Rr. 68.
Marburg, Dienstag, 22. März 1887.
IXII. Jahrgang.
OIitthkUche ZcitW
— Illustriertes Sonntagsblatt.
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. l>. Kreise Marburg u. Kirchhain
__ Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Sag. Koch.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/4 Mk.. bei tat Postämter 2 Mk. 50 Mg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg, Rellamen für die Zeile 25 Pfg.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux »on Haasenstein untVogler in Frankfurt a. M., Gaffel, Magdeburg und Wie»; Rudolf Moste in Franlfmck ♦ a. M., Berlin München und
Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Pari
S 1797. M
TllsekM Mlliskk MsllM 22. (BäFL
^Mratschlauds Dichter, Deutschlands Säuger, jam Feste, schweigt nicht löogrr finftrn Baiser ;n erfreou;
®rnn dir ächten Brutscheu alle
Stimmen rin mit mächt'gem Schalle:
Glücklich soll der Walter sein!
ArnnjiS Aahre — welche Gnade — Schenkt jhm Gott ans seinem Hfadr Durch so manche Trübsal hier; nRlribrt einig mir jur Irendr!“ Duft vom Thron rr ja uns hrntr, Das ist Vrutschlaods Glück and Jtitr."
bies Nort ins Herz NUS schreiben, Urrn soll jeder Deutsche bleiben Sriorm drntschra Saterland;
IiojgKeit sri nosrr Mehre, Drstrr Schuh für Deutschlands Ihre Goldorn Irirdros Tntrrpfaud-
Mög rill Tag rrcht oft wir hrotr Nos jllm Segeu uud zvr Irrodr Tosrrrs Waisrrs Kommen noch;
Unteroffizier Schmidt war in seinen kleinen Heimatsort zurückgekehrt. Er konnte kein Ende finden in seiner Er- zäblung von des Kaisers Güte und Freundlichkeit und ver- dopp lt wurde seine Freude noch, als in einer Woche sein N ffe F-l'x wieder bet ihm erschien die Unschuld des jungen Mannes hatte stch zur G nüge heransg> stellt und er war wieder in Freiheit gefitzt woiden Ein unglücklicher Zufall hatte überhaupt nur bte F< stuahme veranlaßt. Lang und breit erzählte der Oheim von seinem Besuche auf Schloß Babelsberg und frohe Hoff ung bemächtigte stch auch des jungen Mannes. Aber noch galt es den Sturm auf das H-^rz des trotzigen BarerS, der sich bisher standhaft geweigert hatte, die Hochzeit zozageben. Onkel Schmidt fürch- tete aber auch dies Hindernis nicht nuhr. „Was?" rief er, „der will nicht? Er muß wollen. Vorwärts, Felix zur Attaque, Gewebr rech», maisch, maischt Wir wollen ihm zeigen, was Soldatendlnt heißt."
i^a wir ächten Deutschen alle, Stimmen rin mit mächt'gem Schalle: „J&tiftr Nilhelm lebe hoch!"
Kaisers Geburtstag!
Kaiser Wilhelm wird heute 90 Jahre alt! Das sind so einfache Worte, und doch packen sie jedes deutsche Herz mit Allgewalt. Unser Kaiser, der greise Herr, dem es be- fchieden gewesen, die heißesten Wünsche der deutschen Nation zu erfüllen, hat damit ein Alter erreicht, das dem gewöhnlichen Menschen sehr selten, den Fürsten fast nie beschieden ist. Schon diese Thatsache würde genügen, dem ehrwürdigen Monarchen zu seinem neuen Ehrentage die heißesten Wünsche darzubringen; wem Gott ein solches Alter in solcher Kraft und Rüstigkeit bescheert, der steht sichtlich unter des Höchsten Schutz, dessen Person ist geheiligt und unantastbar. Und Ehrfurcht vor dem deutschen Kaiser, dem Sieger im Kriege, der doch den Frieden über alles hoch hält, empfindet ganz Europa, alle kultivierte Welt. Von nah und fern kommen die Fürsten und Abgesandten der Fürsten herbei, dem weisen Nestor unter allen Königen und Herren ihre Huldigung und ihre Glückwünsche darzubringen, das schlichte kaiserliche Palais Unter beit Linden in Berlin wird ein Bild aufweisen, wie es selbst der größte der deutschen Kaiser in früherer Zeit, Karl der Große, nicht erschaute. Und der Wert dieses Bildes wird erhöht dadurch, daß Alle freiwillig kommen. Hier waltet kein Zwang, keine Macht, als die der Ehrsucht. Einzig ist darum eine solche Festfeier, welche
Das eiserne Kreuz.
