Rr. 66.
Marburg, Sonnabend, 19. März 1887.
im. Jahrgang
OWchsche AjtilW
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Som,taasblatt
______________________________ ....... Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch. ”
bin ich unbeomffiwt," enoioette stc leise, dann trat st« ihm rasch näher und flüsterte:
„Ich komme nicht, zn richten, Herr von Waldkirchen — sondern — um Sie zu retten! Ja, sehen Sie mich nur verwundert an," fuhr fie mit fliegendem Atem fach ,e8 ist wahr, eine Javronski kommt, um den Feind ihres Lande» — vor der Rache ihrer Brüder zu schütz n."
auch' ®te ni<6t' ®rSfin' "Nb ich glaube Ihnen
Ne schlug verzweifelt die Hände in einander.
»Sie müssen mich ober verstehen!" stöhnte ste und nun ihren Mund an sein Ohr legend, flüsterte fie:
»Nur noch wenige Minuten und man sprengt diese Mauern in die Luft! Folge» Ste mir, Waldkirchen — ich bitte Sie."
,. .Er sah noch imwmer mißtrauisch in ihr Gesicht, dann schütt'lle er den Kopf.
»Ich rühre mich nicht von von der Stelle, Gräfin." ,, Sie war außer sich. Und plötzlich sah er da» schöne, stolze Weib zu seinen Füßen liegen.
®tbarmtu folgen Ste wir!" schluchzte fie und umfaßte seine Knie.
ra »Um draußen Wegelagerern in die Hände zu fallen, (srafini* 9
Sie sprang auf — ihre Augen glühten.
»Minute auf Minute vergeht," stieß fie fast wild her. von »Nun gut denn, wenn Sie nickt gehen, so bl.ibe ich Ihnen!" bOn” ~ ^erbe wenigstens zu gleicher Zett mit
»Jadwiga!"
»Wollen Sie mir folgen oder nicht?" fragte ste wieder.
JoIÖe Ihnen, ja —! Aber sagen Sie mir vo-her, was Sie dazu bewegt, hierherzukomme» und die fanatischste unter ihren Stammesgeuoffeu doch zur Verräterin au den Polen zu werden?"
Sie schluchzte l'ise — nur einen Moment besann fie sich, daun warf fie sich leidenschaftlich an st tue Bi ust. e„K,4*e^6»t,^ud,te pe’ »3°' H inrich ich liebe Dich, »ud ich mußte Dich retten um jeden Preis!"
Eskadron Husaren nach Cassel wurde bewilligt. Heute wird die Etatsberatung wahrscheinlich beendet. — Die sozialdemokratische Partei will keine weiteren Anträge in dieser Reichstagssession einbringen.
Gräfin Jadwiga.
Novelette von Marie Wrdoern.
„ m (Fortsetzung und Schluß.)
Vaterland natürlich," dachte er und ein bitteres Lächeln zuckle um seine Lippen. O, wenn er Jadwiga nur einmal hatte ungesehen beobachten können, wie sie rastlos n ihren Zimmern auf und niederschritt, im hoffnungsloseu ÄOmcL.mitt ben Pfühlen ihres armen gemarterten Herzens.
»Ich bin der Sproß eines so edlen polnischen AdclS- «efchlechts, jammerte fie dann wohl, „und kenne doch keinen anderen Gedanken mehr als den, diesen Unglückseligen, »der den m ine Bruder den Stab gebrochen haben, der ge» rechten Strafe zu entziehen l" 8
, 3a, Heinrich von Wuldkirchen durste seinem Schicksale nicht entgehen, aber diesesmal hatte man drei Männer aus« gewählt, die das Urteil der Verschworenen vollstrecken sollten
Jadwiga aber wußte, an welchem Tage und zu welcher Stunde.
