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Rr. SS.

Marburg, Freitag, 11. März 1887.

XXII. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Spedition 2 */4 Ml., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg , Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Anzeigen nimmt entg«tw die Expedition d BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVoglor in Franlfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Franlfuot a. M., Berlin München und Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. SW., Berlin, Hannover u. Paris

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f.d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

Deutsches Reich.

Berlin, 9. März. Der Kaiser empfing heute vor­mittags den Fürsten von Hohenlohe-Langenburg, nahm sodann militärische Meldungen und den Vortrag des Geh. Kabinettsrates von Wilmowski entgegen und machte nach­mittags eine Spazierfahrt. Um 31/* Uhr erscheint der Kultusminister, um vier Uhr der Staatssekretär Graf Herbert Bismarck zum Vortrage. Heute Abend findet eine musikalisch-theatralische Soiree bei dem Kaiserpaare statt, wozu 230 Einladungen ergangen sind. Zum Geburtstage des Kaisers werden, soweit bis -jetzt bekannt ist, nachstehende Fürstlichkeiten in Berlin anwesend sein: Der König und die Königin von Sachsen, der König und die Königin von Rumänien, der Kronprinz und die Kron­prinzessin von Schweden, der Kronprinz von Dänemark, der Prinz von Wales, der Graf von Flandern mit seinem Sohne Balduin, Prinzen von Belgien, Prinz Georg von Sachsen mit dem Prinzen Friedrich August und der Prin­zessin Mathilde, der Herzog von Aosta, der Prinz Ludwig von Bayern, sowie der Großherzog und die Großherzogin von Baden, der Großherzog und die Großherzogin von Sachsen, der Großherzog von Hessen nebst Tochter, Prin­zessin Irene, die Großherzogin-Mutter von Mecklenburg- Schwerin, die Großherzogin Wittwe Marie von Mecklen­burg-Schwerin, der Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin von Oldenburg, der Großfürst Michael Nicolajewitsch von Rußland und die Großfürstin Vera von Rußland, der Prinz und die Prinzessin Wilhelm von Württemberg, der Herzog von Sachsen-Altenburg, der Fürst Lippe-Detmold und Fürst Reuß ä. L. Die. Herzogin Adelheid von Schleswig-Holstein trifft mit ihren beiden Töchtern, den Prinzessinnen Luise Sophie und Feodore bereits heute Abend 6V* Uhr in Berlin ein, begiebt sich jedoch sofort nach Potsdam zum Prinzen und der Prinzessin Wilhelm, um zunächst dort am 12. d. M. den Tauffeierlichkeiten beizuwohnen. Herr v. Lesseps ist heute vormittag hier eingetroffen. Derselbe wurde von dem französischen Bot­schafter Herbette am Bahnhofe empfangen und ist in der französischen Botschaft abgestiegen. Der Präsident des Herrenhauses richtete heute die schriftliche Mitteilung an die Mitglieder des Hauses, daß am 18. März und den folgenden Tagen Plenarsitzungen stattfinden, und forderte dieselben angesichts der Bedeutsamkeit der vorliegenden Gegenstände auf, sich so einzurichten, daß sie bis zur Er­ledigung sämtlicher dem Herrenhause zugegangenen Vor­lagen hier anwesend sein können. Die Vorsitzenden der Kommissionen werden ersucht, die Vorberatung der den Kommissionen überwiesenen Vorlagen rechtzeitig zu be­ginnen und abzuschließen. Verschiedene Zeitungen haben neuerdings .die Nachricht gebracht, daß dem Reichstage ~ --n----------------i-- --;

Die Geister der Finsternis.

Roman auS dem Amerikanischen von A. Bayard. (Fortsetzung.)

Mr. Shelton ging, gefolgt von den die Gefangenen führenden Beamten. Auch Mary Brown verließ das Ge­mach und der Bankier blieb allein mit der wiedergefundenen Tochter. Er schloß sie zärtlich in seine Arme und Freuden- thränen rollten auf ihr bleiches Gesicht nieder.

Meine Lily!' sprach er, tief bewegt auf sie blickend. Du bist in Wirklichkeit zu einer Lilie geworden.'

Sie zitterte und schmiegte sich fester an die Brust deS Vaters.

