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Rr. 25

Marburg, Sonntag, 30. Januar 1887.

XXII. Jahrgang.

GkchkM jfitiiiio

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. S. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntaqsblatt.

Expedition Markt 21. Reaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Loch. "

Die Geister der Finsternis.

Roman auS dem Amerikanischm von Ä. Bayard.

(Zortsetzung.)

Haben Sie nochmals Dank für Ihre Güte!* sprach Lily. .Und noch eine Bitte: Sollte Jemand bei Ihnen nach mir fiop*», so beschwöre ich Sie, verraten Sie mich niwt, sagen Sie nicht, daß ich hier war*

Ein Geräusch von Wagenrädern draußen ließ sie er, schreckt inne halten. Ein zweisitziges Koupee, wie es diese entlegene Straße nicht häufig passieren mußte, rollte vorüber. Im Aug, nblick, daß Lily den Blick dem Fenster zugewendet hatte, sah sie am Waae- schlag das Gefickt Doktor Pratt's.

Schnell wie eine Vision war das G-fährt ihren Blicken entschwunden, aber der Eindruck, den auf Lily das Gesicht, welches sie gesehen hatte, hervorrief, war ein überwältigen­der. Ein neuer Schwindel erfaßte sie und ohne einen Laut sank sie, noch ehe die alte Frau ihr beispringeu konnte, bewußtlos zu Boden.

Erschreckt kniete die Mattone neben ihr nieder. Dan», einen raschen Impuls folgend, eilte sie an die Thür.

Der eben vorübergefahrene Wagen, den sie nur zu gut als eine Doktorkutsche aus der Stadt erkannt hatte, war noch in Sicht. Auf die Höhe der Landstraße eilend, schwenkte sie in der Richtung, welche der Wagen genommen hatte, ein weißes Tnch.

Umsonst! Weder der Kutscher, noch der Insasse des Wagens blickte zurück und bte Frau eilte, endlich das Er­folglose ihres Bemühens einsehend, ins HauS zurück.

Die Ohnmacht, welche dieses Mal daS Mädchen befallen hrttte, schien eine tiefere zu sein, als die vorhergehende. Nichts an ihr verriet daS Wtederkehreu des entschwundenen Bewußtseins.

Armes Mädchen,* sprach die alte Fra», ,o, mein Gott, wenn sie unter meinen Händen hier stürbe!*

Z ttervd vor Auftegvvg kühlte sie ihr daS Gesicht mit kaltem Wasser, jedoch erfolglos.

Die Ohnmacht »ar so tief, daß eine volle Stunde ver-

A»zeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureanx von Haasenstei» undVogler in Franisurt er. M , Cassel, Magdeburg und Wien: Rudolf Masse in Franlsurt o. M., Berlin,München und

Köln; G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M. Berlin, Hannover u. Paris

Tiit einem langen Sündenregister, welches er der frei» sinnigen Pan« vorhielt, schloß der Kanzler seine Reden: man braucht nur die Geschichte der letzten 25 Jahre zu überdenken um auf jedem Blatt bestätigt zu findm, daß, wie Fum Bismarck sagte, jeder Fortschritt Preußens von

.Fortschrittspartei bekämpft worden ist. Als charac- ten,tisch erwähnen wir nur, was weniger allgemein bekannt nämlich der bekannte Abrüstungsanttag im Jahre

1860 der^Fortschrittspartei von dem Franzosen Garniert Pages elngegeben war.

.. Wie mit einem kräftigen Besen hat der Kanzler alle die Gesplnnste weggefegt, welche die Opposition für die Wahlen zu verwerten gedachte. Es trieb ihn, wie er sagte nach einer schlaflosen Nacht in das Abgeordnetenhaus zu eilen, um all den Schlagworten und Gerüchten, deren sich die Opposition zur Irreführung der Wähler bedient, zu widersprechen. , Das war eine patriotische That des Reichs­kanzlers, für die ihm die in ihrem Treiben entlarvte Oppo- fitlon noch mehr grollen wird, mit der er sich aber von Neuem den Dank des Vaterlandes verdient hat. Nur eine andere Majorität, welche einen Verfassungskonflikt nicht will, sondern das zu geben Willens ist, was der Kaiser für den Schutz Deutschlands als notwendig erachtet, das

Streben des Kanzlers und hierin muß ihn Jeder mit allen seinen Kräften unterstützen, um zu verhindern, daß abermals eine Majorität in den Reichstag gewählt wird, unter der das Ansehen des Reichs nach außen leidet.

