Rr. 23.
Marburg, Freitag, 28. Januar 1887.
XXII. Jahrgang.
OberhkUihc Jcihing
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes S-nntaasblatt
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. «och. "
6.
reicht werden, lasten Sie uns daher die Hände reichen, um wenigstens diesen einen entscheidenden Punkt der Sicherheit des Vaterlandes sicher zu stellen. Unser Vertrauen ist dabei auf Seiten der deutschen Regierungen, unser Vertrauen ist auf Seite des Reichskanzlers, der eine schöne Reihe von Friedensjahren in erster Linie mit durch seine Arbeit, durch seine Rastlosigkeit, durch seine Kunst und auch durch seine Schneidigkeit, wenn es daraus ankam, uns verschafft hat und uns hat genießen laffen In dieser Lebensfrage deutscher Nation soll unser Feldgeschrei sein: Festunddurch!
In der Parteiversammlung der Nationalliberalen in Hannover behandelte Herr von Bennigsen die politische Lage und sagte über das Wahlbündnis:
Jeder Streit über eine Militärvorlage im Reichstage ist zu vermeiden, und deshalb sind alle anderen Fragen zunächst dieses Zweckes halber zurückzustellen. Deshalb hat auch die nationalliberale Parteileitung das bekannte Abkommen mit den konservativen Parteien geschlossen. Die Nationalliberalen sind keine Verschmelzung eingegangen, wir gehen nur in dieser Frage zusammen, alle anderen Auffassungen, Programme u. s. w. bleiben gesondert. Mit den Konservativen können wir wohl für bestimmte Fälle Zusammengehen, aber uns nicht verschmelzen. Wir wollen eine liberale Partei, sie konservative Parteien bleiben. Eine Verschmelzung würde eine Verflachung, nicht eine Vertiefung unseres politischen Lebens bedeuten. Der Einfluß der gemäßigten Konservativen und Liberalen würde durch Verschmelzung nicht gestärkt, sondern ge. schwächt. Die Extreme von rechts und links würden eine Verschmelzung nicht mitmachen, und die Gemäßigten würden an Einfluß verlieren, noch mehr als sie in den letzten sechs Jahren schon verloren haben.
Von allen Seiten sprechen sich die gewichtigen Stimmen auch tn unserem Wahlkreise ganz in demselben Sinne aus und es wird sich damit eine für das politische Leben sehr bedeutungsvolle Thatsache vollziehen, daß die maßgebenden politischen Parteien in Deutschland ihren Parteistandpunkt dem Interesse der Sicherheit und Wohlfahrt unseres teueren Vaterlandes unterordnen und, wo es einer so großen Sache gilt, über Personenfragen sich Hinwegsetzen. Freilich giebt's auch Leute die anders denken.--
So haben die Fortschrittler oder Freisinnler „Marburgs" ein, wenn auch schwaches, Lebenszeichen von sich gegeben, indem „mehrere Wähler" eine Kandidatur des Freiherrn von Stauffenberg in München, des Urhebers der famosen Anträge im Reichstage vorgeschlagen haben. „Mehrere Wähler", was heißt das in heutiger schwerer Zeit? Namen müssen wir sehen von Männern, die eintreten wollen für einen Vorschlag, den man erst dann ernstlich
Da naht auf leichten Schwingen Schneeflöckchen zart und weich, Spricht durch des Windes Singen Ich will's erzählen Euch!
Des Schöpfers Wort gebellte, Zähm' nur das Eisenroß I Da schnei'te ich und schnei'te, Dich kraftlos Dampfkoloß.
Will dreifach'« Dampf nicht weichen, Verlassen nicht den Ort, Dir schwachem Mensch zu zeigen, SB:e stark ds Schöpf«-,s Wort.
Schneefiöckcherr und Lokomotive!
Es gehl von Mund zu Munoe, Durchläuft per Draht die Welt Die nie geahnte Kunde:
Verkehr ist eingestellt!
Nicht möglich, hört man sagen, Man traut ja kaum d-m Ohr, In unfern dampfesreichen Tagen Kömmt so was nimmer vor.
Welch Ungeheuer fände Solch kolossale Macht, Wo Alles stllle stunde, Was Menschengeist erdacht?
Di- Geister der Ki«ster«is.
Roman aus dem Amerikanischen von A. Bayard.
(Fortsetzung.)
„Vielleicht sehen wir uns nie wieder, Fanny,* sagte Lily, „denn morgen werde ich meinen Plan ins Werk fetzen, der, wenn er mißlingt, sicher mein Tod sein wird! Aber aleich- viel! Was ist der Tod denn Schlimmeres, als ein solche» Leben? ©dingt aber mein Plan, dann werden auch Sie frei sei», noch ehe der Tag morgen znr Neige geht!*
Unsere Reichstagskondidaten.
I.
