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Marburg, Sonnabend, 22. Januar 1887.
XXII Jahrgang
- Illustriertes Sonntagsblatt.
gab ihr den verlorenen Mut
flüsterte sie erregt vor sich hin. der mich ans diesem schrcck-
„Ja, ich muß entflieheni* »Ich muß einen 28-g finden, lichen Gefängnis befreit!“
S e gedachte an alles Gehörte und Gelesene von fliehenden Gefangenen; fie erinnerte sich, von einem Manne gelesen zu haben, welche das Bettuch iu Streifen zerriß, einen Strick daraus bildete und mit deffen Hilfe entkam. Wenn
Die Geister der Finsternis.
Roman auS dem Amerikanischin von A. Ba yard.
(Fortsetzung.)
AthemloS stahl sie sich ans Fenster und entfernte die Etsenstange.
Eine Spalte entstand, welche gerade groß gevung war, um die zierliche Gestalt hindurchgleiten zu lassen. Sie faßte noch einmal an die anderen Stäbe, allein sie widei standen ihren Händen.
„Besäße ich nur einen Strick," dachte sie, „ich würde ihn au den Eisenstäben befestigen und auf diese Weise festen Boden zu gewinnen versuchen."
Leise das Fenster öffnend, streckte sie ihr<n Kopf vor, um zu sehen, ob dasselbe sehr hoch gelegen sei.
Ungefähr dreißig Fuß mochte die Höhe sein, von Der sie hiuablickte.
„Hätte ich nur einen Strick," flüsterte fie wiederholt vor sich hin, „ich würde meine Freiheit wiedererlangen! Meine Freiheit!"
Sie sank auf den alten Lehnsiflel nieder; der Gedanke au eine Wiedervereinigung mit den Ihrigen ließ ihr Herz schneller klopfen und übet mannte sie nahezu.
O, wie itbn ll die Strafe die Schuldigen, Mrs. Vanee
Zur Mobilmachung des preußischen Roten Kreuzes.
Unter dem Vorsitze Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin sand am 19. Januar im Königlichen Palais eine Sitzung des Hauptvorstandes des Vaterländischen Frauenvereins statt, in welcher die Tagesordnung der bevorstehenden Generalversammlung des Vereins zur Verhandlung kam. Neben dem Jahresbericht über die Vereins- thätigkeit wurde ein Vortrag über „ländliche Armenpflege" in Aussicht genommen. Denn die großartige, etwa 650 Vereine mit über 70000 Mitgliedern zählende Genossenschaft, bereit Vermögen sich auf drei und eine halbe Million Mark beläuft, widmet sich im Frieden unter dem Roten Kreuze fast ausschließlich der Wohlthätigkeil in den verschiedensten Gestalten. Ihre Generalversammlung ist von den jährlich wiederkehrenden Vereinigungen des deutschen Roten Kreuzes die bei weitem angesehenste, und wird von Delegierten aller Provinzen Preußens, sowie der Landes- Vereine anderer deutschen Staaten beschickt. Mit Rücksicht darauf wurde zugleich beschlossen, in der Generalversammlung eine Mitteilung über die Aufgaben zu machen, welche die vierte internationale Konferenz des Roten Kreuzes in diesem Jahre beschäftigen werden.
Diese Konferenz tritt diesmal wieder in Deutschland, und zwar in Karlsruhe (am 19. September er) zusammen, nachdem sie schon einmal, im Jahre 1869 in Berlin, mit recht günstigem Erfolg auf deutschem Boden getagt. ES ist wünschenswert, rechtzeitig das Interesse für ihre Arbeiten in den weitesten Kreisen bei uns anzuregen, denn sie betreffen die wichtigsten organisatorischen Fragen.
Eine solche organisatorische Frage, in welcher wir von den übrigen großen Nationen des Kontinents bereits überflügelt sind, wird hoffentlich im deutschen Roten Kreuz demnächst auch gelöst werden. Es ist der Anschluß der freiwilligen Krankenpflege in den Militär-Sanitätsdienst.
Eine patriotische Frau des Vaterländischen Frauen- Vereins, welche an der Spitze eines ostpreußischen Zweig- