Rr. 45.
Marburg, Mittwoch, 23. Februar 1887.
XXD. Jahrgallz.
Erscheint täglich außer a« Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- LbounementS-PreiS bei der Expedition S*/4 Ml., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (ex«l. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg , Reklamen <Kr die Zelle 25 Pfg.
AnhkUcht ZeitiiW.
Anzeigen nimmt entgeg« die Expedition d *laNN, sowie d.Annoncen-Bure«p von Haasenstein untVogleö in Fianlfurt a. M , tastet, Magdeburg und Wjen^ Rudolf Moste in Fran fink o. M., Berlin München und Adln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. SR-, Berlin, Hannover u. Pari»
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marbnrg u. Kirchhain. - Zllustriertes Sountagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Sug. Loch.
Deutsches «eich.
B«Nrr, 21. gebt. Der Kaiser nahm heute mittag timen längeren Vortrag des Geheimen Kabrnettsrat» von WilmowSki entgegen und empfing nachmittags den Feld« probst Dr. Richter. — Von belgischen Roten bei den Graß- mächtm wegen neuer Regelung der Bürgschaften zum Schutz .bcr belgischen Neutralität ist an unterrichteten Stellen noch nichts bekannt. Das Journal de Bruxelles hat übrigens die Nachricht über dieselben in einer offenbar halbamtlichen Erklärung «lls unbegründet zurückgewiesen. — Die General-Lolterietürektion hat bestimm^ daß die zur Aufbewahrung und Abholung von Losen der ersten Klasse einer Lotterie für die bisherigen Spieler bestimmte Frist von 40 Tagen auf eine rxn 15 Tagen nach beendeter Zie^mg der vierten Klaffe der vorigen Lotterie ausgedehnt werde. Die für einzelne Fälle auf 20 Tage verlängerte Frist wird dadurch nicht geändert. Zugleich wird bemerkt, daß die Ziehung der vierten Klaffe einen Zeitraum von 17 Tagen in Anspruch nimmt. — Dem „N. Wiener Abendblatt" wird von hier aus besonderer Quelle folgende Skizze des zu erwartenden neuen kirchenpolitischen Gesetzentwurfs übermittelt: Der Gesetzentwurf enthält eine grünoliche, wenn auch noch nicht vollständige Revision der sogenannten Mai- und Kampfgesetze. Die auf die Verwaltung der Diözesen durch staatliche Beamte im Falle der Sedisvakanz Bezug habenden Gesetze find vollständig außer Kraft gesetzt. Die Anzeigepflicht für Hilfsgeistliche und nicht definitiv angestellte Kuraten, Verweser, läßt der Staat fallen, ebenso verzichtet er auf die Anzeige von Beförderungen oder Versetzungen von Ordens« Mitgliedern. Dagegen haben alle Ordensvorstände die Pflicht, alljährlich am Schluffe des bürgerlichen Jahres den Behörden ihren Personalstatus einzureichen. Für die Pfarrer und höheren Funktionäre bleibt die Anzeigepflicht aufrechterhallen, ebenso das Einspruchsrecht der Regierung, , und wird vom Heiligen Stuhl anerkannt. Bezüglich der Knabenseminare und der theologischen Lehranstalten macht die Regierung weitere Konzessionen und konzendiert die Eröffnung zweier neuer theologischer Lehranstalten in Limburg und Osnabrück. Die katholischen Theologen, die Ordensmitglieder und Priester werden von der Militärpflicht gänzlich befreit. Den Orden und Kongregationen der katholischen Kirche, welche bis zum Erlaß des Kloster- ges.tzes in Preußen bestanden, wird die Rückkehr und die geistliche Thätigkeit prinzipiell gestattet. Die Behörden werden angewiesen, den Ordensoberen auf deren Ansuchen die Niederlassung in den früher von ihnen bewohnten Häusern, soweit diese nicht in anderen Besitz übergegangen sin, zu gestatten. Neue Niederlaffungen bedürfen der Genehmigung der Staatsregierung. Nur solchen Orvens-
Die Geister der Finsternis.
Roman aus dem Ameritanisch-n von A. Bayard.
(Fortsetzung.)
ES war ähnlich dem ersten. Ein Bett uud mehrere Stühle, wehr auch enthielt auch dieses Gemach nicht. Ein Frauenkletd hing an der Wand.
