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Marburg, Dienstag, 25. Januar 1887.

XXII Jahrgang

WerMchk Jiitnng

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntaasblatt.

__Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und «erlag von Joh. Aug. Loch. ö

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Deutsches Reich.

Berlin, 22. Jan. Ter Kaiser empfing vormittags den Herzog von Ujest, sowie mehrere militärische Meldungen, nahm dann den Vortrag des Mililärbabinetts entgegen und konferierte hierauf mit dem Reichskanzler. Aus Anlaß einer Kollektiv»Eingabe von Lehrern hat sich der Kultusminister in^ einem Erlasse vom 12. d. MtS. dahin ausgesprochen:schließlich kann ich nicht unbemerkt lassen, daß Kollektiv-Vorstellungen, wie die von Ihnen und Ihren Amtsgenossen eingereichte, nicht die geeignete Form für Wünsche bilden, welche Sie den Ihnen vorgesetzten Be­hörden auszusprechen haben. Es ist dem einzelnen Beamten oder Lehrer nicht verwehrt, Anträge oder Wünsche, welche seine persönlichen oder seine dienstlichen Verhältnisse an­gehen, der ihm übergeordneten Behörde vorzutragen, und er darf der eingehendsten Prüfung derselben gewiß sein; aber es muß den Eindruck seiner Vorstellung schwächen und den sachlichen Charakter derselben vermindern, wenn er durch Heranziehung einer größeren Zahl von Amts­genossen den Weg der Agitation beschreitet. Das Ab­geordnetenhaus wird alsbald seinen Schwerpunkt in die Kommissionen verlegen. Wenn die ersten Lesungen vor­über sind und die Kommissionen Beschäftigung haben, dürfte der Vorbereitung der Wahlen wegen eine längere Pause in den Sitzungen des Hauses eintreten. Gegen­wärtig zählt die konservative Fraktion de» Abgeordneten­hauses 129 Mitglieder, das Zentrum 100 (eingeschlossen drei Hospitanten); die nationalliberale Fraktion 67; die freikonservative 64 Mitglieder; die deulschfreisinnige Pattei 40, die Fraktion der Polen 14 Mitglieder. Bei keiner Fraktion befinden sich 14 Mitglieder die Abgg. Berger (Witten), von Bötticher, Cremer (Teltow), Freiherr von Eckardstein, Hörlück, von Köller, Lassen, Dr. LotichiuS, Dr. Lucius (Greifswald), Maybach, von Meyer (Arnswalde), Schnatsmeier, Sommer uno Spielberg. Erledigt sind fünf Mandate (Baseler, Kantak, Ludowieg, Dirichlet, Schmidt-Stettin). Die kirchenpolitischen Verhandlungen mit der Kurie sollen jetzt thunlichst beschleunigt werden, damit der Gesetzentwurf dem Landtage noch vor den Wahlen zugehen kann. An gut unterrichteter Stelle hält man es für möglich, daß er Anfang Februar erscheint. Die dem Herrenhaus nunmehr zugegangene Kreisordnung für

Die Geister der Finsternis.

Roman aus dem Amerikanisch, n von A. Bayard.

_. , , (Fortsetzung.)

Sie hatte nie an etwas Ueveinatürliches geglaubt, aber diese Laute, welche sie vernommen hatte, was aber be deuteten sie?

Beruhte die Geistergeschichte der alten Molly aber aus Thatsacheu?

Nein, nein/ wehrte sie ungeduldig diesen Gedanken ab. Es ist nichts Ueberuatürliches. Irgend ein aimrs Wesen, welches ein noch elenderes Dasein fristet, als ich, befindet sich in irgend einem Gelaß dieses Hauses emgekettert und die Spukgeschichte erzählte mir die alte M lly, um mir Furcht eiuzuflößen und die Wahrheit vor mir geheim zu halten I*

Während sie, über ihre Entdeckung nachsinnend, das Gemach hastig durchkreuzte, fiel ihr Blick mit einem Male forschender auf den Teppich zu ihren Fußen.

