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Rr. 28.

Marburg, Donnerstag, 3. Februar 1887.

XXII. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach L onn- und Seiertagcn. Quartal- AbonnemrntS-Preis bei der Spedition 2*/4 Mk.. bei bai Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (ejcl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die «svaltene Zeile 10 Pfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

McrMlhk jcitimo.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen.Bureanx von Haasensteiu undVogl« in Frankfurt a. M , tastet, Magdeburg und Wjen; Rudolf Bteffe in Franlfm» a. M., BerlinMünchen unt» Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris-

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Loch.

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Oberhessische Zeitung

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Der Ernst der Lage.

Die krampfhaften Bemühungen unserer Oppositions- Presse, den Vorgängen jenseits der französischen Grenze eine möglichst harmlose Seite abzugewinnen, schießen eben so sehr über das Ziel hinaus, als das von denDaily News" aufgetischte, aber Schlag auf Schlag dementierte Sensationstelegramm, wonach deutscherseits nach Paris eine Anfrage wegen der Truppenbewegungen in den Grenz­bezirken gerichtet worden wäre. In einem wie im anderen Falle merkt man die Absicht unv wird zwar nicht ver- stimmt aber doch mißtrauisch gegen die Motive, die solcher tendenziösen Stimmungsmache zu Grunde liegen. Für Deutschland stehen in diesem Augenblicke so schwer­wiegende Entscheidungen auf dem Spiel, daß Versuche, die öffentliche Meinung, sei es optimistisch oder pessimistisch zu beeinflussen, nur von Uebel sein können. Wenn auch keine Anfrage im Sinne derDaily News"-Meldung nach Paris ergangen ist, so folg^ daraus keineswegs, daß der politische Horizont völlig dunstsrei wäre. Die That- sache des soeben erlassenen Pferde-Ausfuhr-Verbotes sollte im Gegenteil eine Warnung vor allzu großer Vertrauens, seligkeil sein. Den springenden Punkt bei Beurteilung der deutsch-französischen Beziehungen hat der Reichskanzler Fürst Bismarck mit aller Offenheit und Schärfe hervor­gehoben: es ist die permanente Gefahr, welche uns aus der Neigung einflußreicher französischer Kreise, denen jeden Augenblick das Staatsruder in die Hände fallen kann, droht, den Rachekrieg zu entflammen, der dann notwendig zur totalen materiellen Vernichtung des einen der käm­pfenden Gegner führen muß. Das ist Wahrheit, die man beklagen mag, über die sich aber niemand Hinwegsetzen darf, der eS mit seinem deutschen Vaterlande ehrlich meint Alle die friedfertigen Beteuerungen, an denen es die den Pariser Regierungskreisen nahestehenden Preßorgane ja gegenwärtig nicht fehlen lasten, ermangeln der überzeugen­den Beweiskraft so lange, als nicht von maßgebender Stelle unter Zustimmung der gesamten französischen Nation, namentlich auch der die politische Initiative repräsentireu« den führenden Klassen der endgültige Verzicht auf die Rückeroberung Elsaß-Lothringens unzweideutig ausgesprochen und durch entsprechende positive militärische Maßregeln,

etwa Einstellung der fort und fort betriebenen ungeheuren Rüstungen unterstützt werden sollte. Daß Frankreich für jetzt vielleicht nicht daran denkt, uns mit Krieg zu über­ziehen, weil es keine absolute Siegesgewißheit hat, kann von unserem Standpunkte aus doch nicht im Ernst als beruhigend^ und als zureichender Grund aufgefaßt werden, uns der Sorge um Sicherstelluna unseres nationalen Be­sitzes fortan zu entschlagen. Wenn unsere Oppositions- Parlamentarier sich gleichwohl den Anschein geben, als seien sie von der völligen Harmlosigkeit unserer westlichen Nachbarn überzeugt, so beweist das nur, bis zu welchem Uebermaß politischer Heuchelei sich der Fanatismus der Reichsnörgler zu versteigern fähig ist und reservirt der Opposition ein Quantum moralischer Verantwortung für den Ausbruch des heraufziehenden KriegsungewitterS, unter dessen Wucht sie vielleicht schneller als sie ahnen mögen, erliegen dürfte.

