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Rr. 24

Marburg, Sonnabend, 29. Januar 1887.

XXII. Jahrgang,

AMlifdir jcitimii

SEödjciiümje Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Somit-asbM

__________ ^kpkd'tion Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch ’* *

Unsere Reichslagskandidate«.

11.

Wir haben noch einen weiteren Kandidaten zum Reichs­tage in unserem Wahlkreise zu verzeichnen. Dr. Böckel hat einen Wahlaufruf erlassen, der die „Antisemiten" für ihn zur Wahlurne ruft. Mit dem antisemitischen Reform- verem in Cassel hat sich Dr. Böckel überworfen, er bildet also für seine Person eine besondere Partei. Sein Programm nimmt einige von der konservativen in betreff der Stcuer- und sozialen Verhältnisse seither vertretenen Grundsätze auf, eigentümlich ist demselben die Forderung, auch für den preußischen Landtag das allgemeine geheime r Wahlrecht einzuführen und unter Aufhebung der Judenemanzipation ein Fremdenrecht für die Juden zu schaffen.

Wir legen diesem Auftreten keinen größeren Wert bei, als es verdient — aber auf das Entschiedenste mißbilligen müssen wir solches Zwischenspiel in einem Augenblicke, ’roo bei- volle Ernst der ganzen politischen Lage, die Gefahr emes unserem Vaterlande drohenden Krieges oder schwerer innerer Kämpfe jeden aufrichtigen Vaterlandsfreund zur Einigkeit mahnt.

Die konservative Partei hat mit Nachdruck und Erfolg dem Banner der kaiserlichen Botschaft folgend, die Wege der Gesetzgebung verfolgt, welche dem Arbeiter Hilfe in Krankheit, Schutz gegen die Folgen von Unfälle gewähren, sie hat im Landtage den Antrag auf Reform der direkten Steuern gestellt, insbesondere der Einkommensteuer und die Aufhebung der Klassensteuer für die unbemittelten Klassen bewirkt^ im Reichstage hat sie die Einführung der Zölle zum Schutze der heimischen Industrie und Land­wirtschaft befürwortet, ihrer thätigen Beihülfe verdanken wir die Uebcrweisung der Korn, und Viehzölle an die Kreise, deren Wohlthat wir in diesem Jahre lebhaft em» psinden. Die Börsenfteuer ist ins Leben gerufen, wenn auch nicht in dem Umfange, wie es die Konservativen be­antragten — kurz d i e Arbeit ist in den besten Händen

6^ Bestellungen für die Monate Februar und Marz auf die

Oberhessische Zeitung

mit den Gratis-Beiblättern „Kreisblatt für Marburg «. Kirchhain," „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Erzähler" werden von allen Poftanstalten, unserer Agentur in Kirchhain (Herr Buchbinder Rindt), sowie unserer Expedition entgegengenommen.

Die Geister der Finsternis.

Roman aus dem Amerikanisch-n von 21. Bayard.

(Fortsetzung.)

Das Haus, welches ihr Gefängnis gewesen war, lag bereits weit hinter ihr, aber würde sie die Kraft haben, ihr Ziel zu erreichen.

Eine namenlose Angst ergriff sie.

Nein, sie dürfte nicht schwach fein. Sie mußte aus­harren bis ans Ende.

Mit Anstrengung raffte sie sich auf. Ihr stürmisch klopfendes Herz mit Gewalt zu Ruhe zwingend, nahm sie ihre einsame Wanderung von Neuem auf. Tapfer, wenn auch weniger eilig, als vorher, schritt sie vorwäns.

Das „rote Haus* lag sehr entlegen, wett entlegen, Lily erkannte es erst j tzt, als sie, um die Hauptstraße nach der Stadt zu gewinnen, derselben zustrebte. Unausgesetzt spähten ihre Augen dabei in die F-rne. Endlich — ein Freuden- schrei brach sich von ihren Lippen — das erste Haus war in Sicht. —

. verdoppelten^sich; die gewaltige Aufregung

verlieh ihr Wunderkräfte. Völlig atemlos stand sie endlich vor dem kleinen, vereinsamt gelegenen Hause. Eine ältliche Frau saß mit einer Näherei beschäftigt am F.nster. Lily öffnete die niedrige Pforte des das kleine Haus umgebenden Gartens und trat an die Matrone heran.

