Rr. 49.
Marburg, Sonntag, 27. Februar 1887.
XXII. Jahrgang.
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Expedition Markt 21. — Reaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Soch.
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Oberhessische Zeitung
nebst Kreisblatt, JUustr. Sonntagsblatt und Erzähler.
Die Exped. d. Oberh. Zeit.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Febr. Heute vormittag 11 Uhr wurden den beiden Majestäten sechs Feuerwehrleute, welche sich bei den letzten Bränden besonders hervorgethan haben, vorgestellt und mit Geldgeschenken bedacht. Der Kaiser nahm mittags die Vorträge des Geheimen Kabinettsrates von WilmowSki und des Grafen von Stolberg entgegen, empfing nachmittags den deutschen Gesandten in der Schweiz, von Bülow, und machte um 27* Uhr eine Spazierfahrt. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." macht auf die Verordnung über den Bischofseid aufmersam. Dieselbe trage dasselbe Datum des 13. Februar, wie die Ermächtigung zur Einbringung des kirchenpolitischen Gesetzentwurfes. Schon dieser äußere Umstand dürfte erkennen laffen, daß die Verordnung eine Ergänzung des vorgelegten Gesetzentwurfes bildet und mit letzterem bestimmt ist, die bisher noch offen gebliebenen Fragen im versöhnendem Sinne zu lösen. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." hört, die neue päpstliche Kundgebung gehe darauf hinaus^ die Katholiken davor zu warnen, ihre Stimmen den Sozialdemokraten zu geben. Der Papst weist darauf hin, daß er in seinen Hirlenbriefen die Sozialdemokraten wiederholt als eine Gefahr für die Kirche bezeichnet habe. — Die „Moskauer Zeitung" hat bei der Besprechung des jüngsten englischen Blaubuches behauptet, Fürst Bismarck habe den englischen Vorschlag, die Mächte zu einer direkten, offenen Aktion zu Gunsten des Battenbergers zu bewegen, dahin beantwortet, der Reichskanzler halte es unter den gegebenen Verhältnissen nicht für bequem, direkt und offen zu handeln. Die „Nordd. Allg. Ztg." erwidert darauf, aus dieser Kundgebung sei einfach zu schließen, daß Katkoff nicht englisch verstehe, oder daß er lüge. Ein drittes gebe es nicht. Dies erhelle aus dem im Blaubuche veröffentlichten Berichte des Botschafters Malet an Lord Zdesleigh vom 3. September v. Js., welchen die „Nordd. Allg. Ztg." wörtlich mitteilt und wonach der Reichskanzler erklärte, er könne nicht zu weiteren Versuchen raten, um eine offene, aufrichtige Unterstützung des Prinzen Alexander seitens der Großmächte zu erlangen, well er von deren Erfolglosigkeit überzeugt sei. Fürst Bismarck sei der Ansicht,
daß es den Großmächten, wennschon sie den Prinzen auf den bulgarischen Thron gesetzt hätten, doch keineswegs obliege, vereinigt oder einzeln Schritte zu thun, um ihn auch dort zu erhalten. — In der am 24. d. Mts. unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staatssekretär des Innern von Bötticher, abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesrats wurde über die zollfreie Einfuhr von Produkten der deutschen Seefischerei, sowie über eine Ergänzung der Bestimmungen in der Anlage A des Schlußprotokolls zum Zoll- vereinigungs - Vertrage vom 8. Juli 1867 hinsichtlich der Zollbehandlung von Roh- und Brucheisen Beschluß gefaßt. Der Entwurf einer Verordnung über die Kaution des Rendanten des Reichskriegsschatzes und die Vorlage, betreffend die Wiedereinbringung des Gesetzentwurfs wegen Feststellung des Reichshaushaltsetats für 1887/88 und des Entwurfs eines Gesetzes wegen Aufnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltung des Reichsheeres u. s. w. wurden dem Ausschuß für Rechnungswesen, die Vorlage, betreffend) die gegenseitige Zulassung der in der Nähe der Grenze wohnhaften Hebammen zur Ausübung der Praxi» in den einzelnen Bundesstaaten, dem Ausschuß für Handel und Verkehr zur Vorberatung übergeben. — Die „Nat.