Rr. 61.
Marburg, Sonntag, 13. März 1887.
ixn. Jahrgang.
OWrMe Jcitrag
Wöchentliche Beilagen: Kreis - Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain.
, Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag vou Joh. Aug. Koch.
— Illustriertes Sonntagsblatt.
Erstes Blatt
Die Heeresmacht Oesterreichs.
. Die Beschlüsse der Delegationen in Budapest, welche rn schönster Harmonie und Einmütigkeit gefaßt wurden, haben dem gemeinsamen österreichisch-ungarischen Kriegsminister die immerhin teoeuiende Summe von 85 Millionen Mk. zum Zweck der Verwendung für außerordentliche Äus- gaben zur Verfügung gestellt. Die Bereitwilligkeit und der Patriotismus, welche sowohl in der österreichischen wie in der ungarischen Delegation zum Vorschein kamen, sind wohl geeignet, jene unangenehmen Schatten zu verscheuchen, welche gelegentlich der Zansky-Affaire auf die Armeeverhältnisse unseres Nachbarlandes gefallen sind, jene Besorgnisse, welche insbesondere in deutschen Organen über den Wert der österreichisch-ungarischen Bundesgenoffenschaft laut geworden. Man hat oie Entdeckung gemacht, daß, sobald der Bestand und das Wohl der gemeinsamen Monarchie, in Frage kommt, die Gegensätze der Natibnalitäten und zwar nicht nur diejenigen in Cisleithanien und Transleit- hamen, sondern auch diejenigen, welche zwischen der österreichischen und ungarischen Reichshälfte bestehen, zum Schweigen gebracht und einem edlen Wetteifer in Treue und Opferwilligkeit für Kaiser und Reich Platz machen Es ist das Resultat der Abstimmung in den Delegationen jedoch nicht blos von diesem Gesichtspunkte aus von politischer Bedeutung. Auch nach der Richtung ist dies der Fall, daß OesterrJch-Ungarn nunmehr, nachdem der Kriegs- Verwaltung reichliche Mittel zur Verbesserung der Armee- verhältnisse gegeben woroen sind, der Bundesgenosse Oester- j relch-Ungarn einen eryöhlen Wert erhält, indem jene Besorgnisse, welche für die Qualität oes Heeres gehegt wurden, in Wegfall kommen. Die Hebung des Niveaus der öster- reichisch-ungarischeli Heeresmacht und die energische Durchführung des Landsturmgesetzes, welche nicht minder die Wehrkraft des Landes erhöht, sind Momente, die unseres Erachtens für oie Erhaltung des Friedens nicht minder ins Gewicht fallen, wie das glückliche Resultat der Wahlen zu Gunsten des Septennats in Deutschland. Kaiser Franz Josef hat diesen Anschauungen in deutlicher Weise Ausdruck gegeben; er hat Herrn Smolka gegenüber die Zuversicht ausgesprochen, daß durch die für bas Prestige der österreichisch-ungarischen Monarchie nach außen so wichtigen Beschlüsse der Delegationen die Wahrscheinlichkeit, den Frieden zu erhalten, sich zweifellos wesentlich vergrößert habe.
Schmorl, gleichzeitig wurde oie Inhaftnahme beioer verfügt. Nach einer zweistündigen Mittagspause begannen um 4V» Uhr die Plaidoyers des Vertreters der Anklage uns der Verteidigung. Herr Staatsanwalt HeckelSberg beantragte beide Angeklagte schuldig zu sprechen, während der Verteidiger Herr Rechtsanwalt Dörffler bezüglich des
übereinstimmenden Angaben betreffend das Vorhandensein eines vierten Weinstockes aufrecht und behauptet ferner, er sei bei seiner Vernehmung in Kirchhain nicht davon in Kenntnis gesetzt worden, daß es sich um eine Anklage wegen Meineid« gegen seine Frau und den Netterrnann handele, vielmehr habe er sich in dem Glauben befunoen, das Verfahren sei nur gegen seine Frau gerichtet Auch die Kuhn bleibt bei ihrer vor dem Schwurgerichte als Zeugin gemachten gleichlautenden Aussage stehen uno bezeichnet auch heute noch das von ihr in Kirchhain abgelegte eidliche Geständnis, daß kein vierter Weinstock vorhanden gewesen sei und sie ihre entgegengesetzten Angaben nur deshalb gemacht habe, um ihrer Herrin zu nützen und dem ihr verhaßten Keppler zu schaden, als unwahr uno stellt dieses Zeugnis als ein von dem Amtsrichter Boxberger in Kirchhain und dem Dechanten Müller Lu Amöneburg ^ihr durch Drohungen erpreßtes hin. Ebenso blieben Frau Schmarl und Netterrnann, welche heute aus dem Zuchthause vorgeführt waren und nicht eidlich vernommen wurden, bei ihren früheren Behauptungen stehen. Alle anderen etwa 25 vernommenen Zeugen, zum Teil solche, die die Weinstöcke selbst gepflanzt und behandelt hatten, bekunden jedoch im Wesentlichen das direkte Gegenteil, mit
Vermischtes.
