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Rr. 73

Marburg, Sonntag, 27. März 188t

xxn. Jahrgang.

GtlWschr jritinig

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. l>. Kreise Marburg u. Kirchhain.

___________ Ekprditiou Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Lug. «och.

Erstes Blatt

Wilhelm an der Hoffnung festhält, es werde der Tag. kommen, wo auch Frankreich, wie vordem Oesterreich-Ungarn, den Status quo anerkennen und an der Aufrechthaltung des Friedens in Europa im Bunde mit den beiden Friedens- machten mitarbeiten werde.

Äuslaus.

Paris, 25. März. Der ehemalige Kriegsminister 40 l£, gestorben. lFarre war während des Krieges 187071 Generalstabschef der von ihm organisierten Icordarmee unter General Faidherbe. Nach Ansicht der hleirgen klerikalen Presse kommt Fürst Bismarck in seiner Kirchenpolitik der Kurie noch lange nicht weit genug ent-

Polittsche Rundschau.

Deutschland und mit ihm die gebildete Welt aller Zonen steht noch unter dem Zauber, den die nun hinter uns liegenden Festtage auf das Gemüt auch des kältesten Ver­standesmenschen ausgeübt haben und es bedarf eines festen Enlschluffes, um von dieser Festesstimmung zu den Be­schäftigungen des Politisierens und Kritisierens zurückzu- kehren. Wer Augen hatte zu sehen, Ohren zu hören, und wem es nicht an gutem Willen gebrach, weise Lehren zu ziehen aus den begeisterten Kundgebungen, welche dem neunzigjährigen Friedenshelden dargebracht wurden, der konnte sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß die Majestät des Kaisers Wilhelm nicht nur seinem Volke, sondern den Fürsten und Völkern der Erde der Gegenstand dankerfüllten und ehrfurchtsvollen Staunens ist. Gebietet schon die Person eines neunzigjährigen Helden, dessen Aller über das als die äußerste Grenze des menschlichen Lebens bezeichnete 80. Jahr um ein Jahrzehnt hinausreicht, scheue Bewunderung, staunende Verehrung, so muß es als ein der Mit- und Nachwelt nachgerade wundersames Er­eignis angesehen werden, daß die Fürsten und Völker der Welt gerade für dieses höchste Alter des deutschen Kaisers

.-J 3U ^ch verpflichtet fühlen und dem Kaiser aus tioUem Herzen noch eine Reihe ungetrübter Jahre vom Himmels erflehen. Kaiser Wilhelm halle den sittlichen Mut, die erhabene Denkungsart, nach den großen Siegen, nach der ununterbrochenen 'Reihe glorreicher Schlachten wieder alle Erfahrung, welche bisher die Weltgeschiqte zu verzeichnen hat, eine Aera des Friedens und der Versöh- mang der Völker zu inaugurieren. Preußen siegt im Kampfe um die Hegemonie in Deutschland gegen Oester­reich und führt seine siegreichen Truppen nach einem nur wenige Tage andauernden Kriege bis unter die Mauern Wiens; aber es beschränkt freiwillig seinen Siegeslauf und glebt nach dem Friedensschluß solch unzweideutige Zeichen ter Freundschaft und Verehrung für den Nachbar, daß oer Kronprinz Oesterreichs an dem 90jäbrigen Geburtsfeste des Kaisers Wilhelm in besonders herzlicher Weise teilnimmt. Nach dem glorreichen Feldzuge gegen Frankreich wurde von Seiten des siegreichen triumphierenden deutschen Kaisers nicht die bru- taleKonsequenzdesSiegersundEroberers gezogen; Deutschland ! ward keineswegs zur Geißel des Menschengeschlechts, welches unter dem Drucke des von Siegen und Ruhm berauschten Herr- !§*?? >eufzt > unter der glorreichen erhabenen Führung seines Kaisers eiferte es allen Völkern voran im Wettbewerbe um die Palme friedlicher Eroberungen auf dem Gebiete der Wissenschaften, der Künste, des Handels und der In­dustrie. Die ganze zivilisierte Welt blickte staunend auf den erhabenen Monarchen auf dem Kaiserthron, dessen milder Sinn den beinahe verloren gegangenen Glauben an die Vortrefflichkeit monarchischer Prinzipien und Ein­richtungen zu neuem Leben weckte und dessen opferfreudiger I Berufseifer in der Ausübung des erhabenen Amtes eines Herrscher und obersten Kriegsherrn für alle Zeiten dm Fürsten und Herrschern der Welt zum glänzendsten Vor­bild dienen werden.

