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Marburg, Freitag, 4, März 1887.
Rr. 53
XXII. Jahrgang.
OlicrWM Mrniz
— Illustriertes Soniitagsblatt
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Oberschwabens erlangten die Kandidaten nationaler Richtunr höchst respektable Minoritäten; einer der gewählten Zen- trumsmänner hat sich für das Septennat erklärt. , Weithin über Schwaben weht wieder die schwarz - weiß - rote Fahne", rief unter enthusiastischem Beifall Herr Siegle, als am Abend des 21. Februar eine Siegeskunde über die andere im Saale der Stuttgarter Liederhalle eintraf Dieses Resultat ist gesichert. Nun wird aber sofort die positive Arbeit an der nationalen Gesetzgebung'beginnen, und, irren wir nicht, so beginnt damit für die schwäbischen Volksvertreter im Reich eine neue Epoche. Bis jetzt stand der beherrschende Gedanke der Bekämpfung des Pattikula- rismus so sehr im Voroergrunde, daß die Kandidaten kaum ein anderes Programm hatten, als das der Reichs« freundstchkeit. Auch kümmerte sich die Wählerschaft wenig darum, ob der Erwählte sich nachher der nationalliberalen, der frerkonservativen oder welcher Partei immer anschloß. Auch dieses Mahl wurde der Wahlfcldzug ohne allgemeines Programm, ohne gemeinsamen Parteiaufruf begonnen; nach . Art der homerischen Helden kämpfte in jedem Wahlkreis der Kandidat auf eigene Faust und mit den Mitteln, die ihm in Anbetracht der lokalen Verhältnisse zweckdienlich schienen. Seit dem 10. Februar indeß, an welchem Tage Herr Siegle in Stuttgart mit einem seine Sellung, namentlich auch den wirtschaftlichen und steuerpolit, schon Fragen gegenüber klar und umfassend präzisierenden Programm auftrat, machte sich von Tag zu Tag deutlicher bemerkbar, daß damit für das ganze Land eine gewisse Führung genommen war. In voller Hebereinstimmung mit Herrn Siegle sprach sich der im Göppinger Wahlkreis neugewählte Oekonomierat Grub von Stuttgart aus, und es ist zu erwarten, daß diese beiden Männer, welche zwar ins Parlament neu eintreten aber im öffentlichen Leben ihrer Heimat schon bisher eine hervorragende Stellung eingenommen haben, das Gewicht ihrer Persönlichkeit bald auch innerhalb der nationalliberalen Partei zur Geltung zu bringen wissen werden. Es ist aber nicht zu verkennen, daß eine endgültige Besiegung und Beseitigung des demo- krattschen Radikalismus in Schwaben nur dadurch möglich wird, wenn unsere Abgeordneten den Wählern zum Bewußtsein bringen, daß ihre Rechte und Interessen im Reichstag zu Berlin zum mindesten ebensogut gewahrt sind, als in irgendwelcher am Resenbach als „Volkspartei" sich auf- spielenden sonderbündlerischen Fraktion. Der Reichstag hat die Aufgabe, das Bewußtsein der Reichsunmittelbarkeit jedes stimmbe.echtigten Wählers immer lebendiger im Volke zu verbreiten. Eine kräftige Mitarbeit an dieser Aufgabe erwarten wir mit Zuversicht von unseren neuerwählten Vertretern.
Die Geister der Finsternis.
Roman aus Oem ilmentamfdMi von Ä. Ba Yard.
(Fortsetzung.)
Ada wurde in Philipp St. Johns Schlitten gehoben, Lancelot brettete die Büffeldecke mit Sorgfalt ou8 und im nächsten Moment flog das kleine Gefährt davon, der Stadt zn, während Lancelot und seine schöne Begleiterin den Rück- weg nach Dabneys Hotel antraten.
Der Gasthof war noch geöffnet und das Gastzimmer noch hell erleuchtet, als Lancelot Darling und seine Begleiterin vor dem Hause anlangten.
Lancelot rollte der Dame, nachdem Beide das Gastzimmer betreten hatten, einen bequemen Sessel vor das hell lodernde Feuer.