Allem Anschein nach war er am Abend vorher in Eile über den Fußboden ausgebreitet worden, denn er lag schlecht und unordentlich. In ihrem früheren Zimmer hatte sich kein Teppich befunden. Was also konnte die alte Molly veranlaßt haben, j-tzt in diesem Gemach einen solchen aus- zubr eiten?

Sonderbar/ dachte sie für sich.Wenn der Teppich den Zweck hätte, Etwas zu verbergen?*

Sie dlickie vorsorglich durch das Schlüsselloch auf den Konidoi hinaus, fürchtend, daß die Argusaugen ihrer Wächter ihr Thun beobachten könnten.

Loch Niemand befand sich auf dem Gange draußen. Also nicht gezögert!

Mit zitternden Händen den Teppich an der einen Ecke erfassend, schlug sie ihn bis zur Hälfte zurück.

Im selben Moment hätte sich fast ein Schrei des

die Rheinprovinz lehnt sich ganz eng an das, im vorigen Jahre beschlossene gleiche Gesetz für Westphalen an. Der Entwurf ist in der Hauptsache durch die Verhandlungen des Provinziallandtages bereits bekannt. Wie dieNat- Ztg." positiv erfährt, ist die Nachricht bezüglich des Er- lasies eines Pferdeausfuhrverbots zutreffend. Dasselbe wird auf die festgestellte Thatsache zurückgeführ:, daß von französischer Seite Pferdeankäufe von außergewöhnlicher und Bedenken erregender Höhe gemacht worden sind. Gegenüber der von regierungsfeindlicher Seite gebrachten Nachricht, daß die Antwort, welche Se. Majestät der Kaiser der Deputation des Herrenhauses gegeben hat, einfach nach bester Erinnerung niedergeschrieben worden sei, so daß der Wiedergabe der kaiserlichen Antwort ein authentischer Wert nicht beigelegt werden könnte ist diePost" in der Lage, nach Erkundigungen, welche dieselbe bei den Mitgliedern der Deputation des Herrenhauses eingezogen hat, zu er­klären, daß die Veröffentlichung des Wortlautes der kaiser- lichen Antwort mit Allerhöchster Genehmigung erfolgt ist, nachdem die Richtigkeit derselben von Sr. Majestät Aller­höchstselbst festgestellt worden war.

DieStaatsbürger-Zeitung" schreibt: Ein Kaiser- wort! Bei Ueberreichung der Adreste des preußischen Herren­hauses hat der Deutsche Kaiser eine Antwort erteilt, die wohl dazu angethan ist, zur Kenntnis Aller zu gelangen, die ein Herz für Kaiser und Reich haben; dieselbe lautet: So der oberste Kriegsherr der deulschen Armee, dessen weiser Fürsorge für das Heerwesen es zu verdanken ist, daß Preußen an der Spitze des Deutschen Reiches steht, das heute die hervorragendste Stellung unter den Welt­mächten eingenommen hat. Noch ist es frisch in Aller Erinnerung, daß derselbe Monarch, seine Zeit erkennend, eine neue Organisation der preußischen Armee schuf; aber damals wie heute hatte er mit einer Opposition zu kämpfen, die sich weiser dünkte als der Kriegsherr und seine be­währten Räte. Die Frage, auf wessen Seite das Recht war, ist durch das Schwert entschieden worden, so scharf und schneidig, daß die Opposition selber ihr Unrecht be­kennen mußte, daß sie selber zugeben mußte, daß das Vaterland dem Monarchen zum höchsten Danke verpflichtet sei. Was im Anfänge der sechziger Jahre ein vielleicht verzeihlicher Irrtum war, ist heute vollständig unerklärlich und um so unverzeihlicher, als ein Teil der gegenwärtigen Opposition aus denselben Männern besteht, die damals das große Wort führten, die damals von dem Großmachtskitzel sprachen, den man Preußen austreiben müsse. Sollte ihnen nicht die Schamröte ins Gesicht steigen bei den Worten des in seinem neunzigsten Lebensjahre stehenden greisen Monarchen, deffen Pflichttreue, in welcher er sich als den ersten Diener des Staats betrachtet, über jeden Zweifel erhaben steht? Vielleicht macht man uns den Vorwurf, daß wir, von der konstitutionellen Form ab­weichend den Namen des Monarchen in die öffentliche Tc.ump^es tl)iui Lappen ennungen. Ihr Bemühen wurde retaillcher btloont, als wie sie es erwartet hatte.