Man vertraute ihr. Niemand unter ihren Stammes, »enossen haßte ja die Deutschen so glühend wie die schöne junge Gräfin Jadwiga Bzonska, und wenn ihr Attentat gegen den Baron mißlungen, so war eS nicht ihre Schuld — laut dem Märchen, das die Gläfia zu ihrer Rechtfertigung erzählt----------------
Heinrich von Waldkirchen befand sich allein in seinem «egant ausgestatteten Arbeitszimmer. Es war an einem Sonntag Abend und fast die ganze, durchweg polnische Dienerschaft hinunter in das Dorf gegangen.
Er las eifrig in einem Weik über Landwirtschaft, da» ihm heute zugeschrckt worden und überhörte es so, daß sich ein leises Geräusch im Nebenzimmer bemerkbar machte. J'tzt rauschte eS aber auch ihm vernehmlich in der Portiere und nun —
»Jadwiga — Gräfin Bzonska!" rief er erstaunt und «tbob sich von seinem Sitze. — Dann aller verfinsterte sich feine Stirn und einen mißtrauischen Blick auf daS schöne, todblaffe Weib werfernd, sagte er mit grollender Stimme: »Was suwen Sie bet dem verhaßten Deutschen?"
Sie streckte beide Hände au».
Deutsches Reich.
- ..^^kliu, 17. März. Der Kaiser nahm vormittags militärische Meldungen und hierauf die Vorträge des Chefs des Militär-Kabinetts, Generals v. Albedyll, und des Kriegsministers Bronsart v. Dchellendorff entgegen, erteilte nachmittags dem Fürsten Fugger-Babenhausen Audienz und empfing später den Erbgroßherzog von Oldenburg. Abends findet im kaiserlichen Palais eine Soiree statt, zu welcher 220 Personen geladen sind. — An einzelnen Universitäten, so namentlich in Kiel und Halle, war bereits gebräuchlich, jedes Jahr eine Chronik der Universität als Besondere Schrift erscheinen zu lassen. Dieser Brauch soll — einer Anordnung des Kultusministers zufolge — allgemein werden, und zwar in der Art, daß jede Universität im Laufe des Sommersemesters eine vollständige Lhronik für das vergangene Rechnungsjahr herausgiebt — Die Gesamtsumme der verzinslichen preußischen Staatsschulden betrug zu Anfang des jetzt schließenden Etatsjahres, also am 31. März 1S86, genau 4033 890040 Mark 93 Pfg. — Die freikonservative Partei hat einen Antrag »uf Einführung des Befähigungsnachweises im Reichstage emgebracht, der sich jedoch von den bekannter Anträgen
Centrums und der Deutschkonservativen unterscheidet. Letztere wollen durchweg Meisterprüfungen für alle Handwerker, die Freikonservativen im Allgemeinen den Nachweis der bestandenen Lehrzeit und einer dreijährigen Arbeit als Gehilfe, sowie für einige, bei mangelhafter Ausführung Gefahr bringende Gewerbe eine technische Prüfung. Der erste Befähigungsnachweis (Lehrzeit uno dreijährige Gehilfenzeit) soll geführt werden für die Gewerbe der Bardiere und Friseure, Bäcker- nnd Konditoren, Böttcher, Buchbinder, Bürstenbinder, Drechsler, Glaser, Klempner Korbmacher, Kürschner, Kupferschmiede, Maler, (Anstreicher), Nadler, Sattler, Schlosser, Schmiede, Schneider, Schuhmacher, Seiler, Stellmacher, Tapezierer, Tischler, Töpfer, Uhrmacher, Weber, Wirker. Technische Prüfungen sollen ^fordert werden von Brunnenmachern, Dachdeckern, Fleischern, Maurern, Schornsteinfegern, Stuckateuren,' Zimmerleuten. Der Befähigungnachweis kann auch durch Zeugniß einer staatlich anerkannten gewerblichen Unterrichts- Anstalt erbracht werden; außerdem soll der Bundesrat befugt sein, auch für andere, als die genannten Gewerbe, »en Nachweis vorzuschreiben. — Die Budgetkommission des Reichstags beendete Donnerstag die Beratung des Miiitär-' etats. Gestrichen wurde u. A. die Erhöhung der Kommandozulage für Regiments-Kommandeure und die Forderung für einen Turnplatz der Kadettenanstalt in Lichterfelde gekürzt. Die Verlegung der in Rothenburg stehenden
»Jadwiga — ich muß das Verbrechen dem Gericht a«, »eigen, aber sei versichert, Deinen Namen mnne ich nichtt" Sie sagte k in Wort — nur noch dnmal reichte fie fh* ihre Lippen zum Kvß. Dann trennt n fie sich. ’
Aber während er sich rüstigen Fuß z nach der nahe» wandte, nm militärische Bedeckung zn rfagitieren. Kiew iKfiaif”2öalöoefl entIoD6 - aber sie »anbte fich nicht ihrem Hanse zu.