Berlin, 1. Febr. Der Kaiser nahm vormittags mflitärische Meldungen, sowie die Vorträge des Generals von Albedyll und des Chefs der Admiralität von Caprivi entgegen, machte nachmittags eine Spazierfahrt und stattete dann der Gräfin von Orlow einen Besuch ab. Um 3/< Uhr empfängt der Kaiser das Präsidium des Landtags und hierauf den Minister von Puttkamer zum Vortrage. Bei dem Empfang des Präsidiums des Abgeordnetenhauses zur Abstattung der Glückwünsche des Hauses anläßlich der Geburt des jüngsten Prinzen nahm der Kaiser die Glück­wünsche herzlich dankend an, er sagte, er wiste, daß und wie man überall teiluehme. Der Kaiser erkundigte sich nach dem Stande der Arbeiten des Landtags, sprach die Hoffnung aus, mit dem Abgeordneteilhause in Frieden auseinanderzukommen, und unterhielt sich sodann mit ein­zelnen Mitgliedern der Deputation auf das leutseligste. Das Aussehen des Kaisers ist frisch, sein Wesen heller und aufgeräumt Das Präsidium wurde hiernach von der Kaiserin empfangen, welche sich mit demselben über Kran- kenhäuser, Wohlthätigkeitsanstalten, Kunst und Wissenschaft unterhielt. CS wurde bereit» mehrfach schon auf die in den wichtigsten Punkten der Reichspolitik verneinende Haltung der fortschrittlich-freisinnigen Partei hingewiesen. Wir teilen hier noch folgendes Verzeichnis mit: Es stimmte die Fortschrittspartei im verfassung-beratenden Reichstage: am 16. April 1867 gegen die Verfassung des Norddeut­schen Bundes; im Norddeutschen Reichstage am 25. Mai 1870 gegen das Reichsstrafgesetzbuch, am 9. Dezember 1870 gegen die Reichsverfassung (Vertrag mit Bayern); im Deutschen Reichstage: am 6. November 1871 gegen die Bildung eines Reichskriegsschatzes, am 20. April 1874 gegen das Militärgesetz (Septennat), am 21. Dez. 1876 gegen das Gerichtsverfassungsgesetz, am 11. März 1878 gegen das Gesetz über Stellvertretung des Reichskanzlers,

! Oktober 1878 gegen das Sozialistengesetz, am 16. April 1880 gegen die Verlängerung des Septennats am 4. Mai 1880 gegen die Verlängerung des Sozialisten« Gesetzes, am 21. Januar 1882 gegen den Hamburger Zollanschluß, am 30. November 1882 für die Zulassung der französischen Sprache im Landesausschuß von Glfafe Lothringen (der größere Teil der Fortschrittspartei), am 15. Februar 1883 gegen die Unteroffizierschule in Neu- Breisach (Elsaß), am 31. Mai 1883 gegen das Kranken­versicherungs-Gesetz. Die freisinnige Partei stimmte: am 10. Mai 1884 gegen Verlängerung des Sozialisten- Gesetzes (überwiegend, die ganze ftühere Fortschrittspartei und em Teil der Sezessionisten), am 27. Juni 1884 gegen das Unfallversicherungs - Gesetz, am 15. Dezember 1884 und am 4. März 1885 gegen die Bewilligung eines zweiten Direktors im Auswärtigen Amt (am ersten Tage geschlossen mit einer Ausnahme, am letzteren der größere Teil der Partei), am 16. März 1885 gegen die austra­lische und afrikanische Linie bei der Postdampfer - Unter« stützung, am 16. Januar 1886 für die Mißbilligung der von der preußischen Regierung in den polnischen Pro­vinzen vorgenommenen Ausweisungen, am 2. April 1886 gegen Verlängerung des Sozialisten . Gesetzes, am 14. Januar 1887 gegen das neue Militäraesetz. __

