Nr. 44.
Marburg, Dienstag, 22. Februar 1887.
XXII. Jahrgang.
WttUW Zcitiiiig
Eine Warnung von London.
Unter denjenigen, welche das liebe Deutsche Vaterland verlassen, einesteils wirklichen, teils vermeintlichen drückenden Verhältnissen zu entgehen, und die nun in der Ferne ihr Glück zu finden glauben, befindet sich ein nicht geringer Bruchteil, für welchen London eine ganz besondere Anziehungskraft besitzt. Die Schiffahrtstabellen wissen davon zu erzählen, wie viele Hunderte, ja tausende von Deutschen aus allen Ständen, aus allen Berufsklassen alljährlich in die Mauer der Riesenstadt an der Themse einziehen und alle meinen sie, daß es ihnen in der englischen Metropole, in welcher die Schätze und Reichtümer der fünf Erdteile zusammenströmen, die einen so ungeheuer entwickelten Verkehr besitzt und wo Handel und Industrie sich in so mächtigen Pulsschlägen äußern, nicht fehlen könne. Aber die Statistik erzählt nichts von all jenen fehlgeschlagenen Existenzen, von jenen Massen von Unglücklichen, die im Treiben drs „Themse-Babels", im verzweifelten Kampf um Dasein schließlich untergehen, und wir glauben vielen „London- Schwärmern" einen Dienst zu erweisen, indem wir folgende charakteristische Stelle aus einem Londoner Briese des „Reichsfreund" wiedergeben:
„Es giebt tausende und abertausende von. deutschen Landsleuten, die, trotz des hohen Maßes von Intelligenz, trotz der blühenden Gesundheit und tüchtigsten Arbeitskraft, die sie besitzen, tagelang nichts zu essen, wochenlang keine Schlafitelle haben. Es ist geradezu unglaublich, welche Unsummen deutscher Arbeitskraft und Intelligenz hier in London auf der Straße zu Grunde geht, gewisser maßen mit Füßen getreten wird. Schreiber dieses hat während seines Aufenthaltes in London Leute elend verderben fehen, sehen müssen, weil er ihnen leider nicht helfen konnte, die vor nicht allzu langer Zeit in der Heimat zu den schönsten Hoffnungen berechtigten und denen es hier an gutem Willen, zu arbeiten, wahrlich nicht fehlte. Daß ehemalige Assessoren, Gymnasiallehrer, Kaufleute rc. den Kutscherbock besteigen, um als Kabmann eine traurige Existenz zu fristen, ist nichts seltenes, zwei frühere deutsche angesehene Bankiers sind seit Jahr und Tag am Hafen als Arbeiter thätig und sind zufrieden, auf diese Weise dem Hungertode entronnen zu sein. Ein früherer höherer Verwaltungsbeamter aus Sachsen, der in den Gründerjahren in Berlin die Stellung eines Direktors bei einem renommierten industriellen Unternehmen inne halte und mit feiner bejahrten Frau dicht in der Nähe des Schreibers dieses wohnte, kann sich trotz des eisernsten Fleißes, den er überall entwickelt, wo nur ein Penny zu verdienen ist, kaum das trockene Brot erwerben und muß mit seinen 60 Zähren von den Unterstützungen seiner Kinder leben. Der Mann kam mit einigen Mitteln, einer kräftigen Gesund
heit und einem großen Unternehmungsgeiste nach London, heute hat er von alledem nichts mehr. Dabei spricht und schreibt der Mann außer deutsch und englisch auch spanisch und französisch. Ein anderer Bekannter aus der Heimat, der vor sieben Jahren noch in der Nähe von Berlin die leidlich gut dotierte Stellung eines Bahninspektors inne hatte, und, von Lucht nach Reichtum getrieben, siach London kam, hat es bis zum allerniedrigsten Arbeiter in einem Staatsrnstitut gebracht, wo er als Packträger und -Straßenkehrer beschäftigt wird. Aber auch um diese Stelle wird er von seinen englischen Kollegen noch beneidet. Man hat ihm angeboten, falls er nach Deutschland zurückkehren wolle, nicht allein das Reisegeld, sondern auch noch einige Mittel darüber hinaus für ihn aufzubringen, nur um die scheußliche Konkurrenz des „plade Herman" los zu werden."
