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Marburg, Dienstag, 8. März 1887.
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— Illustriertes Sonntagsblatt.
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Ausfalles der letzte» Reichstagswahl. Er, als Beamter Sr. Majestät, dessen Meinung er zu vertreten habe dürfe das sagen. Das Resultat der Wahl in solcher Zeit unter der Regierung eines so glorreichen Herrschers sei bedauerlich und bedauerlich sei es, daß für die Wähler bei der Entscheidung das Bestimmende gewesen, daß der Kandidat auf der Seite der Opposition gestanden. Wie sollen die gewaltigen Disharmonien erst zu Tage treten, wenn wir wirklich uns in schlimmer Zeit befinden, denn daß dies jetzt noch nicht der Fall ist, beweist ja gerade die Ausstellung. Es sei unglaublich viel Mißstimmung, Unzu- fnedenhett und Besserwissenwollen allenthalben vorhanden."
Die Geister der Finsternis.
Roman auS dem Amerikanischen von A. Bayard.
(Fortsetzung.)
Eines Abends saß Lily, in Sinnen verloren, vor dem Feuer, als ein anhaltendes heftiges Schellen an der Haustür sie aus ihren Träumen aufschreckte. Eine unheilvolle Ahnung stieg in ihr auf.
Zehn Minuten vergingen und schon atmete Lily in dem Gedanken, sich getäuscht zu haben, erleichtert auf, als ste Schritte auf der Treppe draußen hörte und sich im nächsten Augenblick ihren Peinigern gegenüber sah.
Sie waren nur so lange in Doktor Heaths Prtvatzimmer geblieben, als sie bedurften, um sich ihrer Verkleidungen zu entledigen, ohne die sie es nicht gewagt hatten, den Weg z« Lily zu machen.
Colville und Pratt würden sich nicht so frei und sicher gefühlt haben, wenn sie gewußt hätten, daß der luchsäugige Detektiv, Mr. Shehlton, vor dem Hause auf der Straße auf sie wartete und sich über die Mühe, welche Beide sich mit der Verkleidung bereitet hatten, in die Faust lachte.
Mr. Shelton kannte daS Haus, wußte, daß eS eine Irrenanstalt war; auch der Name des Eigentümers war ihm bekannt. Der Detekttv wußte auch, daß die Behörde Dr. Heath wegen betrügerischer Geschäfte verdächtigte und daß mau schon seit längerer Zeit eine Durchsuchung des Hauses plante, um die Wahrheit der umgehenden Gerüchte zu ergründen.
.Guten Abend, Miß Lawrence," redete Doktor Pratt iu leichtem Tone das erschreckte Mädchen an. .Ich hoffe, Sie befinden sich wohler, als das letzte Mal, da wir uns sahen!" —
Ste wandte ihr Gesicht ab, ohne zu antworten.
Colville beugte sich zu ihr nieder und flüsterte:
.Nun, angebetete Lily, find Sie endlich bereit, nachzu- geben und die Meine zu werden?"
Einen Augenblick streiften LilyS große, blaue Augen die seinen mit einem Blick, ans dem Verachttwg «nb Ungeduld zugleich sprachen.
.Mr. Colville," sprach sie ruhig, erspare» Sie sich alle
Deutsches Reich.
