Rr. 60.
Marburg, Sonnabend, 12. März 1887.
XXII. Jahrgang.
GrrMchk Jfitmig
ab
Lautlo'e Stille herrschte.
ES geht rasch mit ihr zu Ende!" flüsterte der Arzt. Mr. Shclton bm.te sich za der Steroenden nieder. »Gert,Yen Sie Ihre Schuld!' sprach er leise.
Emen Moment wandten ihre Augen sich von Lancelot iwb richteten sich starr auf den Detektiv.
»sind Sie — mein Ankläger?'
»3ch bin eS. Bekennen Sie sich schuldig?»
Sie hörte die Worte, do- ihr Blick hing unverwandt an Lancelots Antlitz und kaum hörbar hauchte sie:
„Lancelot, was soll ich thun?'
„Sie sollen Ihre Sünden bekennen!' sagte er kalt aob
Die Geister ver Finsternis.
Roman an- dem Amerikanischen von A. Bayard.
(Zorlsetzang.)
Niemand der Anwesenden vermochte je den Blick der schuldbewußten Flau zu vergessen, als der Geheimpolizist ihr diese Anklage ins Gesicht schleuderte.
Entsetzen und wilde Verzweiflung malte sich auf ihren Züg-n. —
Im nächsten Augenblick streckte sie mit einem Aufschrei die Arme von sich und fiel mu dumpfer Schwere zu Bodeu.
Der alte Geistliche, der in ihrer Nahe stand, eilte zu ihrer Hilfe herbei, obgleich er selbst so zitterte, daß er sich kaum aufrecht zu hallen vermochte.
Als er mit Muhe ihr Haupt auf seinem Arm dem Lichte< -»wandte, entquoll ihren Lippen em starker «lutstrom und färbte das Weiß ihres Hochzeitskleides.
In Folge der heftige« Aufregung ist eine Ader gesprungen,' erklärte ein unter den Gästen anwesender Arzt, der eilig herzugetreten war. „Es giebt keine Rettung! Sie muß sterben!'
Mrs. Vance vernahm diese Worte. Sie war bei vollem Bewußtsem.
In stummer Verzweiflung öffneten fich weit ihre Augen.
Keiue Reltuug! Sie mußte sterben!
Das war der Triumph, der ihr einzig aus dem vollen Glücksbecher, dem überströmenden Kelch geblieben war, an welchen ste wenige Augenblicke zuvor bereüs überselig ihre Lippen gesetzt hatte.
Noch kurze Minuten früher hatte ihr das Leben im hellsten Glanze zugelächelt; jetzt verhüllte die Finsternis des Grabes alles Licht und allen Schimmer.
Wie im Traume traten vor ihren Geist wie mtt Flam, »enschrifl Worte hin, dem» fie einst gedankenlos gelauscht hatte, in jener Zett, welche auf immer uuwiederbliuglich hinter ihr lag: Der Lohn der Sünde ist der Tod!
®tn ^Eer durschmlelle dle VerMecheriu, der.» dankleS Haupt noch der Brautk anz schmückte.
Ruhelos wanderten ihre Augen von einem zum andern der Hochzeilsgaste, aber das eine Gesicht, welches fie vergeblich suchte, war nicht unter allen. P
»Mir scheint, ste wünscht jemanden zu sehen!' sagte Der Arzt« *
.M^s. Vance blickte ihn mit sprechendem Blick an und 51“.^er hesttgsten Anstrengung brachte fie, fast unverständlich, den Nrmeu „Lancelot' hervor.
Mr. Shelion wollte sich eilig entfernen, doch in demselben Augenblick staad er, nach dem die Ste bende verlangt hatte, auch bereits neben ihr, ihm zur S ite die tot, geglaubte Lily.
Die dunklen Augen, deren Glanz mehr und mehr erlosch leuchteten noch einmal leidenschaftlich auf, während fie zu seinem Gesicht empor blickte. M P 4
„Ich wollte — Dir sagen,' hauchte fie schwach, „daß ich — sünsigte — einzig aus — Liebe — zu Dir--
Sanc lot!'
