsten Prinzessinnen-Töchter des Kronprinzen und der Kronprinzessin wird, wie wir erfahren, am 5. April in der kleinen Hauskapelle des hiesigen kronprinzlichen Palais stattstnden. Zur Teilnahme an dieser Feier kommt auch Se. konigl. Hoheit der Prinz Heinrich um diese «eit von Äiel wieder nach Berlin. — Wie groß die Zahl der Glückwunsch-Tell gramme ist, welche an unseren Kaiser aus Anlaß seines 90. Geburtstages aus allen Weltteilen gerichtet worden sind, das zeigt folgende Zusammenstellung: I. Europa: Deutschland, inkl. Preußen 1297, Rußland 36 Oesterreich Ungarn 37, Rumänien 7, Türkei 4, Italien 19 Schweiz 18, Spanien 4, Portugal 1, Frankreich 7, Grok brttannien und Irland 51, Belgien 6, Niederlande 16 Dammark 3 Schweden und Norwegen 11, zusammen 1517; II. Asten: Türkei 4, Indien 11, China 4 und
ber jetzigen kirchenpolitischen Novelle die Beendiquna des Kulturkampfes und der endgiltige Abschluß des Friedens zwischen der Kurie und der preußischen Regierung sich vollziehe. Durch die neuen Gesetze seien der katholischen Kirche in, Preußen alle wesentlichen Bedingungen zugestanden, die für die Freiheit und Unabhängigkeit und die Verfassung der Kirche notwendige Voraussetzungen seien. Selbstredend sei damit nicht gesagt, daß nunmehr durch die Gesetzgebung auch sämtliche kleinere Wünsche erfüllt waren, die für die Entwickelung der kirchlichen Interessen zu hegen seien. Nicht einmal in katholischen Ländern, wie m Belgien, Frankreich u. s. w. seien alle solche Wünsche erfüllt. Aber die Hauptsache sei, daß alle wichtigen und grundlegenden Punkte der Kirche eingeräumt seien — sogar m höherem Grade, als man habe erwarten können — baP damit auch der Grund zur gegenseitigen Bekämpfung weggefallen sei und daß für alle weiteren Fortschritte, die sich zu Gunsten ber Kirche entwickeln könnten, nicht mehr der Weg des gegenseitigen Ringens, sondern der freundlichen diplomatischen Verständigung sich ergebe. Diese neue Lage werde sich auch hoffentlich bald bei den Vertretern ber kirchlichen Rechte im Lanbtage uno in ber treffe geltend machen. Denn es sei naturgemäß, baß die Erfüllung aller solchen kleineren Wünsche, wie er sie im Sinne habe, sich um so länger verzögern werde, je länger sich bte Gestaltung eines freundlichen Verhältniffes zwischen Zentrum und Regierung verzögere. Herr Galimberti erkannte wiederholt an, daß die Beziehungen zwischen dem Vatikan und der preußischen Regierung die allerbesten seien, wie schon die Thatsache seiner Entsendung zur Feier des neunzigsten Geburtstages Kaiser Wilhelms beweise. Die preußische Regierung sei auf Grund der erzielten gegen» fettigen Verständigung und des wechselseitigeit Vertrauens Überaus loyal verfahren, und der päpstliche Stuhl hege auch das Vertrauen, daß dieses freundschaftliche Zusammengehen von Dauer sein werde. Herr Galimberti hat während semes hiesigen Aufenthaltes wiederholt Gelegenheit gehabt, nut den Führern des Zentrums eingehend die gegenwärtige ktrchenpolilische Lage zu besprechen und ihnen die Auffassung des heiligen Stuhles darzulegen. So bleibt zu hoffen, daß der feierliche Anlaß, der ihn hierhergeführt hak, auch dazu dienen wird, den inneren Frieden in unserem Vaterlande SU fordern und zu erneuern." — Heute abend kehrt Monsignor Galimberti, der hier in allen Kreisen eine Überaus liebenswürdige und entgegenkommende Aufnahme
Wöchentliche Beilagen: Kreis - Blatt f.d. Kreise Marburg «.Kirchhain. -
___ Expedition Markt 81. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Ausdrucke an, der, ich maß gest hen, an Verbiüfftyeu grenzte, fo daß ich mich schleunigst in das Kopfkiffen vergrub, nm «in in diesem entscheidenden Momente jedenfalls sehr gefährliches Lachen zu verbergen. Glücklicherweise erfaßte der eine ber Vandalen, ein „altes Semester", bem überdies eine ®nue unb ein prächtiger Vollbart ein ziemlich vertrauenswürdiges Aussehen verliehen, bie Situation vollkommen. Er machte vor Mama eine elegante Verbeugung, griff nach meinem Handgelenk, als ob er mir ben Puls fühle unb sagte mit gedämpfter Stimme:
„Ah, Frau Oekonomierätin wollen sich selbst einmal von bem Befinden des werten Herrn Sohn überzeugen, bie Gefahr ist vorüber! Zu meiner — unb gewiß auch Ihrer Freube — kann ich, als augenblicklicher Vertreter bes Herrn Dr. Winbmeier, Ihnen die bemhigeube Mitteilung machen, baß bas gastrische Fieber, von welchem Ihr Herr Sohn, unser lieber Kommilitone, vor einigen Tagen befallen würbe, so ziemlich roieber geschwunben, unb baß die Schwitzkur^ welche Dr. Windmeier anorbnete, oon wohlthättgster Wirkung gewesen ist. Ich glaube, baß Ihr Herr Sohn bei ft erger Befolgung ber bisherigen Diät bereits morgen bas Bett wieder verlassen können wirb, für heute ist es selbstver- stanblich, baß er nicht nur bas Zimmer, fonbern auch noch' das Bttt hütet, es könnte sonst vielleicht doch ein bedenklicher Rückfall eintreten. Im übrigen glaube ich, wird dem Patienten ein leicht gedämpftes Täubchen, in etwa zwei Stunden genossen, und gegen Abens eine gute Bouillon- suppe nichts schaden; mit den Getränk-n, denke ich, fahren wir noch ein paar Tage fort, wie bisher, also Limonade mit Wasser."
Ich staunte den Pseudo Doktor — es war kein Mediziner, sondern ein Philologe, Xsemester-Philologe nam-ns Schell- Horn — ob dieser Reben an . . . bte beiben anberen Vandalen steckten sehr gesetzte Mienen auf . . . Mama km nte N4 ledenkalls noch nicht zurecht finden, immer wi, der schaute sie mit einem ganz fonberbaren Ausdruck auf mich hin, bis fie endlich sich in den Stuhl niederlassend, den ihr Schell- horn galant präsentierte, ihren fie bestürmenden Gefühlen in den Worten Luft machte: ■
Wie, Fritz, Du ... . bist krank.... aber warum hast Du denn nur niemals eine Silbe geschrieben . . . . und doch, .... wie ist das benn nur . . i . ich glaubte, Dich doch ganz gewiß unterben schrecklichen M üschen
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattas, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogl« in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wj«,; Rudolf Mosse in Frankfurt ♦ a. M., Berlin.München und Köln; G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. R., Berlin, Hannover u. Paris.