„Ich bitte Sie, mir einen Trunk Mass r zu verabreichen!* Nur zitternd brachte Lily die Worte hervor. „Ich fühle mich so sehr erschöpft!* 9

©te mußte sich gegen die Fensterbrüstung lehnen, um nicht umzustnken.

Erschrickt sprang die Fran auf

„O, Sie Äeimste!« rief sie aus. „Kommen Sie ins Haus und ruhen Sie sich aus. O, warten Sie, ich eile zu Ihrer Hilfe!* 8

Und hastig das Zimmer verlassend, stand sie im nächsten Moment neben Lily, die noch eben Kratt genug in sich fühlte, n. , ~n, brau ins Haus zu folg n, nm hier auf einen Lehnsrflel , den die Matrone geschäftig für sie heranrückte, ohnmächtig niederznfiuken.

_ *^r.Jtc0t rin Geheimnis vor,* dachte sie bei sich rtWir? $rc ®lünbe' unkenntlich zu machen' W öb"lb sollte ich ihr nicht helfen? Sie kann nichts Un« rechtes vorhaben ; gleicht sie doch einem Engel des Himmels!*

'E" tjl Zi" "er stehenden Schrank tretend, entnahm taÄVÄ "** s»Wn -°d ä

K”b* ^er ich kann Ihnen Ihre Bitte nicht abschlagen!

«Lh s f,er» bcntk ich Ihnen geben kann, und roolle ®ott bafe es zu Ihrem Heile geschieht!*

Stürmisch ergriff Lily di- Hände der alten Frau

„O, wie wie fott id) g6nen pauken? Vielleicht werden Sie zur Retterin mein-s L bens! Doch bald, bald sollen Sie von mir Horen! Nehmen Sie diesen Ring, er ist das

T“8 4$ b^tze; doch nichts ist zu kostbar für den Dienst, den Sie mir in dieser Stunde erweisen!*

Die Matrone schüttelte verwundert den Kops. Die Sn verstehend, erschienen ihr die.

„Nein, ich will Ihren Ring nicht!« sprach sie rubia „Ich vertraue Ihnen auf Ihr ehrliches Gesicht hin. Stt warten!*^ tt°ae“ toicber kommen. Ich werde Sie er-

Lily ricktete sich auf.

Jetzt erst fühlte sie wie schwach sie war. Aber durfte sie feige schwanken? Nein, nein, sie hatte den Kampf auf, 8 Fe ®”6te ihn zu Ende führen, gleichviel, um welchen Preis.

Mit zitternden Händen legte sie Mantel und Hut an und verhüllte ihr Gesicht mit dem dichten Schleier. Keiner konnte in der Gestalt, die, zum Gehen gerüstet, jetzt vor der alten Bewohnerin des Hauses stand, die elfenhast zarte Lily erkennen.

3n mächtiger Bewegung reichte sie der Fran, die ihr unwisientlich einen so großen Liebesdienst erwiesen, zum Abschiede die Hand. ' 8

(Fortsetzung folgt.)

Erscheint täglich rrußer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- AbonnementS-Preis bei der Expedition 2‘/t Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnscrtionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg., Reklamen für die Zeile 35 Pfg.

Deutsches Reich.