..Er stand tief gebeugten Hauptes, die zitternde Lily stutzend. Kein Wort der Entgegnung wollte fich über seine Lippen ringe». 1
geboren 1857, der im vorigen Reichstag das jüngste Mitglied war, und dann der Ultramontane Erbgras v. Neip. Perg, geboren 1856, der eben 25 Jahre geworden war, also genau das wahlfähige Alter erreicht hatte, als er im Jahre 1881 in den Reichstag entsandt wurde, dem er nunmehr trotz feiner Jugendlichkeit schon in der dritten Legislaturperiode angehört. Unter den mehr als
Hundert parlamentarischen Neulingen der gegen
wärtigen Versammlung seien vorläufig neben Dr. Otto Böckel noch hervorgehoben: der liberale, aber keiner Fraktwn angehörige Arzt Dr. de Ahna aus Arnstadt, geboren 1847 zu Meiningen, der bei den beiden vorletzten Wahlen sehr eifrig für die Wahl des freisinnigen Abg. Llpke thätig war, aber jetzt als Kandidat gegen ihn auftrat. Ferner der Legationsrat a. D. Graf Hermann v. Arnim, Besitzer der von ihm den Erben des Prinzen Friedrich der Niederlande abgekauften Standesherrschast Muskau und großer, vom Vater ererbten Güter in der Pr?vmz Brandenburg, geb. 1839. Er hat an allen Kriegen seil 1864 als Offizier teilgenommen, wurde nach dem dänischen Feldzuge LegationsAttachö in Brüssel, war dann Legations-Sekretär in Petersburg, Botschafts-Sekretär in Paris, zeitweilig Geschäftsträger in Brüssel, darauf wieder erster Legations-Sekretär in Konstantinopel und in derselben Stellung m Washington, wurde von 1873 । im Auswärtigen Amte beschäftigt und nahm infolge des Prozesses gegen seinen Schwager, den Grafen Harry Arnim, wenn wir nicht irren, von Madrid aus, seinen Abschied aus dem diplomatischen Dienste. Daß ihm die Parteinahme für seinen Schwager auch noch Haft eintrug, scheint Graf Arnim-Muskau jetzt vergessen zu haben, jedenfalls trägt er sich mit ehrgeizigen Gedanken und es zeigt schon die Aufzählung seiner diplomatischen Posten, baß er etwas von der Welt kennen gelernt zu haben glaubt. Als letzter der Neulinge mag für heute noch er» wähnt werden der Oberstlieutenant z. D. Iwan Baumbach aus Altenburg. Er ist bort 1832 als Sprößlina einer alten hessischen Soldatenfamilie, die übrigens in Jeffen längst adlig ist, geboren, hat schon als 17jähriger Jüngling dem Feldzuge in Schleswig-Holstein beigewohnt und war spater längere Zeit persönlicher Adjutant des Herzogs von Altenburg, so daß sich der bekannte Brief des Herzog an ihn leicht erklären läßt. Sein Mandat als Reichstagstagsabgeordneter verdankt er feiner Stellung als „General - Inspekteur der Militär- und Kriegervereine des Herzogtums Sachsen-Altenburg und des Fürstentums Reuß j. L."
— Englischen Berichten entnehmen „Glasers Annalen' Organ, welches agrarischer Tendenzen wohl kaum beschuldigt werden dürfte — Auslassungen' über die Lage der Landwirtschaft beziehentlich den Einfluß derselben auf
SeutfdKd Reich.
