Rr. 48.
Marburg, Sonnabend, 26. Februar 1887.
XXII. Jahrgang.
OberlicUihe Jcitimrj
ßCt* Für bcn Monat März nehmen all« Postanstalten, unsere Agentur in Kirchhain, sowie ine unterzeichnete Expedition Bestellungen an auf die
Oberhessische Zeitung
nebst Sreisbilatt, Jllustr. Lonntagsttlatt und Erzähler.
________DLe Exped. d. Lberh. Zeit.
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Febr. Der Kaiser empfing vormittags den Chef des Wilitärkabinetts General von Albedyll, sowie den Kriegsminister und machte nachmittags eine Spazierfahrt. Zu der heutigen Soiree bei den Majestäten sind 120 Personen geladen. — Eine König!. Verordnung vom 13. Februar über den von den katholischen Bischöfen zu leistenden Eid wird heute im „Reichsanzerger" veröffentlicht. Dieselbe stM die Eidesform wie folgt fest: „Ich schwöre zu Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, auf das Evangelium, daß ich, nachdem ich auf den Bischofsstuhl ... erhoben bin, Seiner Majestät und deren Nachfolger in der Regierung als Allergnädigsten König und Landesherrn untertyänig, treu, gehorsam und ergeben sein und dessen Bestes nach meinem Vermögen befördern, Schaden uno Nachteil aber verhüten und besonders dahin streben will, daß in den Gemütern der meiner Leitung anvertrauten zeitlichen Gemeinden die Gesinnungen der Ehrfurcht und Treue gegen den König und die Liebe zum Vaterlande, der Gehorsam gegen die Gesche und alle jene Tugenden, die in dem Christen den guten Unthanen bezeichnen, sorgfältig gepflegt werden und nicht dulden will, daß von der mir untergebenen Geistlichkeit im entgegen- gesetzten Sinne gelehrt oder gehandelt werde. Insbesondere gelobe ich, keine Gemeinschaft oder Verbindung innerhalb oder außerhalb des Landes zu unterhalten, welche der öffentlichen Sicherheit gefährlich sein könnte, und will, wenn ich erfahren sollte, daß in meiner Diözese oder anderwo Anschläge gemacht werden, die zum Nachteile des Staates gereichen könnten, hiervon Seiner Majestät Anzeige machen. Ich verspreche, dieses _ alles um so unverbrüchlicher zu halten, als ich gewiß bin, daß ich mich durch den Eid, welchen ich dem Papste und der Kirche leistete, zu nichts verpflichte, was oem Eide der Treue und Unterthänigkeit gegen Seine Majestät entgegen sein könnte. Alles dieses schwöre ich, so wahr mir Gott helfe und sein heiliges Evangelium. Amen." — Während bisher zu den Geburtslagen unseres Kaisers nur die deutschen Fürsten hier-
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain
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Di- Geister ver Finsternis.
Roman au« dem Amerikanisch.n von A. Bayard.
l Fortsetzung.)
„Verzeihen Sie, Lily, aber wir sind gezwungen, zu kommen, rote cs uns paßt, nicht rote es Ihnen angenehm ist!" antwortete Colville.
Sie hatte wie immer nur eimn Blick tieffier Verachtung für ihn. Er aber wandte sich zu den beiden Leveieis:
„Ihr könnt gehen! Wir werden nach Euch rufen, wenn Wh Eurer behülfen!"
.Nicht doch, sic sollen hier bl-iben," fiel Lily in befehlendem Tone ein. „Ich habe Ihnen Et oas zu sagen, Mr. Colv.lle, und wr-nsche, daß diese Ihre Freunde es hö.en."
Die alte Molly und ihr Mann sahen sich an, beunruhigt durch Lily's Worte.
„Meine freund* rief Colville aufgebracht. „Miß Lawrence, ich mutz mich dageg.n v-iwahren, L«ute solches Schlages als meine Freunde bezeichnet zu hören! Wählte ich fh zu Ihrer Bewachung, so g.schah >s, weil ich nutzte, daß Sw unter diesem Tache dehntet sein würden, wie nirgend wo sonst."
