Rr. Ti
, Marburg, Sonnabend, 26. März 1887.
XXII. Jahrgang
Wilhelm.
An den Reichskanzler.
Osterglocken.
(Schluß.)
ES war ein unheilvoller Entschluß, der Felix Willmanu sich dem Spielteufel widmen ließ. Nacht für Nacht der. brachte er in den heimliche» Spielsalons, an die amerikanische Metropole so reich ist, und spielte und spielte. Die Goldhauien und Banknotenpäckchen elektrisierten ihn, da gewann sein blasses, unbewegliches Gefia t Farbe und Leben, glänzte sein Auge; aber es waren unnatürliche Zeichen, Zeichen des in ihm herrschenden Spielfiebers und nicht eines frischen, gesunden Geistes. Eberhard fragte ihn wiederholt, ob er sich krank fühle; Felix schüttelte heftig abwehrend den Kopf, um Alles in der Welt hätte er diesen Mann nicht zum Mitwisser seiner Leidenschaft gemacht, der unermüdlich auf sein Bestes bedacht war und kaum eine Erholung sich gönnte.
Felix spielte mit großem Glück eine Zeit lang, dann verlor, gewann wieder, verlor, und eines nachts kam er mit blutleerem Gesicht nach Hause, er hatte eine gewaltige Summe verloren. Geld, Geld! schrie es in ihm, aber woher? Da lag die Fabrik vor seinen Augen, sie brachte viel Geld ein, war hoch versichert. Tort war der Dampfkessel. Ein furchtbarer Gedanke blitzte in ihm auf. Morgen war der Abend vor Ostern, die Arbeiter entfernten sich früher, wenn er dm Kesselheizer bewegen könnte, eine Explosion herbeizuführen? Niemand würde geschädigt, nur em Teil der Fabrik zertrümmert, und dann gab es Geld, reiches Geld, denn der Aufbau würde aus der Kosse gedeckt werden können. Vorläufig erhielt er die Versicherungssumme und mit ihr würde, müßte er Tausende gewinnen können. Das sollte bann das letzte Spiel sei». I» fieberhafter Aufteguna erwartete er die Nacht.
Tie Glocken einer nicht weit entfernten deutschen Kirche Muteten dos Osterfest ein. In der Fabrik rudte bereits die Arbeit. Eberhard, der forschenden Auges di» Räume durch, schritt, entdeckt», daß i» etnei Ecke ei» Eisenberg schwer »egen die Wand germicht war. Errief alle Leute zusamwu, um die Gefahr eines DmchbrucheS zu beseitigen. Alles
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Mit dem Beginn des neuen Quartals bringt das Feuilleton unseres Blattes den hochinteressanten Roman
Durch eigne Schuld.
. Spannende Handlung, sittenreine Tendenz, schöne Sprache, tlefergreifsnde Darstellung sind die Hauptvorzüge dieses Familienromans im vollsten Sinne des Wortes aus der Jeder des genialen Schriftstellers
Friedrich Friedrich.
Nur rechtzeitige Bestellung sichert vollständige Exemplare.
Des Kaisers Dank.
Der „Reichsanzeiger' *) veröffentlicht folgenden Kaiserlichen Erlaß:
Es ist eine wunderbare Fügung des Himmels, daß wcrr nach so vielen unvergeßlichen Erinnerungstagen auch noch vergönnt gewesen ist, am 22. März Mein neunzigstes Lebensiahr zu vollenden. In demütigem Ernste erkenne Zch die Gnade Gottes, welche Mich diesen Tag hat erleben lassen, welche Mir in so hohem Alter die Kraft zur Er- Mlung Meiner Fürstlichen Pflicht erhalten hat, welche Mlr das Glück gewährt, noch den Lebensabend mit Meiner geliebten Gemahlin zu teilen und aus eine kräftig empor- wachiende Nachfolge von Kindern, Enkeln und Urenkeln zu schauen.
