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Rr. 70

Mar burg, Donnerstag, 24. März 1887.

XXH. Jahrgang.

OWesW jcitmig

Deutsches Reich.

Serlin, 22. März. Heute früh fand Glockengeläute von allen Türmen statt. Bon den Türmen des Rathauses und des Schlosses wurden Choräle geblasen, jedes Haus prangt ui glänzendem Schmucke, in den Straßen wogt eine festlich bewegte Menge. Um 9 Uhr begaben sich die Schulen m geordneten Festzügen mit Musik zu den Festgoltes- »lensten. Eben beginnt die Auffahrt der Mitglieder der königlichen Familie zur Gratulation. Nach ver Gratu- latron der Mitglieder der Königlichen Familie und der ftrstlichen Gäste verkündete der Kaiser an der Seite der Kaiserin, von allen Fürstlichkeiten umgeben, die Verlobung des Prinzen Heinrich mit der Prinzessin Irene von Hessen. T>as neue Brautpaar nahm alsbald die Glückwünsche der Fürstlichkeiten entgegen. Am heutigen Geburtstage des Kaisers .war die ganze Straße Unter den Linden vom Publckum dicht besetzt. Die Adresse des Reichstages an Se. Majestät dem Kaiser sagt: Das deutsche Volk ist er­füllt von Dank gegen Gottes Gnade, die ihm gewährt hat, den Tag zu sehen, wo Eure Majestät das neunzigste Lebensjahr vollenden. Lebhafter, als an anderen Tagen, empfindet heute das deutsche Vaterland, was Eure Majestät für uns gethan haben; heißer denn je sind die SegenS-

dem 1. April beginnende zweite Quartal der

Oberhessischen Zeitung mit ihre« Beiblätter«

baldigst erneuern zu wollen.

, Für Kirchhain nimmt unsere Agentur, Herr Buchbinder Rindt, Bestellungen entgegen und beträgt der Abonne­mentspreis daselbst frei ins Haus geliefert Mk. 2.60.

_ Bestellungen für hiesige Stadt nehmen unsere Zeitungs- Iräger sowie die Expedition entgegen.

Mit bem, Beginn des neuen Quartals bringt das Feuilleton unseres Blattes den hochinteressanten Roman

Durch eigne Schuld.

Spannende Handlung, siltenreine Tendenz, schöne Sprache, trefergrelfende Darstellung sind die Hauptvvrzüge dieses Familienromans im vollsten Sinne des Wortes aus der Feder des genialen Schriftstellers

Friedrich Friedrich.

plare^ rechtzeitige Bestellung sichert vollständige Exem-

Wcrkilalt, mußt am nut|ten lernen, also aua, Dich Mehren nun gie6 mir die Hand, mein Junge, und , b"! Ein k,ästiger Händedruck und F.itz ging zu

Werkstattsgenossen; überall ein herzlicher Wunsch und dazu sangen die Glocken ihr Festlied. W

* *

ra 3,a^te k tnS Sanb gegangen. Manches hat sich geändert in der Welt und auch tn dem Hause, in welches wf geführt. Dem Banquier Willmann haben

die Jahre das Haupt gebleicht und auch die Sorge. Felix ist geworden, was er versprochen vor zehn Jahren, ein ^nnteiVUnher n<tr'J?er öetfe' ba& sein Vater ein reicher Mann ist und also nicht nötig hat, zu sparen. Im Väter, seb/n oft ganze Tage hindurch nicht

Um;er^elnt er' fo reiflt er eine sehr müde und ver- bioffene Miene, das man ihm ohne Weiteres ansieht, wie wenig Vergnügen ihm die Arbeit bereitet. Willfährige §°ud-. di- dem einzigen Sohn d-S Prinzipals zur Hand sind finden sich stets und der alte Herr läßt Alles geschahen, ?e!L ei{ eS doch nicht ändern kann. Er harte daran ge, dachl, seinen Sohn zu verheiraten und Alles war auf dem bkste" W-ge gewesen, da erschütterten unvorhergesehene Zwischenfalle im politischen und wirtschaftlichen Leben fein Haus und seine Stellung und mit der Heirat und den sorgenlosen Zeiten war es vorüber. Zwischen Vater und Sohn war -s wiederholt zu heft gen Auseinanders, tznngen aber, sobald Felix nur versprach, sich ernsthaft den Geschäften zu widmen, war der alte Herr beruhigt, um zu sehen, daß binnen Kurzem alles wieder im alten Ge- leife war. Tiefer und tiefer furchten fich die Falten ans der greifen Stirn, die Katastrophe kam immer näher. Und eines Tages war Gefahr im Verzüge.

