Rr. 21.
Marburg, Mittwoch, 26. Januar 1887.
xxn Jahrgang.
WcrWschk ZitiiW
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntaasblatt
_____________ Expedition Markt 21. — Rümktion, Druck und Verlag von Joh. Lug. Loch.
Die Geister der Finsternis.
Roman aus dem Amerikanischen von A. Bayard.
(Fortsetzung.)
Wohl zwei Stunden lang lag Lily still, doch schlaflosen AugeS da. Das schmerzliche Stöhnen, welches sie um die Milte des Tages vernommen hatte, wiederholte sich während dieser Zeit mehrfach und wurde immer anhaltender.
Entschlossen, Alles aufs Spiel zu sitzen, erhob Lily sich endlich geräuschlos, um das arme, duldende Wesen, von dem die W.hlaute ausgingen, aufzusuchen.
Eine Kerze onzündeud, entfernte sie den Teppich, schob die Fallthur zurück und blickte in die Vertiefung hinab.
Unergründliche Finsternis gähnte ihr entgegen, aber ganz deutlich vernehmbar schlugen jetzt die Jammertöne an ihr Ohr.
Stach der brennenden Kerze greifend, stieg sie mit einem nicht zu nnterdrückenden Schauder die ihr endlos lang er, scheinende Wendeltreppe hinab.
Am Fuße derselben angelangt, stand sie in einem engen Gang. Sie schritt in denselben hinein, doch zu beiden Seiten waren nur Mauern, kalte Steinmauern.
Da schließlich, am Ende beS Ganges, erblickte sie «iue Thüre.
Zitternd schritt sie auf dieselbe zu und legte die Hand auf den Drücker. Derselbe gab ihrem Drucke nach, die Thüre flog auf und eine furchtbare Moderluft wehte ihr entgegen.
Der Boden des Raumes, den sie betrat, bestand aus Steinen, die Wände waren feucht und Spinngewebe hingen von der Decke herab. Aber so spähend sie auch im dem Gelaß umherleuchtete, dasselbe war leer. Kein menschliches Wesen atmete zwischen diesen Mauern. Doch da beim trüben Schein der Kerze entdeckte sie zur Seite der einen Wand eine zweite Thür. Tapferen Herzens schritt sie auf dieselbe zu; in demselben Augenblick jedoch durchlief sie ein Todes» schauder.
Ein Laut, der nichts menschliches mehr hatte, ließ das Blut in ihren Adern erstarren. Aber nnr minutenlang
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Jan. Kaiser Wilhelm wurde gestern während des Ordensfestes von einem leichten Unwohlsein befallen, so daß er nur die Vorstellung der neuen Ritter entgegennehmen, dagegen weder dem Gottesdienste noch der . Tafel beiwohnen konnte. Das Unwohlsein gab aber zu Befürchtungen keinen Anlaß, so daß sowohl die Kaiserin als der Kronprinz sich bis zum Schlüsse des Festes sorglos den Gästen des Kaisers widmen konnten. Nach einer guten Nacht ist der Kaiser heute wieder hergestellt, und er konnte bereits heute mittag von einer großen Menschenmenge lange Zeit beobachtet werden, wie er am Fenster stehend Vorträge entgegennahm und Berichte las. — Der „Reichs-Anzeiger" meldet: Der Kaiser ernannte den Hi- storiographen Professor von Treitschke, den Schriftsteller vr. Gustav Freytag und den Komponisten Johannes Brahms nach stattgehabter Wahl zu stimmfähigen Rittern des Ordens Pour le merite für Wissenschaften und Künste, und den Mästro Giuseppe Verdi zum auswärtigen Ritter dieses Ordens. — Der „Kreuz-Zeitung" zufolge hätte Graf Moltke das Reichstagsmandat des zweiten Berliner Wahlkreises abgelehnt. — Sicherem Vernehmen der „Köln. Zeitung" nach ist in Aussicht genommen, daß der neue deutsche Reichstag schon am 8. März zusammentreten soll, so daß also sowohl die Erledigung der Heeresvorlage, wie die Feststellung des Reichshaushalts-Etats bis zum 1. April zu ermöglichen wäre. — Die „Köln. Ztg." schreibt jetzt: „In einem einzigen Punkte haben wir vielleicht aus Ehrlichkeit unpraktisch gehandelt: wir hätten der Regierung zum Aeternat zureden sollen: dann hätte die Oppositton das Septennat bewilligt, die Regierung hätte eine Niederlage erleiden und das Septennat annehmen können, aber das Vaterland wäre von den Gefahren bewahrt geblieben, in die es durch die loyale Haltung der Regierung und die Gewissenlosigkeit und Borniertheit der Oppositionsmehrheit gebracht worden ist." Leider kommt die „Köln. Ztg." zu spät mit diesem Vorschlag; wir hatten ihn bekanntlich schon vor längerer Zeit wiederholt gemacht; hätte ihn die „Köln.