Anm. der Redaktion.

Mr empfehlen den Herren, welche für die Kandidatur de» frelsinmzen Herrn von Srauffenbera, hier stinzutreten gedenken, die Lektüre dl-ser Reden des Re.chskanzlerS. Wir werden unfern Lesern dieselben demnächst ausführlich mitteilen.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- AbonnementS-Preis bei der Expedition 2/+ Mk.. bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfa. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

über stärker machen und dem Frieden größere Bürgschaften geben kann.

Der Schwerpunkt seiner Darlegungen beruhte aber in der völlig«! und entschiedenen Zurückweisung der für Wahl­zwecke zurecht gemachten Verdächtigungen, Gerüchte und Schlagwörter, wie sie sich in den Wahlaufrufen cer Oppo­sition und auch in den Reden finden, mit welchen die Herren Windthorst und Richter die Angriffe des Kanzlers am Montage zu parieren suchten. So erklärte er denn, daß die Schreckgespenster vonReaktion" undMonopol" Verläumdungen sind, daß vielmehr diejenigen allein, welche durch ihre Beschlüsse die Wehrkraft des Landes schwächen, ' Schuld daran fein werden, wenn Monopole eingeführt werden, da dieselben nach einem unglücklichen Kriege zur Bezahlung der feindlichen Konttibutionen unvermeidlich werden würden. Ebenso erklärte er, daß das Gerücht, als gingen die Regierungen mit einer Aenderung des Wahlrechts um, vollständig unbegründet und nur zur Irre­führung der Wähler erfunden fei. Weiter klagte er das Zentrum, dessen Wortführer in dem Entstehen eines Ver- fassungskonfliks soziale Gefahren witterte, der Begünstigung des Umsturztreiben« der Sozialdemokraten an, mit denen ! er Hand in Hand gehe, um gegen den Willen des Papstes die Autorität der Regierung zu untergraben und in das Reich Bresche zu legen; der Kanzler stellte in Aussicht, daß die katholischen Wähler über die wahre Meinung des Papstes noch vor den Wahlen aufgeklärt werden würden. Dem Welfentum, welches die Wiederherstellung des König­reichs Hannover erstrebe, riß er den Deckmantel dieser Bestrebungen, nämlich den derKönigstreue" ab und brandmarkte das Verfahren, welches darin bestehe, daß mit den königstreuen Gefühlen der hannoverschen Bevöl­kerung für Parteibestrebungen Geschäfte gemacht werden. Auch daS Märchen von dem Streben nach Absolutismus zerstörte Fürst Bismarck zum Leidwesen ihrer Urheber; er bekannte sich offen für die Aufrechterhaltung der Verfassung und füt^etne freie Presse und bezeichnete als den eigent­lichen Sitz des Absolutismus die parlamentarischen Fraktionen. Und schließlich wandte sich der Kanzler gegen die angeblicheKönigstreue" der Freisinnigen, deren letzte Ziele er als antimonarchisch und versteckt repu­blikanisch bezeichnete. Unglücklicher, wie dieser Hieb, konnte wohl überhaupt kein Angriff pariert werden. Herr Eugen Richter warf sich zum Beschützer der Krone auf und stellte dieselbe als durch die Machtfülle des Kanzlers gefährdet hin, welche die Rechte der Krone einenge. Fürst Bismarck würdigte diese Anklage keiner ernsten Behandlung; ein Eugen Richter als Beschützer der Krone, die er gegen den Kanzler verteidigt, das ist ein so lächerlicher Gedanke, daß selbst der verblendeste Wähler darüber stutzig werden muß.

ging, ehe Lily die Augen wieder aufschlug. Erstaunt und fragend sah st- um sich.

