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Rr. 19

Marburg, Sonntag, 23. Januar 1887.

WerMche jritung

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Lmmtaqsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch. O

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- WonnementS-Preis bei der Expedition 2>/4 Mk.. bei ben Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnscrtionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg, Äellamen für die Zeile 25 Pfg.

Die Geister der Finsternis.

Roman auS dem Amerikanischen von A. Bayard.

(Fortsetzung.)

Der letzte Rest von Kraft versagte dem unglücklichen Mädchen; ihre Hände ließen nach und mit einem dumpfen Schrei fiel sie nieder auf den dunklen Erdboden. Noch hörte sie das Freudengeheul, welches der Hund ausstieß, und fühlte seinen heißen Atem, dann verließ sie die Besinnung.

Doch in demselben Augenblick riß eine kräftige Hand den Hund zurück, während die alte Molly sich über die ohnmächtige Li!y beugte. Der alte Peter, welcher den Hund inzwischen in Sicherheit gebracht hatte, kam jetzt hinzu und Beide trugen die Besinnungslose in ihr Zimmer und legten sie auf das Bett nieder.

Wie eine Tote lag sie da. Die alte Molly untersuchte sie prüfend, aber sie konnte keine Verletzung entdecken.

Besorgt um das kostbare Leben ihrer Gefangenen wandte die Alte alle Mittel an, um das Mädchen ihrer Ohnmacht zu entreißen. Und endlich stahl sich ein schwacher At mzug über Lilys blasse Lippen.

„Wo bin ich?" stöhnte fie. „Was ist vorgefallen? O, mein Himmel I

Die Erinnerung kam ihr und ein Schauder durchschüttelte fie. Mit einem Seufzer sank sie in ihre Kissen zurück; mit Allgewalt kam die Hilflosigkeit ihrer Lage über sie.

So lag fie halb ohnmächttg und beachtete es nickt, wie die alte Molly das Zimmer verließ; erst als dieselbe nach Verlauf einer halben Stunde an ihr Lager t at und ihr gebot, aufzustehen und ihr in ein anderes Zimmer zu folgen, wo keine lockeren Eisenstaugen am Fenster ihr ein Mittel zur Flucht bieten würde», wie die Frau bosbatt bemeikte, da schrak fie hefttg zusammen. Doch das Nutzlose eines Widerstandes erkennend, erhob fie sich mühsam und folgte

Deutsches «eich.

Berlin, 21. Jan. Ter Kaiser nahm heute vor­mittag mehrere kurze Vorträge, sowie die Meldung des Generals von Hahnke entgegen, konferierte mit dem Geh. Kabinettsrat von WilmowSki, empfing nachmittags den russischen Botschafter Grafen Schuwaloff und machte dar­auf eine Spazierfahrt. — Nachdem die Berichte eine Pferdeausfuhr aus Mecklenburg von einigen Tausend Pferden und eine solche aus Westfalen, ebenfalls von be­trächtlichem Umfange, ergeben haben, wird ein Antrag auf Erlaß eines Ausfuhrverbots von dem Kaiser dem Bundes­rate unterbreitet werden und in der in der nächsten Woche stattfindenden Sitzung des letzteren zur Verhandlung kommen. — Eine Versammlung von Vertrauensmännern der drei nationalen Parteien Hierselbst setzte gestern ein Zentral-Wahlkomitee nieder. Als Vorsitzende wurden ge­wählt: von Monteton (konservativ), Kyllmann (natllib.', Zedlitz (freikons). Als Kandidaten wurden einstimmig vorgeschlagen: für den ersten Wahlkreis von Levetzow, für den vierten Bödiker (natllib), für den fünften Cremer und für den sechsten Holtz (freikons.) — Der Bundesrat hielt unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staatssekretärs des Innern von Bötticher, eine Plenarsitzung ab. In derselben wurde dem Entwurf eines Gesetzes für Elsaß- Lothringen über die Rechtsverhältnisse der Beamten und Lehrer, sowie dem Gesetzentwurf über die Feststellung des Landeshaushalts-Etats von Elsaß-Lothringen für 1887/88 die Zustimmung erteilt und beschlossen, bezüglich der Rech­nung der Kasse der preußischen Ober - Rechnungskammer für das Etatsjahr 1884 85, soweit sie den Rechnungshof des Deutschen Reichs betrifft, die Entlastung zu erteilen. Der Entwurf eines Gesetzes für Elsaß-Lothringen, betr. das Gnadenquartal, und der Antrag Badens, betreffend die Aenderung der Statuten der Badischen Bank, wurden den zuständigen Ausschüffen überwiesen. Seitens des Aus­schusses für Rechnungswesen wurde über die Denkschrift wegen Ausführung der seit dem Jahre 1875 erlassenen Anleihegesetze und den zu derselben gefaßten Beschluß des Reichstages Bericht erstattet. — Die vereinigten Aus­schüsse des Bundesrats für Justizwesen und für Rech­nungswesen hielten eine Sitzung.

