Rr. 43.
Marburg, Sonntag, 20. Februar 1887.
XXII. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» Abonnements-Preis bei der Expedition 2% Mk. bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg- (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Bfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
OlikchMc Aitiliig.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatts sowie d.Annoncen-BureaeE von Haasensteiu unrVogle» in F,anlsnrt a. M , Eaffel, A ogdeburg und Wien; Rudolf offe in 3ron'fuet a. ., Berlin München und Köln; G L. Daube und Co. in Frankfurt a M-, Berlin, Hannover u. Paris
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonutagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Lug. «och.
Zum letzten male
vor dem 21. Februar treten wir an die Wähler mit dem ernsten Mahnrufe heran, der heiligen Pflicht eingedenk zu sein, welche uns der tiefe Ernst der Lage unseres Vaterlandes bei der Reichstagswahl auferlegt. Ganz Europa fleht auf die Thal des deutschen Volkes am 21. Februar, unsere Feinde hoffen auf unsere Uneinigkeit, um ihren Angriff ins Werk zu setzen.
Wer treu zu unserem Heldenkaiser steht, wer sein Vaterland-liebt, wer seinen Herd, seine Familie vor den Leiden eines schweren Krieges bewahren, wer uns die Segnungen des Friedens erhalten will, der versäume nicht, sein Wahlrecht auszuüben und seine Stimme dem lang bewährten Vertreter des Wahlkreises Herrn Justizrat Dr. Grimm in Marburg zu geben, für dessen Wahl sich alle patriotisch gesinnten Männer ausgesprochen haben.
Möge Niemand sich durch Agitationen beirren lassen, welche untergeordnete Fragen in den heutigen Wahlkampf tragen, mit schwindelhaften Versprechungen sich an die unbemittelten Klassen wenden und den großen patriotischen Zweck zum Deckmantel ehrgeiziger Pläne benutzen. Unser Wahlspruch sei: Mit Gott für Kaiser und Reich!
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Febr. Der Kaiser hat den Ausschuß der Studentenschaft wissen lassen, daß er von der geplanten Festlichkeit eines studentischen Fackelzuges mit Freuden Kenntnis genommen habe und diese Ovation gern genehmige. Der Fackelzug wird nun am 21. März, dem Vorabend des Geburtstages, in überaus glänzender Weise stattfinden, und ein großer allgemeiner Kaiser - Kommers soll unmittelbar sich anschließen. — Der Kaiser empfing heute vormittag den Generalfeldmarschall Grafen Moltke und später den Besuch der Herzogin Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin. — In Bestätigung ihres Dementis gegen das Gerücht von dem Erlaß einer kaiserlichen Botschaft vor den Wahlen bemerkt die „Nordd. Allg. Ztg.": Der Reichskanzler hat auf die in letzterer Zeit wiederholt an ihn gerichteten Anfragen, ob eine Botschaft zu erwarten sei, geantwortet, daß eine derartige Maßregel vor der Hand nicht zeitgemäß sei. Dieselbe würde erst in Frage kommen, wenn die Wahlen so schlecht ausfallen würden, daß eine nochmalige Auflösung des Reichstages notwendig würde. Dasselbe Blatt bemerkt ferner Wir haben bereits darauf """ — -------.