Hessen Nassau.
18 März. Zur Feier des neunzigsten Geburtstages unseres Kaisers werden diesmal dem Ver- nS me^ere FeMm stattfinden, denen abends nach der Illumination em Burgerkommers im Saalbau sich anschließt, welcher durch die Teilnahme der bedeutenderen hiesigen Vereine einen würdigen Abschluß der hohen Feier bildet. Besonders erfreulich ist dabei die Be- teiligung aller Stande und die Bereitwilligkeit der gesanges- funbtgen Mitbürger durch einige Vorträge das Fest verherrlichen zu helfen. ° 1
Ausland.
März. Das „Fremdenblatt" sagt, die anfängliche Vermutung, daß die Verschwörung von Panslawisten ausgegangen sei, denen die Friedensliebe des Zaren im Wege gestanden habe, erscheine unzutreffend, vielmehr sei sie ausschließlich das Werk desselben Nihilismus, dem Alexander II. zum Opfer gefallen. Ein Teil der russischen Bevölkerung werde zu der Gewißheit kommen, daß ihre Kultunntereffen sie auf die Gemeinschaft mit Europa hin- b<$ bet gegen die westliche Kultur, den die verschiedensten publizistischen Richtungen unablässig schüren, gefah.voll sei, daß es keine gesonderte slawische Sittlichkeit, keine eigne slawische Weltanschauung gebe. Was habe denn das exklusive Slawentum, das von Kampfbegierde gegen alle deutsche, alle westliche Kultur brenne und die europäische Ordnung aus den Angeln heben möchte, bisher an selbstständigen Rechts- und Zivilisationsbegriffen L Raffen? — In Lobositz in Norvböhmen wurde durch Exploston einer Dynamithütte in einem großen Steinbruch eine Anzahl Arbeiter getötet
rt. bkam, 17 März. Die Regierung beschloß, den General Gene sofort von Maffauah zurückzuberufen.
Paris, 17. März. Die meisten Morgenblätter be- trachlen das Verhalten Boulangers gegenüber der Armee- Kommlssion als inkorekt. Einige sagen, die Kommission übertreibe die Wichtigkeit des Zwischenfalles und erschwere dadurch die Erledigung desselben. — Boulanger richtete an den Präsidenten der Armee-Kommission ein neues Schreiben, worin er seine Achtung vor den Mitgliedern der nationalen Vertretung ausspricht und sein Bedauern darüber ausdrückt, daß die Kommission seine Absichten habe mißverstehen können; er sei einzig und allein bestrebt, die demokratischen Gesinnungen der Kommission zu unterstützen und hoffe, dieses Schreiben werde jedes Mißver- standms beseitigen. — Seit heute früh findet hier Schnee- statt, ebenfo m Toulouse, Nimes, Montpellier und in Norbspainen.
< . deE^slmrg, 17. März. Bei dem am Dienstag bei dem Großsurnen Wladimir abgehaltenen Rout fiel die ruhige, heitere'Haltung des Kaisers auf; letzterer unterhielt sich lange mit dem deutschen Botschafter.
h. Marburg, 18 Marz. Gestern und vorgestern fand die Anturienten - Prüfung im hiesigen Gymnasium unter des Herrn Provinzial-Schulrat vr. Lahmer, er aus Cassel statt. Sämtliche 13 Primaner bestanden dieselbe, L V°-\?Tn mUL@runb ihrer schriftlichen Arbeiten von der mündlichen Prüfung dispensiert.