Berti», 27. Jan. Der Kaiser empfing heute vor» mittags eine Reihe militärischer Meldungen, nahm die ^°"rage des Generals von Albedyll und des Kriegs­ministers Bronsart^von Schellendorff entgegen und empfing nachmittags den Staatssekretär Grafen Herbert v. Bis» sowie den Besuch des Prinzen Heinrich. — Heute feiert Prinz Wilhelm, der Enkel unseres Kaisers und mit Gottes Hilfe dereinst selbst deutscher Kaiser, seinen 28. Ge-

Mu demüch.n Z taten ovuR.ugl-r, B-iorgn s u.i„ Mn leit» betrachtete die Frau di- öewußilose, w lchc selbst in ihrer Todenbliiche von engelhafter Schönheit war. Aber die eingefallen, n Züge, bte abgemageit n Finger, die tief liegenden, von versoff nen Th! änen rot umränderten Aug n, die matte Farbe des sonst wohl goldglänz nven Haares, die «nfache, ja mangelhafte Kleidung, welche so gar nicht im m jber lanien Erscheinung des Mädchens stand, f,nh „a“?, ^en ^.Ube' entging dem scharfen, p,ü- ftndeu Auge der Matrone nicht und sie fuhlke sich einem Stotel gegenüber, wägend sie sich besorgt über sie beugte, fi, qualDoIIer S-U'zer des jungen Mädchens ließ

sie erleichtert auratmen. p

s?b'n Ki..d, sp ach sie sanft, „reden Sie, wie ist Ihnen?« gßorte*1'—und bi- Frau wiederholte ihre

Ein merkliches Zucken ging durch die G statt der Be- WUtztlosen und langsam schlug sie die Augen auf. rtl,.*®i'lb matt hervor, „O, retten Sie

mich, retten sie mich!*

Ihre Hande umklammerten heftig den Arm der Ma- ttoue, daß diese erschreckt zurückfuhr.

&(8te k? bstürzt. „Wer soll fort sein? Bor wem soll ich Sie retten?*

m®8, erwache sie ans einem schweren Traum, so fuhr Lily sich mit der Hand über die Aug»n. y

r. »Verzeihen Sie, ich habe Sie e schreckt!« flüsterte sie sich erinnernd. „Ich konnte nickt weiter gehen und sie ae» "ährten mir ein Obdach. Ich danke Ihnen tausend-, tausendmal dafür! J p kann Ihnen nicht erklären, weshalb

hl r so vor sich sehen, aber ich werde wiederkehren Io-1"en' "lls Sie für mich gethan haben. Ich muß so eilig wie nur möglich die Stadt erreichen. Geben mit Sw/lnen.^u‘ un Mi tel, — ich werd- Ihnen beides öurucknell^n; bis das geschehen kann, lasse ich Ihnen di s-n Diamantring als Pfand!« w

Die Frau blickte ihren seltsamen Gast erstaunt an, aber ta^r ^' enbtr ®lttf b stegte schnell jeden Widerspruch

Anzeigen nimmt entgegen, die Expedition d. Blatts, sowie d.Annoncen-Bureaux- von Haasensteiu unt Vogler in Franifurt a. M., Saffet, Magdeburg und Wienp Rudolf!».'offe in Franks«« ♦ a. $ Berlin München und

Köln; G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M, Berlin, Hannover u. Paris.

Das deutsche und insbesondere das preußische Volk hat allen Grund, diesen Festtag unseres Herrscher- S68 Sliter besonderen Teilnahme zu begletten Möge Gottes Gnade auch fernerhin schützend und segnend über den Prinzen und seinem Hause walten. — Die kronpnnzliche Familie begab sich mittags nach Potsdam um dem Prinzen Wilhelm zum Geburtstage zu gratu­lieren. - Durch Erlaß vom 22. d. Mts. hat der Minister ^"7» uni das baldige Zusammentreten des ne/zu wählenden Reichstags zu ermöglichen, der „Franks >Ua " zufolge bestimmt, daß, sofern nicht etwa besondere Ver- bf, -91 k8na^me un6ebin9t notwendig machen,