Ach, Papa,* flüsterte Ltlh,um zur Erreichung ihrer Wünsche zu gelangen, ließen sie mich hungern. Aber, ob­gleich mich die Kräfte verli ßm und ich fühlbar dahin­welkte, ich blieb stark, wenngleich mir stündlich der Tod vor Augen stand!'

Die Teufel!' knirschte der Bankier, die Hände ballend.

Papa," hob Lily nach einer Pause von neuem schwach an,Du weißt alles, nicht wahr? Du weißt, daß MrS. Lance mich Lancelots wegen haßte, daß sie deshalb ver­suchte, mich zu töten?"

Ja, mein geliebtes Sind, ich weiß es, wie auch, daß ihr Anschlag mißlang. Eine furchtbare Vergeltung aber wartet ihrer!"

Lily durchzog ein heftiges Zittern.

Papa," flüsterte sie sanft,laß uns die Vergeltung einem Höheren überlaffen. Sie that eS einzig, weil sie Laucelot liebte!"

M-iu Kind, Dein Vergessen deS Ungeheuerliche« ist eugelgleich; aber das Geheimnis von Mrs. Lances Ver­brechen ruht uicht allein in unseren Händen. Wir können sie nicht mehr retten. Wir müssen dem Gesetz seinen Lauf lassen!'

Mit Absicht verschwieg Mr. Lawrence vor Lily die be­absichtigte Heirat zwischen Laucelot und MrS. Vance, zu

demnächst ein Gesetzentwurf vorgelegt werden solle, welcher die Anpreisung und öffentliche Ankündigung von Geheim« Mitteln verbiete. Wie wir erfahren, sind die Reichs­behörden schon seit längerer Zeit mit Erwägungen darüber beschäftigt, ob von Reichswegen dem Geheimmittelunwesen in wirksamerer Weise als bisher entgegenzutreten sei. Je­doch ist die Frage weder nach der formellen noch nach der materiellen 'Seite hin zum Abschluß gelangt, so daß jene Nachrichten nur als unbegründet bezeichnet werden können. Der Seniorenkonvent des Reichstages, in welchen die Nationalliberalen die Abgeordneten v. Benda und Mar- quardsen, das Zentrum, die Abgg. v. Franckenstein und Windthorst, die Konservativen den Abg. v. Helldorff-Bedra, die Reichsparteiler den Abg. v. Kardorff, die Freisinnigen den Abg. Rickert delegiert haben, während die Sozial­demokraten in demselben überhaupt nicht vertreten sind, hat heute die vorläufige Verteilung der Kommissionsstellen an die einzelnen Fraktionen nach der Kopfstärke derselben vorgenommen. Die Sozialdemokraten, welche unter fünf­zehn Mitgliedern zählen, werden als Fraktion überhaupt nicht mehr betrachtet, haben deshalb auch in keiner Kom­mission einen Sitz erhalten, selbst nicht in der Wahl­prüfungskommission, in welcher sie besonders gern ver­treten sein wollten. Dem Reichstage ist der Entwurf eines Gesetzes, bctr. Aenderung des Servistarifs, wieder zugegangen. DieFreisinnige Ztg." scheint auf die Nationalliberalen sehr böse zu sein, denn sie schreibt heute:Mit den 1658158 nationalliberalen Stimmen, welche am 21. Febr. abgegeben sein sollen, paradiert die nationalliberale Presse. Wenn diese Zahlen richtig sind, so befinden sich unter den l*/i Millionen Stimmen wenigstens eine Million Konser­vative, welche auf höhere Ordre nur für die Zwecke dieser Wahl in nationalliberale Uniformen gesteckt worden find, indem sie von vornherein nationalliberale Stimmzettel ab­geben mußten. _ Auch nicht der fünfte Teil der obigen Stimmenzahl würde übrig bleiben, wenn bei freien Wahlen für nationalliberale Kandidaten nur nationalliberale Stimmen abgegeben würden." Diese Bemerkungen der Freis. Ztg." mögen jawohl begründet sein; allein eine eben solche Rechnung könnten die Nationalliberalen den Freisinnigen machen, welche mit Hilfe der Sozialdemokraten gesiegt haben. Beide Thatsachen aber bestätigten den Nieder­gang des Liberalismus in jeder Gestalt. Die Sozial­demokraten haben, wie dieNorddeutsche Allgemeine Ztg." konstatiert, nach den bisher vorliegenden Nachrichten in den Stichwahlen, der vom Centralwahlkomitee der Partei ausgegebenen Parole folgend, demDeulschfreisinn" fol­gende Mandate zum Geschenk gemacht: 1) Berlin I., 2 Berlin II., 3) Berlin V., 4) Danzig, 5) Brandenburg, 6) Stettin, 7) Görlitz, 8) Halle, 9) Nordhausen, 10)

