Rr. 47.
Marburg, Freitag, 25. Februar 1887.
XXII. Jahrgang.
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_________ Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Oberhessische Zeitung
nebst «reisblatt, Jllustr. Sonntagsblatt und Erzähler.
_________Die Exped. d. Oberh. Zeit.
Derttsches Reich.
Berlin, 23. Febr. Der Kaiser nahm heute mittag militärische Meldungen und darauf den Vortrag des Geh. Kabinettsrats von Wilmowski entgegen und machte nachmittags eine Spazierfahrt. Um 4 Uhr erscheint der Reichskanzler zum Vortrag. — Der „Reichs-Anz." bringt eine kaiserliche Verordnung, welche den Reichstag auf den dritten März einberuft. — Dem zu berufenden Reichstage erwachsen Geschäfte der dringlichsten Art. Unter denselben stehl die Militärvorlage und der Reichshaus- haltSetat voran, welche beide mit dem 1. April in Kraft treten sollen. Bei der Kürze der Zeit wird auf recht- zeitige Erledigung dieser.Vorlagen nur zu rechnen sein, Wenn die Einberufung des Reichstages so bald irgend möglich erfolgt. Die Feststellung des Wahlergebnisses wird am 26. d. Mts. zum Abschluß gelangen. Zur Vollziehung der engeren Wahlen und zu deren Verifikation bedarf es weiterer 10—11 Tage. Wollte man daher mit der Einberufung warten,^ bis dieser letztere Akt erfolgt ist, so würde man erst gegen den 10. März damit vorgehen können. Dieser Zeitpunkt ist aber ein zu später, um mit Sicherheit auf die rechtzeitige Erledigung der erwähnten dringenden Vorlagen rechnen zu können. Sobald sich bei Verifikation der Ergebnisse der Wahlen vom 21. Februar gezeigt hat, daß eine zur Beschlußfähigkeit ausreichende Zahl von Wahlen endgültig erfolgt ist, wird daher, den »M- Nachr." zufolge, die Berufung des Reichstages stattfinden, ohne die Stichwahlen abzuwarten. An Vorlagen werde es dem Reichstage nicht fehlen; sämtliche in der letzten Session vorgelegten Entwürfe müssen zwar ein- schließlich des Etats vorerst noch wieder den Bundesrat passieren. Allein sie werden demselben in ziemlich unveränderter Form zugehen. Es gelte dies inbesonoere von Etat, an dem nur die seit der Vorlegung desselben' notwendig gewordenen Aenderungen vorgenommen werden sollen. — lieber die Stimmabgabe des Fürsten Bismarck wird der „N. Fr. Pr." geschrieben: Ein interessanter Zwischenfall war es, als nachmittags um halb 5 Uhr der Reichskanzler Fürst Bismarck im Wahllokal gegenüber dem Reichstage in der Leipzigerstraße seine Stimme ab- gab. Während der Wagen des Kanzlers vor dem Wahl-
Di- Geister ver g-inst-rnis.
Roman aus dem Ämerilanifchen von Ä. Bayard.
(Fortsetzung.)
Durch all' ihre Leiden und Qualen hatte der Wunsch, zu leben, und die Hoffnung auf eine endliche Erlösung sie bis j tzl immer noch aufrecht erhalten.
Wre hätte das auch bei einem so jungen Wesen, welches vor einem Leben voller Glück gestanden hatte, anders sein können ? Und nun jählings wurden all' ihre Hoffnungen durch dt-se schreckliche Eikenntnis zerstört. Der Tod in der schrecklichsten Gestalt streckte seine Arme nach ihr aus, um ihr junges Leben zu vernichten.
Llly faltete die Hände um> unterdrückte nur mit Gewalt den Ausbruch der Verzweiflung, welche sie überwätttgen wollte.
„Wer wird die That vollbringen?" vernahm sie jetzt aufs neue die Stimme des Mannes, welcher ttotz Allem ein großer Feigling war.
.Ich," antwortete Molly wild, „ich werde es thun und mich an ihr rächen!*
Halb besinnungslos sank Li!y nach diesen Worten, welche hr Urteil enthielten, auf deu Boden nieder.