Wir glauben, diese charakteristische Stelle dürfte genügen, um mehr als anzudeuten, welch' eine ungeheuere Fülle von Not und Elend und vernichteten Existenzen sich hinter dem äußerlich glänzenden Firnis des imposanten Thun und Treibens der „Vier Millionenstadt" an der Themse verbirgt und wer nur Halbwegs die Tagesgeschichte der beiden letzten Jahre verfolgt hat, wird ohnehin wissen, wie gerade in London die soziale Not und Arbeitslosigkeit einen erschreckenden Höhepunkt erreicht hat. Vielleicht, daß diese Zeilen mit beitragen helfen, so manchen jungen braven Deutschen, der gesonnen ist, sich und fein Glück dem hastenden' Tagestreiben der englischen Metropole anzuvertrauen, ohne doch bestimmte Aussichten vor sich zu haben, vor diesem bedenklichen Schritte zu warnen.
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Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
Li- Stifter der Finsternis.
Roman au» dem Amerikanisch.n von A. Bayard.
(Fortsetzung.)
21. Kapitel. Das blaue Kleid.
Nach der so wichtigen Untern düng mit der alten MrS. Mason, war es Mr. Shelton's erster G, danke gewesen, in die Stadt zu eilen, eine Abteilung Polizisten zusamrnenzu- derufen und von denselben das „tote Haus" umzingeln zu lassen.
Aber welche^ Beweise hatte er, die ihn berechtigen konnten, tuten solchen schritt zu untern > hm-m?
Außer der Thatsache, daß Doktor Pratt und Mr. Col- Me in dem alten Hause gewesen waren und sich längere £t“ dort aufgehalten hatten, besaß Mr. Shelto» k m Motiv für einen Verdacht.
Mrs. Mason's Mitteilungen waren dem Gerede, das in «er Nachbarschaft umging, entnommen und nnten also «uf Waurheit wenig Anspruch machen. Und dafür, daß d«S geheimnisvolle Erlebnis mit dem jungen Mädchen, daS don der würdigen Frau so liebevoll ausgenommen worden dar, in irgend welchem Zusammenhang mit dem roten Pause und seinen Bewohnern stand, dafür fehlte ihm ein ltglicher Nachweis.
Diese Betrachtungen veranlaßten den vorfichtigen Seiet* «b dazu, über das g. heimnisvoüe Haus zuvor Näheres zu tifahre», ehe er einen entscheidenden Schritt that.
Mis. Mason's Worte über das alte Haus v rfolgten chu jedoch unaufhörlich. Er tonnte den Gedanken daran «ht los werden und unter dem Etudiuck derselben faßte 5 tttdl ch den Entschluß, sich ryrter irgend einem scheinbaren ^orrvaud in daS Han» Einlaß Zu verschaffen und mtt eige- 7« Augen zu erforschen zu suchen, was er wissen wollte, ■üftu mußte, um jeden Preis bet Welt.
Noch an bemfelben Sage bestieg er fein Pferd und k^e sich aus den EmdeckungSweg. Als er an MrS. «ttfon’» kleinem Hanfe vorbeikam, war er sehr enttäuscht,
Deutsche- Reich.
Berlin,_ 19. Febr. Der Kaiser nahm heute mittags mehrere militärische Meldungen und hieraus den Vortrag des Gerrerals von Albedyll entgegen. Se Majestät wird heute Nachmittag im Beisein des Kultusministers den Bischof Ur. Redner empfangen, dem dann auch die Kaiserin Audienz erteilt. — Ueber die Antwort Sr Majestät des Kaisers herrscht frohe Bewegung in der Studentenschaft. Heißt es doch in dem Schreiben, daß Se. Majestät „mit hoher Freude und Anerkennung" die zum 90. Geburtsfeste geplante Ovation annehme und nur auf die persönliche Beglückwünschung durch eine Deputation wegen der mit dem Tage verbundenen Anstrengung verzichten müsse. Sofort hat man nun die Rüstungen mit Lebhaftigkeit wieder aufgenommen. Der Ausschuß hielt gestern mittag eine zweistündige Sitzung, in welcher über das Programm endgültige Beschlüsse gefaßt wurden. Darnach hat man von ber Festlichkeit einer Theateraufführung Abstand genommen, und es tritt nun in erster Linie die wirksame, für die bu8 Gesicht der alten Fran nicht am Fenster zu erbt ck.u. Er ritt sinnend vorüber.