< 8 war aus hellblauem Stoff und hatte einen moderneren, vornelmeren Schnitt als die, welche er in dem anderen Zimm r gesehen hatte.
Wie ein Blitzstrahl kam ihry die Erinnerung au Das, was Mrs. Maion ihm über tos junge Mädchen erzählt hatte, welches bei ihr Zuflucht gesucht und welches ein hellblaues, modern gearbeitetes Kleid getragen haben sollte.
„Gereckter Himmel I* dachte er. „Ist eS denkbar, daß die Aeruste in diesem Hause war uud von hier aus floh? Wenn dem so ist, daren wurde sie wieder eingeiangen und hierher zurvckgebracht, denn hier hängt genau dasselbe Kleid, wie Mts. Mason wir jenes beschrieb, das von dem Mädchen getrauen ward, welchem sie Obdach gewährte. Ist das aber der Fall, o, mein Gott, vaS — was ist denn aus der Trägerin geworden, wenn fie nun nicht mehr in diesem Hauie ist?"
Nur daS Ecko seiner eigenen Worte tönte zuruck. Zitternd uud aufgeregt sank er auf einen Stuhl nbber. War dies Lily Lawrenc.S Gefängnis gewesen, wo war fie dann geblieben, die hier g weilt hatte? r
Da — wie elrktiistnt schnellte er auf und sprang ans seine Füße. Wie zur Antwort auf feine bange Frage, war ein Ton an sein Ohr gedrungen, der erste Laut, den er in diesem schauerlichen Hause vernahm, und zwar ein Laut, der daS Blut in seinen Adern zu EiS erstarren ließ, so furchtbar tras derselbe ihn.
Im nächsten Moment stand er auf dem Gang vor der dritten Thur; dieselbe war verschlosien, aber der Schlüffel stak auf. Etn schneller Ruck, die Thür flog auf und er stürzte in daS Gemach hinein, um jedoch im selben Augen
Mitgliedern, welche Inländer find und das deutsche Reichs- bürgerrecht haben, kann die Niederlaffung gestattet werden. Tie Mfnahme von neuen Mitgliedern (Novizen, Kandidaten) ist den Orden und Kongregationen gegen einfache Anzeige bei den Lokalbehörden und den zu liefernden Nachweis gestattet, daß die neu Aufzunehmenden daS deutsche Bürgerrecht besitzen oder erworben haben. Die Einrichtung von Privatschulen und Pensionaten (Internaten) wird den Orden und Kongregationen gestattet, sobald sie den gesetzlichen Anordnungen nachgekommen sind und diese nachgewiesen haben. DaS Verbot, Mitglieder von kirchlichen Orden und Kongregationen an öffentlichen Volksschulen als Lehrkräfte zu verwenden, wird aufgehohen. Die infolge des Gesetzes vom Jahre 1875 vom Staate eingezogenen Gebäude der bestandenen Klöster und Kongregationen sollen, in soweit sie nicht in das Eigentum dritter Personen übergegangen find, den früheren Besitzern auf deren Ansuchen ausgeliefert werden. Jenen Ordensmitgliedern, welche nach Aufhebung ihrer Niederlasiungrn ein fremdländisches Staatsbürgerrecht erworben haben, soll eine zweimonatliche Frist bewilligt werden, ihr Jndigenat wieder zu erwerben und die Behörden werden angewiesen, denselben alle Erleichterungen zukommen zu lassen. Den Orden und Kongregationen wird die Leitung und Pflege in Waisenanstalten, Kinderbewahranstalten, Besserungsanstalten für verwahrloste Jugend, Siechenhäusern und Alterversorgungsanstalten unter den vor Erlaß des Ordens- Gesetzes bestandenen gesetzlichen Bedingungen wieder gestattet. — Hier wurden nur in zwei Bezirken endgültige Wahlen erzielt, im IV. Bezirk wurde Singer und im VI. Bezirk Hasenclever gewählt. Im I. Bezirk findet Stichwahl zwischen Klotz (frcis.) und von Zedlitz - Reukirch (kons.-nationallib.), im II. Bezirk Stichwahl zwischen Virchow < freif) und Tutzauer oder Wolff (Soz.), im III. Bezirk Stichwahl zwischen Munckel ('reis.) und Christensen (Soz. , im V. Bezirk Stichwahl zwischen Baumbach (freif.) und Blume (nationallib.-kons.)