„Das wußten Sie?* wiederholte L'ly mit leisem Spott. „Ach, wie Sie sich selbst betrogen! Bon dem Augenblick an, als ich dieses Haus betrat, war ich unter ihren Händen tu beständiger Gefahr."
„Miß Samtene-, Sie reden ine," wendete Dr. Pratt ein. „Die alten Leb.reis wurden für Ihre Bewaa ung bezahlt; es lag demgemäß in ihrem Intensse, ihre Pflicht zu thnn. Es ist eine frur khafte Einbildung, daß Ihr Lben von ihrer Seite bedroht ist!"
„Es ist keine Einbildung," antwortete Lily kalt. „Ich versichere Sie, Doktor Prait, und auch Sie, Mr. Covtlle, daß Ihr uneiwartes Kommen einzig meine Wächter daran verhindert hat, meinem Leden noch in dieser Stunde ein Ende zu machen!"
„Es ist Lüge!" brachen Molly und ihr Mann zu- gleich auS.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. $laWe8, sowie d.Annoncen-Bureanp von Haasenstein undPozlE in Franlfurt a. 8t, taffol, Magdeburg und Wien; Rudolf Mvffe in Frankfmt ♦ a. V.., Berlin München und Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. 8t, Berlin, Hannover u. Paris.
hergekomMen find, um ihre Glückwünsche darzubringen, sind jetzt schon außer diesen für das diesjährige Fest auch von den ausländischen Höfen Besuch angemeldet. Der Kaiser von Oesterreich wird seinen Sohn, den Kronprinzen Rudolf, der Kaiser von Rußland seinen Oheim, den Großfürsten Michael Nikolajewitsch, hierher entsenden. Ebenso ist der Prinz von Wales als Vertreter her Königin von England angemeldet. Selbredend wird bei allen diesen Besuchen strenge Rücksicht darauf genommen werden, daß an seinem 90. Geburtstag unser Kaiser, der ja in der Erfüllung der ihm als Festgeber und Hausherrn obliegenden Repräsentationspflichten, gewissenhaft ist, nicht übermäßig angestrengt wird. — Die in Preußen durchgeführte Regelung des SubmissiouswesenS lenkt außerhalb Deutschlands die Aufmerksamkeit mehr und mehr auf die in Preußen bestehenden Verdingungsvorschriften. So läßt die königlich schwedische Regierung int Interesse der von ihr beabsichtigten anderweiten Regelung des Submissionswesens gegenwärtig die gesamte Materie an der Hand der in Preußen bestehenden Vorschriften studieren. Die letzteren sollen als Vorbild für die in Schweden geplante Neueinrichtung dienen. — Die „Kreuz - Ztg." bezeichnet heute als die Ziele der jetzigen Majorität des Reichstags entsprechend einem älteren Programm: Beseitigung des Kulturkampfes, konfessionelle Volksschule, Stärkung des monarchischen ^Prinzips, Abwehr- und Einschränkung des Judentums, Schutz der Landwirtschaft gegen die ausländische Konkurrenz, obligatorische Innungen für das Handwerk, Normalarbeitstag, Verbot der Sonntagsarbett, all- mälige Abschaffung der Frauen- und Kinderarbeit, hohe Börsensteuer nebst eventueller Berstaalichung der Reichsbank, indirekte Steuern und Befreiung de» unfundierten Einkommens von den direkten Steuern.
— Wie in der Reichshauptstadt Berlin, ist im ganzen deutschen Osten, das heißt in den Provinzen Ost- und Westpreußen, Brandenburg, Posen und Schlesien der „Deutschfreistnn" an die dritte Stelle gerückt. Bon den 120 Mandaten dieser Provinzen hat der „Deutschfreisinn" mit Kummer und Not Glogau, Bunzlau, Liegnitz, Jauer und Hirschberg, also 5 gerettet, diese aber sämtlich nur mit Hülfe der Zentrumswähler und teilweise der Sozialdemokraten, welche der großen „deutschfreisinnigen" Partei schon im ersten Wahlgange gewährt wurde. Während aber in Königsberg, Thorn und beiden Breslauer Wahlkreisen und in Kottbus der „Deutschfreisinn" auch aus den Stichwahlen verschwunden ist, ist ihm Danzig, Brandenburg a. H., Stettin, Waldenburg und Görlitz noch die Gelegenheit gegeben, mit sozialdemokratischen und anderen Krücken
„Schwelgt, Ihr Elenden!" Donnerte Doktor Piatt, wm- bebrnd, denn das Et schreck n bei Liiy's Wo . i n walte ihi e Schuld zu deutlich in ihren Zügen. Jßafet Miß Lawrence aus.eben und bann verteidigt Euch, wenn Jur .8 könnt!"