Die geradezu überwältigenden Eindrücke, die Leffeps während fernes Aufenthaltes in Berlin von der erhabenen Person des deutschen Kaisers empfangen hatte, bewirkten bei diesem geistesfrischen und kühn denkenden Franzosen, er ungeachtet des furchtbaren Zornes des chauvi- nistischen -veiles feiner Landsleute und des Sturmes der I in den Spalten der Pariser Blätter niederging, mit Be­geisterung über den deutschen Kaiser und über das deutsche Volk sich aussprach. Mit Recht nannte Leffeps Frankreich die natürliche Freundin Deutschlands; Frankreich sei auf Deutschland, auf seinen ftiedlichen Nachbar, direkt hinae- wiesen und nur eine Fülle von Mißverständnissen könne ' zwei derartige sich ergänzende Kulturvölker in Feindschaft zu einander sich bewegen laffen. Auch Frankreich gegen­über hat der Friedensfürst Kaiser Wilhelm zu wiederholten Malen die wohlwollendsten Gesinnungen an den Tag ge­legt, wiederholt beteuert, daß er den Kampf gegen den unruhigen Nachbar unter dem IIL Napoleon nicht gesucht habe, daß er mit dem nunmehrigen Frankreich in Frieden zu leben wünsche und entschlossen sei, allen Verlockungen trotzend, den Versuch zur Versöhnung der beiden Völker nicht aufzugeben. Der Empfang des Boffchasters Her- bette fowohl, wie derjenige, der Herrn Leffeps, als un- offiziellen Vertreter des französischen Esprit, der fran- Mschen Arbeitskraft zu Teil wurde, hat gezeigt, wie Kaiser

Deutsches Reich.

Berlin, 25. März. Die Eröffnung der großen Kunst­ausstellung der Akademie ist auf den 31. Juli festgesetzt. Der neugewählte Stadlkämmerer, Regierungsrat Maaß, hat die staatsbehördliche Bestätigung erhalten und wird am nächsten Donnerstag in sein neues Amt eingeführt werden. I " Die Unterrichtskommission des Abgeordnetenhauses be- fthloß betreffs der Petitton des Vorsitzenden des Rheinischen Bauernvereins, Frhrn. v. Loch für die Kinder der länd­lichen Bevölkerung der Rheinprovinz die Ausdehnung der I Schulpflicht auf das vollendete 14. Lebensjahr zu beseitigen, dem Plenum die motivierte Tagesordnung vorzuschlagen. 3 eingehender Erörterung kamen dann in der Kom­mission die Petitionen, welche die von uns mehrfach er­wähnte Anordnung des Ministers der öffentlichen Arbeiten I wieder beseitigen wollen, welche den Abiturienten der Oberrealschulen die Berechtigung zum Studium des Bau- fachs wieder entzieht. Es wurde schließlich gegen 1 mit 14 Stimmen folgende Resolution angenommen:In Rück­sicht darauf, daß es dringend wünschenswert ist, die Vor- schrlften über die Vorbildung für den Eintritt in den Staatsdienst einer allgemeinen gesetzlichen Regelung zu unterwerfen, beschließt die Kommission, diese Petitionen der konigl. Staatsregierung zur Berücksichtigung zu überweisen."