— Die „Deutschfreisinnigen" haben, soweit bekannt, in 203 Wahlkreisen 138 Kandidaten aufgestellt; schon hieraus ergiebt sich, daß eine Anzahl von Kandidaten für mehrere Wahlkreise benannt find und zwar ist aufgestellt: v. Forckenbeck 14, Eugen Richter 12, Träger 11, Rickert 6, Stauffenberg 5, Dr. Barth 4 mal, Virchow. Munckel, Hänel und Dr. Baumbach je 3 mal, Hinze, Eberty, Gold« schmidt, Dr. A. Meyer, Schrader, Buddeberg und Dr. Witte je 2 mal. Außerdem sind 5 Kandidaten doppelt aufgestellt, 2 von diesen gehörten früheren an. Wenn man aus der „Nachfrage," welche für die einzelnen Kandidaten eingetreten ist, auf die Beliebtheit resp. die Strömung im Lande schließen darf, so geht letztere stark auf die
buck, wie von einer unfiajtüaren Hand getroffen, zuruck- zutanmeln....
22. Kapitel. Fanny.
DaS Gemach war leer, wie die übrigen, welche der Detektiv betreten hatte. Und doch hatte er einen Laut gehört, einen menschlichen Laut; er hätte darauf schwören können. »
SeiEErstarrnng abschüttelnd, schritt er an das Fenster und schaute hinab auf den verwilderten Ga ten. In dem- felb n Moment zuckle er zusammen. Von Neuem halte ein sonderbares Geräusch sein Ohr berührt — das deutliche Klirren einer eisernen Kette und das schwache W hklagen einer menschlichen Stimme.
Unwillkürlich wandte sein Ange sich dem Fußboden zu und er entdeckte zur Mitte deS Zimmers die Falllhür.
Ome langes Besinnen hatte er sie geöffnet, um wenige Augenblicke später, wie früher Lily, den L ben verratenden Lauten aus Fannys Kerker folgend, die Stätte d s furchtbarsten El nds zu betreten, wo ein armes Menschenleben daS unwü digste Dasein frifttte.
Mr. Shelton hatte die kleine Laterne, welche er stets bei sich führte, angezündet, ehe er die dunkle Treppe ins Erdgeschoß hinabstiea, und so beleuchtet« der grell- Lichtschein voll daS entsetzliche Bild, welches sich feinen Augen nun darbst.
Aber nicht weniger erschreckt, als wie er auf die Gestalt am Boden, starrte diese auf ihn.
»Wer — wer find Sie?" gewann die Aermste es endlich über sich, hervorzustawmeln.
„Ein Freun", der durch GolteS Fügung hi-rh-rg-kommen ist, um d u Qualen und den Leiden einer arm n Dulderin ein Ende zu machen und ihr die Freihett wieder zugeben," antwortete der Drlettiv.
Und dicht an die Daliegende herantretend und sich zu ihr niederbeugend, flößte er der Beklagenswerten, die vor
sogenannten „Gemäßigten", während, abgesehen von Herrn Eugen Richter, der die große Zahl seiner Kandidaturen (dieselben sind durchweg erst in den letzten Tagen bekannt geworden) wohl besonderen Umständen zu danken hat, nach Alt-Fortschrittlern nur recht geringe Nachfrage gewesen zu sein scheint. Von den Mitgliedern der Fraktion des letzten Reichstages haben also 17 Mann 77 Kandidaturen übernommen, während fernere 38 Mann mit je einer Kandidatur, meist in ihren alten Wahlkreisen, auftreten. 83 Mann, die dem letzten Reichstag nicht angehörten, haben fernere 88 Wahlkreise besetzt, von diesen sind 29 alte Parlamentarier, die im Reichstage ober einem der Landtage sich bereits mit Oppositionsmacherei beschäftigt haben; die übrigen 54 sind „frisches Blut"; Aussicht, gewählt zu werden, haben von diesen jedoch nur sehr Wenige; bemerkenswert ist aber, daß dieser „junge" Fortschritt zu V* hat aus Berlin verschrieben werden -muffen, wo er im Wesentlichen dem Richter'schen Agitationsstabe und der Vorschule des Vereins „Waldeck" entnommen wurde; die Namen Kauffmann, Cassel, Perls, Wolff, Friedemann, Max Schulze, Grelling, JRuge, Hänisch, Althaus, Jng. Richter sprechen deutlich genug, zumal unter den Wiederherangezogenen ebenfalls ein starkes Stück „Berliner" Fortschritt steckt. Eine ganze Reihe der „neuen Leute" hat sich übrigens für das Septennat erklärt. Herr Richter strafte dieselben vorläufig dadurch ab, daß er sie in die Kandidatenliste der von ihm begründeten „Freis. Ztg-" nicht aufnehmen ließ.