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^'"^bsamturteil wie in den einzelnen Zensuren klar zum Ausdruck bringen, ob der Examinand beziehentlich die Examinandm den vorgeschriebenen Anforderungen genügt hat ober mcht. ^ede Abschwächung des Prädikats genügend ist also unzulässig. Nicht wirklich genügende Leistungen genügend zu bezeichnen. Dagegen
?ttel [Cttt' Leistungen, welche sich über dieses Prädikat erheben, ohne als durchweg gut bezeichnet werden zu können, als solche charakterisiert werden, sei es, daß die Leistungen in den Zweigen eines Gegenstandes besonders aufgefuhrt werden, ober baß diese Zensuren in bas Urteil ober „fast gut" zusammengefaßt werben. Muuche«, 24. Jan. Dem „Bayer. Kurier" zufolge- ch General Horn erkrankt; Prinz Leopold hat an seiner Stelle die Führung der Geschäfte des kommandierenden Generals übernommen.
Kuiferslauteru, 24-Jan. Das Zentralwahlkomitee und die Vertrauensmänner der nationalliberalen Partei Miquel als Reichstagskandidaten im Wahlkreise Kaiserslautern-Kirchheimbolanden auf.
, 24. Jan. Dem Vernehmen nach beabsichtigt Prinz Alexander von Battenberg, der von hier nach Mailand abgereist ist, auf seiner Reise durch Italien m Florenz mit Kaltscheff zusammenzutreffen.
Ztg." damals gemacht, so wäre et vielleicht eher beachtet worden; leider kommt unseren Opportunisten immer die Einsicht zu spät. — Der „Polit. Korresp." wird von hier geschrieben: „In maßgebenden politischen Kreisen wird die Lage als ernst betrachtet, und es herrscht in jenen Kreisen, im Gegensatz zu der frischen, scharfen, reinen Luft unserer Physischen Atmosphäre, schwere unheimliche Schwüle, wie vor einem nahen Gewitter. Man konzediert bereitwillig, daß sich dieses Gewitter, wie so manches andere, das den politischen Horizont während der letzten Jahre verdunkelt hat, wieder verziehen könne, und diese Lösung wird allseitig gewünscht; aber man verheimlicht sich nicht, daß die dunklen Punkte, die man seit geraumer Zeit aufmerksam beobachtet hat, sich langsam zu drohendem Gewölke zusammengezogen haben, das in diesem Augenblick niedrig und schwer über Europa lagert. Eine feurige Entladung würde sicherlich sehr bedauerlich sein, aber sie käme keineswegs überraschend. Fürst Bismarck hat viele Gegner; daß er ein kleinmütiger Mann sei, haben ihm aber selbst seine erbittertsten Feinde niemals nachsagen können. Es ist demnach eben so schwer zu rechtfertigen, als leicht zu erklären, daß man seinen eindriglichen Warnungen nicht geziemende Beachtung geschenkt hat. Der friedfertige Ton, den die französische Presse seit einigen Tagen anschlägt, hat nicht zur Beruhigung beitragen können, da das Losungswort: „Ruhe und Mäßigung" laut, für ganz Europa wahrnehmbar, ausgegeben worden ist. Diese momentane Haltung der französischen Preffe täuscht niemand, weder die Franzosen selbst, noch die Deutschen, und dies um so weniger, als Nachrichten hier eingetroffen sind, welche keinen Zweifel darüber obwalten lassen, daß in diesem Augenblick seitens der Franzosen höchst auffällige Maßregeln an der deutsch-französischen Grenze getroffen werden."