Neunzig Jahre eines menschlichen Lebens, welch eine la««« Spanne Zeit! Wenn Ich sie im Geiste an Mir »orubergehen lasse, so will es Mir oft kaum faßlich er. Reinen, was Ich Alles erlebt, erfahren und errungen habe. Dre göttliche Vorsehung hat Meine Wege, wenn auch nicht ohne schwere Prüfungen, sicher geleitet und zu glücklichen Zielen geführt. Gottes reichster Segen hat auf Meiner Arbeit geruht. —
In frühester Jugend habe ich die Monarchie Meines
*) Die Nr. 70 vom 23. d. M. traf erst heute früh hier ein-
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Lonn- und Feiertagen. — Quartal- AbonnementS-Preis bei der Expedition 21/. Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. («rcl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
tiefgebeugten Vaters in ihrer verhängnißvollen Heimsuchung gesehen. Ich habe aber auch die hingehendste Treue und Opferfreudigteit, die ungebrochene Kraft und den unverzagten Mut des Volkes in den Tagen seiner Erhebung uno Befreiung kennen gelernt. Jetzt in Meinem Alter blicke ^ch, nach so manchen Wechselfällen Meines Lebens, mit Stolz und Befriedigung auf die großen Wandlungen, welche die ruhmvolle Vergangenheit der jüngsten Zeit, ein unvergängliches Zeugniß deutscher Einigkeit und aufrichtiger Vaterlandsliebe, in Deutschland geschaffen hat. Möge Unserem teueren Vaterlande die lang ersehnte Errungen.
zuversichtlich hoffe, in ungestörter, segensreicher Friedensarbeit zu stets wachsender Wohlfahrt aller Klassen der Nation gereichen!
^n wohltuender Erinnerung an eine solche ereignißreiche Vergangenheit gewinnt die neunzigste Wiederkehr Meines Geburtstages für Mich eine besondere Bedeutung, welche durch die allgemeine tief empfundene Teilnahme Meines Volkes erhöht wird. Aus allen Teilen des Reiches, aus fernen Landen, in denen Deutsche eine neue Heimat ge- funben, selbst von jenseits des Ozeans her, sind Mir Adressen in zum Teil kunstvoller, gediegener Ausstattung, Zuschriften und Telegramme, poetische und musikalische Gaben, Blumenspenden und Arbeiten in überreicher Anzahl |u diesem seltenen Tage zugegangen. Von Gemeinde- Verbanden, größeren wie kleineren Umfangs, von Kollegien, Korporationen und Genossenschaften jeder Art, von wissen- schastlichen und Kunst-Instituten, von Anstalten und einzelnen Personen bin Ich in der herzlichsten Weise beglück- wünscht worden. Künstler, bildende wie darstellende Stu« dterende ter deutschen Universitäten, Akademien und technischen Hochschulen, Krieger-, Turn-, Bürger- und andere Vereine, Gilden und Innungen haben in der verschiedensten Weise ihre treue Anhänglichkeit an Mich kund- gethan. Durch festliche Veranstaltungen und Festversammlungen ist der Tag aller Orten verherrlicht worden. Der Umfang und die Mannigfaltigkeit dieser beredten Beweise von Liebe und Verehrung ist so groß gewesen, daß sich die gestattet hat^^ nationalen Huldigung für Mich
Nicht vermag Ich allen, welche Mir so liebevolle Aufmerksamkeiten erwiesen haben, im Einzelnen dafür zu danken. Tief ergriffen von solcher durch alle Schichten ^r Bevölkerung gehenden Bewegung kann Ich nur der. Gesamtheit zu erkennen geben, welche ungemeine F. ende
lebet an seinem Teile bereitet hat und wie tief Mein H^z von innigster Dankbarkeit für alle diese patriotischen Kundgebungen erfüllt ist.
Deutsches Reich.