A8, „März. Das Interesse an ihrer Vaterstadt haben jungft wieder auch einige unserer auswärts wohnenden Marburger an der Sammlung zur Beleuchtung des Schlosses an Kaisers Geburtstag bethätigt LÄ“ rotr?on dm. zwei Besitzern einer angesehenen derm Wiege einst in unmittelbarer Nähe des Schlosses stand Mk. 30, und von einem alten geborenen Marburger vom fernen Weserstrand Mk. 3, für beide S.Bb‘££nbeften Dank! Gleichzeitig bemerken wlr.daß die Kosten zur vollständigen Beleuchtung zwar gedeckt find, daß aber Beträge noch gern entgegen genommen werden, um damit eine um so brillantere Beleuchtung herzustellen. '
— Dem Herrenhause ist der Entwurf einer Land- guterorbnung für den Regierungsbezirk Caffel mit AuS- nahme des Äret)c8 Rinteln zugegangen. Der Entwurf bezweckt die Einführung des Instituts der Höferolle in dem genannten Regierungsbezirk. Auf den Kreis Rinteln (die vormattge Grafschaft Schaumburg) soll der Gesetzentwurf keine Anwendung finden, weil für die dortigen Meiergüter fäon ein gesetzliches Anerbenrecht besteht und das übrige Grundeigentum nicht erheblich genug ist, um für dasselbe besondere gesetzliche Maßnahmen zu treffen. ' Heber ba» Vfhurfnlß zur Amberung ber in der Provinz Hessen-Nassau geltenden Bestimmungen über die Vererbung der Landgüter halten sich die Kommunallandtage dieser Provinz in entgegengesetztem Sinne geäußert. Während der Kommuual- ^ndlag des Regierungsbezirks Wiesbaden einstimmig boS- SIS* ^-i°r anderweitigen gesetzlichen Regelung ber ^uewchen Erbfolge verneinte, gab ber Kommunallandtag des Regierungsbezirks Kassel ein Gutachten ab, in welchem
3y" Lippen berührten fich tn einem heißen Stuk — ??nn ^6 sie ihn mit sich fort durch eine lange Zimmei flucht über den dunklen Hof durch ben Garten in den Wald f ®‘cn w°h-end dessen kein Wort mit einander' ge- on ibr%br3 bt°”fl etn donnerähnliches Krache« «°d°'L M’Ä-* -d°«b™ w ihren Hals. “** Dann schlang er seinen Arm m» h ."3ch kann ben entstehenden Schaden an Geld und Gut tbÜ?°^rren, Jadwiga," sagte er, „und ich will es gern 2-" «-,?- Sta,bt »“ mir ».er, taÄ M ""** *“*'* S"*e ’e mb »”'<«« W tausch über ihn gekommen; er dachte ?n* kerstortes Haus, an die Thal der Mordae» |t™en' hielt das schöne königliche Weib in ihren Banden wollte stir alle Zett.""" M 0e“onnen unb b°s er halten
»Ich führe Dich fort von hier, Jadwiga mein Lieb" hatte er gesagt. »Weiß ich doch wohl, daß unsere Ehe hier keine gesegnete sein kann. Unter den blauen Himmel Italien» in ber ewigen Roma bauen wir das Nest und barm —" '
nidst von der Zukunft!" flüsterte Jadwiga zitternd. »Nur die Gegenwart ist unser."
Stunde auf Stunde verging. Erst mit Aufgang der Sonne trennten fie fich. 18 " ocr
Hand^Uchr'""fiaQtt Pe' “I8 fU <5m inm Abschied die
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-BureaW v»n Haasenstein undVoglee in Frankfurt a. M., 6aff<, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfuit ♦ a. M., Berlin München und Köln; ®. £. Daube unb 6o. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris
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