~ (Militärische Avancements) haben in Folge der Neuformationen in der preußischen Armee stattgefunden: 8 Beförderungen zu Generallieutenants, 1 zum General- I wajor, 2 zu Obersten, 50 zu Oberstlieutenants, 61 zu Mafors, 221 zu Hauptleuten bezw. Rittmeistern und 359 zu Premierlieutenants. Auf die Infanterie entfallen 1 Beförderung zum Oberst, 29 zu Oderstlieutenants, 34 zu Majors, 163 zu Hauptleuten und 266 zu Premierlieute­nants; auf die Kavallerie, bei der bekanntlich Neufor- mattonen nicht stattgefunden haben, 1 zum Oberst (Prinz Heinrich IV. Neuß, ä la suite der Armee), 12 zu Oberst- lieutenants, 5 zu Majors, 8 zu Rittmeistern und 13 zu Premierlieutenants; auf die Feldartillerie 2 zu Oberst- liculenants, 15 zu Majors, 32 zu Hauptleuten und 53 zu Premierlieutenants'; auf die Fußartillerie nur 2 zu Ober,t- lieutenants und 2 zu Sekonolieutenants; auf Ingenieure und Pioniere 5 zu Oberstlieutenants, 2 zu Majors, 7 zu Hauptleuten und 11 zu Premierlieutenants; auf den Train endlich 5 zu Majors, 11 zu Rittmeistern bezw. Haupt­leuten und 14 zu Premierlieutenants. In den Train ist außerdem eine sehr beträchtliche Zahl von Offizieren der Artillerie und Infanterie versetzt worden. Infolge des ! Avancements ist bei der Infanterie ungefähr die Hälfte der Hauptleute aus 1875 zu Majors befördert, bei den Premierlieutenants sind fast alle im Kriege 1870/71 zu Offizieren Beförderten avanciert, und bei den Sekondlieu- tenants ist der Jahrgang 1876 ganz und 1877 mit geringen Ausnahmen erschöpft, während aus 1878 nur vereinzelt Avancements stattgefunden haben. Bei der Feldartillerie I finb von den Hauptleuten die aus 1875 (Sekonolieutenants I seit 186365), von den Premierlieutenants die aus 1880 und zum Teil aus 1881 (Sekondlieütenants feit 1870/711 und von den Sekondlieütenants die aus 1876 und erst I vereinzelt aus 1877 avanciert. Der Train hat bei der Beförderung zu Premierlieutenants zwei Jahrgänge über­wunden und schon das Ende des Jahrganges 1878 erreicht; desgleichen avancieren bei den Ingenieuren bereits Lieute­nants aus Oktober 1878. Außerordentlich lebhaft ist dagegen das Avancement in der sächsischen Armee gewesen. Hier registrieren wir 1 Beförderung zum Generallieutenant (v. Holleben, der die neu errichtete Division erhalten hat) 4 zu Generalmajors, 6 zu Obersten, 18 zu Oberstlieute- uants, 33 zu Majors, 45 zu Hauptleuten bezw. Ritt- meistern und 65 zu Sekondlieütenants. Alle 1866 zu Offizieren Beförderten mit wenigen Ausnahmen sind bereits zu Majors, alle aus 1874 zu Hauptleuten und alle aus 1881 zu Premierlieutenants befördert, so daß das Aance- ment um ca. 4 Jahre gegen das preußische voraus ist.

Marburg, 25. März. (Strafkammer.) Der 21jährige Tagelöhner Johann Jeremias Paulus zu Schreufa wurde I "egen schweren Diebstahls, Sachbeschädigung und Mund- I ^ubes zu 1 Jahr und 3 Tagen Zuchthaus und in die Kosten des Verfahrens verurteilt, demselben auch die bürger- I ijshen Ehrenrechte auf die Dauer von 2 Jahren aberkannt. I Derselbe war zu Hof Treisbach, auf welchem er seiner 8eit I als Knecht gedient, durch ein Fenster eing< stiegen und hatte aus dem Zimmer der Knechte eine Anzahl Kleioungs- I PÜtte, Eßwaren und einen kleinen Geldbetrag entwendet Der SchremergeseUe Peter Gerhard, geboren am 4. Atai I 18 o«nt Breits 11 mal vorbestraft, trieb sich in der Nacht I Pom o0- zum 31. Januar d. I. in angetrunkenem Zustande I 1 bemDorfe Weidenhausen bei Gladenbach umher und ftahl bei dieser Gelegenheit dem Wirt W. Neurath daselbst zwei Paar wollene Strümpfe, weshalb derselbe heute unter Annahme mildernder Umstände zu einer Gefängnisstrafe von 6 Atonalen verurteilt wurde. Der 52 Jahre alte Auszuger Heinrich Rosenkranz zu Wallenstein harte sich am 30. August v. I. dem Gerichtsvollzieher Gral zu I Homberg, der ihn zur Verbüßung einer wegen Ruhestörung erhaltenen eintägigen Haftstrafe abholen wollte, widersetzt und erhielt deshalb eine Gefängnisstrafe von 2 Monaten. Die Strafe wurde deshalb so hoch gegriffen, weil der Be­klagte bereits 22 mal, darunter 7 mal wegen Widersetzung, vorbestraft worden ist. Der Angeklagte erhob Berufung gegen dieses Urteil und behauptet heute, er habe sich damals in dem Glauben befunven, es liege seilens des Gerichts­vollziehers eine Personen-Verwechselung vor und sich deshalb geweigert mitzugehen. Die Strafkammer verwarf die Be- rufung kostenfällig, indem sie ausführle, daß der Angeklagte der Ausiorderung des Gerichtsvollziehers hätte Folge leisten muffen, auch wenn, was thatsächlich jedoch nicht der Fall war, eine Verwechselung der Person vorgelegen hätte __