bte Sermtne für die engeren Wahlen auf den fünften Taa nach der Ermittelung des Ergebnisnisses der ersten Wahl Taa narf^b™1 T für Nachwahlen spätestens auf den elften S8’’S fiT ^lchem die Notwendigkeit der nensmÄ, N r8te6f' lestzusetzen sind. - Eine anerken- h,n E ^tTUT8 8e8en das Duellenwesen wird von den akademischen Behörden der Berliner Universität er- Erkenntnis des Senats vom 19. Januar Ä brfl Studierende wegen schwerer Gefährdung der akademischen Ordnung und Sitte, begangen durch Heraus­forderung von Kommilitonen zum Zweikampfe mit töt. iq-n W-ff-n (S-b-l Md Plft'l-N^zur Lk “ L *■’!“ «»Ifhmmj °°n der Uni’erftlät (UnterfUrift be« consihum abeundi) und zu einer zweiwöchentlichen Karzerhaft verurteilt worden. Desgleichen sind die Stu­dierenden, welche bei diesen Herausforderungen als Kartell- trager teilgenommen haben, mit der Unterschrift des con» 8 lium abeundi und mit verhältnismäßiger K^rzerhast bestraft worden. Den Studierenden wird dies mit dem rtetunaetberUrh^en2tni-f gebracht, daß jede fernere lieber» tretung der den Zweikampf verbietenden Bestimmungen !gr7qie Studierenden der Landes-Universitäten vom 1.Okt. 1879 auf das nachdrücklichste gehandhabt werden wird.— Mem abend haben die vollzählig erschienenen konserva- tlven Vertrauensmänner des 5. Berliner Reichstaqswahl- naHnnJrf,ell,rr Versammlung, zu der auch Vertreter der !Xrt,nhSIen sreikonfervativen Partei Einladungen siimmia k\er.rn Landtagsabgeordneter Cremer ein­stimmig als Kandidaten ausgestellt.

— Die Vorstände der Berliner Innungen waren gestern abend versammelt, um die Stellung der Handwerks- me,rlr ju den bevorstehenden Wahlen zu besprechen. Den Vorsitz führte der Obermeister der Tischlerinnung, Brandes; ebenderselbe erstattete auch das einleitende Referat, indem er betonte, daß es im dringenden Interesse des Handwerks liege, die für die Sicherung des Reiches nötigen Forde-

und sie fortzuführen dürsten die Männer geeignet sein, welche bewiesen haben, daß sie die parlamentarische Arbeit verstehen und daß sie ein warmes Herz für unser Volk haben.

Was neu ist in dem Böckelschen Wahlaufruf, die Einführung des Reichstagswahlrechts für den preußischen Landtag, oas dürfte sich wohl Wenigen als wünschenswert darstellen.

Es bleibt mithin der „Antisemitismus* und das von Herrn Dr. Böckel als Universalmittel gegen die Gefahren des Judentums empfohlene — das Schaffen eines Frem­denrechtes für die Juden! — das ist eine Phantasie, von der der Erfinder selbst nicht weiß, was er sich dar­unter denkt.

Den Juden den in Deutschland weilenden Engländern, Russen, Franzosen gleich stellen, das hieße eher für sie ein Privileg begründen, als einen Nachteil. Sollen die Juden künftig als „Fremde" keine Steuern bezahlen, keinen Militärdienst thun?

Wer das Auftreten des Dr. Böckel verfolgt und die politlschen Verhältnisse kennt, wird sich sagen, daß es sich lediglich um eine Agitation handelt, und die Agitations­mittel aus konservativen, sozialdemokratischen und fortschritt­lichen Programmen entlehnt sind.

Dwse Ideen, welche den Stempel einer jugendlichen Ueberspanntheit an sich tragen, werden, wenn sie auch mit Redegewandheit vorgetragen werden, auf die Wähler, welche sich über die politischen Dinge klar find, keinen Eindruck machen. Deshalb wendet sich der Wahlaufruf an die Klassen unserer Mitbürger, welche dem politischen Treiben ferner stehen, aber in ihrer äußeren Lage Besserunq wünschen und macht diesen alle Versprechungen.

Wenn wir diesen Wählern raten sollen, so mögen sie den Mann in den Reichstag wählen, der ihnen auf die Frage: wie er seine Versprechungen halten will? — eme Antwort nicht schuldig bleibt, vielmehr gedenkt toic er feine Versprechungen einzulösen