hingewiesen, daß bei keinem Wähler ein Zweifel darüber bestehen könne, auch ohne kaiserliche Proklamation, wie sein Kaiser von ihm erwarte, daß er wählen werde; indem Se. Majestät der Kaiser in seiner Antwort an die Deputation des Herrenhauses über Seine Wünsche und Hoffnungen genügendes Licht verbreitet hat. In dieser Antwort, deren Inhalt von befugter Seite sichergestellt und veröffentlicht wurde, heißt es, man solle die Meinungsäußerung des Kaisers überall wiederholen, und dieser Anweisung entsprechen wir, indem wir hier den in Rede stehenden, auf dieMilitärfrage und die Wahlen bezüglichen Ausspruch des Kaisers nochmals wiederholen: Ich hatte geglaubt, nachdem dem Reichstage eine so detaillierte Darlegung des Bedürfnisses gemacht worden war, wie sie sonst nicht üblich ist, zu der Ich Mich aber unter den Umständen bewogen fühlte, auf die Annahme seitens des Reichstages rechnen zu können. Es ist aber dann ein Ereignis eingetreten, welches Mich nötigte, Meine Stellung öffentlich und rasch kund zu thun. Hoffen wir, daß es besser wird. Ich danke Ihnen aus Grund der Seele, und hat Ihr Schritt Meinem Herzen wohlgethan. Jede Kundgebung aus der Monarchie, auch aus ganz Deutschland zeigt Mir, wie Recht Ich hatte und daß es große und tüchtige Teile des Landes giebt, in denen man die Notwendigkeit der Maßregel vollkommen anerkennt. Das Herrenhaus hat Mir m schweren Zeiten so viel Beweise seiner hingebenden Treue gegeben, daß Ich auch jetzt nicht an ihm gezweifelt habe. Ich kann wohl sagen, daß Mich die erlebten Ereignisse tief geschmerzt haben. Wiederholen Sie dies überall. Ich bin tief bet. übt, Sie aber haben Balsam in Mein Herz gegossen. Pas Vaterland wird nicht in Gefahr sein, so lange die Armee in dem Geiste sich erhält, von dem sie in den letzten Kriegen so große Beweise der Treue und Aufopferung gegeben hat. Die neuen Maßregeln, durch welche die Armee gekräftigt wird, werden dazu dienen, jede Kriegsgefahr zu mindern. Also nochmals Meinen tiefgefühlten Dank für den Schritt, durch den Sie, Meinem Herzen so wohl gethan haben, und bitte Ich, daß Sie dies dem Herrenhause aussprechen." — Der Bundesrat, welcher am 17. d. Mts. unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staatssekretärs des Innern, v. Bötticher, eine Plenarsitzung abhielt, erteilte in derselben dem Gesetzentwurf wegen Abänderung des Reichsbeamtengesetzes und den Entwürfen von Gesetzen für Elsaß - Lothringen: über die Errichtung öffentlicher Darlehenskassen, über die gesetzlichen Feiertage, und über die Feststellung der Entschädigungen im Falle der Zwangsenteignung die Zustimmung und genehmigte die Wiederholung der statitischen Aufnahme des Heilpersonals, des pharmazeutischen Per- zonals und der pharmazeutischen Anstalten, sowie die Errichtung einer ständigen Pharmakopoe-Kommission. Hier- auf wurde über die Zollbehandlung der in öffentlichen
Niederlagen oder in Privatlagern unter amtlichem Mitverschluß durch Umpacken der Kolli leergewordenen Umschließungen und der zur Verpackung der lagernden Waren aus dem freien Verkehr in solche Lager eingebrachten Gegenstände Beschluß gefaßt. Für die bei mehreren Dis- ziplinarkammern erledigten Stellen wurden Ersatzwahlen vorgenommen. Dem Reichskanzler wurde bezüglich der allgemeinen Rechnung über den Reichshaushalt für 1882/83 die Entlastung erteilt. Der Gesetzentwurf, betreffend die Verwendung gesundheitsschädlicher Farben bei der Herstellung von Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen und der Antrag Hessens wegen Ab- änderung der Statuten der Bank für Süddeutschland wurden den zuständigen Ausschüssen zur Vorberatung über- wiesen