®iePost schreibt:Nach Nachrichten aus der Provinz sollen die Handwerker öfter auch da einen eigenen Kandi­daten aufzustellen beabsichtigen, wo die Septennatsparteien im härtesten Kampfe mit der Demokratie liegen und eine eigene Handwerkerkandidatur den Letzteren notwendig den Sieg verschaffen würde. Wir können dieser Mitteilung keinen Glauben beimessen. Denn es würde nicht allein mit der königstreuen und patriotischen Gesinnung, welche in den Kreisen der Handwerker so lebendig ist, nicht ver­einbar sein, durch Absonderung von den reichstreuen Parteien denjenigen zum Siege zu verhelfen, welche dem Wohle der Nation den Wunsch voranstellen, den Kaiser unter die Macht des von Herrn Windthorst beherrschten Parlaments zu bringen. Die Handwerker würden aber statt eines Kandidaten, welcher, wie immer er im Einzelnen M den Forderungen der Handwerker steht, doch mit vollem Herzen und allen Ernstes dafür eintritt, daß das Hand­werk wieder einen goldenen Boden erlange, damit auch indirekt em Mitglied derjenigen Parteien unterstützen, welche grundsätzliche Gegner jeder Forderung der Hand­werker sind. Daß die Handwerker durch Absonderung von den reichstreuen Parteien nicht nur den Gegnern ihrer nationalen und royalistischen Anschauung, sondern auch dem grimmigen und unerbittlichen Gegner ihrer aus Hebung des Handwerks gerichteten Bestrebungen in die Hände arbeiten sollten, erscheint uns bei dem hohen Maß von Verständniß, mit dem die Handwerker ihre Jntereffen bisher zu fördern verstanden, nicht denkbar."

Die Geister ver Finsternis.

Roman au» dem Amerikanischen von A. Bayard.

(Fortsetzung.)

Ich will, damit sagen," fuhr dieser fort,daß der arme Alte nicht die leiseste Ahnung hatte, daß tr ein Verbrechen unterstützen half. Die Seufzer und flehentlichen Bitten eines vorgeblichen Liebhabers, der den einen Wunsch hegte, noch einmal in das Antlitz der toten Geliebten schauen zu dürfen, siegten endlich über das anfängliche Widerstrebe» und Bedenken des Küsters, den Schlüssel herauszugeben. Der seufz, nde Romeo, glücklich, seinen innigen Wunsch er­füllt zu sehen, ermangelte nicht, den alten Mann mit einer Liebenden eigenen Großmut zu belohnen. Kurze Zeit nachher wurde der Schlüssel zurückerstattet, und der Küster, der dem romanhaften Liebhaber unbedingtes Vertrauen schentte, hielt es nicht einmal der Mühe wert, nachzusehen, ob auch Alles in Ordnung sei. Als Sie und Mr. Darling am folgenden Tage den Raub entdeckten, war der Alte über die Mög­lichkeit, bestraft zu werven, so erschreckt, daß er nicht den Mut fand, seine unwissentliche Mitschuld an dem Diebstahl zu bekennen.

Ader warum machte er Ihnen da» Geständnis?" fragte Mr. Lawrence.

Ein Detektiv hat eine eigene Art, Geheimniffe heraus­zulocken. Es bedurfte tn diesem Falle großer Finesse, bis ich den Alten so weit gebracht hatte. Das Resullat ist, daß der Mann gesprochen hat. Nichtsdestoweniger darf derselbe fürs erste in keiner Weise belästigt werden."

Wr legen die ganze Affaire vertrauensvoll in Ihre Hände," entgegnete Mr. Lawrence.Von unserer Seite soll Nichts geschehen, was Ihnen Ihre Aufgabe erschweren könnte, seien Sie dessen versichert."

Noch ein!," fiel der Detektiv ihm in» Wort. ,Zch ließ mir noch sagen, daß der Mann, der die Rolle des ver­

zweifelten Llevyabers )o vortrefflich spreite, groß und von dunkler Gesichtsfarbe war. Das ist für den Augenblick der ganze Erfolg meiner Nachforschungen."