Wieder war eS am Abend vor Ostern. Willman« fast gebückt auf einem Stuhl, ih« gegenüber der alte Schlosser Eberhard, grau aber fest und stark an Seele und Leib. Eberhard war tn das Haus gezogen, sofort nachdem der »anguter eS gebaut. Sie kannten sich so manch.» Jahr und trotz der verschiedenen sozialen Stellung waren die beiden Söhne als Kinder Spielkameraden. (Schluß folgt.)

wun|che, welche heute für Eure Majestät aus den deutschen Herzen emporsteigen. Der Reichstag ist hochbeglückt, daß pe.UMNt jst, am heutigen Tage das dankbar- deutsche Volk zu vertreten und den Ausdruck der Gefühle desselben an den Stufen des Thrones niederlegen zu dürfen.

Der vom Magistrat veranstaltete feierliche ^ug rum Hauptfestgottesdienste in der Nikolaikirche setzte sich um

, 's vom Rathause aus in Bewegung. Voran gingen Marschälle und Nuntien mit dem großen Stadt­banner und die gesamte evangelische Geistlichkeit, dann folgten die Vertreter der Civil und Militärbehörden, der wissenschaftlichen und künstlerischen Institute, der Kauf­mannschaft die Direktoren der Gymnasien, die Ehrenbürger und Ltadtältesten, der Magistrat, die Stadtvei ordneten, die BezrrkSvorsteher, die unbesoldeten Kommunalbeamten, die Rektoren und Lehrer der Gemeindeschulen und alle übrigen Kommunalbeamten, zusammen über zweitausend Personen

Zuge befanden sich mehrere Musikkorps, welche feier­liche Marsche bliesen. Die Geistlichen und der Magistrat trugen ihre Amtstracht. Beim Eintritt in die Kirche be. gann dre Orgel zu spielen, daran schloß sich der Gesang balvum fac regem und der ambrosianische Lobgesang. Die Festpredigt hielt Probst Brückner. Mittags wurden auf dem Königsplatze zur Feier des Tages 101 Salut-

«0|L -Uln 1 begaben sich der Reichskanzler Fürst Bismarck und der General-Feldmarschall Graf Moltke zur Gratulation zum Kaiser; dieselben wurden auf der Hm- und Rückfahrt von der Volksmenge mit stürmischen Ovationen begrüßt. Aus Köln, Stettin, Aachen, Bres- au, Stuttgart, Eisenach, Lübeck, Magdeburg, Leipzig, München und anderen größeren bayerischen Städten liegen ähnliche Festberrchte vor.

v ~ Laut Allerhöchster Kabinettsordre ist die Besetzung der Stellen für die am 1. April eintretenden militärischen Neuformatlonen erfolgt Mit der Führung der neu er­richteten Division soll der Generallieutenant v. Derenthall muftragt wo den fein. Anläßlich des Geburtstages des Kaisers erfolgten ferner zahlreiche militärische Avancements, Charakterisierungen:c, darunter an mehrere Fürstlichkeiten Die Generale Graf v. Lehndorff und Fürst Radziwill er­hielten den Roten Adlerorden erster Klaffe. Die Ver- öLntlichungen erfolgen heute abend in zwei Ausgaben des M-litarwochenblattes." DerNational-Zeitnng" wird aus den Reichslanden berichtet, daß die Gerüchte über die Am Nachfolger des Ministers v. Hofmann ausersehene Persönlichkeit grundlos seien. Als in hohem Grade wahr­scheinlich durfte betrachtet werden, daß der Posten des Staatssekretärs überhaupt unbesetzt bleiben und der Statt-

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quarial- «bonnements-Preis bei der Expedition 2/4 bei den Postämter 2 Mk. 50 Mg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die Wollene Zeile 10 Pfg, amen für die Zeile 25 Pfg.