Dessau, 16. Febr. Der'„Anh. St.-Anz." veröffentlicht Folgendes: In seiner am 5. Februar in Dessau gehaltenen Rede sagte Herr Richard Roesicke (der Kandidat der Deutschfreisinnigen) Folgendes: Mit der Frage de» Septennats, mit der Militärvorlage, meine Herren, will lch Sie nicht lange aufhalten, da dieselbe ja in allen mög. lrchen Reden, in der Presse u. s. w. genügend ventiliert worden ist; aber ich kann es mir doch nicht versagen, mit einigen Worten darauf zurückzukommen, weil ich gerade in dieser Frage, wie Sie wissen, einen andern Standpunkt einnehme, wie viele meiner liberalen Freunde. Wenn ich mich offen und, um jedem Zweifel vorzub.ugen, schon bevor der Reichstag aufgelöst war, für das Septennat erklärt habe, so waren dafür folgende Gründe maßgebend: Prinzipiell bin ich, wie jeder liberale Mann, der wünscht, daß aus unserem Deutschen Reich nach und nach ein wirklich konstituioneller Staat entstehen möge, für die einjährige Bewilligung aller Ausgaben und ebenso für die einjährige Bewilligung aller Einnahmen; aber alles, meine Herren, laßt sich nicht mit einem Male erreichen und gerade in Beziehung auf die Militärvorlage, in Beziehung auf die Frage „Septennat" oder „Triennat" steht in der Verfassung nicht, daß die Friedenspräsenz jährlich bewilligt werden solle, sondern es heißt in § 60 ausdrücklich, daß nn besonderes Gesetz darüber Bestimmung treffen soll. Nun, meine Herren, sage ich mir: wenn die Regierung em solches Gesetz mit Hülfe einer großen Anzahl Liberaler zweimal bereits für den Zeitraum von sieben Jahren vereinbart hat, so liegt au sich kein Schade darin, wenn das noch ein drittes Mal geschieht, um so weniger, als ich glaube, daß nach Ablauf von 3 Jahren wir nicht in der Lage sein werden, die Heereskosten zu verringern, sondern schon werden froh sein müssen, wenn nach dieser Zeit die Regierung nicht mit neuen Forderungen an uns herantritt.
Austanv.
18. Febr. Gegenüber den aus Konstantinopel gemeldeten Gerüchten über eine neuerdings von feiten
Die Geister der Finsternis.
Roman aus dem Amenkanisch-n von A. Bayard.
(Fortsetzung.)
Sie saß settwörtS von dem Tisch, aber doch in nächster Nähe des dampfenden, braunen The kess-ls. Sie hätte sich mittels eiuer Handbewegung einer Tasse des erfrischenden Gettänkes bedienen können, aber lächelnd lehrte sie die keineswegs freundliche Einladung, an dem einfachen Mahle teilzunehmcn, ab.
»Ich bat ke, versetzte sie, „aber ein Glas kalten, frischen Wasseis w<ue mtr willkommen. Ich habe den ganzen Weg hierh-r zu Fug zuruckg.legt und fühle mich erschöpft."
Molly stand auf, nahm einen kleinen, weißen Krug vom Speiseschiank und ging damit nach dem B unnen hinaus.
Zu gleicher Zeit erhob sich auch Mr. Leveret, um ein Stuck Hammelfleisch, wel. eS seine Frau sich warm aestellt hatte, hintei ltstigerweise für sich zu holen. ’
Sin Moment, wie Mrs. Bance ihn ersehnt hatte, war da. Blitzschnell hob sie mit der einen Hand den Deckel der Theekanne in die Höhe, während die andere Hand ein weißes Pnlver in das dampfend heiße Settänk schüttete. Es war das Werk eines Augenblicks.
Als Leo,ret sich wieder zurückwandte, saß die schöne Verbrecherin so harmlos tu ihrem Stuhl znruckgelehut, als wären ihre Gedanken die eines Kindes.
Eben trat auch Molly wieder in dar Zimmer. Sie reichte ihr schweigend ein Glas mit frischem Wasser und nehm dann selbst am oberen Ende des Tisches Platz.
„Haben sie uns Geld mirg.bracht?" brach j.tzt Mr. ~et,i£e* die Stille, während Molly ihrem Manne und hierauf JS b Thee etufchenkte, bett sie reichlich
Mit Milch und Zucker mischte.
Der alte Leveret führte seine Tasse sogleich an den Mund «nb leerte ben Inhalt in einem Zuge. MrS. Lance sah
es mir leuchtendem Buck, um Ounn lächelnd einen gehakelten Beutel voll blinkenden Goloes aus ihrer Manteltasche her. vorzuztehcn.
»34 war so glücklich, hundert Dollar für Euch zu bekommen," sagte fte, „aber vor Jahres Ende kann ich Euch keinen Pfennig mehr geben. Geht daher sparsam mit dem G lde um.