— Als eine „deutsche Stimme aus dem Auslande" bringt der „Hamb. Korresp." Folgendes: „Die Gesamt­zahl aller Deutschen auf der Erde wird auf mehr als 70 Millionen angegeben. Hiervon leben mehr als 40 Milli­onen innerhalb Grenzen des Deutschen Reiches, über 20 Millionen außerhalb desselben in Europa, hauptsächlich in Oesterreich, Ungarn, Holland, Belgien, in der Schweiz und Rußland, und mehr als 5 Millionen in den übrigen Erd­teilen. Es ist richtig, daß nur ein sehr kleiner Bruchteil der Deutschen im Auslande die deutsche Reichsangehörig­keit und hiermit das polittsche Stimmrecht besitzt. Allein

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Buremrx von Haasensteiu undBogler in Frankfurt a. 8t., Enffek, Magdeburg und %nt; Rudolf Moffe in Frankfurt ♦ a. M., Berlin.München und

Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. SR,, Berlin, Hannover u. Paris

■ Bischofswahl beschlossene und dem Ministerium übersandte : Vorschlags ,ste enthalt der Köln. Ztg." zufolge nachstehende Namen: Ehrendomherr Bannerth in Tost; Weihbischof Gleich; Bischof Haffner in Mainz; Ehrendomher? Groß! Dechant von Glatz; Hoffmann in Neurode; Dompropst l" Ä’' Bischof Kopp in Fulda; Pfarrer to Deutschpiekar; Pfarrer Nippel in Neustadt, Erzabt Wolter in Seckau. '

Siege«, 20. Jan. Auch hier tritt die Wahlbe­wegung langsam m Gang und wird wahrscheinlich große Wühlereien mit sich bringen, denn ein Kompromiß seitens der Nationalliberalen und Konservativen scheint leider hier nicht zustande zu kommen, und so wird jede Partei für sich an einem eigenen Kandidaten festhalten, der letzte» Vorstandssitzung des nationalliberalen Wahlvereins wurde einstimmig beschlosien, von der Wiederwahl des Herrn Stocker abzusehen und einen eigenen nationalliberalen Kandidaten aufzustellen, während die Konservativen an bisherigen Vertreter im Reichstage festhalten wollen.

Anstatt daß nun diesmal bei der überaus ernsten Jeit die beiden regierungsfreundlichen Parteien Hand in Hand gehen sollten, um im ersten Wahlgange mit großer Mehr- hett nnen Vertreter durchzubringen, der für die unge­schmälerte Erhaltung der Wehrkraft unseres Reiches stimmen wurde, geht man hier mit der Aufstellung mehrerer Kandi- daten um. Auch der Fortschritt will selbstverständlich es nicht unversucht lassen, seinen eigenen Kandidaten mit m-x $‘er durchzubringen, was wohl ver­

gebliche Muhe sein wird. Aber dennoch erregt die Auf­stellung mehrerer Kandidaten seitens der staatserhaltenden Parteien Bedenken, und so wäre doch dringend zu raten, der Mehrheit anzuschließen und dann geschlossen zur Wahlurne zu schreiten, damit den andern Parteien vorab die Krone abgebrochen würde und das patriotische Sieaer- land auch als solches sich wieder bewähre.

20- Jan. Für den Wahlkreis Bielefeld- Wiedenbruck haben sich Konservative, Freikonservative und Nationalliberale auf Grund des Wahlkartells zusammen- gethan, um ihre Stimmen auf einen Kandidaten zu ver- einl en, über deffen Person indeffen noch nichts verlautet Man versucht einen Kandidaten aufzustellen, der auch ultramontane Stimmen zu erhalten vermag, was bei der Verzwicktheit der hiesigen Verhältnisse uud bei dem statt­gehabten Kompromiß zwischen obigen Parteien bei der letzten Reichstagswahl nicht unmöglich ist. Von freisinniger Seite ist man über den Kandidaten noch nicht im klaren.