Dortmund, 11. März. Der hiesige Landwirtschaftliche Verein hat eine Neuerung eingeführt, die von allen derartigen Vereinen nachgeahmt zu werden verdiente. Derselbe hat nämlich beschlossen, gegen die Bewucherung seiner Mitglieder einzuschreiten, bedrängte Landwirte aus den Schlingen der Wucherer zu befreien, den Kreditverhältniffen der ländlichen Kreise überhaupt auf geeignete Weise Rech- nung zu tragen. Ebenso hat der Verein SchiedS- oder Sühnegerichte errichtet, vor welches die Mitglieder ihre Streitigkeiten in Angelegenheiten des Grundbesitzes zu bringen haben.
Minden, 10. Mäh. Das künstlerisch und räumlich bedeutendste evangelische Gotteshaus weit und breit, die aus dem 12. Jahrhundert stammende Martinikirche Hierselbst, ist von Len Stürmen der Zeit so scharf mitgenommen worden, daß eine schleunige und sehr umfangreiche Hauptausbesserung erforderlich ist. Die Kosten belaufen sich auf annähernd 200000 Mk. Für die Gemeinde ist diese Summe allerdings sehr groß, aber sie will für ihren hehren Tempel kein Opfer scheuen.
Newpork, im März. Die Legislatur des Staates Newyork setzte in ihrer letzten Session eine Kommission ein, um über die beste Art des Vollzugs der Todesstrafe zu berichten. Die Kommission empfiehlt nach eingehender Prüfung, das Hängen abzuschaffen und die elektrische Batterie an Stelle des Stranges zu setzen. Dieser Strafvollzug sei humaner, weil vollkommen schmerzlos, und zugleich auch sicherer, weil der Tod augenblicklich eintrete, uno endlich weniger barbarisch und abstoßend für die der Hinrichtung beiwohnenden Zuschauer.
— Während der letzten Tage haben in Süd-Griechenland wiederholt Erderschütterungen stattgefunden.
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Hessen-Nassau.