Vielleicht noch eine halbe Stunde von fein m Ziele entfernt, begegnete er einer Dame, die es sehr eilig zu haben schien.
Sie war von anmutiger Gestalt und elegant gekleidet, allein der dichte Schleier gestattete keinen Blick in ihr Gesicht. Nicht wenig neugierig sah er ihr nach.
„Das ist keine Frau aus dieser Gegend l" sagte er sich. „Sie hat die stolze Haltung und den Gang der vornehmen Neu York r Daunn. Und sie wünscht nicht erkannt zu sein! Wozu sonst der undurchdringlich dichte Schleier?"
Nochmals wendete er sich im Sattel zurück und sah ihr nach; doch fast im selben Moment entzog die Biegung d-r Streße sie seinen Blicke» u«b ohne ein tieferes Interesse an der Begegnung zu nehmen, ritt er weiter.
Nicht lange und das alte rote Haus mit seiner hohen Umfassungsmauer tauchte vor ihm auf.
Vor demselben angelangt, stieg er ab, band sein Pferd au und näherte sich dem Gitterthor. Dasselbe war nur angelehnt.
Mr. Shelton stand überrascht. Aber eingedenk Mrs. Masons Erwähnung über den Bluihnnd, spähte er vorsichtig umher. Nichts rührte sich. Er öffnete den einen Thor- flugel und trat dnich denselben ein.
Den auf die Hauslhüre zuführenden Pfad nun entlang schreitend, näherte er sich derselben. Seine U berraschnng waid zur Bestürzung, als er auch diese halb geöffnet fand. Er horchte. Im Hanse war Alles still.
A Er klopfte an die Thür im Flur und wartete auf ein Herrein.
Keine Antwort. Zwei-, dreimal wiederholte er daS Pochen; umsonst.
Er legte die Hand aus den Drücker. Derselbe gab nach. Auch die Thüre war nicht verschlossen. Sie ging auf und eine blaue Rauchwolke wälzte sich ihm entgegen.
Mit einem schnellen Sprunge setzte er in daS Zimmer hinein und sah sich um.
Studentenschaft ganz besonders angemessene Ovation des Fackelzuges in een Vordergrund. Der Aufruf der Berliner Studenten zur Beteiligung an diesem Fackelzug hat in allen Hochschulen Deutschlands begeisterten Widerhall und freudige Zustimmung gefunden, und es wird eine jede derselben durch offizielle Abgeordnete vertreten fein; dadurch erhält die Feier den Charakter einer Huldigung, welche dem Kaiser von der gesamten akademischen Jugend bargebracht wird Fackelzug am 21. März, welcher die studentischen Festlichketten einleitet, folgt ein großer Kommers in der Philharmonie. Zu demselben wird eine Konkurrenz unter allen Kommilitonen Deutschands für das beste Kaiserlied ausgeschrieben. Am folgenden Vormittag wird bann ein eigenartiges Schauspiel in ben Hauptstraßen Berlins bie Bevölkerung fesseln; alle Chargierten werden sich „in vollem Wichs" mit prangenden Fahnen und Bannern zu einem festlichen Wagenzuge vereinigen, der sich nach dem Thiergarten hinaus zu Kroll bewegt. In ben Räumen dieses Theaters klingen bann die studentischen Feierlichkeiten in einem musikalischen Frühschoppen aus. Zur Leitung ist eine Kommission gewählt, in welcher alle Berliner Hochschulen vertreten sind. Vom Ausschuß der Studentenschaft gehören derselben die Vorstandsmitglieder Ernst Munch, Hugo Euler, Hans Lutze, Max von Gersdorff und Hans Kasak an; die technische Hochschule hat 2 Mit- | Weder delegiert und die Bergakademie, landwirtschaftliche