„Sie werden von dem lange» Weg ermüdet sein; ich will eine Erftischung für Sie kommen lassen und daun nach einem Schlitten zu unserer Heimkehr sehen."
Und Lancelot verließ seine Begleiterin und bald darauf servierte ihr eine Aufwärteriu eine Tasse heißen Kaffees.
Es verging eine lange Zeit, ehe Lancelot znrückkam, und als er dann eintrat, sah er verstört und blaß aus. Der Hotelbefitzer begleitete ihn.
„Es ist uns leider nicht möglich, für heute Nacht noch ein Gefährt aufzutreiben, Madame," sagte er, sich Mr. Vance nähernd. „Es ist ein Uhr vorüber. Würden Sie nicht vorziehen, bis zum Morgen die Ruhe zu suchen? Dann werden wir stcher mehr Glück haben.
Scheu blickte sie zu Lancelot empor.
„Es bleibt keine andere Wahl," fügte dieser mißmnttg hinzu. „Ich würde gern iu die Stadt zurückkehren, da ich ,btr ein nur mittelmäßiger Fußgänger bin, so würde ich vor dem Morgen doch nicht dort aalangeu. Ich halte es daher für das Beste, wenn wir auf den Schlitten Mr. Dabneys warten, der am Morgen zurückkommt."
„Wenn dem so ist," sprach Mrs. Bance ttaurig, „so möchte ich mich allerdings einige Stunden zur Ruhe begeben. Ich fühle mich sehr müde und angegriffen."
, . Wie ein Blitzstrahl aus heiterem Hrmmel, trafen Lance'- lot diese Worte.
„Es ist unmöglich!" Niemand weiß um unseren Uufall!" brachte er endlich schwer erschreckt hervor.
„Aber ganz Newyork wird morgen davon sprechen," beharrte Mrs. Vance. „Wie ein Lauffeuer wird sich das Gerücht von dem Geschehenen verbreiten und mit Verachtung w rd man auf mich deuten. Wer weiß, ob Mrs. Lawrence mir nicht die Thür weist!"
Vorwurf und Leidenschaft waren längst in ihrer Stimme verhallt und hatten einem rührenden Schmerz für ihren eigenen Kummer Platz gemacht.
Lancelot saß starr, unbeweglich wie eine Bildsäule. Wie ein dumpfer Druck lag es auf ihm.
„Was soll ich thun, um das Unrecht gut zu machen?" fragte er nach einer Pause gepreßt. Hatte er, wenn auch unwissentlich ein Weid beleidigt, so hiell er eS als Gentleman für seine Pflichi, zu thun, was in seinen Kräften stand, um sie zu verteidigen.
„Was kann ein Mann in einem solchen Falle tbnu?" ftagte die Wittwe leise, bedeutungsvoll.
„Nur Eins: heiraten!" antwortete er zögernd, während der Schlag seines Herzens zu stocken schien.
Sie nickte nur schweigend mit dem Kopse und völlig mechanisch fuhr er Wetter. Er atmete schwer und hastig, wie ein gehetztes Wild. Endlich ermannte er sich, um zu antworten, und seine Stimme klang kalt, unnatürlich, ge- zwungeu.
„Wenn es keinen anderen Ausweg giebt, so will ich Sie heiraten, MrS. Vavce. Lieben kann ich Sie nia t! Ich kann Ihnen kaum die Achtung schenken, die ein Mann einer Frau, welche er als Gattiu heimführen will, schuldig ist Da aber Ihr Ruf durch mich gekränkt ist, so will ich Ihnen meinen Namen geben."
„Dank, tausend Dank!" stammelte sie. „Sie retten meine Ehre!"
(Fortsetzung folgt)
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Expedition Markt 21. — Sebtftion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Erscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/4 3)11., bei den Postämter 2 Ml. 50 Bffl. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebichr für die gespaltene Zeile 10 Psg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
Anzeigen nimmt entgegen- die Expedition d BlatteS, sowie d.Annoncen-Bmeaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Frankfurt ♦ a. M., Berlin München und
Köln; G- L. Daube und' Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris
Greiz: Henning (Reichsp.); Magdeburg Stadt: Duvig- ncau (Nl.). — Bis jetzt sind 24 Stichwahlen bekannt Es sind gewählt: 3 Konservative, 1 Reichspartei, 4Nat.- Liberale, 2 Zentrum, 10 Freisinnige, 4 Sozialisten.