■ 2^‘_ März. Der Kaiser nahm heute vor-
mittags die Vortrage des Generals v. Albedyll, deSKrieas- minlsterch sowie die Meldung der Generale v. Derenthall und v. Schlieffen entgegen, empfing um 12% Uhr einen längeren Besuch des Großfürsten Wladimir und.um 2 Uhr
Hemrich und den Herzog von Altenburg. An .^s Kaisers nahmen nur die Kaiserin und die badischen Herrschaften teil. Die hier anwesenden Fürst- ttchketten sind teils vom kronprinzlichen Paare, teils vom Prinzen Albrecht zur Tafel geladen. Heute abend findet eine eoiree beim kaiserlichen Paare statt, wozu 240 9e &-en rmbl Die Kaiserin machte heute vormittags den Königinnen von Sachsen und Rumänien, der Großherzogtu-Mutter von Mecklenburg und der Großherzogin Vrin^L» ^suche Der KronpriL von Dänemark! Brazen Georg und Friedrich August von Sachsen, sowie der Großherzog von Oldenburg sind abgereist. — Das schreiben des Papstes Leo XIU. an Kaiser Wilhelm ist, "P9atr°L "ugeblich aus Rom erfährt, in lateinischer Ip^che geschrieben und knapp gehalten (d’un style bref). §°ch bcn üblichen Glückwünschen spricht der Papst seine Freude aus, daß der Kaiser seine glorreiche Regierung 2BiIbelmnemprhngen ^ven gekrönt hat. Er hofft, Kaise? Wilhelm werde, nachdem er den kirchlichen Frieden in Deutschland gesichert, daran arbeiten, auch den Frieden lna^r°ra stellen. Mr. Galimberti überbringt
aus Berlin em Schreiben des Kaisers an den Papst aus Anlaß von dessen priesterlichen Jubiläum. - Dem Bundesrat 'st der Gesetzentwurf, betr. den Verkehr mit Wein zu- geg«ngen Derselbe lautet- § 1. Wein, weinhaltige und wernahnltche Getränke, denen bei oder nach bet Herstellung
für Mich kein größeres Glück, fein erhebenderes Bewußtsein, als zu wiffen, daß in solcher Welst dte Herzen Meines Volkes Mir entgegenschlagm. Möge Mir diese Treue und Anhänglichkeit als ein teueres Gut, welches die letzten Jahre Meines Lebens hell erleuchtet, erhalten bleiben! Mein Sinnen und Denken aber soll rate bisher, so auch ferner für die Zeit, welche Mir zu mitten noch beschleoen fein wird, darauf gerichtet bte, Wohlfahrt und Sicherheit Meines Volkes zu heben und zu fördern. 4
Ich beauftrage Sie, diesen Erlaß zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. 6 n ma?en
Berlin, den 23. März 1887.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureanr von Haasenstein untVogdr in Franlsvrt a. SB., Caffel, Magdeburg und Wien;. Rudolf Mvffe in Frankfurt ♦ a. M., Berlin München und
Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris
Snfift Ä g^roynt wurde, wie Venn der
1611 wahrend seiner langen Regierung — von
;"n, 1656 — nicht weniger als 104 599 Stücken Wild
bezeugten auch die Jagdutenfilten, welche damals rÄ e rlw Lustadt - Dresden verwahrte. So be- sanden sich daselbst über dreihundert Fuder Jagdnetze ausgenommen die WolfSnetze, womit man fünfzehn Meilen Durain umstellen konnte. Außerdem hatten auch die kur- i?°? ^^stweister im Lande Jagdnetze in Verwahrung.