Die Parteien, welche im aufgelösten Reichstage auf Seiten „des Kaisers und Reichs" gestanden — Konservative und Nationalliberale — haben bekanntlich in Berlin durch ihre Partei-Vorstände eine Vereinigung getroffen, wonach sie sich den bisherigen Besitzstand der Reichstagsmandate nicht bestreiten, mithin einander keine Gegenkandidaten aufstellen, vielmehr sich Unterstützung leisten wollen. Auch für Hessen ist dieses Uebereinkommen • durch die beiderseitigen Partei-Vorstände in Castel bestätigt und demgemäß wird hier der konservative seitherige Reichstagsabgeordnete Herr Justizrat vr. Grimm, der bei der letzten Wahl hier große Mehrheit erhalten, wieder aufgestellt worden.
Nachdem derselbe dem Vorstande der konservativen Partei seine Bereitwilligkeit erklärt bat, ein Mandat in dieser gefahrdrohenden Lage des Vaterlandes wieder zu übernehmen.
Ueber. die Bedeutung des erwähnten Wahlbündnisfes liegen zwei interessante Aussprüche hervorragender Parteiführer vor, welche wir hier mitteilen wollen.
In seiner letzten Rede im Abgeordnetenhause schloß der konservative Abgeordnete:»on Minnigerode mit folgenden Sätzen:
Diese Frage der Sicherheit unseres Vaterlandes, die auch dem blödesten Auge sich heute gebieterisch aufdrängt, ist die entscheidende Frage des Augenblicks, und deshalb kann auch ich mich nur freuen, daß innerhalb der Parteien, die leider in der Minderheit im Reichstage geblieben sind, aber für die nachhaltige Sicherheit des Reiches haben eintreten wollen, eine Verstänvigung herbeigeführt worden ist, die den richtigen Ausdruck der ganzen Sachlage darstellt und nichts weiter will, als den Wählern, nicht blos den Wählern unserer Parteien, sondern allen Wählern, die überhaupt sich ein unbefangenes Auge bewahrt haben und erkennen, worauf es ankommt, zu sagen: Wir stellen im Augenblicke alle übrigen Punkte als nebensächlich zurück; auf einen Punkt geht es allein los, das eine Ziel muß er-
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Inzwischen hat aber diese Kandidatur in einem Fn- serate unserer Zeitung von „liberalen Wählern" eine solch verdiente Abfertigung gefunden, daß man sich mit die em Versuche der Opposition ernstlich kaum noch zu be- schaftigen braucht. w 8
Deutsches Reich.
Berlin, 26. Jan. Der Kaiser nahm vormittags ruT ®°Lr.tra9e entgegen und konferierte dann mit dem. Geh. Kabinettsrate von Wilmowski. Nachmittags machte Se Maiestat eine Ausfahrt. - Zum Geburtstage des Kaisers werden auch diesmal wieder der Kronprinz und die Kronprinzessin von Schweden, sowie die Großherzogin vorr Baden hier Eintreffen. - Es fällt auf, daß Fürst Bismarck letzt mit dem Kaiser sehr häufig, beinahe täglich, Konferenzen hat. Die Einen glauben, daß dieselben durch die auswärtige Politik, die Anderen, daß sie durch die Situation im Innern und die Proklamation veranlaßt seien, die seitens des Kaisers bevorstehen soll. Fürst Bismarck ist heute auch vom Kronprinzen empfangen worden und zwar, rote der Hofbericht sich ausdrückt, zum Vortrage. — Die Kommission des Abgeordnetenhauses zur Vorberatung des Gesetzentwurfs, betreffend die Gewährung einer staatlichen Subvention an die Provinzialhülfskasse für die Rhein- provinz behufs Hebung des Grundkredits, besteht aus den Abgeordneten Frhr. Wintzingerode-Knorr, Riedesel Frhr. zu Eisenbach, v. Spiegel, Hellwig, Dr. Scheffer (Schlochau), 3ag°w, v. Rosenberg-Gruszczynski, Dr. phil. Arendt, ^rer' Hue de Grats, Wehr (Könitz), Olzem, Schriftführer, Knebel, Vorsitzender, Mooren, Stellvertreter des Vorsitzenden, Nels, Baron von Monschaw, Limbourg, Broekmann, Claefien, Papendieck, Dr. Seelig, Steffens. — Die Kommission des Abgeordnetenhauses zur Vorberatung des Gesetzentwurfs, betreffend das Verfahren und das Kastenwesen bei der Güterkonsolidation im Regierungsbezirk Wiesbaden mit Ausnahme des Kreises Biedenkopf und der durch die Kreisordnung vom 7. Juni 1885 mit tn Regierungsbezirk Wiesbaden vereinigten Gemeinden besteht aus den Abgeordneten: von Stiernberg, Krekeler, Schristführer, von Neumann, Dr. Andrae, v. Bismarck (Flatow), Vorsitzender, Dr. zur Nedden, Schriftführer, Bork, Zimmermann, Spahn, Cahensly, Hauptmann, Graf v. Zielen, Körner, Wirth, Stellvertreter des Vorsitzenden. — Im Abgeordnetenhause, das keine Plenar» sitzung hielt, tagte heute allein die Budgetkommission. Die Tagesordnung enthielt außer dem Etat der Staatsschuldenverwaltung Kapitel aus den Etats der Allgemeinen §intous Verwaltung, des Ministeriums für Handel und Gewerbe, worauf sie eiligst das Zimmer verließ, jedoch keineswegs vergessend, dasselbe abzuschließen. 8
„Ich habe meinen Mann nach der Stadt geschickt," sagte die alte Frau, nach einigen Minuten zurückkehrend. „Es können aber Stunden vergehen, bis er zurückkommt. Es ist ein weiter Weg." 1
Lily nickte schwach.
