Rr. 64.
Marburg, Donnerstag, 17. März 1887.
XXII. Jahrgang.
WttWjihk MtiiW
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. 'Matte«, sowie d.Annoncen-Bureaux van Haasenstein unk Vogler in Frantfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin München und Köln; G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M. Berlin, Hannover u. Paris
Am neu fteu Morgen erhielt Büro» von itoul.tiro) n von seinen Nachbarinnen eine Einladung zum Diner. Es blitzte triumphierend auf in den Augen deS jungen Mannes und er freute sich der Artigkeit, die ihm von den Damen erwiesen wurde — an irgend eine Falle dachte er jedoch nicht---
Schön wie ein Götterbild erschien ihm Jadwiga dann. Aber eS war ein Götteibild von Stein, den kein Blutstropfen schien in ihren Wangen. Und dabei war sie doch von jener unverstehlichen, hinreißenden Liebenswürdigkeit, die fast allen gebildeten Polen eigen ist, wenn sie gefallen wollen.
Man hatte das Diner, bei dem der Champagner, so zu sagen, in Strömen floß, eingenommen und Jadwiga forderte ihren Gast auf, einen Spaz ergänz zu machen.
Der Arm des Barons zitterte, als er die Hand der schonen Frau auf demselben fühlte. Als aber das geheimnisvolle Dunkel des Waldes sie umgab, konnte er nicht langer an sich halten. w
Aufgeregt noch von dem G-nuß des Weine», gab er den Gefühlen seines Heizens Ausdruck. Was er sprach, wußte er selbst nicht, aber es waren warme Worte: Wie er als Knabe seine Muiter betören und daß er seitdem immer einem weiblichen Ideal entg gengestrebt, welches ftch ihm endlich in Jaowiga verkörpert habe.
,3a, Gräfin,» rief er dann, „ich liebe Sie! ich liebe Sie wie nur ein Mann lieben kann!»
Sie hatte ihm zugehört, ohne ihn auch nur mit eine Silbe zu unterbrechen. Aber aus ihren Wangen war die tiefe Bläffe gewiwen und das Blut kam und ging.
Wer wollte sich vermeffen, wtederzuqeben, was in diesem Augenblick in der Seele der jungen Polin vorging? wer sich erkühnen zu schildern, mtt welchen Gefühle» sie j tzt der Gedanke erfüllte:
.Und ich — ich soll ihn taten!!*
aber es mußte sein!! Er war der Feind ihres Stamme» — gehörte mit zu Denen, die ihr und den Brüdern die letzte Hoffnung uehmeu wollte, das Baterlaud, das heiß- Idtebte Vaterland wieder aufzurichteu!
Deutsches Reich.
Berlin, 15. März. Der Kaiser empfing mittags den Besuch des Erbgroßherzvglichen Paares von Mecklen- burg-Strelitz, sowie des Großherzogs und der Großherzogin von Baden, welche vormittags eirigetroffen waren, und nahm darauf den Vortrag des Chefs des Militärkabinetts, Generals v. Aldedyll, entgegen. — Es wird weiteste Kreise interessieren, zu hören, daß der Kaiser am 22. März von nicht weniger »ls fünfundachtzig Mitgliedern souveräner Häuser »mgeden sein wird. In dieser Zahl ist jedoch die königlich preußische Familie mit inbegriffen. Einzig, wie der theure Held, dem dieses so seltene Fest erblüht, einzig wie dieser Tag dasteht in der Geschichte aller Zeiten und Nationen, einzig, wie die Erinnerung an ihn fortleben wird im Gedächtnisse des deutschen Volkes, ebenso einzig ist die Zahl fürstlicher Herren und Damen, welche aus Nord und Süd, aus Ost und West nach Berlin kommen, um dem Kaiser zum neunzigsten Geburtstage zu huldigen. Viele, viele Jahre werceu wohl dahin fließen, ehe eine so zahlreiche fürstliche Gesellschaft sich wieder in der deutschen Hauptstadt zusammenfinoet. Das gesamte Gefolge der in- und ausländischen höchsten Herrschaften wird ungefähr drei- hundertundfünfzig Personen zählen.