— Ueber die Zensuren bei den Prüfungen für das Volksschulamt bemerkte der Unterrichtsminister in einer neuerlich ergangenen Zirkularverfügung: Nach den Vorschriften der bezüglichen Prüfungsordnungen für Lehrer und Lehrerinnen (d. d. 15. Oktober 1872 und 24. April 1874. werden die Leistungen als sehr gut, gut, genügend und ungenügend beurteilt. Die strenge Durchführung dieser Beurteilungsweise ist auf Schwierigkeiten gestoßen, wodurch eine nicht geringe Ungleichmäßigkeit des Verfahrens bei den einzelnen Prüfungskommissionen eingetreten ist. Eine solche schließt eine Ungerechtigkeit gegen diejenigen Bewerber ein, bereu Examinatoren eine strengere Observanz als bie anderen befolgen; außerdem sind Fälle vorgekommen , in welchen die Klarheit und Bestimmtheit der abgegebenen Prädikate getadelt wurde. Zur Beseitigung dieser Uebelstände wird bestimmt: Jedes Zeugnis muß in staub sie utsichtussig. Dann mit dem Mute der Verzweiflung streckte sie die Hand nach der zweiten Türe aus. Schwer drehte sich dieselbe in ihren Angeln und Auge in Auge stand nun Lily dem GcheimniS des roten Hanfes gegenüber .....
Der Anblick, welcher sich Lily bot, Überstieg die Vorstellungen, welche sie sich in den Stunden des Tages bereits gemacht hatte.
Eine Lagerstätte, welche kaum diese Bezeichnung verdiente, bildete die einzige Ausstattung des schauerlichen Raumes, auf dessen Schwelle das mutige Mädchen stand. Und ans diesem elenden Lager, in Ketten gefesselt, lag ausgestreckt ein Jammergestalt, bei deren Anblick sich Lily das Her, in der Brust zusammenkrampfte.
Mit tiefliegenden Angen, das Gesicht hohl und eingefallen, starrte das beklagenswerte Wesen, welches die unglückliche Gefangene dieses Kerkers war und das mehr einem Skelett glich als einem lebenden Wesen, das Mädchen bei deren Eintritt erschreckt an, und indem sich in jedem ihrer Züge die furchtbarste Angst ausprägte, stöhnte sie, mit Anstrengung die von Eisenketten beschwerten Arme gegen Lily ausstreckend:
,3ch will still sein! Ich will still fein! O, schlagen Sie mich nicht, schlagen Sie mich nicht!"
„Ach, Sie Aermste!" antwortete Lily sanft. .Ich werde Ihnen kein Leid zufügen!"
Eine unsagbare Veränderung ging in den Mienen der Gefesselten vor.
„Sie sind ein Engel des Himmels!" flüsterte sie matt.
„Ein Engel!" wiederholte Lily schmerzlich. „Ach, ich bin nichts, als wie Sie selbst, eine unglückliche Gefangene!"
»Noch eins seiner Opfer?" fragte die Andere schaudernd.
„Seiner Opfer? wiederholte Lily. „gßeffen Gefangene sind denn Sie? Von wem sprechen Sie?" fragte sie fieber, haft erregt. '
»Von Harold Colville!" antwortete die unglückliche Be» wohuerin dieses Raumes mit einem neuen Schauder.
»Von Harold Colville?" sprach Lily nach. „So sind auch Sie fein Opfer gleich mir?"