x 11. März. (Strafkammer.) „Es ist
der Fluch der bösen That, daß sie stets Böses muß gebaren, konnte man heute sagen, als man den Sitzungssaal betretend den suspendierten Gerichtsvollzieher Schmort aus Kirchhain und dessen Dienstinagd, die unverehelichte Karoline Kuhn, auf der Anklagebank sitzen sah, ange- schuldlgt der Begünstigung^ des Meineids. Der dieser
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Franlfurt a. M, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in FranIfuri ♦ a. M., Berlin.Müncken um Köln; G- L. Daube unt Co. in Frankfurt a. M-, Berlin, Hannover u. Paris
Ausnahme eines einzigen. Dieser einzige ist der 22jährige Schneidergeselle Ludwig Hofmann aus Kirchhain; derselbe wurde vor etwa 8 Tagen von Schmor! als Entlastungszeuge beigebracht und gibt heute an, er sei im Juni 1885 mit der Dienstmagd Kuhn zusammen aus dem Felde nach Hause gegangen und habe sich mit derselben an dem jetzt Schmorlschen Hause vorübergehend über die Weinstöcke unfer^ weljer ben meisten I wahrgenommen, daß^ sich /un^nicht 3^Weinstöcke "vordem
unserer r^eser aus der vorletzten ©chwurgenchtspenooe noch Hause befanden, neben 3 größeren ein kleiner etwa t Meter Schob °»N. «i’ÄXSS 3 kaufte der Gerichtsvollzieher yrtebr. Aug. Schmorl angegeben.) Weiter habe — ~ von dem Ziegelbrenner Keppler ein in Kirchhain gelegenes ~ -
Wohnhaus Mn Preise von 7250 Mk. mit der Bevingung, ba!3 die jetzigen Besitzer des Hauses dasselbe bis zum 1. September zu räumen hätten. Kurz nach diesem Verkaufe gerieten die beiden Parteien miteinanoer in Streit, es kam zu heftigen Reibereien und zu gerichtlichen Klagen wegen Mißhandlungen und Beleidigungen. Im Oktober 1883 machte Frau Schmorl die Anzeige, Keppler habe nach erfolgiem Hansverkaufe einen der vier an der Vorderseite des Hauses befindlichen Weinstöcke entwendet und benannte Den Weißbinder Gabriel Nettermann zu Kirchhain als Zeugen, da derselbe den Keppler beim Ausgraben des Welnstöckchens betroffen haben sollte. Infolgedessen wurde eine dahingehende Anklage gegen Keppler erhoben und
Für Deutschland ist Oesterreich - Ungarn nunmehr ein wertvollerer Bundesgenosse, wie vor einem Jahre, für Rußland bedeuten die Kundgebungen der Delegationen insbesondere die Aeußerungen Apponyis in der ungarischen Delegation, die Gewißheit, daß em einseitiges Vorgehen in der Regelung der Verhältnisse der Balkanstaaten als gegen das Interesse Oesterreichs gerichtet angesehen und , ..w yuuen, um ote Oeg a,tetne.oeä
?e Abwehr staden werde. Der Kredit, welchen die Angeklagten zu begünstigen resp. der ihnen drohenden Strafe
Delegationen dem KriegsmiNlster bewilligt haben, wird zu entziehen. Bei Schmorl bezieht stch diese Anklaae nur
con 6e” fortschrittlichsten Organen beider Reichsteile auf Netiermann, da er bezüglich feiner Frau nickst ver-
S betrachtet und merkwürdiger Weise folgbar ist, bei öer Kuhn dagegen EÄ
finb gerade diejenigen Organe von dem richtigen Takte in betracht. Schmorl, der sich bei seiner Vernehmuna
JT D0" Oem .emsttmmigen Patriotismus durchaus nicht schüchtern benimmt hält heute Me fMe?
derselben besonders entzückt, die nicht umhin konnten, der feine mit den Aussagen seiner Frau und N^ ermann deutsch-freistumgen Partei im Reichstage für ihr mannhaftes 1 ---------- J 3 ' ' - ■ uno Eiermann
Ankämpfen gegen die Bestrebungen des Fürsten Reichskanzlers zur Seite zu treten. In unserem Nachbarlande konnte Graf Julius Andrasfy unter dem lebhaften Beifalle aller Parteien die Erklärung abgeben, daß die Delegation keine patriotischere Pflicht habe, als ohne jedes Feilschen, ohne jede Kleiniichkeit oder Aengstlichkeil all das zu bewilligen, was die Regierung verlange. Die „Reue Freie Presse", die immer bereit ist, dem Thun und Treiben unserer Fortschrittlichen im deutschen Reichstage und deren Genossen das Wort zu reden, widmet zwar der Abstimmung in der Delegation Worte der Anerkennung; es scheint uns aber wohl am Platze zu sein, daß sie unter den zahllosen Artikeln, in welchen sie die Verhältnisse im Deutschen Reiche bespricht, endlich aufhören wollte, mit den unqualifizierbaren Zielen unserer Opposilionäre herumzuliebäugeln.
Diese ©orte von Opposition, die, wie die „Neue Freie Presse" sehr wohl weiß, unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Oesterreich der allgemeinen Entrüstung anheimfiele, ist auch in Deutschland nicht am Platze und es thäte not, wenn von jener Seite einer objekiveren und zweck mäßigeren Politik das Wort geredet würde.