Emsetzen erfaßte sie.
Sie versuchte eS, zu beten, während ihr das Herz laut in der Brust klopfte.
Bei jeder Bewegung im anderen Zimmer schreckte sie zusammen. Wann würde der Moment, der über ihr Leben entscheiden mußte, gekommen seins
Jetzt veikündete die alte Uhr im Hause die elfte Stunde.
Noch dröhnte der Schall des letzten Glockenschlages durch die Nachtftille, als das Geräufch Dern offener Schritte, welche sich der Thür ihres Gefängnisses näherten, Llly plötzlich auffahren li ß. Ihr Herzschlag stockte. Das Blut gerann ihr in den Adern.
Jetzt hielte« die Fußtritte dicht vor ihrer Thür an,
lokal, einem bekannten Restaurant hielt, erwartete eine zahlreiche Menge den Kanzler, und als dieser dann heraus- trat, wurde er mit lebhaften, wiederholten Hochrufen empfangen; die Menge folgte dann dem Wagen des Kanz. lers, welcher erfreut gedankt hatte, noch eine Strecke weit zur Wilhelmstraße. Während der Stimmenabgabe des Fürsten Bismarck war auch ein Zeichner des Londoner Graphic im Wahllokale anwesend, welcher den Vorgang aufnahm. — Ein Zug charakterisiert das gesamte Wahl- Ergebnis. In der Nacht nach der Wahl wurde, obwohl Meldungen aus den städtischen Wahlkreisen reichlich vorlagen, nur die Wahl eines einzigen „Deutschfreisinnigen" definitiv gemeldet — und dieser eine, Herr Netemeyer, in Braunschweig gewählt, hat sich verpflichtet, für das Sep- tennat zu stimmen. — Die Stichwahlen in Berlin werden, wie die „Nordd. Allgem. Ztg." meldet, vermutlich am 3. März stattfinden. — Eugen Richter, der demnächst wie der rasende Roland allein noch unter den Leichen seiner Getreuen um sich schlagen wird, verfällt auf Grund des Wahlausfalles in folgende politische Delirien: „Durch welche Mittel- von Lug und Trug diese Mehrheit zusammengebracht ist, wissen unsere Leser (gewiß, aber nur diese!». Lügen haben kurze Beine und die neue Mehrheit des Reichstags wird schwerlich das natürliche Ende der Wahlperiode erleben. Der Krone selbst dürste sich schon vorher immer lebendiger die Ueberzeugnng anfvringen, daß eine derart durch Täuschungen und Wahlbeeinflussungen, wie sie gröber und ärger in Deutschland niemals vorgekommen find, zusammengebrachte Mehrheit nicht im Stande ist, dem Reiche und seiner Gesetzgebung dasjenige Maß von Autorität zu verleihen, welches in der Jetztzeit mehr als je nach innen und nach außen erforderlich ist." Was hat sich der Mann nur dabei gedacht? Jetzt, wo der Kaiser endlich den langersehnten nationalen Reichstag hat, nachdem ihn dir demagogischen Wahlhubereien der Dios- kuren Windthorst-Richter jahrelang verhindert haben, wagt es Richter, denselben Kaiser, dessen Herzenswünsche er leichtherzig mißachtet hat, anzurufen, um den dem Freisinn unbequemen Reichstag zu beseitigen! Bei solchen Insinuationen an die Leser hört der Verstand auf und fängt die politische Fieberhitze -an. Aber noch eins, nennt man, Herr Eugen Richter, das auch kein „Hineinzerren der Kaiserlichen Standarte" in den politischen Kampf?? — Die neuerdittgs eingegangenen Nachrichten über das Resultat der Wahlen bestätigen und verstärken noch den ersten Eindruck. Die Niederlage der freisinnigen Partei ist eine schwere, sie zählt bis jetzt nur 11 gewählte Abgeordnete und kann in den Stichwahlen nach einer ziemlich genaue« Schätzung kaum noch mehr als 14 Sitze gewinnen. Etwa' 25 Mann stark wird sie also im neuen Reichstage vertreten sein. Die Sozialoemokraten werden es auch mit
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den Stichwahlen nicht über 15 Sitze bringen; das Zentrum hat bis jetzt 6, die Welfen haben 5 Sitze verloren. Sämtliche Oppositionsparteien werden kaum über 170 Mann ftarf sein ; das bedeutet eine feste Regierungsmajorität von 30 Stimmen.