»Hoffen wir, daß Ihre Mühe und Geschicklichkeit die glückliche Lösung deS Geheimnisses krönt!" sprach der Bankier gepreßt, sich erhebend.

Ich werde nicht verfehlen, Sie von jeder weiteren Ent­deckung sofort zu benachrichtigen Sir," sprach der Detektiv, seinen Besuchern das Geleit gebend.

Verzweiflungsvoller als je entfernten sich die Männer.

Das Abenteuer dieses Abends hatte den letzten Rest von Ruhe in ihnen zerstört.

Es war noch früh am anderen Morgen, als bereits von Neuem Mr. Lawrence den Detektiv aufsuchte, um ihm den zerbrochenen Schmuckgegenstand, den Mary gefunden, zu zeigen: Er erklärte dabei Mr. Shelton, daß am vorher­gehenden Abend kein Besucher aus Lawrence-Hall vorge­sprochen habe, ausgenommen Mr. Darling, dem der Schmuck gänzlich unbekannt sei.

Immer mehr bestätigt das meine Ansicht in der be­wußten Sache," sagte Mr. Shehlton triumphierend.Sagte ich eS nicht? Das Mädchen hatte einen, vielleicht sogar mehrere Helfershelfer. In der übereilten Flucht verlor einer von ihnen dieses Schmuckstück, welches unverkennbar darauf schließen läßt, daß das Juwel nur einer Person von Geschmack und Wohlstand gehören kann!"

Vielleicht vermag dieser kleine Gegenstand uns wenigstens zu helfen, die Frevler dieser gestrigen mtf tilgen Thai zu entdecken," wendete der Bankier ein.

Der Detektiv schwieg einen Augenblick, in Gedanken ver­sunken; dann fragte er:

,Haben Sie unter Ihren Bekannten Jemanden, dem diese Anfangsbuchstaben gehören könnten, Mr. Lanwrence?"

»Haffen Sie mich Nachdenken. Mein Bekanntenkreis ist

ein großer, aber es will mir Niemand einfallen: inbeft ift mein (SebaditniS in dieser Beziehung vielleicht kein sehr gutes."

Vielleicht kann Ihr Bisttenkartenbehälter uns den ge­wünschten Aufschluß geben, Mr. Lawrence !" 0

Sicher, ja, ja! Begleiten Sie mich und überzeugen M Ä Mt,e U"*6W6

«Sehr gern, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung."

In Lawrence-Hall angelangt, machten sich die beiden Herren unverzüglich an die Arbeit.

r.id,t Ian9e« als der Detektiv plötzlich eine«

leisen Ruf der Ueberraschung ausstieß.

Er hielt eine kleine Visitenkarte in der Hand, von der tt nun den NamenHarold Colville" mit ttiumphierender öttmme aolas.

Harold Colville!" ries der Bankier.Fürwahr, ih» hatte tch wirklich vergessen!"

SJeteftto e°IVUIe Oerte$rte °lso bei Ihnen?" forschte der

Früher eine Zeit laug sehr häufig, später stellte er seine Versuche ein. Vier oder fünf Monate mögen vergangen fein, seitdem er uns zum letzten Mal besuchte.»

Hat er irgend einen Grund für sein Fernbleiben?

3a," antwortete der Bankier rasch.Er war ein Be­werber um die Hand meiner Tochter Lily, allein sie schlna seine Bewerbung aus, weil fie schon mit Mr. Darling ver- lobt war."

In des Detektivs Auge» blitzte es momentan auf h°be Mr. Colville schon gesehen," sagte er dann ruhig.Er fuhrt ein luxuriöses Leben, aber, wie ich mir sagen ließ, soll er mehr ausgeben, als wie man sein Ver­mögen schätzt." 1

»Sie wurden ganz richtig unterrichtet!»

Wirklich?" fragte der Detektiv, die Karte aus der Hand legend und sich erhebend. (Fortsetzung folgt)