Dresden, 20 Jan. Von der patriotischen Bewe­gung, die seit Auflösung des Reichstags namentlich in den kleineren Ortschaften des Königreichs Sachsen sich äußert vermögen die öffentlichen Kundgebungen nur einen schwachen Abglanz zu geben. Es ist schade, daß Herr Eugen Richter nicht die unfreiwillige Muße bis zum nächsten Reichstag froh, baß Sie dmch mate erschreckt wurde», denn matt sagt, eS spuke in diesem Zimmer. Eine Frau starb hier unb »un soll fie jede Nackt wiederkommen, die Hände ringend und stöhnend. Ich selbst habe sie weder gesehen, noch gehört, doch wer weiß, wie viel wahres an dieser Ge- sp-nüergeschichte ist!« schloß die Sprecherin grinsend.

Die Stunden verrannen mit entsetzlicher Langsamkeit für das verwöhne, junge Mädchen, das bisher alle Freuden des Lebens genossen hatte, welche Reichtum seinen bevorzugten Lieblinge» zu biete» vermag.

So wurde es endlich Mittag und Molly kam mit dem Mittagessen, aber Lily berührte die Speise» kaum; die druckende Hitze der Jahreszeit und ihre aufreibenden Ge­danken machten die Arme halb krank und raubten ihr allen Appetit.

„Nimm uur alles wieder fort, Molly«, sagte fie nach einer kleinen Pause gleichgültig. „Ich empfinde keinen Hunger.«

Schweigend gehorchte die Alte und entfernte sich.

Ungeduldig durchschritt Lily ihr Gefängnis, mit Entsetzen und Schrecken an ihren Fluchtversuch zurückdcnkend.

„Der Tod wird mein Los sein,« dachte fie verzweifelnd. „Aus diesem Hause rettet mich nichts. Soll ich denn sterben, so sei eS, aber nicht durch diesen Bluthund l«

So weit war fie eben in ihren Gedanken gelangt, als ein schauerlicher Laut jetzt das Blut tu ihren Adern er- starren ließ.

,. Da — jetzt wieder ertönte deutlich ein Geräusch wie von schweren Ketten, vermischt mit dem Wehklagen einer mensch­lichen Stimme. Wie eS ihr vorkam, erschollen die Laute dicht unter dem Zimmer, in welchem sie sich befand.

Eine unsägliche Furcht erfaßte die Aermste, und jede« Haar auf ihrem Haupte schien sich vor Entsetzen zu sträuben.

(Fortsetzung folgt.)