Tin Erinnerungsblalt zum 90. Geburtslage des Kaisers.
(Schluß.)
Der greife Kaiser weidet sich an der Verlegenheit des schlichten Mannes, der seine Gestalt kerz»ngrade aufgerichtet hat. Er lächelt leise. Da fällt sein Blick auf die beiden Kriegsauszeichnungen. Rasch tritt er näher. .In welchem Regiment gedient?" fragt er militärisch kurz. Unteroffizier Schmidt hat seine Verlegenheit bewetstert und antwortet schnell und sicher. »Erinnere mich," antwortet der Kaiser, »war ein schwerer Tag. Aber Du hast Deine Schuldigkeit gethan, Ihr Alle habt sie gethan. Wo, an f.hlt es denn jetzt?"
»Ew. Majestät, wir fehlt es an nichts! Aber ich komme für meinen N, ffen zu bitten, den em großes Unglück betroffen. Er ist Forstgehülfe, hat seine Jahre abgebient »nd ein braver Mensch. Nun ist er unter dem Verdacht eines schweren Diebstahls gefänglich eingezogen. Er ist bei Gott unschuldig. Er hat sich in die Tochter eines wohlhabenden Mannes verliebt, Ew. Majestät, wir sind ia Alle einmal jung gewesen--*
Der Kaste unterbricht den Eifrigen mit herzlichem Lachem. »Nur werter!" sagt er dann. Schmidt fährt fort: »Der Vater will aber von der Heirat nichts wissen und nun muß der Junge das Mädchen heimlich zu sp cchen suchen. Gerade an dem Abend, wo er das Mädchen zuletzt gesehen, ist in dem Hause der Diebstahl verübt und ver- schredene Zufälligkeften haben ihn nun in den schweren Verdacht gebra t."
-Da ist es nicht weiter nötig, sich zu ängstigen," aut- »ortete der Kaiser freundlich. »Die Unschuld des jungen Mannes tohb sich sicher schnell Herausstellen. Nur guten MnteS."
.Ich habe aber noch eine große Bitte an Ew. Majestät!
ein Mann der Thal und der Arbeit. Das deutsche Voll hat es ihm aber auch gedankt, gedankt mit hingehender Treue und wenn der Ruf erschallt: Für Kaiser und Reich, dann wird niemand zurückbleiben, der sich einen Deutschen nennt. Kaiser und Volk sind fest mit einander verbunden auf alle und ewige Zeit, und der 90. Geburtstag giebt dem alten Bunde eine neue, eine besonders heilige Weihe.
Das Leben des Kaisers ist ein Leben der ernsten schweren Arbeit, der treuen, ehrenhaften Pflichterfüllung gewesen, ein Leben, das so recht die Wahrheit des Wortes beweist, daß leben und arbeiten dasselbe bedeutet, das jedem deutschen Manne ein Vorbild, sein kann. Als junger Prinz lernte der Kaiser mit Fleiß und Ausdauer, als Mann verwertete er, was er gelernt mit Umsicht und Ruhe, als Greis krönte er seine Schöpfungen durch Weisheit und Milde. Das ist in kurzen Worten des Kaisers Leben, die Richtschnur für alle seine Handlungen. Ein echter deutscher Manu ist der Kaiser gewesen und geblieben all sein Lebtag, ein Wahrer der Ehre Deutschlands und seiner Bürger. * Daran wollen wir vor allem denken an diesem 22. März, der einen neuen Ehrenstein in dem thatenreichen Leben des Kaisers bildet. Das ganze deutsche Vaterland wird den Geburtstag feines Kaisers gerade in diesem Jahre mit besonderer Glanz und in erhobener. Stimmung begehen, weil er zugleich ein Ehrentag für uns
Tags daiauf erschienen die beiden Manner in voller Gala bei dem Vater des hübschen Röschen, der behaglich von seinen Geldern lebte. u ™
, "Der Vater ist schlechter Laune," flüsterte ihnen da» junge Mädchen vor der Thür zu.