3“r ^"terbringung des ganzen Jagdgerätes dienten bte uuägebeljnten ^Seitenflügel des Jägerhofes und außerdem fiA%7ren 3» den Hundeställen befanden
Molche Doggen und „Bärenbeißer', jeder hnnhnetoi?merl egend, sowie 30 Leithund-, 20 Jäger-Leit- hunde, 20 Besucks-Kneckts-Leithunde, 40 Ptrschhunde 40 SoWelbunbe, 5 Leib- und Kammerhunde, 50 englische Hunde ' Svnfiuder, Dachsschletfer und 20 Stteichwaidehunde Außerdem wurden hier auch in besonderen Behältnissen 40
Ä Löwenhause befanden sich ein Löwe Rär-n 5' e n Dtegettter, vier weiße und zwei schwarze Bären, sunfundzwanztg Luchse, ein indianischer Fuchs, ein Kreuzfuchs, zwei weiße Füchse und ein „halber Pavian und der Decke des kurfürstlichen Gemaches im Jagerhofe sah man allerhand Tiere und „Obscoena“ abge- ?itbei rst> eine Grasemagd, eine Bademagd, d.n Baum mit darnach die Jungfern und dann derj nige, Junggesellen mit Knitteln würfen, und im HZUPtsaale das Wahrzeichen, eine Jungfer, die sich von alleu Seiten bespiegelte.* Dan» sah mau auch gar lunia Mrb0emi,nth7brM%hte^ ÄÜffenr' Spazierengehen, Liebhaben »nb mie bie Spitzbuben m usen.' Im Tafelsaale befand sich das V rzttchnis des Wildes, welches der Kurfürst Johann Georg II., von 1656 bis 1677, gehetzt unb erleat batte, im Ganzen 96862 Stuck, darunter auch 4 Lö oen, 4 Löwinnen, 2 Tiger, eine indianische Katze, 2 Paviane 2 Meerkatzen und eine Zibethkatze. — Der Jäger Hof welchen Kurfürst August um das Jahr 1559angekgtßtTSg oä 3t‘7<?e' ° Jagdhaus, bis 1830 erhalten, wo er zur Kavalleriekaserue umgeschaff.n imb wesemlich verändert wurde.
strömte her bet. In bte|em wuHenbltde kamF l x LLrllmann jum Dampfkessel, aus dessen Gebäude sich neugieriger Weise entfernt hatte. Das war für ihn etn glück- licher Zufall, schnell sprang er hinzu, einige Fingergriffe und das Werk war gethan. Als er zur Schwelle heraus- trat, bemerkte er aber auch, wie hart nebenan in der Fabrik Ä,°r war. Eisiges Entsetzen schüttelte seine
Glieder, bas batte er nicht gewollt; sein Fuß roanbte sich bem Raume wieder zu, aber Gelb, schrie es in ihm, Ge b1 Wankenben Schrittes wollte er sich entfernen V 1
3n biesem Moment kam Eber Harb auf bas Kesselhaus Felix sprang zurück unb griff ihn am Arm. „Wohin wollen Si. ?' Fritz sah ihn ganz erstaunt an. „Ich will sehen,' sagt er bann, die Thür auf stoßend. w n.5. ihm auch das Gescheh,ne. „Um Gotteswillen!' schrie er auf. Mit einem Rncktwarf er den ihn ^altenben jur Seite, sprang zum Kessel unb beseitigte bie verbrecherische Tbat. Noch einen Moment, unb vierzig, fünfzig brave Menschen »aren sicher bem Tobe g« weiht gewesen.
Selbst Eberhards eisenfeste Natur war durch diese»' Vorfall erschüttert, er mußte sich an dem Mauerwerkbalten um nicht nmzusirke». Er fab, tote der zu Bolen gefallene Felix sich aufraffte unb tote von Furien gewisst, bem H°"se zustürzte. Jetzt erkannte er Alles, unb ebenso schnell warf er bie Mattigkeit, bie seiner sich bemächtigt, ab nnb folgte bem Fliehenben. Als er ins Haus trat hörte er wie die Thür von Felix Zimmer ins Schloß fiel, unb bei Schlussel umgebrebt mürbe. Mit ein paar kurzen Sätzen sprang er bie Treppe hinauf, ein kräftiger Fußtritt sprengte die Thur, — da krachte aber auch schon brinnen ein Schuß. Als Fritz daS Zimmer betrat, lag Felix mit durchschossener Brust auf dem Sopha: „Nicht mein m SBatet fage» !- flüsterten die Lippen noch, bann war All.s aus. Eberhard gelobte es fich, ben l.tzteu Wunsch bes Tode» zu erfüllen Er faltete leis bie Hände, während draußen bie Osterglocken ihr frohes Fei'lieb fangen.---.
— (Fürstliche Jagblust in früherer Z-it!) In welchem Umfange zur Zett des Kurfürsten Johann Georg I. am
(Olicil|flli(d|c jcitmig
Wöchentliche Beilagen. Kreis-Blatt s. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustrierte - ------------- ---------_ Exped'tton Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang Ko»