Berlin, 5. März. Der Kaiser nahm vormittags eine Reihe militärischer Meldungen entgegen, empfing darauf den General von Treskow, ließ sich später vom General von Albedyll Vortrag erstatten und machte nachmittags eine Ausfahrt. — Die „Geraer Ztg." entnimmt einem Berliner Privatbriefe, der auf unzweifelhafte Gewährsmänner zurücksühren soll, die folgende Aeußerung des Kaisers, welche der Monarch dieser Tage zu einem sich meldenden Generalleutnant in Gegenwart mehrerer anderer höherer Offiziere gegeben Hal. „Er fühle sich um 20 Jahre verjüngt durch den Ausfall der Wahlen; sein Volk hätte ihm kein schöneres Geburtstags- und Ostetgeschenk machen können." — Als Geschenk des Kaisers wird demnächst ein kostbares Erzeugnis der deutschen Kunstindustrie die Reise nach Hintcrindien antreten. Es ist eine prächtige, in echter Bronze hergestellte Verkleinerung des Berliner Kurfürstendenkmals, hervorgegangen aus der bekannten Bild- gießerci von H. Gladenbeck und Sohn in Friedrichshagen. Das Meisterwerk Schlüters ist in dieser Form als Kaiserliches Geschenk für Sombatsch Tfchausa Chulalonkom, den obersten König von Siam bestimmt, der mit dem Deutschen Reiche freundschaftliche Beziehungen unterhält und mit unserem Konsul in Bangkok in ständigem Verkehr steht. — Der„Rordo. Allg. Ztg." wird aus Bremerhafen mitgeteilt, dort eingelausene Helgoländer. Schiffer erzählten, außer dem bereits erwähnten französischen Kriegsschiffe sei auch ein russisches Kriegsschiff in den Helgoländer Gewässern gesehen worden. Der Gouverneur von Helgoland, der übrigens demnächst einen Ausflug nach dem Fest- lande zu unternehmen beabsichtige, habe die Helgoländer darauf aufmerksam gemacht, sich mit Provint zu versehen. — Zu den Vorgängen in Bulgarien äußert sich dasselbe Blatt in folgender Weise: „Der bulgarischen Regierung ist es gelungen, auch diesmal der gegen ihren Forlbepand gerichtet gewesenen Bewegung Herr zu werden. Daß trotz des Sieges der Regentschaft die Lage eine prekäre bleibt und deshalb nicht darnach angethan ist, den objektiven Beobachter mit dem Gefühle oer Befriedigung zu erfüllen, hängt mit dem Charakter^ der allgemeinen Situation zusammen. Die ungemeine Strenge, welche nicht von der bulgarischen Behörden, gegenwärtig an den Tag ge- ' legt wird, beweist nur zu sehr, wie bedenklich nach wie vor die Zustände ves Landes bleiben." — In oen Kreisen der Majorität des Reichstages hrerscht die Absicht, die Beratung der Militärvorlage ausschließlch im Plenum vorzunehmen und dieselbe möglichst zu beschleunigen. Die
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Generaldiskussion dürfte bereits in der Sitzung am Montag beendet werden. — Das Resultat der Stichwahlen ist runmchr vollständig bekannt. Auch das zuletzt noch ausstehende des Wahlkreises Merseburg - Querfurt, wo in der Stichwahl zwischen Neubarth i Reichsp.) und Pause (deutschfr.), jeder der beiden Kandidaten 12047 Stimmen erhielt, so daß das Los entscheiden mußte. Letzteres entschied zu gunsten Neubarths. — Es sind in 62 Stichwahlen gewählt 8 Konservative (Hultsch von Gramatzki, vonStein- rück, v. Seydewitz, v. Funke, Hahn, Hegel, von Oertzen >, 5 Reichspartei (Müller von Reinbaben, Lchultz, Henning, Reubarth. 13 'Rationalliberale (Wörmann, Hoffmann, Dommes, Websky, Duvigneau, Parey, Peters, Seolmayr, Henneberg, Haupt, Büssing, von Lengerke, Fehlings. 21 Freisinnige (Schrader, Klotz, Virchow, Munckel, Baumbach, Rickert zwei Mal, Brömel, Lüders, Meyer, Lerche Thomsen, Hänel, Berling, Schmidt, Nickel, von Stauffenberg, Bulle, Buddeberg, Witte, Siemens). 5 Sozialdemokraten (Kräcker, Labor, Harm, Schumacher, Meister), 8 Ultramontane (Porsch, Braubach, Wolf, Petzold, v. Gagern, Landes, Roß, Racke) und 2 Welfen L(o. Scheele und von Arnswaldt. — Die kirchenpolitische Kommission des Herrenhauses wird die Vorberatung des Entwurfs nächsten Monlag abschließen. Die nächste Plenarsitzung des Herrenhauses wird am 18. o. Mts. stattfinden. Der Kultusminister und die Majorität der Kommission haben auch gestern und heute die Anträge des Bischofs Kopp bekämpft und dieselben sind in der Hauptsache abgelehnt woroen. Nur bezüglich der Anzeigepflicht ist die eine Konzession gemacht worden, daß sie auf die Pfarrer beschränkt wird. Die auf die Orden bezüglichen Anträge des Bischofs Kopp haben dem Vernehmen nach in der heutigen Sitzung keine Majorität gefunden.
