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Marburg, Sonnabend, 12. Februar 1887.
XXII. Jahrgang
OImheUche ZeitW
Di- Geister der Mnsternis.
Roman au- dem Amerikanischen von 11. Bayard.
(Fortsetzung.)
Eolville, erkennend, daß .r vergebens auf eine Erwiderung warten'wurde, fuhr fort:
, »Lily, Sw haben einen Monat Zeit zur Ueberlcgung gehabt. Sprechen Sie, willigen Sie endlich ein, mein Weib zu werden?-
„Mr. Colville, Nichts in der Welt vermag meinen Sinn M andern,- entgegnete Lily ruhig und bestimmt. „Ich liebe Sie nicht und kann Sie nur stets hassen, um der Mittel willen, durch die sie mich zu zwingen versuchen, die Ihre zu werden. Geben Sie mich frei, lassen Sie mich in mein
"mU$, äU meinett Freunden zuruckkehren. Ich werde Ihre Muschuld an meiner Entführung niemals verraten. Ich wtll Ihnen und Ihrem Freunde es anheimstellen, jede beliebige, wahrscheinliche Geschichte zu erfinden und der- spreche, mich bet meinen Angehörigen für die Wahrheit dcr-
verbürgen. Schenken Sie mir also die Freibeit and Alles soll vergeben und vergessen fein!*
»3hr Wünschen ist vergeblich, Lily; sprechen Sie nicht weiter davon, — ich werde Sie nie frei gebenI*
„Ich beschwöre Sie, töten Sie mich, ehe Sie mich dazu verdammen, so weiter leben zu sollen!- tief Lily außer sich.
Und auf die Knie niedersinkend, faltete sie ihre durch- stchtigen weißen Hände und erhob flehentlich bittend ihr abgezehrtes, bleiches Gesicht zu ihm empor.
„Mr. Colville,- rief sie in Tönen des heißesten Schmerzes, «hier liege ich vor Ihnen auf den Knien! Mein Geist ist Sibrochen, mein Stolz ist gedemüttgt, in den Staub gezogen aud ich kenne kein anderes Sehnen als das nach Freiheit odcr nach dem Tode. Ihre Gnade flehe ich an! Schenken Sie mir das Leben! Geben Sie mich srei!-
Regungslos stand Harold Colville vor ihr mit über.
was unter allen Umständen der Kernpunkt unseres poli- 1 tischen Handelns und Empfindens bleiben muß: das Be- 1 kenntnis zum Autoritätsprinzip und die Treue zum Deutschen Reich und unserem Hohenzollernkönig — und zugleich dem konservativen Teil de- deutschen katholischen Volkes den Abgrund, an dessen Rand die welfische Zent- rumsleitung ihn geführt hatte, in scharfer Beleuchtung zum Bewußtsein zu bringen, dürfte nicht unbenutzt gelafien werden, um so weniger, als die konservative Richtung in der Zentrumsfraktion mehr und mehr in Schlaffheit und Unklarheit des Urteils versandete." — Aus Anlaß der durch die Vorgänge in Massovah hervorgerufenen italienischen Ministerkrisis schreiben die offiziösen „Berl. Polit. Nachr.": Der Entschluß des Herrn Depretis uud seiner Kollegen, ihre Portefeuilles in die Hände des Königs zurückzulegen, wird überall dort auf das lebhafteste bedauert, wo man Verständnis für die Rolle hat, welche Italien unter der Amtsführung seines langjährigen leitenden Staatsmannes im Rate seiner Mächte spielte, und welche in der zielbewußten Unterstützung des Friedensprogrammes der mitteleuropäischen Kaisermächte gipfelte. Umgekehrt machen die Gegner der mitteleuropäischen Friedenspolitik auf die Kunde von dem Ausbruche der italienischen Mlnisterkrisis insgesamt schadenfrohe Gesichter: den französischen Chauvinisten schwillt schon wieder der Kamm, und die russische Panslavistenpresse geberdet sich ganz ähnlich. Hiernach charakterisiert sich die Tendenz des dem italienischen Ministerium gespielten Streiches zur Genüge. In der Beseitigung der tonangebenden ministeriellen Persönlichkeiten soll ein System getroffen werden, das eine wichtige Stütze des europäischen Friedens ist — indirekt wird mithin der europäische Friede selbst aufs Korn genommen. — Wie aus hiesigen englischen Kreisen verlautet, wurde wahrend des neulichen Besuches des Fürsten Bismarck auf der englischen Botschaft die Neutralität Belgiens mit keinem Worte erwähnt. Entgegengesetzte Angaben auswärtiger Blatter sind irrtümlich.