— Zu den Hebungen des Beurlaublenstandes im Etatsjahr 1887 88 werden einschließlich der vom Kriegs- Ministerium festzusetzenden Zahl von Unteroffizieren, Laza- rettgehülfen u. s. w. einberufen: A. Aus der Reserve: a. bei der Infanterie 105 500 Mann, b. bei den Jägern und Schützen 2500 Mann. B. Aus der Reserve und Landwehr: c. bei der Feldartillerie 4070 Mann, d. bei der Fußartillerie 2610 Mann, e. bei den Pionieren 2270 Mann, £ bei dem Eisenbahn-Regiment 560 Mann, g. bei dem Train 5304 Mann. Die Dauer der Hebungen — die Tage des Zusammentritts und Auseinandergehens am Uebungsorte mit einbegriffen — beträgt 12 Tage. Wo es im Interesse der Ausbildung für wünschenswert erachtet wird, kann für die Reservisten der unter c bis f genannten Waffen, je nach Bestimmung der obersten Waffen- Jnstanzen, diese Hebungszeit bis zu 20 Tagen verlängert werden. Der Zeitpuntt der Hebungen wird seitens der General-Kommandos bezw. obersten Waffen - Instanzen, nach Vereinbarung mit den ersteren, im allgemeinen in die Zett vom Frühjahr bis zum Beginn der Herbstübungen, für die Schiffahrt treibenden Mannschaften in das Winter- Halbjahr 1887/88 gelegt. Die Interessen der am meisten beteiligten bürgerlichen Berufskreise werden bei der Wahl des Zeitpunktes besonders zu berücksichtigen sein. Beim Train finden die Hebungen, soweit für dieselben die Bildung besonderer Kompagnieen in Aussicht genommen wird, nach Beendigung der Herbstübungen des betreffenden Armeekorps, andernfalls im Mai statt. Die Sanitäts- Detachements üben zu gleicher Zeit mit den Krankenträgern des Friedensstandes.
Dresden, 1. März. Der außerordentliche sächsische Landtag trat heute nachmittag 5 Hhr zu der ersten und zweiten Präliminarsitzung zusammen. Es erfolgte die Wahl der Abteilungen und die Wiederwahl des vorigen Direktoriums. Morgen nachmittag 2 Hhr soll die Eröffnung des Landtages ourch den Vorsitzenden des Staatsministeriums, Kriegsminister von Fabrice, erfolgen. Zum Präsidenten der ersten Kammer wurde von Zehnen wieder ernannt.
Stuttgart, 1. März. Das Ergebnis der Reichstagswahlen in Württemberg ist an sich ein so einfaches, daß zwei Worte genügen könnten, alles zusammenzufassen: Volkspartei — weggefegt! In 13 Wahlkreisen sind die nationalen Kandidaten Lieger geblieben, darunter in Stuttgart Kommerzienrat Siegle mit rund 18 500 Stimmen; in vier zur klerikalen Domaine gehörigen Wahlkreisen
Die Herren zogen sich zurück und Mrs. Vance wurde von dem Mädchen in ein Zimmer geführt.
Sie schloß die Thür ab und warf sich, angekleidet, wie sie war, auf ihr Lager. Sie litt anscheinend hesttg unter einer starken Aufregung. Kein Schlaf senkte sich auf ihre brennenden Augenlieder herab. Bei Tagesanbruch pochte die Dienerin an die Thür.
„Der Schlitten ist eingettoffen, Madame," sagte sie nun höflich.
Mrs. Dance ging, nachdem sie Kotierte gemacht und ein reichliches Frühstück zu sich genommen hatte, hinab, wo Lancelot ihrer bereits wartete. Er half ihr in den Schlitten, erfaßte die Zügel und fort ging es, der Stadt zu.
„Haben Sie gut geschlafen?" fragte er nach einiger Zeit, um das peinliche Schweigen zu beenden.
Ihre dunklen Augen begegneten den seinen und es glühte in ihnen, wie ein flackerndes Licht.