- Ztg." erwähnt, daß eine — von ihr nicht näher bezeichnete — Korrespondenz Erörterungen darüber anstellt, ob Herr v. Bennigsen zum Präsidenten des neuen Reichstages zu wählen sei. Der „Nat-Ztg " ist nichts davon bekannt, daß eine solche Absicht bei den nationalliberalen Mitgliedern des Reichstags bestände, und sie würde, wie sie weiter erklärt, jedenfalls bedauern, wenn Herr v. Bennigsen durch Uebertragung des Präsidentenpostens der Aufgabe der aktiven Führung seiner Partei entzogen würde. Diese Erwägungen mögen für die „Nat. - Ztg." in erster Linie stehen; nach den Informationen der „C. C." aber liegt den leitenden Mitgliedern der nationalliberalen Partei, in richtiger Würdigung des Charakters der Wahlbewegung, die zu den jetzt vorliegenden Veränderungen de» Besitzstandes der verschiedenen Parteien im Reichstage geführt hat, die Absicht, an der Besetzung des ersten Präsidenten- Posten durch die Deutschkonservativen zu rühren, überhaupt gänzlich fern.
Darmstadt, 24. Febr. Fürst Alexander von Bulgarien hat seine Blatternkrankheit jedenfalls aus Italien mitgebracht. Er wird behandelt von den Aerzten Dr. Küchler - Darmstadt und Dr. Weil - Zwingenberg, welche gestern, wie man dem „B. T." meldet, die ganze Familie des Prinzen Alexander von Hessen geimpft haben.________
Auslanv.
Paris, 25. Febr. Zufolge einer amtlichen Depesche aus Hanoi ist die Provinz Phuyen pacifiziert. Die Expedition setzt ihren Marsch gegen die Provinz Brindinh fort.
— Die Verhaftung Peyramonts, des Chefredakteurs der „Revanche erregt einige« Aufsehen. Blätter wie die mit Boulanger befreundete „Lanterne" nnd „Patrie" geben weil die Kölnische Zeitung einige Artikel der Revanche al» Proben der Herzensmeinung der Chauvinisten abdruckte zu verstehen, daß Peyramont verhaftet worden sei weil dqs Geld für seine Zeitung aus deutschen Quellen stamme! Dieser Unstnn, der dem albernen Gerede der deutschen Oppositionspresse über die sogenannten Reptilien nachgebetet zu sein scheint, wird hier zwar nicht geglaubt, ist aber bezeichnend für die Verdrehungskunst der französischen Blatter; jedermann weiß, daß die Verhaftung erfolgte, weil Peyramont nicht allein ftanzösische, sondern auch rustsche Fahnen hatte aushängen lassen und dadurch auf der hie- £gen russischen Botschaft großes Mißfallen erregt hatte. Dazu kam noch, daß in der gestrigen Nummer des Blattes zu einer Versammlung für nächsten Sonntag eingeladen wurde, m welcher die Wegnahme der russisch-französischen Fahnen behandelt werden sollte. Die Regierung die unter den jetzigen kritischen Verhältnissen dergleichen nicht gestatten wollte, entschloß sich daher kurzer Hand, den Artikel 84 des Strafgesetzbuches in Anwendung zu bringen, der diejenigen, welche durch feindliche, von der Regierung nicht gebilligte Handlungen den Staat einer Kriegserklärung aussetzen, mit Verbannung bedroht und sie zur Deportation verurteilt, wenn der Krieg erfolgt Zu beachten ist, daß erst russische Mahnungen notwendig waren, ehe sie sich gegen den mit der Preßfreiheit getrie. betten Unfug aufraffte. Goblet ist jetzt mit dem größten Teil seiner Amtsgenossen übereingekommen, gegen alle derartigen Herausforderungen, welche diplomatische Verwicklungen Hervorrufen können, mit der ganzen Strenge der bestehenden Gesetze vo^ugehen und hat den Polizeipräfekten strengste Weisungen erteilt, den Verkauf und die Veröffentlichung aller Bücher, Flugschriften und Zeitungen zu verbieten, deren Inhalt zu Streitigkeiten mit Deutschland Veranlassung geben könne. Jede Beschlagnahme einer verbotenen Schrift auf der Straße soll die Verhaftung ziehen^ Verfolgung des Verfassers nach sich
Marburg, 26. Febr. Die am gestrigen Tage erfolgte Ermittelung des Ergebnisses der am 21. d. Mts. stattgefundenen Wahl eines Abgeordneten des V. Wahl- Geists im Regierungsbezirk Cassel — Marburg-Kirchhain- Frankenberg — hat folgendes Resultat ergeben: Von den 17487 Wahlberechtigten sind 13390 gültige Stimmen abgegeben, davon fielen 7411 auf Dr. Otto Böckel in Marburg, 4314 auf Justizrat Dr. Grimm ebendaselbst, 1057 aus Freiherr von Stauffenberg in Rißtisfeir
Die Geister der Finsternis.