., ~ Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Es kann nicht sehr schmeichelhaft für Deutschland und deutsches Empfinden sein, was die französischen Blätter ohne Ausnahme über die Bemühungen unserer deutschfreisinnigen und ultra- montanen Presse denken müssen, die deutsche Politik als dem europäischen Störenfried gegenüber dem lammfrommen, unter allen Umständen friedfertigen Franzosen hinzustellen. Bei allen Fehlern, die dem französischen Temperament sonst anhaften mögen, bewährt sich dort das nationale Gefühl im gegebenen Augenblick doch stets als ein Vorzug, um den wir unsere westlichen Nachbarn leider recht, recht sehr beneiden müssen. Es fehlt jenseits der Vogesen wahrlich nicht an politischen Gegensätzen, im Bewußtsein der Parteigänger mögen diese Gegensätze dort sogar noch einander gekreuzten Armen; ein kalter, grausamer Ausdruck lag um seine Lippen.
„Knien Sie immerhin vor mir, wenn eS Ihre Gefühle erleichtert,- sprach er hohnvoll als Antwort auf ihr erschütterndes Flehen, „aber glauben Sie nicht, daß Ihre Demut meinen Sion zu beugen vermag. Mein Entschluß ist unerschütterlich und steht felsenfest. Nch lasse ich Ihnen Zit. jd) bin nrchsichtig mit Ihnen, weil ich Sie liebe. Aber vermag die Z tt es nicht, Ihren Eigensinn zu brechen, dann sollen Sie — so war ich lebe — es bitter bereuen, mir get-otzt zu haben,- schloß er vielsagend. '
.SLuikel- rief sie aufspringend, und wie eine zürnende Gottm ihre Hand gegen ihn e-b bend. „Elender, der Sie es wagen, eine Wehrlose zu bedrohen, vergessen Sie eS nicht, daß ein Gott lebt, der die Schuldigen bestraft. Die Nemesis wird auch Sie ereilen, — so wahr es eine Gerechtigkeit gibt!*
. »Miß Lawrence, Sie überschätzen Ihre Kräfte!- sprach letzt Doktor Pratt, herzntrttend, in berufsmäßigem Tone. ^Folgen Sie meinem gut gemeinten Rat nnd geben Sie Mr. Colville nach. Nur wenige Monate noch dieses Leben fortgesetzt und Sie verfallen durch Ihren Eigensinn dem Tode ohne Erbarmen!
„Ich sage Ihnen Dank für diese Versicherungen I- antwortete sie ausflammendeu Blickes. „V-sser, der Tod er« zwing«,^' aI8 ®ie mich ihn gewaltsam zu suchen
Die höhnischen Worte, mit denen Harold Colville ihr antwortete, sie hörte dieselben kaum; sie enthielten das stets Gleiche, was das und-rändert Hoffnungslose ihrer Lage irnner von Neuem besiegelte. u
Eist als Beide gegangen waren und die Thür hinter ftaU^urüi^10^ te^lte Leben in ihre regungslose Ge- Aufs neue allein, kam der ganze, gewaltige Schmer» ihrer furchtbaren Lage mit verdopp.Iter Wucht über sie.