Halle, 4. März. Die unter das Protektorat der Frau Prinzessin Friedrich Carl von Preußen gestellte Ausstellung oes Ornithologischen Zentralvereins für Sachsen uno Thüringen, die größte diesör Art bisher in Deutschland, der sich auch der Klub österreichisch-ungarischer Geflügelzüchter angeschloffen hat, wurde heute vormittag um 11 Uhr im „Hofjägcr" von dem Herrn Regierungspräsidenten von Liest mit einer Ansprache eröffnet, aus welcher wir Folgendes hervorheben: „Unmöglich sei es ihm, von dem Ernste der Zeil zu schweigen. Es sei die Passionszeit an sich schon ernst für jeden Christm, aber es sei auch eine politisch hochernste Zeit. Viele Disharmonien seien in den ätzten Wochen zu Tage getreten. Er sei eigentlich mit schwerem Herzen nach Halle gekommen, in Anbetracht des weiteren F.agen in dieser Angelegenheit. Meine Antwort haben Ste längst; eine andere habe ich nicht!"
„Auch das Leben in diesem Hause hat Sie nicht anderen Sinnes gemacht?"
„Nein!" war die feste Antwort. „Sogar daS elende Leben, das ich hier unter Wahnsinnigen führe, ist mir will, kommener, als der verhaßte Gedanke an eine Verbindung mtt Ihnen."
„Es thut mir leid, daß Sie so denken," entgegnete Colville mit beißendem Spott, „da ich Ihnen keine fernere Wahl zu lassen entschlossen bin!"
»Was wollen Sie damit sagen?" fragte Lily nnd eine ihr unerklärliche Furcht beschlich sie.
Er sah ihr Erschrecken und so elend nnd schurkisch er auch war, er zögerte doch einen Moment, ehe er Das aussprach, was er vor hatte. Erst ein ermunternder Blick Dr. Pratts verlieh ihm den Mut dazu.
„Damit will ich sagen," erwiederte er und Bitterkeit zitterte in seiner Stimme, „daß Ihr Eigensinn endlich meine Geduld völlig erschöpft hat und daß ich entschlossen bin, nach meinem eigenen Gutdünken zu handeln, unbekümmert um Ihren Willen."
„Sie wollen — ?" brachte Lily mit zitternder Sttmme hervor, während Todesblässe ihr Gesicht überzog.
„Ich will mir nun ohne Ihre Zustimmung mein Weib nehmen!"
„DaS könne» und vermögen Sie nicht, Harold Colville! Ohne eine beiderseitige Einwilligung fließt es keine Hetrath."
„Nicht?" versetzte er mit einem rauhen Lachen. „Nun, seien Sie versichert, die Trauungsformel und der Segen soll über uns gesprochen werden und mir wird das ge* nügen!"
„Kein Priester wird eine solch gottlose Zeremonie vollziehen!" beharrte sie zornbebend.
„Täuschen Sie sich nicht! Wir haben einen Geistliche» gefunden, der dazu bereit ist. Wollen Sie de» glückliche» Tag bestimmen?"
„Niemals!"
„So zwinge» Sie mich, es statt Ihrer z» thuu," ant-
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Ausland.
Aorn, 5. März. Die Kammer beginnt ihre Sitzungen am Donnerstag wieder. Eine amtliche Mitteilung in Sachen der Ministerkrisis wird heute erwartet. — Die „Gazetta Uffiziale" meldet: Der König beschloß, die De- Mission des Kabinets Dcpretis nicht anzunehmen.
London, 5. März. Der Staatssekretär von Irland, Hicksbeach, demissionierte wegen eines Starleidens. Zu seinem Nachfolger wurde Arthur Balfour ernannt.