— In einem Gesamtrückblick auf den Wahlkampf im Deutschen Reiche urteilt die „Times" auch in bemerkenswerter Weise über „die Parteien im Deutschen Reichstage". In einer, ihrem Texte beigegebenen Wahlkreiskarte stellt sie die Konservativen und die Nationalliberaten mit derselben weißen Farbe dar, „weil Letztere sich immer mehr in Reichsfragen nach rechts neigen. Es war diese Partei stets das Salz des Reichstages, die Partei der aufgeklärten Grundsätze und des unbeugsamen Patriotismus- sie wird im neuen Reichstage das Rückgrat der Regierungs- »nterftützung bilden. Am meisten haben die Freisinnigen verloren, die sich die deutschen Freisinnigen nennen, aber nichts weiter sind, als eine Verbindung von Radikalismus und Verschleppungssucht, stets — den Worten des Kanzlers zufolge — bestrebt, alles, was Deutschland groß und einig gemacht, anzufechten. Diese systematischen Gesetz- entwurfsverschlepper, Bill-blockers, sind jetzt vernichtet und zu einer Fraktion sechsten Ranges herabgedrückt. Der Geist der Partei drückt sich in der von Eugen Richter gegründeten „Freisinnigen Zeitung" aus; ihr Ton ist hoffnungslos verneinend, schmähsüchtig und gemein. Von den Sozialisten sagt die „Times", daß sie aus Lachsen wie mit einem Besen hinausgekehrt wurden. Die Bedeutung ihres allgemeinen Stimmenzuwachses sei mehr augenfällig IS ihatsachlich, denn niemals vorher habe die Teilnahme
an der Abstimmung eine solche Höhe erreicht, wie bei den letzten Wahlen.
— Schon ist die antimonarchische sozialistische Partei auf eine Wählerzahl von 700 000 Stimmen angewachsen, — so ruft mit Emphase die von E. Richter begründete „Freisinnige Zeitung" aus. Also die Wähler des Herrn pr. Virchow und von etwa 20 anderen „Deutschfreisinnigen" im Reichstage wären „antimonarchisch" — das weiß man beim „Deutschfreisinn", trotzdem aber nahm man deren Wahlhülfe an, ja man bemühte sich sogar von Seiten der Zentralleitung der Partei, damit die eigenen Parteigenossen für Mitglieder einer Partei stimmen sollten, die man als antimonarchisch kennt!
— Aus Hagenau im Elsaß wird der „Kreuz-Zeitung" Mltgeteilt, daß bei allen deutschen Bewohnern, besonders den Förstern, die Verfügung, an Franzosen keine Jagdscheine zu verabfolgen, große Befriedigung erregt hat; wird doch selbst von der „Kreuz-Ztg." behauptet, daß der französische Knegsminister einen Teil der Pachtsumme bestreite, welche den Wert der Beute, selbst den des Vergnügens oft bedeutend überbietet. Der Grund zu dieser Maßregel ist, daß bei allen den Jagden sich nut Franzosen, besonders aber französische Offiziere in größerer Zahl beteiligten und das schönste Feld für allerlei Agitationen vorfanden. Durch die mannigfachen Beziehungen zu den Einwohnern, als Treiber, Waldhüter u. s. f , wurde nicht nur Fühlung mit denselben behalten und den Leuten der Eindruck gemacht, der französische Einfluß sei noch ein vorherrschender, und nicht nur wurden neue Verbindungen angeknüpft, sondern man machte sich auch mit den Waldungen und Stegen und allen Eigentümlichkeiten der hiesigen Forstgelände genau bekannt.