welcher die L tzlere den jungen Mann bui ch liuige Schutte getrieben hatte. Furcht für das schwache L.l> n seines kaum wiedergefundenen Kindes verschloß ihm die Lippen. Wie der treueste Krankenwärter saß er an dem Lager der Tochter, welche übergroße Erschöpfung die Auaen.zum ruhi­gen Schlummer geschlossen hatte, bis Mr. Shelton wieder zurückkehrte.

Die Untersuchung im übrigen Teile des Hauses hatte ein unerwartet bedeutsam s Resultat geliefert. Es fanden sich eine große Zahl von Personen, welche bei ganz gesundem Verstand waren. Die Verhandlungen, welche die Entdeckun­gen zur Folge haben mußten, versprachen hoch interessant zu werden.

Lily war erwacht und erklärte sich bereit, ihren Vater und ihren Retter sogleich in die Stadt zu begleiten.

Der frühe Dezemberabend war bereits heretngebrochen, ehe der Wagen mit Lily, dem Bankier und Mr. Shelton vor Lawrence-Hall vorfuhr.

Lilys Herz hämmerte laut, wahrend Sie den Wagen verließ, doch plötzlich umklammerte sie den Arm des Vaters mit Ungestüm.

O, Papa, was ist das?' entfuhr es erschreckt ihren Lippen.

Bestürzt blickte Mr. Lawrence auf.

Das ganze Haus war glänzend erleuchtet. Ein seideues Sonnenzelt war vom Hause bis au den Fahrweg auSge- spanut, um die Gäste vor den uiederfallenden Schneeflocke« zu schützen. Ein kostbarer türkischer Teppich war bi8 an die Ma morstufen gelegt.

Alles sck loß auf eine großartige Festlichkeit und als sie durch die Vorvalle schrttteu, ertönte aus dem Festsaal der Hochzeitsmarsch.

,O, mein Gott, wenn wir zu spät kämen!" raunte Mr. Lawrence dem Detekttv zu.

Befürcht'» Sie nichts, Sir! Wr kommen nicht zu spät!' gab dieser ebenso leise zurück.

Alle Drei schritten durch die wett geöffneten Flügel-

Lauenburg, 11) Hanau, 12) Lennep, 13) Erlangen, 14) Zittau, 15) Varel, 16) Bremen. Andererseits haben deutschfreisinnige" Wählerschaften in folgenden Wahlkreisen beigetragen, den Sieg der sozialdemokratischen Stichwahl­kandidaten zu vereiteln: 1) Königsberg, 2) Breslau I, 3) Magdeburg, 4) Pinneberg, 5) Dresden, 6) Gotha, 7) Lübeck. Die Sozialdemokraten haben also demDeutsch- freisinn" allein in den Stichwahlen 16 Mandate erobert; derDeutschfreisinn" hat in 7 Wahlkreisen die Sozialdemo­kraten an der Eroberung der Mandate verhindert. Kein Wunder, wenn das sozialdemokratische Volksblatt wütend ist über die Freisinnigen. Als beachtenswertes poli­tisches Sympton in der jetzigen Situation darf auch die Mitteilung angesehen werden, daß Mannschaften der rus­sischen Regimenter, deren Chef unser Kaiser ist, zu seinem Geburtstag nach Berlin kommen werden, und daß ander­seits Mannschaften des hiesigen Garde-AleranderregimentS sich nach Petersburg begeben werden, um sich ihrem Chef, dem Zaren, in ihrer neuen Ausrüstung vorzustellen. Führer der Deputation ist der zum Geueralstab der 2. Garde-Jnfanterie-Division kommandierte Hauptmann von Hülsen. Die deutschen Mannschaften werden den Ge­burtstag ihres obersten Kriegsherrn in Gatschina verleben und zwar, wie wir aus St. Petersburg erfahren, auf be­sonderen Wunsch Kaiser Alexanders.