. : er am 28. Dezember v. I. in der Rutzschen Wirtschaft zu Kirchhain ein Gespräch Zwischen Keppler und dem Schneidermeister Wilhelm Lauer belauscht, wobei Lauer äußerte, ich würde keinen Meineid um Dich schwören, es waren vier Stöcke an dem Hause, und ähnliches mehr. Keppler und Lauer erklären diese Angaben des Hofmann als vollständig aus der Sufi gegriffen und unwahr, und Zeuge Keppler gab aufllärend an, er habe gesehen, daß Hofmann gestern abend um 11 Uhr die Wohnung des Schmorl verlassen habe und auch heute in aller Frühe schon dort gewesen sei, so daß ihm Hofmann ein gekaufter Zeuge zu sein scheine. Die Angaben des letzteren wurden hiernach genau zu Protokoll genommen, nochmals vorgelesen und von demselben eidlich Termin nir v --r r— ........ «... , bestätigt, uno erging bann Gerichtsbeschluß, die Akten der
uiZbain att nt?9 ”7 ^osfEgerlchte gl. ©taaisanwaltschafi zuzustellen behufs Einleitung einer Vermin fpf !,.7 . 5 Z" diesem Untersuchung wegen Meineids gegen den Zeugen Hofmann
bcknndel, ©chmorl aus ihren Eid, daß zur und wegen Verleitung hierzu gegen den Gerichtsvollzieher Z"t des Kaufes und noch einige Zeit nachher ander 1 ------f 8 - - - - - ’
&oroer)eite des Hauses sich vier Weinstöcke befunden hätten, nämlich vor der Hausthüre links zwei gleich große und auf der rechten ©eite ein großer und ein kleiner, letzterer sei jetzt verschwunden. Netterrnann bestätigte dies und gab an, er habe eines Tages gesehen, daß Keppler den kleinen Weinstock aus- . ruinier vernan® oes
m "Us das unzulässige dieser Handlungsweise Angeklagten Schmorl um Freisprechung bat, das Urteil
£ erhalten, er solle nur still seins das betreffs der Kuhn jedoch dem Gerichtshof' anheim gai
dUten F^unoe versprochen. Alle Seitens des letzteren erging nach längerer Beratung Be-
nuXeiirn l'T n■ mfU Überein, daß stets schluß dahin, daß das Verfahren gegen Schmorl zu ver-
U« » ierter Wemstock vor dem Hause tagen fei, um eventuell mit der in Aussicht genommenen
bobenen .ro“rbe 0amal6 von der gegen ihn er- Anklage wegen Verleitung zum Meineide für das nächste
fonni 9 sreiaesprochen, da nicht festgestellt werden Schwurgericht verbunden zu werden, dagegen sei die Schuld
7,TLnb * ? -Wettermann bekundete Vorfall vor ober ber Angeklagten Kuhn als erwiesen zu betrachten und die-
aÄ eem Hausverkause sich zugetragen habe, gleichzeitig selbe in anbetracht ihrer Hartnäckigkeit und Verstocktheit
XTSiTVa ®^rau schmorl und gegen Netter- zu 6 Monaten Gefängnis zu verurteilen. Ein Antrag ber
Pinpr iphr Meineids eingeleitet. Nach- kgl. Staatsanwaltschaft dieselbe sofort zu verhaften wurde
Aun,k! 7 h-U9rP?fen ^Essuhrung wurde darauf im abgelehnt, dagegen die Festnahme des Schmorl sowohl wie bS? w. ä' 6 schmorl sowohl rote ber Weiß- des Zeugen Hofmann verfügt. Der Faden spinnt firn bmber Netterrnann von bem hiesigen Schwurgericht des also weiter. '
Meineids schuldig befunden und erstere zu 1 Jahr und 6 Monaten, letzterer zu 1 Jahr und 9 Monaten Zuchthaus verurteilt. Die heutige Anklage behauptet nun, daß schmorl sowohl wie die Dienstmagd Kuhn bei ihren in dieser Sache erfolgten Vernehmungen als Zeugen wissentlich die Unwahrheit gesagt hätten, um die des Meineides