— Gewählt: In Oppeln Graf Ballestrem (Zentr) m Neustadt (Oberschlesien) Graf Stolberg (Zentr.), in Groß-Strehlitz Franz (Zentr.), in Pleß Müller (Zentr.), in Frankenstein Graf Ehamare (Zentr), in Lüben Schmieder (oeutsch-freis.), in Glatz Frhr. v. Huene (Zentr ), in Guhrau v. Kessel (konserv.), in Ohlau von Goldfuö (konserv.), in Teltow Prinz Hanöjery konserv), in Osterode Stephanus ikonserv.), in Rastenburg Graf Udo Stolberg konserv) in Haynau Goldschnitt! (deutsch-freis.), in Weilheim Weber (Zentr), in Aischach v. Pfetten (Zentr.), in Rosenheim Wagner (Zentr. , in Traunstein Senestrey (Zentr.), in Meseritz von Unruhe (konserv), in Buk Myczielski (Pole), in Wreschen von Magdzinski (Pole), in Kröben Fürst Czärtoryski (Pole), in Adelnau Fi'rst Radziwill (Pole», in Gnesen Chelmiekl (Pole >, in Wirsitz Skorzcwöki < Pole) in Jnowrazlaw v. Koszielski (Pole), in Czarnikau v. Colmar (konserv.), in Coblenz Frhr. von Hertling (Zentr.), m Stolp Frhr. von Hammerstein (konserv.), in Lüdinghausen Graf Langsberg (Zentr.», in Amberg Gift (Zentr.), in Sinsheim von Goler (konserv.), in Friedberg Miquel (nat.4 ), in Guben Prinz Schönaich - Carolath (Reichöp), in Coburg Stichwahl zwischen Delbrück (nat.-l.) und Siemens (d.-ft.), in Illertissen Reindl (Zentr.), in Eichstätt rst die Wahl Schmitts (Zentr.) zweifellos, in Herford v. Kleist-Retzow (kons.», in Königsberg in der Neumark v. Levetzow (kons.), in Crossen Uhden (kons.', in Lüchow Gras v Bernstorff (Welfe), in Saatzig v. Schöning (kons.), in Pofen [Stabt und Kreis) Cezieloki [Pole), in Daun ist die Wahl Limbourgs [Zentr.) gesichert, in Hagenow [Mecklenburg) von Wrisberg [kons.) in Malchin Graf Schliessen [kons.), in Ueckermünde Graf Rittberg [kons), m Randow von der Osten [kons), in Demmin Frhr. von Maltzahn-Gültz [kons.), in Thorn-Kulm Stichwahl zwischen Dommes [mit. I.) unv Szaniecki [Pole), in Nienburg Frhr. v. Langwerth-Simmern [Welfe), in Graudenz Hobrecht [nat.-l.), in^Kottbus Stichwahl zwischen Funke [nat.-l.) und Breil [Soz.), in Dillingen Deuringen [Zentr ) gewählt, in Deutschkrone Gamp [Reichsp.j, in Jerichow Stichwahl zwischen Hegel [kons) unv Greve [deutsch.-freis), gewähtt in Oldenburg [1. Wahlkreis) Enneccerus [nat-l) im 2. oldenburgischen Wahlkreise ist Stichwahl zwischen Thünen [nat=l.) unb Rickert jbeutsch-freis.) nötig, im 3. olbenbur- gifchen Wahlkreise gewählt v. Galen [Zentr.); in Schleswig Lorenzen [deutsch-freis.), in Potsdam von Rauchhaupt [kons.), in Sangershausen Müller [nat.-l.), in Stuhm- Marienwerden Stichwahl zwischen Müller [kons.) und
eine Hand legte fia» aus beu iDr-tfa uuu Huy ou-iepaucrie es, als fühlte sie bereits die Finger der alte» Molly ihren weißen, schlanken Hals umkrallen. ...