Mit klaren Worten beiüttde Lily bie ganze Unter« balkung, von der st. Oy enzrugin gewesen und die. sich ihrem Gedächtnis nur zu treu eing, prägt hatte.
„Die alte Molly wollte gerade die Thür öffnen, um ihr Vorhaben anSznführen," schloß Lily, „als Ihr Klopfen sie daran verhinb.rte. Die folternde Angst vor dem Kommenden und dann die plötzliche Hoffnung auf Erlösung hatten meine Kräfte so mitgevomm n, baß ich in bem Augenblicke, als ich aufspiingen wollte, ohnmächtig wurde."
Doktor Pratt fühlt- sich unfähig, zu sprechen. Harold Co Ville fand zuerst wieder feine Stimme.
„Elende!" rief er nut vor Leidenschaft heiserer Stimme indem er nach der Thür wies. „Fort, mir aus den Äugens ehe mein Zorn Euch ereilt!"
Feige schlichen die überführten Schuldigen aus dem Zimmer fott.
Colville trat an Lily's Seite, welche vor Erschöpfung auf ihr Lager zm iickgesunk n war.
„Lily," sprach er, „der Gedanke an das Geschick, dem Sie entronnen find, hat mich so entnervt, daß ich kaum sprechen kann."
„Das Wichtigste ist j-tzt," fand mm auch endlich Doktor Pratt Worte, „Miß La^r-nce von hier zu entfernen und nach einem Aufenthaltsort zu bringen, der sicherer ist als dieser."
Er zog Colville bei Seite und fuhr flüsternd fort:
„Einige Meilen von hier ist ein Haus, in das ich ungehindert Eintritt habe. Es war eine P ivat-Jrrenanstalt und das Eigentum eines ArzteS, der ein intimer Freund oon mir ist. Ich wüßte für den Augenblick kein beffeteS «ft)I für unsere Gefangene alS jenes. Dem Doktor kannst Du m inethalbrn fügen, bas Mäbchen sei geisteskrank."
»3a, bringen wir sie borthin, P att*
. Der Arzt griff nach einem Mantel mit Kapuze, der an der Wand hing. '
ein paar Hintersitze im Reichstage zu erlangen. Besonders neugierig darf man auf den Wahlausgang in Stettin fern. Das dortige Mandat war durch die Sezession dem „Deutschfreisinn" in die Ehe zugebracht worden, und hat eigentlich noch nie ein ernstlicher Wahlkampf um dasselbe stattgesunden. Jetzt aber werden sich in Stettin bie Sozialdemokraten zu entscheiden haben, ob sie für den radikalsten Vertreter der manchesterlichen Anschauung, den Herausgeber her „ Freihandelskorrespondenz", Herrn Dr. Broemel, an die Wahlurne marschieren wollen. Thun sie
dann dürfte der unwiderlegliche Beweis geliefert sein, daß schaffte Recht hatte, die Sozialdemokratie als die denkbar höchste Potenz des manchesterlichen Egoismus nt bezeichnen. - Znder„Nat.-Ztg." lesen wir: „Der Schlag, den bte deutschfreisinntge Partei erhalten hat, ist so ver- mchtend, daß man mit den Betrachtungen, welche ihre Organe tm ersten Entsetzen anstellen, nicht allzu hart ins Gericht gehen darf. Selbstverständlich hat das Volk, welches der Inbegriff der Weisheit und Charakterfestigkeit ist, sobaldes nach der fortschrittlichen Pfeife tanzt, weder die Probe seines Verstandes, noch bie seines Charakters be- stanben, da es fortschrittliche Politik im Stich ließ. Dies W d" Refrain aller deutschfreisinnigen und volkspartei- lichen Artikel. Daß die Herren Richter und Getiosfen schlechte Politik gemacht haben, und daß die Volkspartei vollauf verdient hat, beseitigt zu werden, nachdem ihr Wortführer