»War ich lange hier?* fragte sie, sich aufrichtend und ängstlich durch das offene Fenster ins Freie hinausblickend. O, Himmel, ich erinnere mich!*

Schaudernd schlug sie die Hände vor das Gesicht.

Sie wurden ohnmächtig und brauchten lange, um wieder zu sich zu kommen,* sprach die alte Frau sanft. Wohl über eine Stunde lagen Sie bewußtlos!*

lieber eine Stunde!* wiederholte Lily, sich mit Hilfe ihrer Beschützerin mühsam aufrichtend.O, keine Minute darf ich dann mehr verlieren, wenn nicht alles auf dem Spiele stehen soll. Ich habe noch weit bis zur Stadt und schon neigt sich der Tag. Nochmals meine» Dank! Leben Sie wohl auf Wiedersehen!*

Und noch ehe die alte Frau sie hätte zurückhalteu können, war Lily bereits aus dem Zimmer und aus dem Hause geeilt.

Sie fühlte sich so elend, daß sie nicht rasch gehen konnte. Ihre Willenskraft allein nur hielt sie aufrecht und leitete ihre schwankenden Schritte.

Die Dämmerung war schon hereiugebrocheu, als Lily endlich der Stadt nahe kam und das Leben um sie reger und reger ward. Aber in unausgesetzter Furcht vor ihren Verfolgern, die unzweifelhaft inzwischen ihre Flucht entdeckt haben mußte», wagte sie es nicht, eines der öffentliche» Fuhrwerke zu benutze» oder den Beistand eines der Vor- übergeheuden auzurufen. Ihr eifrigstes Bemühen bestand vielmehr darin, unerkannt in die Stadt zu gelangen und, ohne eine Spur von sich zu hinterlassen, das Haus ihres m?leÄ8 Ju erreichen. Sie dachte nicht daran, daß es das Richtigste sein würde, sich iu den Schutz des erste» beste» nächste» Hauses zu begeben und von dort aus ihrem Vater Nachricht zu senden. Wer überdies würde ihr ge» glaubt haben? Jeder hatte die schöne, reiche, viel um­worbene Lily Lawrence gekauut, v ele hatte» sie im Sarge liegen gesehen, Alle wußten, daß fie tot sei. Man würde

Deutsches Reich.

Berlin, 28. Jan. Heute vormittag sand im königl. Palais die Kadettenverteilung statt. Der Kaiser empfina nachmittags l1/* Uhr den Fürsten Salm und machte darauf eine Spazierfahrt. Zum Diner sind geladen Prinz Wilhelm und der Herzog und die Herzogin von Mecklen­burg - Schwerin. Beide Majestäten begeben sich abend« 9 Uhr zum Opernball. In der am gestrigen Tage unter dem Vorsitz des Staats-Ministers, Staatssekretärs des Innern, von Boetticher, abgehaltenen Plenarsitzung genehmigte der Bundesrat, dem Anträge der Direktion des Norddeutschen Lloyd entsprechend, daß die deutschen Post- Dampfschiffe der australischen Hauptlinie auf der Fahrt zwischen Aden und Adelaide künftig an Stelle der Tschagos- Jnseln den Hafen Colombo auf Ceylon anlaufen.' Von dem Uebereinkommen mit England über das Sultanat Sansibar und die Abgrenzung der deutschen und englischen Jnteressensphäreir in Ost-Afrika, sowie der Nachweisung ihr nicht geglauot, man routje sie Melmey als eine Be- ttügerin ins Gefängnis gerootfen oder als eine Wahnstuutae ins Irrenhaus geführt hab?».

Also vorwärts, vorwärts!

Nur das Auge der Liebe würde sich nicht täuschen laffm. Sie war tot für die Welt. In Lawrence-Hall allein konnte fie Rettung und Beistand finde».

Aengstltch sich stets im Schatteu haltend, durcheilte sie die Straßen der Stadt.

Vor jeder an ihr vorübereilenden Gestalt schreckte sie zurück; jeder Fußttttt, der an ihr Ohr tönte, ließ sie erzittern.