sNachdruck verdoten.j

_ri Osterglocken.

um Ostern wats in einu g.ogeu o.utsch.n Stadt. Die Kirchturmglocke», welche das Fest einläuteten, klangen nur schwach in dem geräu|chvollen Ltraßengewuhl und zwischen den hohen, hoh-n Häusern; tausend Schritte von der Kirche entfernt war kaum etwas von ihrem Sang zu vernehmen, dem man in kleinen Städten und auf dem flach n Lande llabs auch hier Voibereitungen für das Fest, eine dichte Menge draugte sich in den Kauf, läde« aller Art, aber von der emsigen Fürsorge, die gern i® ben erften kleinen Strauß von Fe uhlingsblümchen b"Wohnzimmer stellt, war hier nicht viel zu bemerken. Wie viele von denen, die zwischen hohen Mauern und auf finsteren Höfen sich abmuhten, wußten denn überhaupt, wie es draußen in der freien Natur ausschaue? Hin und wieder blieb Einer ans der Menge stehen, wen« der Glockercklang sein daran nicht unhr gewöhntes Ohr traf. Und bann nidte er und sagte halblaut vor sich hch:Ach ja, Ostern!" Und alte, langst vergangene Kinverlnft und trauliche Oster- frenden stiegen vor seinem geistigen Auge auf. Es war doch schön gewesen!

Nur^ einige Häuser von einer Kirche, welche in prächttg- »ollem schalle ihre Glocken -'klingen ließ, lag ei» stattliches Wohnhaus. Der Eigentümer war ein reicher Bankier Willmann, der die fürstlich eingerichtete erste Etage be- wohnte. Er saß in einem kleinen Zimmer, ihm gegenüber sein Sohn, ein blasser, junger Mann von sechszehn Jahren. Einsilbig floß das Gcsp äch zwischen ihnen dahin, uuwill- kni ltch lauscht- ein Jeder dem Glockenklang, der hier mächtig seine stimme erhob. Endlich wais der Bankier eine Zigarre «US der er geraucht, bei Seite. ° H

.Kommen wir zum Ende, Felix. Du verläßt di- Schule «ld mußt einen bestimmten Entschluß über Deine Zukunft soffen. Was willst Du werden?'

_ junge Manu sah ihn halb erstaunt an. .Ich,

Papa? Wa» soll ich mich d-nn abmühen; bedenke doch, Dein ewziger Sohn! Ich sollte erst studieren, aber

-Du hottest nicht den nöttgen Fleiß, nm Dein Abiturienten.

£alter in mehr unmittelbare Beziehung zu den Geschäften tteten werde. Von einer andern Seite wird derNational- Zertung berichtet, daß die stärkere Heranziehung des Reichs« ages zur Gesetzgebung für Elsaß-Lothringen^sükdie Zn- S m e möglicherweise würde sogar

das Verfaffungsgesetz für Elsaß-Lothringen von 1879 in öeündert werden. - Für die Studentenschaft hatte der gFtnge ^ackelzug noch ein hochbeglückendes Nach- ftiel, wie bereits kurz gemeldet, im kaiserlichen Palais.

id) bet AUd ber Fackelträger nach Absingung der Nationalhymne wiederum in Bewegung gesetzt hatte, erschien der Polizeipräsident Freiherr v. Richthofen bei den vor dem kaiserlichen Palais aufgestellten Chargierten mit b.er Erwarteten Mitteilung, daß Se. Majestät der Kaiser eine Abordnung des Vorstandes zu sehen und zu sprechen

3a .- eS fein ^nges Besinnen; rasch war *5e Abordnung zusammengetreten, drei Herren vom Aus- §.u°' ^lche die verschiedenen Richtungen innerhalb der Studentenschaft repräsentieren, die Studiosen Münch, Euler, Joses und Eckart und Vertreter, der militärisch-medizinischen Bildungsanstalt, und tn wenigen Minuten standen fie Flügel-Adjutanten Major v Bülow geleitet, mit ihren' öom Fackelqualm geschwärzten Gesichtern vor Sr. Majestät Kaiser. Der hohe Herr ließ sich jeden Einzelnen vorstellen, erkundigte sich auf das Gütigste nach Herkunft ordend,^?N und wendete sich dann mit Worteii außer- ordentlicher Befriedigung und des Dankes für die veran- ftaUete nnposante Huldigung an die Gesamtheit der Herren. Hieran schloß Se. Majestät der Kaiser ungefähr folgende ^°rte.Ich freue mich sehr über den Geist, der in der deutschen Jugend herrscht und darüber, daß Ich von der akademischen fugend so schnell und richtig verstanden