viel tiefer gehen als bei uns, wo der große Haufen noch ziemlich urteilslos einer Phrase, einem Stichwort nackru- 1 laufen pflegt, wahrend die Führer selbst fast ohne Ausnahme d,e politischen Konsequenzen ihrer Doktrinen ver- leugnen, selbst nur Doktrinäre sein wollen und sich damit auch der Geschichte gegenüber zur Rolle von Eintags- politlkern verurteilen. Aber bei allem Bewußtsein der Verschiedenheit ihrer politischen Ziele in Gestaltung der nationalen Geschicke unterordnen die französischen Parteien sich rn der Geltendmachung des nationalen Gedankens nach Außen doch stets bereitwillig und entschieden der Notwen, digkelt geschloffenen Auftretens, und so wird ein Vergleich Aschen der deutschen und französischen Preffe im geaen- wartlgenZeitpunkte, da die seit Jahr und Tag andauernde Rührigkeit der französischen Militärverwaltung unseren Heerführern und Staatsmännern die Pflicht auserlegt hat für die Sicherheit des Reiches in erhöhtem Maße zu sorgen, für Deutschland unendlich beschämend ausfallen Seit General Boulanger das Kriegsportefeuille in Frankreich übernommen hat, ist fast kein Tag vergangen, an welchem nicht, unter gleichzeitiger offener Proklamierung der offensiven Tendenz all dieser Maßnahmen, ein oder der andere Schritt zur Verstärkung der Offensivkraft des französischen Heeres erfolgt wäre, aber in keinem Blatt der gesamten französischen Presse haben wir dieses Vorgehen vom Gesichtspunkte der Unzweckmäßigkeit oder staatsrechtlicher Tiftelei anfechten sehen, und noch viel weniger hat sich ein französisches Blatt zu der Beweisführung erhoben, daß die friedliche, nur auf die Wahrung ihrer Grenzen bedachte deutsche Politik Herrn Boulangers Eifer über- flussig erscheinen laffe. Was aber in Frankreich, was ben Franzosen aus ihrem Empfinden heraus mit Recht als eine Ungeheuerlichkeit erschienen und sofort der allgemeinen Verachtung der Nation verfallen wäre, ist bei uns tägliches Schauspiel, seit die Notwendigkeit der Sorge um unsere Grenzen deutlicher hervorgetreten ist; ein Schauspiel unter erschwerenden Umständen, da dem deutschen Volke in den rühm- und ehrengekrönten Schöpfern seiner nationalen Wiedergeburt die vollwichtigsten Bürgen gegeben sind, daß die von diesem Volke für seine Sicherheit beanspruchten Opfer nur diesem und keinem anderen Zwecke dienen sollen. Was sind die Thaten der Herren Grevy, Boulanger, Goblet, Flourens, bei aller sonstigen Achtbarkeit ihrer Personen, um Frankreich und das französische Volk neben dem unsterblichen Wirken unseres ehrwürdigen Kaisers, unseres Bismarck, unseres Moltke um die deutsche Nation, und wie wird die Geschichte einst über die Kämpfe richten, welche diese unermüdlichen und unerschrockenen Paladine deutscher Ehre und Größe für ihr Werk im eigenen Volke gegen die Selbst- und Herrschsucht der nach dem Parla- mentäregime ringenden Parteigrößen auszufechten haben?
Nein, von düsen Elenden hatte st- tetn Erbarmen zu erwarten.
Hatte sie noch eine leise Hoffnung in ihrem Herzen gehegt, jetzt war der letzte Funken davon erloschen und nichts als düsterste Nacht sah sie rings um sich her.
Düsterste Nacht!
Wie, wenn sie wahnsinnig weiden würde?
Sie lachte laut und grell auf, aber eS war nur die wildeste Verzweiflung, welche ihr diese Laute auspreßte. Nicht Irrsinn entzog sie dem Bewußtsein ihrer furchtbaren Umgebung, sondern mit klarem Geiste sah und erfaßte sie ihr ganzes Elend, in dessen Finsterms kein so schwacher Lichtstrahl fiel.
„ßancelot, mein ßarcelotl- rief sie, verzweifelt die Hände ringend. „O, uv in Geliebter, lebe woi l, lebe ewig wohl; ich werde Dich niemals, niemals Wiedersehen! Wir sind getrennt von einander auf immerdar, al» läge ich begraben in der Gruft! ßebenb btn ich verdammt, für Dich, für den allein ich am Dasein hange, eine Tote zu sein!'
16. Kapitel. Vergebliches Spiel.
Das goldige Licht der Herbstsonne uiäjt beachtend, saß Lancelot Darling auf der Terrasse seines Hotels, seinem düsteren Sinnen nachhängend, welches ihn unablässig in seinen Bann geschlagen hatte, seitdem mit Lily alle Seligkeit ans seinem Leben verschwunden war.
In seiner G-dankeuversurckenheit nahm er auch nicht den Knaben wahr, welcher mit einem heliotropduftenden Billet in der Hand vor ihn hingetreten war. Derselbe mußte ihn erst anreden, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.