„O, Lancelot!" rief sie und ein leidenschaftlicher Vorwurf klang aus ihrer Stimme. „Sie spielen mit mir! Wie anders könnten Sie glauben, daß ich hätte schlafen können mit dem Gedanken an das Los, welches meiner wartet ?" Er zuckte zusammen unter ihren dunklen Worten und erbleichend wandte sich sein Antlitz dem ihren zu.
Es kostete Lancelot Mühe, unter der instinktiven Aufregung, welche ihn erfaßt harte, hervorzubringen:
„Mrs. Vance, erklären Sie sich deutlicher. Ich versichere Sie auf mein Ehrenwort, daß Ihre Worte mir ein Rätsel find. Welches schreckliche Los könnte Ihrer warten?"
Eine Sekunde sah sie den jungen Mann mit blitzenden Augen au, dann ober sprach sie leise und eindringlich mit gesentten Lidern!
„Sehen Sie denn das nicht ein, Lancelot, was Ihnen nnnrnwunden zu gestehe» mein weiblicher Stolz mir verbietet, — nämlich die bittere Wahrheit, daß durch den Aufenthalt diese Nacht mit Ihnen zusammen in Dabney's Hotel mein guter Ruf in den Augen der spöttelnden, tadeftüchttgen Welt aus immer kompromittiert worden ist?
18" Für den Monat März nehmen alle Postan- ftatten, «ufere Agentur in Kirchhain, sowie die unterzeichnete Expedition Bestellungen an auf die
Oberhessische Zeitung
nebst «reisbtat^ Jllustr. Sonntagsblatt und Erzähler.
_________Die ExpeL. d. Oberh. Zeit.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. März. Der Kaiser arbeitete heute vormittag mit dem Geheimen Kabinettsrate v. Wilmowski und machte nachmittags eine Spazierfahrt. — Die Kommission des Herrenhauses begann heute unter Teilnahme des Kultusministers von Goßler und des Ministerial- Direktors Lucanus die Vorberatung der Kirchenvorlage; die Beratung beschränkte sich indeß zunächst auf die Generaldiskussion. — Bezüglich der Wahlresultate in Elsaß- Lothringen sagt die „Nordd. Allg. Ztg.": „Die Thatsache, daß Protestler gewählt worden sind, beweist nicht, daß man sich nach Wiedervereinigung mit Frankreich sehnt, es beweist gerade das Gegentett, es zeigt, daß man in Elsaß-Lothringcn an den Kriegsausbruch glaubt und sich vor den ehemaligen Landsleuten fürchtet. Wir halten dieses Gefühl für berechtigt. Wenn Frankreich uns angreift, wird unzweifelhaft Elsaß - Lothringen zunächst den Kriegsschauplatz bilden. Was das bedeutet, weiß die Bevölkerung aus eigener Erfahrung aus dem Kriege 1870/71. Die Leiden von damals würden sich jetzt noch verdoppeln, verdreifachen. Welche Behandlung hat sie zu erwarten, wenn die Franzosen als Freunde kommen? Mit diesem Gedanken trat die reichsländische Bevölkerung an die Wahlurne heran, dieser Gedanke war ausschlaggebend für die Abgabe der Wahlstimme, denn man hoffte dadurch, jenseits der Vogesen einen guten Eindruck zu machen und die französischen Truppen, die man nächstens im Lande zu sehen fürchtet, zur Milde zu stimmen. — Die von einigen Zeitungen neuerbinS verbreitete Nachricht über die beabsichtigte Einführung einer Bierschanksteuer ist sicherem Vernehmen nach unbegründet; eine derartige Steuer ist auch nicht einmal in Erwägung gezogen worden. — Bei den Berliner Stichwahlen siegte im ersten Wahlkreise Klotz (Fr.) über Zedlitz - Neukirch (K.) mit 9081 gegen 7794 Stimmen, im zweiten: Virchow über Wolff (K.), im dritten: Munckel^ (Fr.) über Christensen (Soz.) mit 11260 gegen 10559 Stimmen, im fünften: Baumbach (Fr.) über Blume (K.) mit 12 816 gegen 8031 Stimmen. — Fernere Stichwahlresultate: Breslau Osten: Seybewitz (K.); Breslau Westen: Kräcker(Soz.); DreSben: Hultzsch(K.);