Der T.ppich verdeckte zur Mitte des Zimmers eineFall- thür und ganz unverkennvar war dieselbe erst kürzlich be­nutzt worden, denn sie war vollständig frei von Staub.

Noch einmal lauschte sie atemlos. Nichts ließ sich vernehmen.

Ihren ganzen Mut zusammenfaffend, drückte sie hastig auf die Feder. Die Fallthür glitt leicht zurück und dem erstaunte» Blick LilyS zeigte sich jetzt eine lange, enge Wendeltreppe.

Düster und schwarz gähnte ihr die Tiefe entgegen und mit einem Schauder des Entsetzens schob Lily die Fallthür schnell in ihre» vorigen Platz zurück und ordnete sorgfältig de» Teppich. Zu Weiterem hätte ihre Kraft Nicht mehr hingereicht; zitternd vor Aufregung brach sie gleichsam zu­sammen.

Ohne Zweifel führt die Wendeltreppe nach dem Ge­fängnis des armen gefeffeiten Gefangenen," flüsterte sie, nachdem sie sich wieder gefaßt hatte, vor sich hin.Des Gefangenen? Welches beklagenswerte Wesen mag es fein, welches die Unmenschen in diesem schauerlichen Verlies ge­fangen halten? Wer ist dies andere unglückliche Opfer dieser Schurken, die auch mich hier gewaltsam eingekerkett hallen?*

Sie trat an das Fenster nnd spähte durch das Eisen­gitter vor demselben ins Freie hinaus. Die Sonne schien goldig vom azurblauen Himmel herab; der alte, verwahrloste ©arten war von dem Rege» der letzten Nacht erfrischt worden und bot den Anblick sprießenden Lebens.

Mit einem herzbrechenden Seufzer atmete das schöne, einfame Mädchen hinter den Eisengittern den würzigen Dust ein, der zu ihrem Fenster herauf stieg.

Glück, Sonnenschein und die ganze lleppigkeit des Sommers

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Diskussion ziehen. Nun, wir meinen, daß das deutsche Volk einer konstitutionellen Form noch sehr fern siebt nach "sicher man ben Landesfürsten zum Schatten eines Fürsten degradiert. Das deutsche Volk will einen wirklichen Kaiser dem es, seiner Kraft und Willensstärke vertrauend' emporblickt Und was den Kaiser Wilhelm betrifft, so hat K w°hl niemals daran gedacht, die Unverantwortlich, keit, welche ihm die Verfassung zuspricht, für sich in Anspruch *u ro^t et ^/khelm ist sich seiner hohen Verant- ?^AEnt Gvtt und feinem Volke gegenüber stets derart bewußt gewesen, daß er dieselbe zur Richtschnur seines ,.un\ thatenreichen Lebens gemacht hat. Die Opposition sollte sich darum auch, und zwar gerade in biefetn Falle, nicht damit entschuldigen, daß sie nur das Vorgehen des Reichskanzlers bekämpfe Diese Verschleierung der Thatsacheu ist zu durchsichtig, um noch irgend welchen Irrtum aufkommen zu lassen.