Hochschule und Tierarzneischule sind durch je einen Studierenden vertreten. Diese verschiedenen Kommiisionsrnitglieder haben dann gleich die Führung der zu ihnen gehörigen Anstalten aus dem übrigen Deutschland. — Ueber die Rekrutierung der Armee im nächsten Herbst sind die Bestimmungen veröffentlicht worden. Danach werden bei jedem Jnfanteriebataillon mit hohem Etat 230 Rekruten ftatt bisher 225 Rekruten, bei den Jnsanteriebataillonen mit niedrigem Etat je 200 statt bisher 190 Rekruten eingestellt werden. Die reitenden Batterien mit hohem Etat stellen 30 Rekruten ein, die Feldbatterien mit hohem Etat 35 Rekruten, die Bataillone der Fußartillerie mit hohem ©tat 200 Rekruten, die Trainkompagnien stellen an Mannschaften zu halbjähriger Dienstzeit 38 statt bisher 44 Rekruten ein. Im klebrigen verbleibt es bei den bisherigen Zahlen. Die Einstellung findet statt in der Zeit vom 1. bis zum 5. Novbr. Die größere Rekrutenzahl bei obigen Truppenteilen steht in Verbinoung mit der erhöhten Friedenspräsenzstärke nach Maßgabe der Militärvorlage.
- Der Minister der geistlichen, Unterricht«- und Medrzmal-Angelegenheiten von Goßler hat unterm 5. Febr. b. Jö. eine neue Prüfungsorbnung für das Lehramt an höheren Schulen erlassen, welche unter Aufhebung des bezüglichen Reglements vom 12. Dezember 1866, sowie
De Sz^ne, wie !Uh». Va ce sie nach DoUoiuaner That vertust n, zeigte sich feinem Blick, nur baß die Kohlen tn* zwischen ihr Weik gethan und Alles in dem Raume halb verbrannt hatten.
Wie angewurzelt und starr vor Eatsetzen stand nun der Detektiv.
„Himmel!" rief er, sich endlich ermannend, aus. „WaS —was ist hier vorg gangen?"
Ec sagte sich, daß das Erste, was er thun 'könne, darin bestehe» müsse, das noch im Entstehen begnffene F,uer zu loschen. Er eilte in den Hof uno entdeckte mit Leichtigkeit den Brunnen. Ohne Verzug machte er sich daran, die noch schwellende Glut zu ersticken, und Erfolg tönte bald sein Mühen.
„Und was nun?" fragte er sich, als das gefchehen war. „Eigentlich sollte ich sofort in die Stadt zurückt hren und das Gericht holen, doch zuvor muß ich diese» schreckliche Haus genau durchsuchen. Wie, wenn L ly Lawrence lebend oder tot hier irg.nb wo versteckt wäre!?"
Er trat wieder hinaus in den Flur und sah um sich. Drei T,üren führten in eben so viele Zimmer«
Er betrat sie alle drei, aber sie waren leer und dunkel. Staub bedeckte ben Boden und zeigt, daß die Räume seit langem unbewohnt sein mußten. Enttäuscht schloß er sie ab und stieg nach einigem Besinne» die Treppe i»s erste Stock oerk hinauf.
Oben angelangt, befand er sich wieder einem engen Gange gegenüber, auf den drei Thnren mündeten. Er schritt auf die erste derselben |u und öffnete sie. Nichts zeigte fich. Es war allem Anschein nach das Schlafzimmer des Lederet» scheu Ehepaares.
Ein Bert und zwei Stuhle bildete» die ganze Einrichtung des Zimmers. Einige Kleidungsstücke hingen au der Wand.
„Hier ist nichts versteckt," dachte Mr. Shelton und betrat das nächste Zimmer.
(Fortsetzmig folgt.)