Roman auS dem Amerikanisch.n von A. Bayard.
(Fortsetzung.)
„DaS Mädchen wird Sie nach Ihrem Zimmer führen," sagte Dr. Heath und vei beugte sich höilich. „Sie werden müde fein und sich nach Ruhe sehnen."
Lily nickte schweigend und erhob sich, als Mr. Colville an sie herantrat.
mögen Wochen vergehen, ehe wir uns Wiedersehen, Lily," sprach er mit weicher Stimme. „Sollten Sie jedoch anderen Sinnes werden und mich früher zuruckwünschen, so teilen Sie es Dr. Heath mit und ohne Zeitverlust werde ich zu Ihnen eilen!"
„Das wird nie geicheh-n!" lautete ihre kalte Antwort, indem sie sich jetzt mit unverkennbarer Verachtung von ihm abwandte.
lieber Colvilles Züge zuckte es nervös, als sich eine Hand auf seine Schütter legte.
„Nimm Dir Nichts zu sehr zu Herzen, was sie auch sagen mag," raunte Doktor Pratt ihm mit teuflischem Cynismus iuS Ohr. „Sie befindet sich jetzt erst ganz in Deiner Macht. Nur zwei Alternat ven giebt es für sie: Entweder sie kehrt als Mrs. Colville in das Leden zurück oder — fie stirbt im Jrrenhaust!"
25. Kapitel. Dem Lebe» wiedergegeben.
Die über die im Hause der alten Levereis stattgefuu- oenen Ereignisse eingeleitete Untersuchung hatte k tuen Anhaltspunkt gebracht, welcher auf die Spur des Mörders hätte führen können.
Nur Enis, die Vergiftung des Ehepaares durch Strychnin, ward festgestellt.
Mr. Sheltons Aussage warf ebeufalls kein Licht auf den düster u Thatbestaub.
Farn y Colville aber war, in Folge der langen Entbehrungen und der schceckttchen Lage, in der st- sich befunden, in einen solchen gefährlichen Schwächezastand verfallest, daß der Arzt ein j-gliches Verhör feiner Patientin
ull.n HillUrs zu uutcrraffei, bat, wenn sie jemals ein volles' Zeugnis sollte ablegen können.
So lautete denn das V-rdikt des Gerichtshofes dahin, daß die alten Leverets ihren Tod durch Stiychuin-Ver- giftung von und kannter Hand gefunden hätten.
Seit vierz hn Tagen hatte die arme Fanny nun in Mrs. Masons Hause ein Unterkommen genossen, aber immer noch glaubte sie kaum an ihr Glück und jedes D^l, wenn fie erwachte, war eS ihr, als müsse sie in ihrem dusteren, kalten Reiter aus einem schweren Traume zur nackten Wirklichkeit die Augen öffnen. Zu g oß war der llebergang vou tiefster Verzweigung zu neuer Hoffnung.