»Ach, was, so gefährlich wirds nicht sein. Aufgepaßt. Junge. Fällt das Gewehr, Hurrah!"
Aber so leicht schien der Sieg doch nicht zu sein. Schön Roschens Vater war nicht allein schlechter Laune, sondern sogar sehr schlechter. Er dankte kurz auf den Gruß der Eintr elenden und that, als ob er die bargebotenen Hände nicht sehe.
Der alte Schmidt wurde dunkelrot.
»Mein lieber Herr," brach er t ann los, »einem Manne, dem Seine Majestät, unser aöergnäbigfter, die Hand giebt, dem können Sie sie wohl auch geben. So viel verdient das Eiserne Kreuz schon. Sie find nicht hinterm Ofen herausgekommen —"
»Machen Sie, daß Sie aus der Stube kommenl" schrie der Angeredrte vom Sopha.
„Während wir uns die Knochen haben entzwei schießen kaffen," fuhr der ehemalige Unteroffizier ruhig fort. »Mein rechter Arm ist hin und mit meinem rechten Bein kann ich nichts mehr anfangen, aber mein Mund ist noch gesund genug, um Ihnen die Wahrheit zu sag-n. WaS wäre denn ans Ihrem Geld geworden, wenn die Franzosen 1870 hierher getan men roärcn? H> ?"
»aber Ihr N ffe kann keine Frau ernähren!" rief der vom Sopha, aber schon bedeutend milder. .
»Dann geben Sie etwas zu. UebrigenS, damit Sie es wiffen, Seine Majestät der Kaiser wird schon sorgen, daß der Neffe eines Ritters des Eisernen K.euzes 1. Klaffe nicht zu Grunde geht. Wenn der Junge nun eine hübsche Försterstelle erhielte?*
alle Throne miteinander verbindet, welche so glänzenden Frieden hervortreten läßt, den wir unserem Kaiser verdanken. Wahrlich, darauf kann Deutschland stolz sein; der 90. Geburtstag seines verehrten Kaisers und Herrn zeigt ihm, daß es immer noch die erste ist unter den Nationen, durch den Kaiser, den Hüter des Friedens.
Auf neunzig Jahre sieht der Kaiser zurück. Wir wiffen in der großen, großen Mehrzahl gar nicht, was diese schwere Last der Jahre bedeutet. Was in den letzten 90 Jahren geschehen, das lehrt uns wohl die Geschichte, aber wir können uns kaum in die Empfindungen eines Mannes hineinversetzen, der an so hccher Stelle, thätig und leitend, alle die folgenschweren Ereignisse dieses Zeitraums unmittelbar empfunden hat. Als junger Prinz auf der-Flucht "ach dem äußersten Osten Deutschlands vor dem dräuenden französischen Eroberer, als Greis Träger der deutschen Kaiserkrone und Sieger über den Neffen des damaligen Weltherrschers; oft hat der Kaiser vor furchtbar ernsten Entscheidungen gestanden, die den gewöhnlichen Menschen nie berühren; oft hat er liebe Freunde und teure Verwandte ins Grab sinken sehen und allen Kummer und die Trauer des Lebens hat er reichlich erfahren, aber der Kaiser hat doch in allen Lebenslagen des Vaterlandes und des Deutschen Volkes gedacht, an besten Wohl er heute noch arbeitet unb er ist auf seinem Platze geblieben, als
Ich aller Invalide gebrauche ja nichts mehr, aber wenn Ew. Majestät bie große Gnabe haben wollten, eine Försterstelle totrb in unserem Bezirke frei, bekäme der Junge die, er wäre glücklich!"
Der Kaiser lachte abermals herzlich. Dann sagte er gütig: „Die Fürsprache eines Ritters des Eisernen Kreuzes erster Klasse ist nicht gleich von der Hand zu weisen. Will sehen: Aber da Du einmal hier bist, geh' ins Schloß, sage, ich hätte Dich geschickt unb trage Alles kurz vor. Etwas zum Restaurieren wird auch wohl noch vorhanden fein." Damit reichte der Kaiser dem Tiefersreuten die Hand zum Ablchied.
„Kott segne Ew. Maj-stät!" rief Unteroffizier Schmidt. Der Kaiser nickte und schritt langsam, sich aus seinen selbst- geschnitzttn Stock stützend, den Weg hinab.