Eine Weile betradjtete Lancelot verwundert das Kouvert, auf welch m die Handschrift ihm gänzlich fremd war. Es endlich öffnend, las er folgende Zellen:
„Mein lieber Freund!
3>h schicke Ihnen das Verzeichnis einiger Lieder, welche
Erscheint täglich außer an Werktagen nach L onn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t Mk.. bei bet Postämter 2 Mk. 5‘> Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile IO Pfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Febr. Der Kaiser nahm heute mittag längere Vorträge des Kriegsministers und des Chefs des Mililärkabinetts entgegen und empfing nachmittags den Besuch des Herzogs und der Herzogin Max Emanuel von Bayern, welche Gäste des kronprinzlichen Paares sind. Um 4 Uhr erscheint beim Kaiser Fürst Bismarck zum Vortrage. — Der „Reichs-Anz." veröffentlicht die Ernennung des Freiherrn von Reinbaben zum Polizeidirektor in Wiesbaden mit dem Charakter „Polizeipräsident". — Die „Kons. Korresp." erörtert nochmals die Gründe, welche auf Seiten dieser Partei für den Abschluß des Kartells mit den Nationalliberalen sprechen mußten, und wendet sich gegen die gelegentlich geäußerte, von ihr aber nic^t geteilte Ansicht, „daß ein gesondertes Vorgehen der Konservativen, ohne ein solches Kartell, wenn auch unter scharfer Betonung der Frage nach der Stellung zum Sep- tennat bei jedem Kandidaten, wohl doch das Ersprießlichere gewesen wäre", um auszuführen: „Der Erfolg eines derartigen getrennten Vorgehens wäre in der Gesamtheit für die regierungsfreuntlichen Parteien ohne Zweifel ein geringerer gewesen; hier und da hätte sich auch die Kraft des Gegensatzes, bei den Konservativen zum Zentrum, bei ben Nationalliberalen zum Freisinn, in der Praxis der Parteiannäherungen in die Wahlbewegung, wie wir nach hinreichenden Erfahrungen zur Genüge wissen, völlig verflüchtigt. Es ist aber, soweit es sich um die Konserva- ttven und das Zentrum handelt, in unseren Augen von Anfang an die empfehlende Seite dieses Wahlkartells gewesen, daß dasselbe dem Zentrum und namentlich den katholischen Wählermassen den vollen Ernst unseres Entschlusses zum Bewußtsein brachte, nur mit einer voll auf dem Boden des Reichsgedankens stehenden und zur Hochhaltung des Autoritätsprinzips entschlossenen^ Partei Gemeinschaft halten zu wollen. Wie es in diesen beiden Hinsichten mit der Zentrumsleitung beschaffen war, und daß gerade das prakllsche Zusammenarbeiten mit den Konservativen auf manchen Gebieten die geschickt aufgestellte Kouliffe bildete, hinter der sich die dem Deutschen Reich und dem kraftvollen monarchischen Staat, zumal dem Hohenzollernstaat, feindlichen Tendenzen im Zentrum in aller Behaglichkeit zu immer breiterer Stärke auswuchsen, darüber bestand in einsichtigen konservativen Kreisen ja längst kein Zweifel mehr. Jetzt aber lag ein Fall vor, wo diese Kouliffe zusammenbrach, wo der künstlich vertuschte Gegensatz in seiner vollen Schärfe zu Tage trat und wo man erwarten durfte, daß auch die blöderen Augen sich öffnen würden. Diese Gelegenheit, um das wieder fest als Grundstein für unsere ganze konservative Arbeit und als ausschlaggebenden Gesichtspunkt auch für unsere Beziehungen zu anderen Parteien hinzustellen,
Anzeigen nimmt entgegen die bxpedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaax von Haasenstein undVozl« in Fianlsurt a. M , Saffet, Magdeburg und Wien; Rudolf Masse in Frankfurt ♦ a. M., Berlin.München und ftöln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. $l.r „ ,-------- ----------- -__________Berlin, Hannover u. Paris
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise M-rbnrg n. Kirchhain. - Illustriertes S-nntaasblatt.
_________________ ______ Cxpedition Markt 21. — Redaktion, Druck und »erlag von Joh. Ang. Koch. ö