— (Wahlresultate). In Breslau Stichwahl zwischen Kayser , Soz.) und v. Seydewitz (kons.) In Münster Heeremann (Zentrum) gewählt. In Hamburg Bebel (Soz.) im Bezirk 1, im Bezirk IL Dietz (Soz.) gewählt, im III. Bezirk Stichwahl zwischen Woermann Kartell) und Heinze (Soz.) In Bremen Stichwahl zwischen Meier (nationall.f- und Bulle (freif.) In Braunschweig Retemeyer (Septenn.) gewählt. In Hagen Richter (freif.) gewähll. In Gießen Buderus (national!.) gewählt. In Darmstadt Ullrich (Kartell) gewählt. In Nürnberg Grillenberger (Soz.) gewählt. In Crefeld Trimborn (Zentr.) gewählt. In Straßburg sind die bisherigen Abgeordneten von Wendel, Antoine, Germain, Jaunez, Kable, Mühleisen, von Dietrich, Simonis, Lang, Grad, Guerber, Winterer gewählt. In Metz Antoine gewählt.
Ausland.
Paris, 21. Febr. Bei der gestrigen Ersatzwahl im Aube - Departement wurde der Radikale Charonnet mit 29 000 Stimmen zum Deputierten gewählt. Der Opportunist Contnrat erhielt 20000 Stimmen. — Den Zeitungen zufolge bezweckt das Abkommen mit Marokko keine Ab«
ubeig oßci SLwäme eine Oynmacht übermannt halte, von dem kräftigenden Wein ein, den er auf feinen oft tagelangen Streifer, ien stets bet sich zu führen.
Die Freude nur hatte fie kraftlos gemacht. Langsam schlug fie bi« Augen wieder auf.
„Sie woll n mich befreien?* stammelte fie schwach. O, mein Gott, darf ich eS d nn wiiklich glauben?*
„Ja, Sie dürfen es," verfitzte Mr.Shelton weich. „Vor All m aber, können Sie mir 3 Dren Namen nennen ?"
„Jy heiße Fanny Colville!"
Mit schwacher Stimme kamen über ihre Lippen die Worte welche den Det-ktive gleichsam elektiisierten.
„Fanny Colville!* wiederholte er. „O um des Himmels roüLn, find Sie eine Angehörige Harold ColoilU's?"
„Ich bin fiin Weib!* antwortete Fanny und wie Lily, erzählte sie jetzt dem Detektiv die ganze Leidensgeschichte ihres L b nS, melde dieser mit wachsender Entrüstung anhörte, die sich in die fieberhafteste Spannung v rwandelte, als die Sprecherin dann auf die letzten Ereignisse und auf Lily's Besuch in dem unterirdischen Kerker zu reden kam.
„Ern junger Mädchen, das Colville hier gefangen hielt?" brach er, nicht länger an sich halten", anS. „Wo, wo Lnn sie geblieben fein? Ich habe das ganze Huus durchsucht und sie nickt gefunden. O, eS ist keine Täuschung? Keine Einbildung? Das Mädch n war hier eine Gefangene?*
„Ja,* beftäti, t« Fanny „und zwar war fie die Gefangene Harolo Colville'», der fie als eine Totgeglaubte hierver gebracht hatte. Hören Sie ihre Geschichte l*
Und wenn auck mit häufigen Unterbrechungen, berichtete die Aerwste, deren GeitteSkiatte alle physischen Leiden nickt gebrochen hatten, dem Detettiv Alles, was Lily ihr erzählt hatte.
Mr. Shelton saß starr und bleich und regte sich auch nock nickt, als die Spreckerin geeptut Automatisch zwang er sich endlich zu der Frage: