Sk. 54.
Marburg, Sonnabend, 5. März 1887.
xxn. Jahrgaog.
GerhkUchk MW
treter des Reichskanzlers, Staatsminister v. Boetticher, etwas vor und verlas, nachdem er sich vor der Versammlung verbeugt, folgende Eröffnungsrede:
Geehrte Herren!
Se. Majestät der Kaiser haben mir den Auftrag zu erteilen geruht, den neugewählten Reichstag in Allerhöchst- lhrem und der verbündeten Regierungen Namen willkommen zu heißen.
Ihre Thätigkeit in der bevorstehenden Session wird durch eine Reihe wichtiger Vorlagen in Anspruch genommen werden.
Der Gesetzentwurf über die Friedens-Präsenzstärke des dentschen Heeres, welcher zum Bedauern der verbündeten Negierungen in der vorgelegten Form die Zustimmung des vorigen Reichstages nicht gefunden hat, wird Ihnen alsbald unveränderi zugehen.
Jui Zusammenhänge mit der Heeresvorlage steht die *n obliegende Aufgabe der schleunigen Beratung des Reichshaushalts-Elats. Ungeachtet des nahe bevorstehenden Ablaufs des Etatsjahres wird es hoffentlich gelingen, das Reichshauöhalts - Gesetz rechtzeitig zu vereinbaren. Die Opfer, welche das etatsmäßige Ausgabebedürfnis bean- sprucht, sind, ungeachtet der bei der Veranschlagung desselben beobachteten Sparsamkeit, nicht gering. Unsere finanzielle Lage weist daher darauf hin, die eigenen Einnahmen des Reiches durch die Beschaffung neuer Einnahmequellen zu verstärken und unsere Steuergesetzgebung im Sinne einer gerechten und der Leistungsfähigkeit der Steuerzahler entsprechenden Verteilung der Lasten auszugestalten. Die verbündeten Regierungen geben sich der Hoffnung hin, daß es ihnen gelingen werde, mit dem neugewählten Reichstage zu einer Verständigung über die notigen Reformen unseres Steuersystems zu gelangen, die dazu erforderlichen Vorarbeiten werden ohne Verzug in Angriff genommen.
Die Thätigkeit der verbündeten Regierungen richtet sich unausgesetzt auf den weiteren Ausbau der auf der Allerhöchsten Botschaft vom 17. November 1881 beruhenden sozialpolitischen Gesetzgebung. Dabei handelt es sich zunächst darum, durch die Erstreckung der Unfallversicherung auf die von derselben noch nicht erfaßten Kreise der arbeitenden Bevölkerung einen genügend breiten und traq- sahlgen Untergrund für das weitere und abschließende gesetzgeberische Vorgehen zu gewinnen. Zu diesem Zwecke werden ehrten zunächst Gesetzentwürfe über die Unfallver- sicherung der Seeleute und der bei Bauten beschäftigten Arbeiter zugehen.
Eine weitere Vorlage, welche den Interessen des Handwerkerstandes durch Erweiterung der den Innungen
Erscheint täglich außer an Werttagen nach «onn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/4 Mk., bei bei Postämter 2 Mk- 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Vfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
K"gt*,fU8niii‘ bk” * ® ™ d« W*. O ^ ^wmdung des Nahrungsmittel - Gesetzes vom 14. Mai 1879 stoßt in der Praxis auf mannigfache Schwierig ketten. Es wird Ihnen ein Gesetzentwurf ? ge^en, tt>el$er zunächst auf dem Gebiete der Verwendung gesundheitsschädlicher Farben diese Schwierigkeiten zu beseitigen sucht. ö 6
.Die gesetzlich vorgeschriebene Revision des Servistarifs und der Klasseneinteilung der Orte wird durch ihre Mit- wirkung zum Abschluß zu bringen sein. Ebenso werden die noch unerledigt gebliebenen Gesetzentwürfe über die Er- rlchtung eines Seminars für orientalische Sprachen und E - ^l-by »T” b« Gebührenordnung für Rechtsanwälte Ihre Thätigkeit m Ansprnch nehmen.
Die Beziehungen des Deutschen Reichs zu den fremden Machten sind heute noch dieselben wie zur Zeit der Er« F"ung ber vorigen Reichstagssesston. Auf Allerhöchsten Befehl habe ich die Genugthuung Sr. Majestät des Kaisers über die Kundgebungen des Papstes zum Ausdruck zu bringen, durch welche das wohlwollende Interesse Sr. Hei igkert für das Deutsche Reich und für dessen inneren Frieden bethätigt worden ist.
Die auswärtige Politik Sr. Majestät des Kaisers ist fortwährend darauf gerichtet, den Frieden mit allen Machten und besonders mit unseren Nachbarn zu erhalten und zu pflegen. Dieser friedliebenden Politik des Kaisers vermag der Reichstag die wirksamste Unterstützung zu gewahren, wenn er schnell, freudig und einmütig den Vor- lagen zustlmmt, welche die sofortige und nachhaltige Stärkung unserer defensiven Wehrkraft zum Zweck haben. h^n'^rn61 ^chstag °$ne Zaudern und ohne Spaltung den Willen der Natron zum einmütigen Ausdruck bringt, gegen jeden Angriff auf unsere Grenzen heute und jeder Zett die ganze Fülle unserer nationalen Kraft in voller Rüstung aufzubleten, so wird der Reichstag schon durch seine Beschlüsse allein und noch vor deren Ausführung die Bürgschaften des Friedens wesentlich verstärken und die Zweifel beseitigen, welche sich an die bisherigen parlamentarischen Verhandlungen über die Vorlagen behufs Stärkung unserer Wehrkraft geknüpft haben können. Se. Majestät der Kaiser hegt zu dem gegenwärtigen Reichs- KedasVertraue.l, daß seine Beschlüsse der nationalen Politik der verbündeten Regierungen eine sichere Unter« läge gewahren werden und schöpft aus diesem Vertrauen die Zuversicht, daß die Bemühungen Sr. Majestät, den Frreoen und die Sicherheit Deutschlands zu wahren von Gott gesegnet fein werden.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b Blattes, sowie d.Annoncen-Bureanp von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in FrankfiM ♦ a. M., Berlin München und
Köln; G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., ______Berlin, Hannover u. Paris
W’ Für den Monat März nehmen alle Postanstalten, unsere Agentur in Kirchhain, sowie die unterzeichnete Expedition Bestellungen an auf die
Oberhessische Zeitung
nebst «retsblatt, Jllustr. Sonntagsblatt und Erzähler.
_________Die Exped. d. Oberh. Zeit.
Eröffnung des Reichstags
Berlin, 3. März.
Die erste Session der VII. Legislaturperiode des Reichs« tags wurde heute mittag bald nach 12 Uhr im Weißen Saale des königlichen Schlosses unter denjenigen Formen eröffnet, welche herkömmlich sind, wenn Seine Majestät bei Kaiser und König einen solchen Staatsakt nicht Allerhöchstselbst vollzieht. Der Thronsessel blieb demgemäß verhüllt.
Der Eröffnungsfeier war ein Gottesdienst vorhergegangen; für die evangelischen Mitglieder im Dome — wo der Ober-Hofprediger Dr. Kögel über den Text Ev. Matth. 12,25 predigte —, sowie für die katholischen Mitglieder in der St. Hedwigskirche, wo Propst Aßmann denselben abhielt.
Schon um ll3/« Uhr erschienen einzelne Herren im Weißen Saale, allmählig wuchs die Versammlung bis auf etwa 200 Mitglieder an. Ziemlich früh betrat den Saal der Abg. Graf v. Moltke, dem die meisten Anwesenden ihre Reverenz machten. Die Parteien waren, abgesehen von den Sozialdemokraten, wenn auch in sehr verschiedener Stärke, doch sämtlich vertreten. Man bemerkte u. a. vom Zentrum den Abg. Freiherrn von und zu Franckenstein, von den Nationalliberalen die Abg. von Bennigsen und Miquel, v. Benda, Oechelhäuser; von der Reichspartei den Herzog v. Ratibor, die Herren Dietze (Barby), Günther, Frhr. v. Eckardstein; von Deutschkonservativen die Abgg. v. Helldorf, Graf Kleist-Schmenzin, v. Wedell-Piesdors, v. Levetzow, Frhr. v. Maltzahn-Gültz u. a. Nachdem die Versammelten im Halbkreise um d^ verhüllten Thron Aufstellung genommen hatten, erschient die Mitglieder des Bundesrates, geführt von dem Stellvertreter des Reichskanzlers Staatsminister v. Boetticher, ihm zur Seite der bayerische Bundesbevollmächtigte, Gesandter Graf Lerchenfeld -Köfering, denen in üblicher Weise neben je einem preußischen Bevollmächtigten die Bundesbevollmächtigten Sachsens, Württembergs, Badens u. s. w. folgten. Nachdem die Mitglieder des Bundesrats alsbald links von dem Throne Aufstellung genommen hatten, trat der Stellver-
Die Geister der Finsternis.
Roman auS dem Amerikanischen von A. Bayard.
(Fortsetzung.)
28. Kapitel. Ein Entschluß.
Mr. Shelton hielt es nicht für ratsam, Mr. Lawrence die fast unglaubliche Thatsache mitzutheilen, daß seine geliebte Tochter, welche et als tot beweinte, noch unter den Lebenden weilte.
Er hatte nicht den Mut, dem Schwergeprüften diese Er- ostuung zu machen, um dem armen Vater zugleich den Todesstahl ins Herz zu stoßen, indem er ihm sagen mußte, daß die Unglückliche die Gefangene des ehrlosen Harold Colville und seines gewissenlosen Helfershelfers Doktor Pratt sei.
Er hielt es vielmehr für vernünftiger ihren Verbannungsort ausfindig zu machen, das Mädchen zu retten und dann erst dem trauernden Vater die ganze Wahrheit zu offenbaren. So erfuhr denn der Bankier nur, daß seine tote Lily nach jenem Hause außerhalb Newyork gebracht worden, dort aber nicht mehr vorgefuuden wäre. Die weitere Spur zu verfolgen, sei nun des Detektivs Aufgabe.
Mr. Shelton verschwieg es dem Bankier nicht, daß Mr. Colville und Dr. Pratt die Schuldigen seien.
_ aber weiter mit der Sache zu thnu hatte,
behielt er für sich.
Mr. Lawrence bestand zuerst auf einer Verhaftung der Beiden, Mr. Shelton versicherte ihm jedoch, daß ein solches Verfahren unheilvolle Folgen für seinen Plan haben könne.
»Obgleich wir," erklärte der Detektiv, „die Beiden zur Hast bringen könnten, so hat das Gesetz doch keine Macht, die Angeklagten zu einer Offenbarung ihres schrecklichen Geheimnisses zu zwingen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Pratt und Colville in dieser Sache das hartnäckigste Schweigen beobachten würden. Lassen wir ihnen daher die Freiheit, und gebrauchen wir List gegen List, Bettng gegen Bettug, bis wir am erwünschten Ziele sind."
Der Bankier konnte diese Argumente nicht wiederlegen nnd gab nach.
!md, nochmals strähnte» Mr. Shelton und fein treuer
.egnügte sich vielmehr mit Dr. Heath's schriftlichen Mitteilungen, welche noch dazu an eine falsche Adresse abgesandt wurden. '
3" di-str Zeit brütete Colville, deffen Gehirn stets für Böses erfinderisch war, über einen neuen Plan.
Lily's Eigensinn und Hartnäckigkett machten ihn endlich ungeduldig und ungehalten und er begann mehr denn je su chten, daß ein unvorhergesehenes Ereignis ihm im letzten Augenblick sein Opfer noch entreißen könne.
Colville fing an, einzusehen daß Lily nie etnwilligen wurde , sein Weib zu werden; so blieb nur Eins — eine Gewalt-Heirat.
»Wie gefällt Dir mein Plan?" fragte et Dr. Pratt u^dem et diesem Alles in ausführlichster Weise mitge- teilt h atte.
„Ausgezeichnet!" entgegnete dieser. „Wit kämen nichts Besseres thun, dem ich fürchte, eS drohen ms uuvothet- gesehene Gefahren und Schwierigkeiten."
„Machen wir denn der Sache ein Endel" fiel Eolville Ulu Hast ein. „Aber wann soll es geschehen? Und wer wird die Zeremonie vollziehen? Wird sich ein Geistlicher finden, der bereit ist, unter solch eigentümlichen Umständen uns zu trauen?"
,,Darüber sei außer Sorge!" versetzte Dr. Pratt lachend. ,^ch weiß einen Geistlichen, der es ohne Gewissensbisse thun die Erledigung dieses Punktes mit. Habe !°Lbre8 Mannes Einwilligung, so fahren wir an einem dunklen Abend verkleidet nach Doktor Heaths Institut und b^titen Lily auf das ihrer wartende Glück vor. Weigert sie sich, bann verlieren wir kein weiteres Wort mehr, sondern kommen am folgenden Tage mit dem Geistlichen wieder md zwingen ihr das Jawort von den Lippen.
„Einverstanden I" stimmte Harold ColvMe bei. „Doch noch ein», Pratt. Wer, glaubst Du, könnte die im roten
Vertrauter ihre mühsame Arbeit auf, die aber für Wochen zu keinem Resultat führte.
Colville, der sich bewußt war, daß man ihn bewache war dopp.lt vorsichtig geworden.
Länger als einen Monat hatte er Lily nicht wieder be- W; .er begnügte sich vielmehr mit Dr. Heath's schriftlich«»
Hause ausgefundene, angekettete Gefangene sein? Iw butte S,n Ä“”'6,6'•» XWS
„Auch ich ahnte es nicht; ich habe nachgegrübelt. bo<6 oline zu einem befriedigenden Schluß zu kommen." frnnt.fr ^“rr k daran gedacht, daß es Fanny sein könnte?" iiet9bieSur*t ai,0ftItd) «dämpfte Stimme vet.
na Die Furcht fernes Innern.
..'3a, ich habe daran gedacht," gab der Arzt finster zu- £uc,‘ »Judeß alle meine Bemühungen, Etwas darüber herauszubringen, sind fruchtlos geblieben, wie auch betreffs HÄÄiS1'8 ber
lönntfS* $U fetne ^"ung, wer der Thäter gewesen sein l»ifrmÄ"ie leiseste.-Jedoch, wer auch der geheimnisvolle M?ischer gewesen sein mag, ich sage ihm aufrichtigen
®r ist nur einem Vorhaben, mit welchem ich mich trug, zuvorgekommen. Ein frommer, gläubiger Mensch ">urve sagen: Es ist das Werk der Vorsehung!" $ rtufn®arctt ^r nicht so glücklich gewesen, unsere schöne zur rechten Z it in Sicherheit zu bringen, so wurde ich viel eher sagen: Es war des Bösen Werk."
„ra T1Är.bl£ Verschwörung der Alten, Ltly zu f.a § Äer Giuck, denn ohne diese V-rschwörung gegen i^r Leben hatten wir nicht daran gedacht, sie fortzubringen, ^?d Lily wäre am nächsten Tage ohne Zweifel in deS Detektlvs Hände gefallen."
. '3ch bin fest überzeugt, daß seine satanische Majestät selbst nns in jener Affaire helfend zur Sette stand!" war die lachende Erwiederung Colville».
Noch eine kurze Zeit plauderten die beiden Elenden in dieser Weise mit einander, um sich dann zu trennen.
Der Arzt ging seinen Bervsspflichten, ColvMe seinen gewohnten Zerstreuungen nach.
AIS sie das Hotel verließen, wurde ein Jeder von ihnen, ohne daß sie e8 ahnten, von einem anderen Manne verfolgt.
.?E^?iesei zwei Männer, und zwar derjenige, welcher Dottor Pratt folgte, hatte vor Colvilles Thür gestanden.