(Die Fraktionen des Reichstags.) Gemäss dem im Erscheinen begriffenen Verzeichnisse ist der Stand der Fraktionen im Reichstage folgender:

Dentschkonservative: Ackermann, Bergmann, Bock (Minden), Dr. Freiherr v. Bodenhausen, v. Brand, v. Bredow, v. Busse, v. Colmar-Meyenburg, Delius, Dietz v. Bayer, Graf v. Dönhoff-Friedrichstein, Graf zu Dohna- Finckenstein, v. Flügge, Dr. v. Frege, Freiherr v. Friesen, v. Funke, v. Gehren, Freiherr Göler v. Ravensburg, v. Gramatzki, Baron v. Gustedt-Lablacken, Hahn, Freiherr v. Hammerstein, Dr. Prinz Handjery, Dr. Hartmann, Hegel, v. Helldorff, Dr. v. Heydebrand und der Lasa, Erb­prinz zu Hohenlohe-Oehringen, Graf v. Holstein, Hultzsch, v. Kessel-Zöbelwitz, v. Kleist-Rezow, Graf o. Kleist- Schmenzin, Klemm (Sachsen), v. Köller, Dr. Kropatscheck, Kurtz, v. Levetzow, v. Lüderitz, Freiherr v. Maltzahn-Gültz, Freiherr v. Manteuffel, v. Massow, Maubach, Menzer, Freiherr v. Mirbach, Dr. Graf v. Mollke, v. Oertzen (Schwerin), v. Oertzen (Strelitz), v. Oheimb, v. der Osten, v. Putlkamer-Plauth, v. Rauchhaupt, Reich, Graf von Rittberg, Graf v. Saldern-Ahlinrb-Ringenwalde, v. Saldern- Plattenburg, Saro, Dr. Scheffer, Dr. v. Schlieckmann, v. Schöning, Dr. v. Seydewitz, Seyfarth, .Prinz zu Solms- Braunfels, v. Sperber, Staudy, v. Steinbrück, Stephanus, Stöcker (Siegen), Udo Graf zu Stolberg-Wernigerode, thüren in den Festraum hinein, in w.llhtM eine almuei.be Gesellschaft versammelt war.

Ueberall sah dem Auge Prunk und Pracht entgegen, doch den Mittelpunkt des Ganzen bildete ein ans weiße» Blumen künstlich hergest-llteS Hufeisen, das von der Dicke nicderhing und unter welchem eine Gruppe stand, bei deren Anblick Lily gleichsam das Blut in den Adern erstarrte.

Auf den Arm eiues schönen, jungen Mannes gelehnt, strahlend vor Triumph, stand Mr. Vance im kostbaren Brautkleide.

Des Mannes Gesicht war leicht zur Seite gewendet, aber Lily wußte, daß es kein Anderer war, als ihr Verlobter, Lancelot Darling, der mit scheinbarer Ruhe den Worten der Traurede lauschte, welche von den Lippen eines ehr­würdigen, weißhaarigen Geistlichen flössen.

Ein einziger Blick genügte Lily; dann mit einem laute«, qualvoll'« Entsetzensschrei sank sie ohnmächtig in die Armee ihres Vaters.

Aller Blicke wandten sich der Thüre zu, auf die Grupve, welche dort stand, die beiden Männer und das bewußtlose Mädchen, von deren Köpke sich die Kapuze gelöst hatte, nm eine Fülle goldenen Haares um das liebliche Antlitz ntederfallen zu lassen, welches so bleich war wie das einer Toten.

Aber ein einziger Blick reichte für Lancelot hin, um ihn vorwärts springen und die Geliebte in die Arme schließe» zu lassen.

Und wiederum erscholl, wie ein dröhnender Posaunenruf, die klare, volle Stimme des Detettios durch den Saal:

Mrs. Vance, ich verhafte Sie wegen versuchter Tötung au Lily Lawrence und des an Peter unb Molly Leveret verübten Mordes durch Gift!'

Mr. Shelton hatte ihre Gestalt sofort als die der Fran erkannt, welche ihm in der Nähe des roten HauseS, am Tage der Ermordung des alten Ehepaares begegnet war, nud die Ueberzeugung ihrer Schuld an dieser That war ihm gleich einem Blitzstrahl gekommen.

(Fortsetzung folgt.)