Wenn auch langsam, so doch sichtbar sicher erholte sie sich wi der.
Si sind eine vortreffliche'Krankenpflegerin, MrS. Mason," sprach Mr. Shelton eines Taaes. „Ihre Kranke steht sehr wohl aus; ich hätte M s. Colville kaum wiedererkannt."
„Und oane Ihre rechtzeitige Hilfe, Mr. Shelton, wäre ich längst tot," sagte Fanny, ihm einen Dantsblick ans ihren du kttu Augen zusendend. „Ihnen danke ich mein Leben. Werde ich eS Ihnen jemals vergelten können?"
„Lass n Sie daS," wehrte er ab. „Die Enthüllungen, welche Sie mir machte», haben mich längst für Alles entschädigt."
„Aw, die arme Lily," seufzte Fanny Colville. „Haben Sie nickts über sie erfahren, Mr. Shelton?"
Traurig fdmttclte er deu Kopf.
„N in, nichts!" ermteberte er. „Ich habe die Elenden gänzliw aus den Augen verloren. Es ist ihnu gelungen, das junge Mädch n auf schlaue A t anders wohin zu bringen. Doch ich lasse den Mut nicht st fett. Ist werde sie auf frischer That abfaffen, wenn fie eS am wenigsten ahnen, und die Unglückliche doch schließlich den Ihrigen wieder zuführen."
„Gebe Gott, daß eS Ihnen gelinge, Mr. Shelton!" flüsterte Fanny matt.
„EmS möchte ich Sie fragen," fugt. er plötzlich. .AlS Sie mir damals 3t)'e G schichte erzählten, machten Sie mir etne And.mung, die einige Aufklärung über Miß Lawrences mutmaßlichen Tod Verb eitete."
„Was war das?" fragte Fanny.
„Sie wissen es vielleicht," fuhr er fort, „daß der Richter- spruch auf «Selbstmord lautete. Sie aber versicherten mich LttY Lawrence sei au« Eifersucht ermordet worden. W lebe Haud war es, die den Todesstoß fü >rt ?"
»Die Hand einer schönen Wittwe, welche in der ßarerenc'» fd)en Familie lebt und von dem Bankier ganz abhängig tst Sie schlich sich in des jungen Mädchens Zimmer, während diese eben in ihrem Brautkkeide vor dem Spiegel stand und stieß ihr den Todesdolch in die Brust Miß Lawr-nce' v rlor sowrt die Besinnung und weiß nicht, wie die F au das Zimmer verließ, na dem sie die Thür von innen v r- schloffen hatte; wahrscheinlich glitt sie an dem Weingewinde hinunter, daS sich bis an Miß Lily's Ztmmerfenster empor» gerat kl hatte."
„Es ist zweifellos, daß fie so hinabgelangte,' sagte Mr. Shetton. „Ah, welch ein Gewebe der Schurkerei wuide um das unschuldige Leben bl ft« Mädchens gewoben! Aber die AeiM'le soll gerechtfertigt werden, das schwöre ich bei Allem, was mir heilig ist. Und bann mögen die Schuldigen fiü> voiseheu! I tzt hatte ich die Beweise für ihr Verbrechen in meinen Händen!"
Mrs. Mason ha;t-, mit ihrem Strickstrumpf beschäftigt, der Unterhaltung Fanny Colvill's und M s Shelton'- mit gespannter Ausm iksamkeit gelauscht.
Sich der alten Frau zuw ndens, sprach der D tektiv" jetzt:
„Wir hab.n i« J'r-r Gegenwart ganz frei über Dinge gesprochen, w Icke vorläufig noch Geheimnisse bleiben müssen, aber ich weiß, *afj Sie darüber Schweigen bewahren werden. Laffen Sie sich von MrS. Colville, sobald fie die Kräfte dazu besitzt, Alles mitteilen. Sie wird Ihnen über das junge Mädchen, welches Sie einst so edelmütig aufnnhmen. eine Geschichte erzählen!" (Fortsetzung folgt)