Darmstadt, 12. MäiH. Von Friedberg aus wurde am Wahlabend an den Grvßherzog wie folgt telegraphiert: „®er zweite oberhessische Wahlkreis schätzt sich glücklich, Ew. Kgl. Hoheit von der Wiederwahl eines nationalgesinnten Reichstagsabgeordneten gehorsamst Mitteilung zu geben. Sieben hessische Wahlbezirke haben für Kaiser und -ittlch gestimmt. Die Festversammlung unserer Wählet ruft: Es lebe unser Gtoßhetzog! Der nationalliberale Wahlausschuß. Jöckel." Worauf andern morgens folgende Antwort einlief: „Freue mich, daß Ihre Bemühungen mit Erfolg gekrönt, möchten sie zur Erhaltung des Friedens beitragen. Jetzt gilt es, sich wieder mit den Wählern der ankeren Partei zu versöhnen. Ludwig." — Auch Fürst Bismarck erhielt zur selben Zeit eine Depesche, doch rouroe der Inhalt dieses Telegramms wie auch der der kanzlerischen Antwort nicht bekannt.
Gräfin Jadwiga.
NoveleUe von ilnuiie Widdern.
(Fortsetzung.)
Es währte lange, ehe sich die Auzen der Gräfin öffneten, b°nn aber 1 (baute sie mit einem Blick zu ihm auf, der ihm das Blut siedend zum Herzen trieb.
„Gräfin!" stammelte er — „Jadwiga!"
töte aber hatte sich schon gefußt — ihre Blicke wurden wieder starr, kalt und sich geuallsam aufrichtend, dankte sie ihm mit kühlem Wort für feine Hilfe.
„Und nun übet lassen Sie mich auch meinem Schicksal," sagte sie dann. ' '
„Nein, Gräfin. Sie müssen mir wenigstens gestatten, kaff ich meinen Wagen für Sie hole." „Nie!" erwiderte fie leidenschaftlich.
Aber trotz ihres Widerspruchs stürmte er davon. Eine Viertelstunde spater stand feine Equipage an der Unglücks- ftatte, aber sie war verschwunden. Sir hatte sich, mühevoll genug, aus anderem Wege nach Hause geschleppt. Und doch — und doch — l
Acht Tage darauf fand wieder einmal eine heimliche Zusammenkunft auf der Besitzung Frau von Zsivonskis statt. Die Fenster des Gemaches, in dem die Tarnen ihre Gäste die beimummt und zu verschiedenen Nachtzeiten eintrafen' empfingen, waren dicht verhängt. Niemand durfte auch nur ahnen, was hier verhandelt — geplant wurde.
Man hatte, fich nämlich, wenn auch ganz unberechtigt, zu überzeugen geglaubt, daß Waldkirchen wiiklich den Polen «ls eine Art Ausseh,r von der Regierung gestellt sei. Es war deshalb beschlossen woiden, den unliebsamen Nachbar zu beseitigen. Die Würfel sollten nun entscheiden, wer das Vollstreckeramt zu übernehmen habe.
Und auch die Frauen ergriffen das winzige Elfenbein- Viereck, w lcheS Einen der Verschworenen zum Mörder stempeln sollte. —
Das Schicksal wollte, daff Jadwiga den höchste» Wurf that. — sie war leichenblaff geworden, aber ohne mit einer Mine zn zucken, hörte fie doch den BerhaltungsmaffregeÜt t», die man ihr gab.
Stuttgart, 15. Wie der „Staatsanzeiger" ber am Tage nach der Annahme der Militarvorlage im Reichstage ein Telegramm an een Äönig in Nizza, worin er der so gut ausgefallen?» Wen in Württemberg gedachte, welche den S g M herbeifuhren halfen. 8
Ausland.
^5. März. Die Abgeordneten lehnten in namentlicher Abstimmung den Minoritätsantrag Trojan betrchs des polyglotten Banknotentextes mit 193 gegen 82 L-timmen ab und nahmen den hierauf bezüglichen Artikel unverändert an. 8 a w
Paris, 15. März. Der Minister des Aeußern «ÄlC9te bem Ministerrate ein Cirkularschreiben an »°r' worin dieselben zur Teilnahme ander Welt-Ausstellung von 1889 eingeladen werden.