„Setze Dich zu mir und bleibe Bei mir, Molly," Bat sie. »Ich fürchte mich allein zu sein.«
Zehn, fünfzehn Minuten vergingen, dann flüsterte die Kranke plötzlich müde:
»Molly, um des Himmels willen, verschaffe mir ein Glas Wein! Mir wird so furchtbar elend —«
Erschreckt sprang die Alte auf und entfernte sich, doch auch dieses Mal nicht, ohne den Thürschlüssel umzudrehen. Kaum hatte sie das Gemach verlassen, so sprang Lily auf und trat dicht hinter die Thür. Anfhorchend stand sie. Jetzt — die Schritte der Alten näherten sich, der Schlüssel knarrte, die Thür sprang auf.
In demselben Augenblick erhielt Molly einen solch fraftigen, wuchtigen Stoß, daß sie bis in die Mitte des Zimmers taumelte und niederstürzte, während Lily mit einem Freudenschrei in den Gang hinaussprang, die Thür hinter sich zuschlug, abschloß und in wilder Hast die Treppe hinabeilte, gefolgt von dem gellenden Wuthgeschrei ihrer überlisteten Gefangenwärterin.
Sie achtete nicht darauf.
Sie erreichte das Ende der Treppe, kreuzte den Flur und gewann die Hansthür. Dieselbe war verschlossen, aber der Schlüssel steckte. Ein rascher Ruck und — sie war frei — frei!?
Ja, sie war frei! Forschend schweifte Lilys Blick in die Runde. Kein lebendes Wesen trat ihrer Flucht in den Weg.
Lauter Jubel erfüllte ihre Seele und ließ sie alle Schwäche überwinden. Mtt Hast die Schwelle überschreitend, ließ sie Hutter sich die Thür krachend in das Schloß fallen,
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Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M- Berlin, Hannover u. Paris'
„Mögt Gott Janen feinen Bclstano leihen!" rrwiederie Fanny, beb.no vor tief innerster Erregung. „Ich werde für Sie beten!"
Und übet mannt von der Allgewalt ihrer Gefühle, zog sie voller Inbrunst die kleinen weichen Hände des Mädchens an ihre Lippen. Im nächsten Moment lag die Aeimste in der Finsternis ihres schauerlichen Kerkers wieder allein. Wie lange noch? Nur Gott mochte es wiffen.
Mit dem G fühl, als erwarte die alte Molly sie dort, kehrte Lily in das Zimmer, das ihr Gefängnis war, wieder zurück.
Doch ihre Furcht sollte eine grundlose gewesen sein. — Ihr nächtlicher Besuch war unentdeckt geblieben.
Sie begab sich zur Ruhe, indeß nur em leichter Schlummer kam über sie und die beängstigsten Träume schreckte sie wieder und wieder auf.
Die Sonne war längst aufgegangen, als Lily erwachte.
Die alte Molly harrte ihrer mit dem Frühstück und war, wenn möglich, noch unwirscher als wie sonst schon. '
Lily zwang sich, etwas von dem Dargebotenen zu essen, sagte aber dann, daß sie sich krank und elend fühle und die Alte nur Alles wieder fortnehmen sollte, worauf diese sich mürrisch wieder entfernte.
Als sie um die Mittagsstunde wiederkam, fand sie ihre Gefangene angekleidet, mit fieberglühenden Wangen und sonderbar glänzenden Augen auf ihrem Lager liegen.
„Molly," sagte sie, „ich kann nichts effen, mir ist so eigentum ich zu Mut, und hier fühle ich einen stechenden Schmerz!« Dabei legte sie die Hand auf das Herz und schien nach Atem zn ringen. „Gehe und lasse den Arzt bolen, aber so rasch, wie nur möglich. Ich hin zum Sterben krank!"
Asllwöhnisch blickte Molly fie einen Augenblick prüfend
.»der der leidende Ausdruck der Gefangenen ließ jeden
ll in ihr int Keime ersticken. Sie mußte allen Ernstes krank f in. «
»Ich werde sofort Dr. Pratt rufen laffen!« sagte fie