Der Handelsmann Moses Wallach aus Neukirchen wurde wegen Bestechung aus § 233 des Strafgesetzbuchs zu einer Geldstrafe von 30 Mk. event. 5 Tage Haft verurteilt »M-ch ist -m 24. Z-n-.r d. Z. »nto Wg® hmmer wegen einer am 18. August v. I. zu Homberg begangenen Tierquälerei bestraft worden und bezüglich dle,es Vorfalles hatte derselbe an jenem Tage dem Gendarmen M«er gegenüber versucht, denselben durch die Worte,es gibt doch^ nichts mit da oben, langen Sie sich ein Paar .Uulerlaffung 6er Anzeige zu veranlassen. Wh Müller Heinrich Habermann aus DeiS-

ftld war durch Urteil des Schöffengerichts zu Vöhl wegen Korpermitzhandlung zu einer 2monatlichen Gefängnisstrafe verurteilt worden und hatte dagegen appelliert. Derselbe hatte am 12. Mai v. I. seinen 71jährigen Onkel mit

£'"- a bit£eter Feindschaft lebt, in derNähe wn Detsfeli) uterftttten und mit einem eisenbeschlaqenen Knotenstocke blutig geschlagen. Bei seiner heut gen Ver" nehrnung behauptet der Angeklagte, nicht er habe feinen ??VClbe;Viefe-r angZllen S beanLe d^ W Gerichtshof möge die Strafe auf 2 Tage Haft je

En Tag für seinen Onkel, abändeni. Das Gericht beschloß zwecks weiterer Beweisaufnahme die Verhand­lungen auszusetzen und später neuen Termin anzuberaumen.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t Mk.. bei den Postämter 2 Ml. 5" Bf4. (ejcl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaug von Haasensteiu unk Vogler in Fiantfurt a. M-, Cassel, Wogbeburg und Win,; Rudolf Mosse in Iranlfurl a. M ., Berlin München und Köln; 8. Daube und

Co. in Frankfurt a. M-, Berlin, Hannover u. Paris

gegen. Der sefultlfcheMonde" droht er habe die Rechnung ohne den Wirt gemacht, wenn er glaube, aus den katholischen Reichstagsmttgliedern Sklaven machen zu können, die alle seine polttischen Maßregeln blindlings genehmigten Diese Aeußerungen des Monde finden hier Beachtung, da dieses Blatt mit den Führern des Centrums in nahen Beziehungen steht. Flourens und Dauphin erlitten heute empfindliche Niederlagen. Dem einen verweigerte die Kammer die von ihm befürworteten 150000 Franken für das Gesandschafts- gebäude in Tokio, und die Abteilungen wählten für die Dauphinsche Einkommensteuer einen Ausschuß von elf Mitgliedern, von denen nur ein einziges sich für dieselbe ausgesprochen hat. Wie es heißt, wird man die Brot­taxe in allen Städten wieder einführen, da die Bäcker sich die Erhöhung der Getreidesteuer bereits zu nutze machen um die Brotpreise zu steigern. Ein Beamter des Kriegs- mimsteriums wurde entlassen, weil er mit fremden Agenten im Verkehr gestanden haben soll.

Petersburg, 25. März. Katkow polemisiert gegen das Kommunique desRegierungs-Anzeigers" vom 21. b. M. in einer langen Auseinandersetzung und bemerkt u a tee deutschen Zeitungen hätten für die Erschießungen in Bulgarien Partei genommen. Im weiteren Verlaufe des Artikels werden die Verdienste des Vertreters des Deutschen Reiches in Bulgarien angezweifelt.

Hesse«-Nassau.