Doch jetzt jetzt endlich lenkte sie in die Straße ei», i» der das Haus ihres Vaters lag. Ei» neuer Schwindel wollte fie befallen, aber mit fast übermenschlicher Kraft überwand fie sich selbst. Wie eine Nachtwandelnde schritt sie ihres Weges.

Heller Lichterglanz strahlte an» den Häuser», an denen st« vorübereilte. Fröhliche Stimmen und heitere Werse» trafen ihr Ohr; wie in einem Kaleidoskop zog Alles an ihr vorüber; wie ein Geist glitt fie selbst dahin.

Jetzt tief Atem schöpfend vor übermächtiger Be ne, gung, hemmte sie den Fuß. Sie stand vor ihres Vaters Hause!---

Klagende, schmerzliche Töne schlugen gedämpft an LilyS Ohr. Hier, wo der Tod erst vor ku-zem sein Emk hr ge» halten hatte, hier war alle Freude Be; bannt und ausgethan.

Trau r herrschte hier um sie bi- Tot 1

Lily mußte sich an daS hoh Gitter anklammeru, welches den das Haus umgebenden Garten einhegte, um nicht um» znfiiike». Doch sollte fie schwach werden im letzt, n Moment, wo fie vor der größten Entscheidung ihr s Leb ns stand? Nein, nein!

Mit Haft streckten fich ihre Hände nach dem Glock ozuge aus. Schrill rang fich der Ton durch die stille Aber dluft.

(Forts tzung foLt)

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mit den Gratis-BeiblätternKreisblatt für Marburg tu Kirchhain,"Illustriertes Sonntagsblatt" undErzähler" werden von allen Postanstalten, unserer Agentur in Kirchhain (Herr Buchbinder Rindt), sowie unserer Expedition entgegengenommen.

Der Reichskanzler iw Abgeorduetenhaufe.

Sehr unverhofft für die Opposition, welche in Reden und Wahlaufrufen ein Lügengewebe ins Land gettagen, um die Wähler zu täuschen und ihnen vorzuspiegeln, daß die Rechte des Volkes* bedroht seien, erschien der Reichs­kanzler am 24. d. Mts. im Abgeordnetenhause und hielt in wuchtigen Reden den Herren ihr Treiben vor.

Fürst Bismarck zerriß mit kräftiger Hand die Nebel, mit welchen die Geister der Opposition die Einsicht der Wähler zu umhüllen suchen. Zunächst wandte er sich gegen den Versuch der Oppositionsparteien, den Unterschied einer Bewilligung der Präseiizstärke für drei ober für sieben Jahre als belanglos hinzustellen. Zn diesem Gegen­satz liegt ein Verfassungskonflikt. Ec führte aus, daß die verbündeten Regierungen es sind, welche für die Verfassung eintreten, indem sie sich nun und nimmermehr darauf ein- laffm werden, alle drei Jahre um den Bestand des Heeres zu kämpfen und somit die Verfassung alle drei Jahre von neuem gefährden zu lassen. Ihr Recht war es im Jahre 1874 auf Grund des Artikels 60 der Verfassung ein Gesetz über die Friedenspräsenzstärke zu verlangen, welches die natürliche Dauer eines jeden Gesetzes hat. Nur die Liebe zum Frieden hat sie schließlich auf Initiative des Kaisers einer siebenjährigen Feststellung veranlaßt. Diese Konzession aber dürfte nicht wieder zum Ausgangspunkt von Forderungen nach neuen Konzessionen gemacht werden, am wenigsten auf Grund der völlig falschen Vorstellung, mit der die Verfassung nichts zu thun hat, daß der Reichs­tag im Wege des BubgetrechtS alles versagen könne. Die Opposition, bei welcher die antimonarchischen und reichs- feindlichen Elemente der Welfen, Polen, Elsaß-Lothringer und Lozialeemokraten den Ausschlag geben, will so führte der Kanzler den Konflikt, indem sie sich zu Un» recht auf die Verfassung beruft, die sie wie alles andere, was bisher im Reiche erreicht worden ist, bekämpft und zu hintertreiben versucht hat. Desgleichen beleuchtete der Kanzler die militärische Notwendigkeit des Septennats, welches Deutschland den Rüstungen des Auslandes gegen-