Berlin, 10. März. Der Kaiser nahm heute vormittags militärische Meldungen entgegen, konferierte mit dem Kriegsminister und dem Chef des Militärkabinetts General von Albedyll und machte nachmittags eine Spazierfahrt. Zu dem Ealadiner, welches zu Ehren des Geburtstages des Kaisers von Rußland morgen im kaiserlichen Palais stattfindet, sind gegen 60 Personen geladen worden. — Die Budgetkommissiou des Reichstages erledigte heute den gesamten Postetat. Dieselbe lehnte die erste Baurate für je ein neues Postgebäude in Könitz und Myslowitz, sowie die zur Vergrößerung des Postamtsgrundstückes in Danzig geforderten 143 622 Mark ab und ermäßigte die Forderung für das Postgebäude in Weimar um 45000 Mark. Alles Uebrige wurde unverändert genehmigt. — Ein dem Herrenhause zugegangener Antrag des Herrn v. Kleist-Retzow, betreffend die Selbständigkeit der evangelischen Kirche, besteht aus einem Gesetzentwürfe, welcher 5 Artikel enthält und welcher im wesentlichen bestimmt, daß die auf kirchengesetzlichem Wege zustande gekommenen Abänderungen der aufgrund der Kirchengemeinde- und Synodalordnnng gebildeten Kirchenorgane und ihrer Berechtigungen, soweit sie keinem Staatsgesetze widersprechen, fortan zu ihrer Rechtsgiltigkeit der Genehmigung durch die Staaksgesetzgebung nicht bedürfen. Der zweite Teil des Antrags ersucht um Vorlegung eines Gesetzentwurfs, wodurch der evangelischen Landeskirche in den älteren Provinzen jährlich zur Begründung neuer Pa- rochien 300000 Mark, zu eeminarien und Vikariaten 22p 000 Mark, behufs Ablösung der Stolgebühren 750000 M., ferner für die Bedürfnisse der Ausübung des Kirchenregiments 1030000 M., zur Sicherung eines entsprechenden Einkommens der Geistlichen und Unterstützung ihrer Angehörigen und Hinterbliebenen, sowie für andere Kirchenbedürfmsse 4870000 M. zur Disposition gestellt werden. Entsprechende Beträge sollen, soweit dazu ein Bedürfnis vorhanden ist, auch der evangelischen Landeskirche in den neuen Provinzen, sowie der katholischen Kirche zur Verfügung gestellt werden. — Das jüngste Mitglied des neuen Reichstags ist der in Marburg gewählte Ur. pnil Otto Böckel, ver sich im Parlaments-Almanach selbst als „Antisemit, keiner Fraktion angehörig', bezeichnet. Seine Hetzereien und Wühlereien, die ihn bis in die Hauptstadt des deutschen Reiches führten, betrieb er be- kannntlich unter dorn (itaüanifiertenj Pseudonym „Capistrano". Er ist am 2. Juli 1ö59 in Frankfurt a. M geboren, also noch keine 28 Jahre alt Studiert hat er erst Jurisprudenz, bann neuere »sprachen und ist dann ms Bibliotheks-Assistent in Marburg angestellt. Als seine Hauptschrift bezeichnet er „Die europäische Judengefahr". Nach Böckel folgt im Atter der Pole ur. von Graeve,
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marbnrg n. Kirchhain.
_____________ Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Koch.
den Handelsverkehr im Allgemeinen und empfehlen diese Auslassungen den maßgebenden Kreisen Deutschlands zur Beachtung. Es heißt dort: „Eine Hauptaufgabe der zur Untersuchung des Handelsniedergangs in diesem Lande berufenen königlichen Kommission bestand in der Erforschung ber Ursachen unb Einflüsse, welche der gedrückten Lage des Ackerbaues zu Grunde liegen. Denn wahrlich ist dies eine Frage von der größten Bedeutung, da der Ackerbau die verbreitetste unserer heimischen Jndustrieen ist und von ihm alle übrigen mehr ober weniger ^abhängen. Der auf oben Zweigen ber Bodenkultur lastende schwere Druck ward zur Evidenz bewiesen und über die Ursachen desselben herrschte nur geringe Meinungsverschiedenheit. Die mächtige Entfaltung des Ackerbaues in Amerika und die dadurch hervorgerufene Preisermäßigung aller Bodener- zeugnisse tm Zusammenwirken mit zeitweiligen schlechten Erntei-chren ist der Hauptursprung jener beklagenswerten Zustande, jn bezug auf die Mittel zur Abhülfe gaben sich verschiedene Ansichten kund, aber die Mehrzahl der vernommenen Sachverständigen sprach sich dahin aus, daß bessere Anordnung der Eisenbahnfrachteu und mäßige Besteuerung