Prinz Alexander von Batten­berg ist gestern abend von Darmstadt kommend hier ein- getroffen. Unter der hiesigen Studentenschaft ist ein llntrag folgenden Inhalts verbreitet worden:Der Ausschuß ft eine Studentenversammlung berufen behufs Beschlußfassung über eine an Kaiser Wilhelm bei Geleqen- beit von dessen 90;ahngem Geburtstage von Seiten der gesamten Studentenschaft Deutschlands zu richtende Adresse zu der die Anregung von der Kaiser-Wilhelms.Universität Straßburg auszugehen haben würde." Der Antrag hat schon sehr viele Unterschriften aufzuweifen. 9 9

Ausland.

- 221 3-an- Zu dem heutigen Ministerrate

wurde beschossen, auf das von dem Finanzminister Dauphin vorgelegte Budget zu verzichten und den Budgetentwurf Kommission anzunehmen, wonach zur Bedeckung des Defizit» öiahrlge Schatzscheine ausgegeben werden sollen. Die Krisis ist hierdurch gehoben.

^- Jan- Der Führer der Konservativen, Fontes Pereira Mello ist gestorben.

Loudon, 22. Jan. DieMorningpost" meint, wenn ""Eich friedliche Absichten habe, wie seine Leiter und Presse vorgeben, könnte es Europa leicht einen un- oertennbaren Beweis hierfür geben. Friedliche Erklärungen allein hatten keinen praktischen Nutzen, wenn große Opfer gebracht wurden, um ganze Armeekorps zu Versuchszwecken zu mobilisieren, wenn jedes Arsenal und jede Fabrik Tag und Nacht an der Herstellung von Repetiergewehren ar­beiten, wenn hölzerne Baracken an der deutschen Grenze gebaut und die Festungen mit Explostvgranaten versehen wurden. Falls Frankreich aufrichtig den Frieden wünsche, sei es die erste Pflicht seiner Regierung, diese KriegSvor- bereltungen hinauszuschieben, welche notwendig Argwohn und Mißtrauen in jeder europäischen Hauptstadt erwecken außerhalb dieser Gefängntsmauecn und hier innen ? Verzweiflung, vielleicht gar Wahnsinn l 9

Wahnsinn! Ihre ganze Energie rief dieser Gedanke in der Seele des mutigen Mädchens wach.

Ich werde heute Nacht, wenn Alles im tiefsten Schlafe k EFk- die Wendeltreppe hinadsteigen und das Gefängnis erforschen,* sprach sie entschlossen zu sich selbst.Vielleicht gelingt es mir, die arme Gefangene aufzufinden. Gleichviel, welche schreckliche Entdeckung meiner wartet. Wer, wie ich. lebend eine Nacht in der Gesellschaft von Toten verbracht hat, wird auch ben Anblick eines leidenden, lebenden Wesens zu ertragen im Stande sein. 1

«.Ärschen neigte sich der Tag mehr und mehr «ud endlich brach der Abend voll herein.

Die alte Molly kam mit dem Abendbrot, doch Lily konnte kaum essen; ganz und gar erfüllte sie der Gedanke an das ihr bevorstehende Abenteuer.

Ich hoffe, Sie werden heute Nacht keinen zweiten Flucht, versuch machen,* sprach die Alle spöttisch, als sie wieder abraumte.Sehen Sie sich vor, der alle Nero ist auf der Lauer!*

Lily antwortete auf diese höhnische Rede nicht.

Sie dachte an nichts Anderes, als an die Entdeckungen, welche ihr diese Nacht bringen mußte.

Und sie sollte lange zu warten haben, ehe endlich ihre Wachter schlafen gingen. Wie sie vermutet hatte, galt Mollvs letzter Gang ihrem Zimmer.

Hastig warf sie sich auf ihr Bett nieder, zog die Decke Uber sich und stellte sich schlafend. Das Schloß knarrte und die Alle steckte ihr höhnisches Gesicht durch die Thür- fpalte herein. Das Mädchen, welches sie bewachte, schlafend wähnend, zog sie sich wieder zurück, drehte sorgsam den Schluffel um und suchte beruhigt ihr eigenes Lager auf.

(Fortsetzung folgt)