Miirz. (Unterhaus.) Unterstaats- stkrelar Ferguffon erklärt: Wir erfuhren zu unserem tiefen Bedauern, daß einige Personen mit Sprengstoff aus dem wurden, den der Zar zum Gottesdienste
Seat1 mir fin?°rtb?ta9? Wri9en Zaren zn nehmen pflegt, wir sind aber erfreut, mitteilen zu können, daß kein Angnff auf den Zaren erfolgt ist. (Beifall.) — Das Unterhaus beriet heute den Kriegsetat. Stanhope hofft bald m der Lage zu fein, im Notfälle ein völliges Armee-' forp« in kürzester Frist einzuschiffen. Die Landesverteidi- gung sei gebessert, aber noch ungenügend. Die Wahl des Repetiergewehrs werde hoffentlich vor Ablauf weniger wüsse dann schleunigst damit bewaffnet werden, es muffe ein Gewehr haben, welche» dasjenige jeder fremden Armee übertreffe. Die Mannschafts- dw Löhnung werden angenommen. — Der „StrneS meldet man aus Wien, es sei eine Verschwörung vn -ßeieräburg entdeckt worden, welche auf den Sturz des Absolutismus und die Einführung der Konstitution gerich. tet fei. Die Verschwörung bildeten keine Nihilisten, sondern hochgestellte Großgrundbesitzer; ihr Plan war nicht, ? m^rrn?U .ctmoi?cn' sondern ihn zu zwingen, zwischen dem Erlaß einer Konstitution und der Abdankung zu wählen. Der „Standard" bringt unter Berlin ein Telegramm, wonach sechs Studenten in Petersburg nahe bei dem Anttschkowpalais verhaftet worden sind. Bei denselben sollen Sprengstoffe gesunden worden sein.
m-s^^^burg,15. März. >Der „Regierungsanzeiger'
’m ld‘ nachmittags 2 Uhr wohnte das kaiserliche Paar und die Mitglieder des kaiserlichen Hause» der Seelenmesse für den Kaiser Alexander II. in der Peter-
Trscheint täglich außer a» Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal« Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t Mk.. bei den Postämter 2 Mk. 50 Bfg. (ejcl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg, Reklamen für die Zelle 25 Pfg.
.. "^nounga — we.dcu ®te bie Meine,- bat er da „fubkn Sie es doch, des Weibes Berus ist allein die Liebe'" in Sw ~ ahnte er denn gar nicht, was fie iu der Falte des schwarzen Seidenkleides barg?! O, wenn der W,g sich bog, dicht am Rande des Bächleins das biet mitten tm grünen Wald lustig dahin eilte, würde fie ihn nötigen, borauszug.hen, und dann — dann: Ein Druck— ein Ko all ui d —!* .
Kalter Schweiß trat auf ihre Stirn - es schwindelte mik £rat *’IiWi$ wie in einer fata morgana ein
Bild aus der Vergangenheit bar ihre Seele: Sie sab sich als kleines Kind in ihrem Bettchen liegen auf helfen S'19««“* grau lad m wÄ ä S K btn Augen der Kummervollen aus da» Gesichtchen deS Kindes fielen. '
$9,“ Mütterchens" fragte die Kleine.
x>ix schluchzte die Arme laut auf;
„fjrage wich nicht, Kind, Du verstehst mich dock nickt 9T8 ü>ilst mich auch nie verstehen, denn in Deinen S.acrhnm btt ba8 K1;1 der Javronskl's, edles Starostenblut! lanb ?u ftiefe7n“nb immer ”Ur bereit war, für das Vater-
3abmtga routo lange schon, w sbalb ihre Mutter da- 2'ug berwittwel hatte fie zum zweiten Male fi ^er, bem ffe ihr warmes — sehnendes
H°rz fl schenkt war rin Deutscher. — Und sie wußte, haft fie dem Sinne Wladislaus JabronskiS keinen Deutschen um Vater geben du fte.
Jadwiga hatte ihre eigene Mutter dieser Liebe wegen veracht-t: . B
k°"N «le vergessen, weß Stammes Tochter fie ist," sagte fie stolz — „bie Liebe zum Säten land muß jedes andere G fühl in ihr ertöten. Unb mm—?"
Und nun liebte auch fie einen Deutschen —! diese fnrckt- bare^Elk-nntniS war ihr schon gestern g-fommen; — liebte beu Mann, dessen Todesurteil von den Brüdern gefällt war
(Fortsetzung folgt)