in etwas zur Besserung beitragen könnten. Bi» aber derartige Maßregeln getroffen fein würden, oder bevor "e. amerikanische Konkurrenz weniger schädlich geworden, schätzt man die Einbuße an Erwerbsfähigkeit (purchasing power) der im Ackerbau beschäftigten bezw. mit ihm ver- bundenenBevölkerungsschichten auf mehr denn 40 000000 Lstr (800 Millionen Mk.) jährlich, und in chen diesem ungeheueren Maße verarmt stetig der einheimische Markt. Im Zohre I88ü belief sich nach Sir James Caird jener Verlust auf 42 800 000 Lstr. (856 Mill. Mk.) und in einigen ber vorhergegangenen Jahre war er wohl noch belangreicher. Ein von Lord Dunraven und Herren Ecroyd, Lubbock und Muntz unterzeichneter Bericht enthält eine Reihe von Statistiken, welche den Niedergang bes Ackerbaues und die großen Verluste der an demselben Beteiligten darthun. Nach ihrer Ansicht besteht die Abhülfe in Eingangszöllen, "eiche die fremden Ausfuhrprämien aufzuwiegen und die einheimische Produktion zu beschützen im Stande sind, wenn- gleieh die Genannten Schutzzöllen im Allgemeinen nicht huldigen. Mit besonderem Nachdruck sagen sie vom britischen Ackerbau: „Wir können nicht umhin, unsere Ueberzeugung dahin auszusprechen, daß der dauernde Niedergang des Ackerbaues und seiner Ergebnisse in Berücksichtigung seines Einflusses auf die körperliche und geistige Gesundheit des Volkes, wie auf den Wohlstand und die Kraft der Natron, eine so große Gefahr birgt, daß er die Aufmerksamkeit und die Sorge des Landes und der Regierung aufs Dringendste herausfordert. Herr Arthur O'Conuor möchte in seinem Berichte die ganze Schuld auf die Habgierigkeit der Grundbesitzer wälzen oder doch wenigstens auf das
mit klarer Stimme, „-sind Sie Di ff en squidig, warum Sie angeklagt wurden, so gestehen Sie eS ein!'
„Schuldig?' wiederholte ste. „Ja, — ich bin eS! Ich versuchte, — Lily zu töten — bann — als ich mich fieber fllanbte — vor Entdeckung, — erfuhr eine alte Frau — Molly Lederet — mein Geheimnis — und drohte, es Dir zu sage«, — Dir, den ich liebte! Um mich zu retten, — vermiete ich fie und ihren alten Mann. Aber, Lancelot, — Alles that ich — nur — aus Liebe — zu Du!'
Seine Reue, Nichts als leidenschaflliche Verzweiflung sprach aus dem ganz n Bekenntnis.
Nicht im Stande, feinen hef'igen Abscheu länger zu ver, bergen, wandte Lauc lot sich von der f önen Sünderin ab, unb der Geistliche, sich zu ihr uiederd ugend, spiach:
»Mrs. Vanc-, Ihre Zett hier auf Erden ist vorbei! Richten Sie den Blick empor zu der großen, göttlichen Li-be, bte Jünen tiotz Allem vergeben wird, wenn Sie nur aus aufrichttgem Herzen wahrhaft bereuen!'
»Bereuen!' echote fie mit wildem Lachen. „Bereuen! Ich kann, ich will Nichts bereuen! Aus Liebe allein habe ich gesündigt und ich würde es Alles noch einmal thun, um der Liebe willen, um welche meine Seele ewig verdammt, ewig v deren sein wird!'
Ein neuer Blntstrom entstürzte ihren Lippen. Noch ein letzter Atemzug, ein krampfhaftes Z-ttern, welches über ihre G stbtszüge ging, ein letztes Zucken und die Seele ber schone» Sun ertn, w Iche den Gist-ru ber Finsternis mtt wm l-tzten Atemzug ihren Tribut gezollt hatte, giug in bas geheimnievolle Reich der Ewigkeit hinüber.
Lautlose Stille herrschte um die Tote her, in dem fer. z-nflimmernden Hochzeitssaal, wo die blutb fl ckte Schuld ia dieser selben Stunde ihren Triumph hatte feiern wollen: doch ein Arm der stä ker ist, hatte ein Halt geboten und vergehen lassen; — der Lohn der
Sünde ist der Tod! (Fortsetzung folgt.)
Erscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- AbonnementS-Preis bei der Expedition 2‘/+ Mk.. bei bat Postämter 2 Ml. 50 Bffl. (excl. Bestellgeld). Znsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg, Rettamen für die Zeile 25 Pfg.
Anzeigen nimmt entgehe die Expedition d. Blatts, sowie d.Annoncen-Burea«U von Haasenstein undVogl«, in Frankfurt a. M., GajJ<, Magdeburg und Wien; Rudolf ‘Hoffe in FranlfuN ♦ a. M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube unb Co. in Frankfurt a. St, Berlin, Hannover u. Paris