erklärt hatte, unter dem Bundestage sei Deutsch- lanb sicherer gewesen, als heut zu Tage — das fällt diesen Volksmannern natürlich nicht ein. Das schönste aber ttlstet die „Freisinnige Zeitung"; das Organ des Herrn Richter schreibt: „Die neue Mehrheit des Reichstags wird schwerlich das natürliche Ende der Wahlperiode erleben. , Der Krone selbst bürte sich schon vorher immer lebendiger bte Ueberzeugung auforängen, daß eine derart durch Täuschungen und Wahlbeeinflussungen, wie sie gröber uild arger in Deutschland niemals vorgekommen sind, zusammengebrachte Mehrheit nicht im Stande ist, dem Reiche und seiner Gesetzgebung dasjenige Maß von Autorität zu verleihen, welches in der Jetztzeit mehr als je nach innen und nach außen erforderlich ist " Da haben wirs! Die Krone wird den neuen Reichstag auflösen, damit die Gesetzgebung diejenige Autorität erhalte, welche ihr nur eine deutschfreisinnige Partei verleihen kann."
ro 7 ®e»Wfinb ferner in Wasserburg Aichbühler fZentrumj, in Passau Drendorfer ^Zentrum, aber für das Septennalj, in Pfarrkirchen Haberlano sZentrumj, in Lands- but Graf Preystng (Zentrum, für das Septennatj, in ^Regmsburg^Gruben fZentrumj, in Forchheim Petzoldt
„Miß Lawrei.c /■ ipiuaj er uttaLO), „mein Waat» wart« t Dor vor der Thür und es ist natürlich geboten, Sie Den Gefahren, welche S e hier umringen, zu entführen. Hullen Sie sich in diesen Mantel und folgen Sie mir 3b« elenden Wächter sollen der Strafe für ihren Treubruch nicht entgehen!" ~
Schweigend, wenn auch leise zitternd, gehorchte Lily und wurde von den beiden Männern über die Treppe hinunter und aus bem Hanse gefühlt.
Die ulten Lever-ts ließen sich nicht mehr blicken.
Colville hab die Gefangene in den Wagen, Doktor Pratt selbst übernahm bteß ntung der Ps.rde und fort rollte das Gefährt in jagender Eile.
Es vergingen Stunden, ehe die nächtliche Fahrt ihr Ende erreichte und bei Wagen vor einem großen, unheimlich aus- sehenden, aus Backst, inen ausgesünrten Gebäude hielt, das in der Dunkelheit der frostigen Nacht düster dalag. Den Wagenschlag öffnend, hob Colville Lily heraus und führte sie eine hohe Steintreppe hinauf, indessen Doktor Pratt lautete.
Sofort wurde von einem mittelgroßen, schwarzhaarigen Manne die Thure geöffnet
„Doftor Heoih, dwS ist Mr. Colville, mein Freund," fprad) Doktor Pratt borst ll nd. „Wir wünschen eine Kranke 3h«r Obhut zu übergeben."
Der also Angeredete v rneigte sich vor den beiden Fr-mden und führte die Ang, komm nen in ein kleine» Empfangszimmer, welches ein htll-r Lichtschein durchflutete. .
Mi. Colville geleitete Lily nach einem b quemen Sessel in der Nähe des FenerS und lud sie ein, Platz zu nehmen während Dr. Heath das junge Mädchen mit Blicken des Ernaunens und der Bewunderung betrachtete.
„Sie si hi leidend aus," sagte er nach einer Pause gedämpften Tones. °
Doktor P att nickte unmerklich mit dem Kopfe.
»Sie war sehr krank," antwortete v, „und hatte dazu noch dreie ermüdende Fahrt heute Abend zu best hen. Es wäre deshalb ratsam, daß sie bald zur Ruhe käme."
Die letzten Worte begleitete eine Geberde, welche Dr.
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