Hastig leerte nun auch Molly ihre Tasse, nm dann gierig nach der Börse zu greifen.
„Ehrlich teilen!" rief Mr. Leveret. „Gteb mir die Börse, ich will das Geld zäalen."
„Nein, Du nicht!" versetzte Molly mit schriller Stimme. »Nicht ein Goldstück bleibt für mich, wenn ich Dir das Geld ausliefere!"
Ein Wutfchrei erstickte ihre Worte. Mit einer unvorhergesehenen Bewegung hatte er ihr die Börse enttissen.
Zwei Goldstücke rollten auf den Boden. Eine Szene folgte nun, ähnlich derjenigen, welche der Ankunft Doktor Pratts und Colvill s nach Mrs. DrnceS erstem Besuch in dem roten Hause vorangegangen war; doch hatte Molly offenbar dieses mal die Ucbermacht. Und plötzlich schien den alten Lveret di- Kraft za verlassen, die Bö se entfi l seinen Händen und Molly fühlte, wie er sich nicht mehr gegen fie weh te. Mit wildveizerrten K sicktszüg-n lag er am Boden.
„SB ib, Du hast Deinen M-nn g toset!" zischte MrS. ,?nc^bie tn die Thü-öff .Ulig zurückgezogen hatte, der allen Molly ins Ohr, die mm wie vom Donner gerührt dastand.
In diesem Augenblicke versuchte Mr. L v-ret sich noch einmal auszurichten, aber ein heftiges Zucken und er fiel schwer zurück. Er war tot.
Molly stand wie betäubt über das Geschehene. Doch plötzlich kam ein jäher Gedanke wie eine Erleuchtung über fie und iijre weit aufgerissenen Augen richt-ren sich auf das im Triumph leuchtende Gesicht Mr. Bunces.
„Teufel!" rief fie. habe ihn nicht erwürgt, Du
lugst! Du, Du bist ote S^ulor^e! Du hust tyn oer» flutet, wie auch mich! Doch Dich soll die Rache ereilen, ehe ich stet bei" '
Mit einem Sprunge stürzte fie sich auf Mrs. Dance. Eine» Auqendl ck länger und eS wäre um fie geschehen ge. wesetu Doch wie vorhin bei dem Manu, trat die Wirkung deS Giftes, welches sie genossen, mit furchtbarer Gewalt auch bei ihr plötzlich ein. Bevor fie noch ihr Opfer zu er. "«Heu vermochte, sank sie zu Boden und wand sich im hefttgsten Tod.skampf, um unter ben entsetzlichsten D r- wnnschungen, welche Mrs. Dance ruhig anhörte, ihr Leben anszuhanchen.
.. A* Ichöne Sünderin sah, wie das letzte Zucken durch die Gestalt der allen Molly ging und diese Wahrnehmung rüttelte fie auf. *
»Hier ist gethan, was gethan werden mußteI" sprach fie Vor sich hin. — „I tzt schnell fort — fort! Doch halt! Bevor ich gehe, kann es nicht schaden, wenn ich die Spuren des Geschehenen so viel wie möglich austilge!"
Ihr Blick hatte die Glut im Ofen gestreift nnd ein Entschluß durchzuckte fie bl tzschnell.
M-t dem Eisen die Kohlen aufrührend, verstreute sie dieselben durch das Z mmer und über die am Boden aus. geftr ckten G stallen. Dann, die Hausthüre halb öffn lasf end, v-rli ß sie elligen Schrittes die Stätte ihres nacht, dunklen Wirkens.
Den Schleier fest über daS Gesicht ziehend, eilte sie hastig davon.
Eine halbe Stunde von dem alten Hause entfernt, begegnete fie einem Reiter. Er betrachtete die einf ime Fußgängerin mit einem scharfen Blick, doch der dichte Schleier, den fie t ng, machte ein Erkennen des G sichtes unmözltch.
Dennoch fühlte fie, wie es sie falt dnrchrieselle, während fte mü verdoppelter Eile vorüberschritt.
(Fortsetzung folgt)