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Ausland.
Paris, 24. Jan. Nach der „Agence Havas" au» «onbon zugehenden Meldungen stimmten bie Mächte ber Aufforderung Rußlands zum Austausche ihrer Ansichten über die bulgarische Frage zu. England allein machte einen Vorbehalt über bie Reihenfolge ber zu behandelnden Fragen. Es sei bafur, in erster Reihe die Frage ber Fürstenwahl regeln, während Rußland vor allem den Rücktritt ber gegenwärtigen Regierung verlange. — Das „Avenir Mili- tarre gelangt in seinem heutigen Aufsätze über „die Neubewaffnung der Infanterie" zu folgendem Schluffe: „Begnügen wir uns einstweilen damit, wie die Deutschen schnell und mit wenig Kosten bie vorhandenen Waffen verbessern, lassen wir bie Frage des Repetirgewehrs mit verkleinertem Kaliber erst reif werden; wir werden später darauf zurückkommen, wenn die Versuche mit ben verschiedenen Systemen zu klaren Ergebniffen geführt haben und wir auf eine Periode längeren Friedens rechnen können." Die Begründung dieses Gedankens, baß die vier bis fünf mal billigere Vervollkommnung des jetzigen Gras-Gewehres (llnim Kaliber) durch Hinzufügung eines Magazins der Einführung des Repetirgewehrcs Gras-Lcbel (8mm Kaliber) ooräusteljen fei, ist in mancher Beziehung interessant. „Avenir Mtlttatre macht geltend, daß Boulanger vielleicht
»Sein Opfer, ja!" lautete die leise, bittere Aniwort. »34 bin Fanny Colville, Harold Colvilles rechtmäßige Gattin! Vor vier Jahren wurde ich ihm angetrant!" B 9 . »Allmächtiger Gott, ist es möglich?" rief Lily anf- springend, entsetzt ans. „Seine Gattin! Und Sie sind hier in diesem schrecklichen Kerker?"
„Der Elende wurde meiner überdrüssig," entgegnete die arme Frnuiy mit glühenden Augen. „Wider den Willen meiner Mutter war ich Harold, den ich i amals blindlings hiswus gefolgt. Er heiratete mich und ich versteckte den Trauschein, den der Priester mir gab. Ein Sagr lang kannte mein Glück keine Grenzen, aber schnell foUte es in Trümmer zerfallen. Ohne daß ich eine Ahnung baten batte, ward mein Gatte meiner überdrüssig und brachte «!Zn2ierj!.er‘ ®r versuchte mir einzureden, daß unsere kirchliche Trauung eine Komödie gewesen fei und verlangte k^F^^in von mir. Allein ich war nicht so thöricht; ich hatte den Schein um Alles in der Welt nicht bergegeben. ®olülHe raste und tobte und verließ mich wie ein Wahn- finniger. Er dingte die Leverets, um mich und mein Kind zn toten. Und die Barbaren nahmen mir mein Kind; — td) sah eS niemals wieder. Später wollten sie mich glauben ÄL'8, A «Horben; ich «der wußte es besser; sie haben das Kind getötet Aber sie waren nicht nnbarmhei zig genug, amb meinem Leben ein Ende zu machen, und ihre Grau- sEkett trieb mich zur Raserei. In diesem Zustande brachten die Elenden mich in dies Verlies, wo ich nun bereits zwei lange Jahre zubringe, um eines langsamen Hungertodes zu sterben. Meinen Gatten sah ich niemals wieder. Er glaubt E tot; — er bezahlte die Leverets, daß sie mich töten sollten, aber die Elenden, anstatt mir den Gnadenstoß zu geben, lassen sie mich langsam hier verschmachten. • Und, a<b, es währt so lange, bis die Erlösung von diesen Martern mir vaht!"
«,Sh"ne”RblWm Mitleid blickte Lily auf die verfallene Gestatt vor stch.
(FortfetznngRfolgt.)