Petersburg, 5. März. Das „Journal de St. Petersbourg" erklärt die Nachsicht, daß der russische Bot- schafter in Konstantinopel, Widow, sich gegen die Mission Riza Paschas nach Sofia ausgesprochen habe, für unrichtig; das Journal glaubt nicht, daß diese Mission irgendwelchen Erfolg haben werde, billigt jedoch das von der Pforte bekundete Bestreben, zur Beruhigung in Bulgarien beizutragen.
Rustschuk, 4. März. Vorige Nacht verhaftete der Kommandant von Rustschuk und Kommandeur der 3. Brigade, Major Usunow, den Präfekten und viele der Regentschaft treue Offiziere der Garnison Rustschuk und versuchte dann, die zwei noch treu verbliebenen Bataillone des 5. Regimentes zu entwaffnen. Dieser Versuch mißglückte und beide Bataillone, meist aus Rekruten bestehend, besetzten unter dem Kommando des Hauptmanns Vulkow einen großen Teil der Stadt und die Kasernen, welche von 5 Pionierkompagnien umstellt wurden. Früh um 6 Uhr begann ein lebhaftes Gefecht, welches bald in der ganzen Stadt wogte uno an welchem sich nach und nach unauf- gefordert mehrere hundert Bürger zu Gunsten der Regentschaft beteiligten. Der Kampf wurde mit Erbitterung geführt; an Toten und Verwundeten zählt man auf beiden Seiten etwa 70 bis 80. Am Nachmittage, nachdem die Aufständischen versucht hatten, mit dem Hauptmann Vulkow zu unterhandeln, begannen Die Bürger einen nach- wortete Harold Colville ruhig und kühl. „Morgen denn, meine schöne Lily, soll unser Hochzeitstag fein I"
„Morgen!" rief sie, aufspringend und die Hände ringend. „Morgen Nein, o, nein, das kann nicht Ihr Ernst sein!"
„Es ist mein Ernst!" gab er unbewegt zurück. „Alle nötigen Vorbereitungen sind bereits getroffen worden; unsere Hochzeitsreise ist sogar schon geplant. In drei Tagen geht ein Dampfer nach Europa. Unsere »Plätze sind reserviert und unsere Koffer bereits an Bord. Bevor wir nach der alten Welt übersegelv, wird ein Geistlicher unserem Bunde die Weihe geben!"
Mit weit geöffneten Augen, bleich wie der Tod, stand Lfly da und starrte den Elenden an.
Harold Colville lachte spöttisch auf.
„Das Beste ist fürwahr, Sie geben endlich nach, schöne Lily. Der morgige Tag wird Ihr Schicksal besiegeln; keine Macht der Erde kann Sie rette* 1"
»Keine Macht!" erwiderte sie mit blitzenden Augen. »Keine Macht! O, Lästerer, wissen Sie eS nicht, daß es einen Gott über uns giebt, der die Unschuldigen beschützt und die Schuldigen straft? Sehen Sie sich vor, daß seine Rache Sie nicht in der Stunde ihres eingebildeten Triumphes ereilt!"
Wie eine schöne begeisterte Prophetin stand Lily vor ihrem Beleidiger. Ihr reiches, goldenes Haar hatte sich aufgelöst und umgab ihr bleiches Antlitz wie einen Heiligenschein.
Wenn cs wahr ist, daß kommende Ereignisse ihre Schatten vorauSwerfen, so war es Das, was in dem elenden Harold Colville und seiner so tief gedemüttgte» Gefangenen vorging und was Beide wie mit einer Vorahnnng Dessen erfüllte, waS die Zukunft ihnen bringen mußte.
Doch kaum die Wolke auf Colville's bleichen Zügen bemerkend, wandte Dr. Pratt sich hastig diesem zu:
„Komm, Colville gehen wir. Wichtige Dinge warte» nuferer noch. Ehe wir dieses HauS verlassen, müssen wir vor Allem unsere Angelegenhesteu mit Dr. Heath ordnen l"
Wie ans einem bleiernen Traum schreckte der also An- geredete auf.
(Fortsetzung folgt.)