*24. Kapitel. Ein neues Asyl.
Die Hände gefaltet, lag Lily in atemloser Qual, als plötzlich, noch ehe die alte Molly die Thar hatte öffnen können, an dem Außenthor ein lautes und heftiges Klopfen hörbar ward. Es kam so überraschend, daß Molly von Furcht erfaßt, zu ihrem Mann zurnckftürzte' um gleich darauf mit diesem die Treppe hinunter zu eilen. Llly sprang auf.
„Wer mag zu so später Stunde hier Einlaß begehren? Ist es denkbar, daß Rettung für mich nahe in?- fl ift.rte sie.
Der Ums»lag von Schrecken und Verzweiflung zu momentaner Hoffnung war zu groß für des Mädchens schwache Kiäfte.
Sie taumdte und sank ohnmächtig zu Boden.
Inzwischen öffneten die alten Leoerels das doppelt verriegelte Außemor, um die beiden Verbündeten, in deren Sold sie standen, Dr. Pratt und Harold Colville etnzu- lassen.
„Ihr erwartet uns nicht um diese Stunde?* sagte der Erstere, die bestürzten Gesichter Mollys und ihres Mannes sehend.
„Nein, wahrlich nicht,- antwortete die Frau, welche sich zuerst gefaßt hatte. „Sie kommen spät! Wir waren eben im Begriff, un8 schlafen zu legen."
»Wir zogen es vor, gleich Dieben tu der Nacht zu kommen, weil unsere Sicherheit >s (ordert,* erklärte der Arzt. „Mr. Colville befürcht, t, eS beobachte uns Jemand, deshalb unser nächtlicher Besuch. Wir wünschen Miß Lawrence so- Sleich zu sehen. Ist sie wohl?*
„Wie immer, Sir, wenn ihre Kost ihr auch nicht be- wuders zu gefallen scheint," versetzte Molly, mtt ihrer flackernden Kerze voranschrettend.
Die Velden Vciouno.ten wechfclt.n auf die letzten Worte der Sprecher in einen verftänbuisiunigen Blick, doch keiner von ihnen sprach ein Wo t.
Nachdem sie Lilys Zimmerthür geöffnet hatte, wäre die alte Molly, im Begriff einzut.eten, beinahe über die am Boden ausgestreckte Gestalt gefallen.
Erschreckt prallte sie zurück.
„Was, zum Henker," schrie Dr. Pratt, „was ist mit dem Mädchen vorgegangen?"
Er knt.te nted r, fühlte nach Lilys Puls und horchte auf ihren Herzschlag, indrssen auch Mr. Colville und der alte Leveret näher getreten waren.
„Sie ist ohnmächtig," erklärte Doktor Pratt, Harold Colvilles erschrecktes Gsiht bemerkend. „Wir kamen zur rechten Zeit. Eile, Molly, bringe Wein, oder was hast Du sonst Belebendes tm Hause hast. Ihre Konst tuttou ist sehr erschöpft. Vielleicht haben wir ihr doch zu viel zugemutet."
Unter des Arztes sächkundigen Bemühungen schlug Lily nach kurzen Minuten die Augen wieder auf, um sie aber, ihre Feinde erblickend, fast tm selben Moment erschreckt wieder zu schließen, während ein herzzerbrrchendes Stöhnen sich ihren L ppen entrang.
Dottor P.att hob Lily auf ihr Lager und führte das Glas Wein an ihre Lippen, welches Molly inzwischen gebracht hatte.
„Trinken Sie, Miß Lawrence! Sie find erschöpft und der Wein wird Sie b leben!* redete er ihr zu.
Sie folgte seinem Geheiß und fühlte ihre Kräfte langsam wiederk hren.
Sich zu sitzender Stellung erhebend, blickte sie nun matt um sich.
»Sie kommen zu wenig passender Stunde, meine Herren« sprach sie und Enttüstung klang aus ihrer Stimme.
(Fortsetznug folgt.)