dieser Umstand verhindert nicht, daß alle die zahlreichen Deutschen im Auslande, Reichsangehörige oder nicht, mit lebendiger, wohlwollender, erfreulicher Teilnahme der inneren politischen Entwickelung des mächtigen staatlichen Trägers ihrer Nation in allen wichtigen Ereignissen folgen. Nicht allen, sondern nur den bedeutsameren Vorgängen, und das ist begreiflich. Denkt man sich die Staatengebilde der Erde als Schiffe auf hoher See, im Wettbewerbe vorwärts steuernd, so gleichen die Deutschen im Auslande Leuten, welche auf einem anderen Schiffe Platz gefunden haben und ihr eigenes nationales Schiff nun aus der Ferne beobachten können. Es entgehen ihnen die kleinen unbedeutenden Vor- kommnisien im Innern ihres nationalen, des deutschen Schiffes. Statt deffen erkennen sie von ihrem günstigem Standpunkt außerhalb leichter und klarer die Straße, die Steuerung, das Ziel ihres Schiffes, und ihr Urteil wird noch gestärkt durch dasjenige, welches sie um sich von fremder, nichtdeutscher Seite vernehmen. Mit einer Auf­merksamkeit, wie sie in Deutschland selbst nicht größer ge­wesen sein konnte, sind die Deutschen im Auslande insbe­sondere in Oesterreich, den jüngsten Reden und Thaten des deutschen Kanzlers gefolgt. Er, der das deutsche Schiff flott gemacht, fest gefügt und glücklich vorwärts gebracht hat, er verlangt die weitere bessere Ausrüstung desselben auf sieben Jahre, und der Reichstag besteht darauf, diese Ausrüstung nur auf drei Jahre zu bewilligen. Weshalb? Damit das Ansehen und die Macht der Volksvertretung nicht geschwächt, das konstitutionelle Prinzip nicht geschä­digt werde. Vielleicht hat diese Anschauung aufrichtige Anhänger in dem ehrlichen Deutschland. Allein die Deutschen im Auslande, besonders in Oesterreich-Ungarn, Frankreich Nordamerika rc., haben die vielfachen und verderblichen Schäden einer konstitutionell-parlamentarischen Regierung und Verwaltung viel zu gut kennen gelernt, um das Prinzip derselben so hoch stellen zu können, daß ihm zu Liebe das Vaterland in Unruhe versetzt werden dürfte. Zudem besteht ja nirgends die Meinung, daß der Deutsche Reichstag den deutschen Kanzler stürzen will oder stürzen kann. Und so wird es den Deutschen im Auslande, wie dem Auslande überhaupt, nicht leicht, die Abstimmung der deutschen Reichs­tagsmehrheit gegen den Kanzler zu verstehen Man fragt stch vergebens, woraus diese Gegnerschaft besteht, und was sie will. Könnten die Deutschen im Auslande Teil nehmen an den bevorstehenden Wahlkämpfen im Deutschen Reiche, sie würden mit einer an Einstimmigkeit grenzenden Mehr­heit ihr volles Vertrauen dem Manne erteilen, welcher ihre Nation zur mächtigsten und angesehensten auf der Erde gemacht hat. Die Deutschen im Auslande kennen keine Parteiunterschiede und keine Parteiinteressen, sie 6t Iben nur eine, die deutsche Partei, und sie wünschen den Sieg der nationalen Sache, wie sie Fürst Bismarck vertritt."

Bposla«, 20. Jan. Die vom Domkapitel für die

der Allen Durch einen lang n, bunfuu esjji.g m ein nur matt erleuchtetes Zimmer, dessen Tyür M . L miet sorg­fältig hinter der Eiugetreteuen adschloß unb bi- fe allein ließ.

Einen Augenblick blieb Lily in bet Milte des Raumes stehen und sah mit einem Heizen voller Kummer und Ent­rüstung um sich.

„ Sie befand sich in einem ärmlich ausgestatteten Zimmer, ähnlich demjenigen, welches fie so den verlassen hatte. Das Fenster war dicht vergittert und Alles in dem Gemach stieß mehr ab, als daß es anheimelte.

Aufgeregt, wie Lily sich fühlte, waif sie sich angekleidet auf das weiß überzogene L'ger nieder und verfiel alsbald in einen tiefen, unruhigen Schlaf.

Es mochte weit über die Mitternachtstunde sein, als heftige Donnerschläge unb gegen bie Scheibe prasselnder Regen fie weckt n.

Ein heftiges Gewitter war ausgebrocheu und Lily horchte fmcktsam auf das Toben der Elemente. Da, momentan verstummte das Rolle» des Sonne 8 unb das Wüten des Sturmes unb in demselben Augenblick glaubte Lily ein Stöhnen vernommen zu haben. Heftig zitternd richtete sie sick auf. Sie horchte wieder nnd wieder, allein der Laut ließ fich nicht mehr vernehmen. Die ausgestandenen Auf­regung. h mußt n es mache», daß sie aufs Neue in Scklaf verfiel. Die Sonne strahlte schon hoch vomHimml, als sie erwacht-, und ihr erster Blick traf die alte Molly, welche vor ihrem Lager stand.

„Wurden Sie durch Nichts g-stört während der Nackt?« fra4>- die Alte, das junge Mädchen unter ihren langen, stinpvigen Augenbrauen hervor scharf musternd.

„Das Gewitter weckte mich«, antwort.te Lily ruhig, „und einmal glaubte ich ein menschlich S Stöhnen zu hören, aber bald Überz-ugte ich mich, daß es nur der Wmd war, ,

ber flagenb durch bie Bäikme sauste.«

»Wohl möglich«, versetzte die alte Molly. ,Jv bin *