.-Namentlich bei der Auflösung des Reichstages erfreulichster Weise gezeigt, denn von fast allen Hochschulen Deutschlands sind diesbezügliche Tele- gramme und Adressen eingetroffen. Wenn Ich in die Zukunft blicke so erfüllt Mich der treue nationale Sinn S ®t.ub.cnteWt mit Beruhigung, und deßhalb habe o- Studentenschaft eine Ausnahme gemacht und ihren Fackelzug angenommen. Daß Ich Mich in dieser Anschauung nicht getäuscht, dafür haben Sie Mir soeben mien leuchtenden Beweis gebracht. Und nochmals beglückte Se. Majestät die Abordnung mit Worten des Dankes, und ersuchte die Herren, denselben ihren Komrnilitionen zu übermittele Inzwischen war auch Ihre Majestät die Kaiserin im Salon erschienen und schloß sich den Dankes- worten ihres erlauchten Gemahls an,auch für Meine liebe Tochter, die Großherzogin von Baden," die überaus

-xam-n erreichen zu tonnen. Das weiß ich! Etwas wirst Du jedoch ergreifen müsse». F,r schwere Arbeit bist Du nicht geboren, weil Du verzog, n bist."

Mauvein? fÜt unnött9 tftI* fiel hierauf ber junge

.Indessen wirst Du Dich entschließen muffen!" fuhr der $7°L*,er .und findest Du sonst nichts, so trittst Du gleich nach bem Feste in mein Komtoir'"

n-, ^elix' bleich- L-ppen flog ein spöttisches Lächeln. Ir wußte, was ein solcher Posten bedeutet-, wie wenig Arbeit und Mähe für ihn damit verknüpft war. Da er entschied Willmann kurz: .Also abge- P14*1, Sohn legte seine zarten Finger in di- Hand des Vaters, wahrend draußen der Glockengesaag immer kräftiger anschwoll. Eine leife Stille im glanzenden Zimmer!

^ne Finger zurück.Schön, Papa, aber nun erlaubst Du mir wohl auch eine Zigarette von den D-inigeu!"

* * *

af dem zweiten Hofe des mächtigen Grund­stückes war eine kleine Schlosserei, aber sie war bekannt in der ganzen Gegend. Einen kenntnisreicheren Mann, als den Meister Eberhard, gab es tn feinem Fiche nicht, und nicht minder gewiss nhaft als einen großen Auftrag besorgt­er den kleinen, der ihm nur wenige Pfennige Verdienst brachte. Der alte Meister stand mit dem Hammer in der H°nd mitten in der Werkstatt. Die beiden G-s llen und der Lehrling hatten eben ihre Arbeit beendet und vor dem Meitzer staub sein einziger Sohu Fritz, ber jetzt j» bie Werkstatt des Vaters treten sollte, nachdem er tüchtige Schul­bildung genossen. w

m D" Meister räusperte fich und fragte feinen Sohn: Nochmals frage ich Dich ernstlich, willst Du mit Leib und ®e m i Schlosserei lernen, nicht blos so zum Zeitvertteid?

-Vater, ich will ein ganzer Schlosser werden, grab wie Du!" Gut! So wirst Du benn nach bem Feste als jüngster Lehrling eintreten. Merk Dirs, Ge. do'sa«. Fleiß und Pünktlichkeit, die fordere ich auch von Dir. Glaub nicht, weil Du der M-ift-rS Sohn bist/ seist Du bester als ein Anderer. Du bist der Jüngste in der

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoneen-Bureanx v»n Haasensteiu nndVogler in Franlfuri a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Franlfuri a. Berlin München unb Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. SW., _____Berlin, Hannover u. Pari-.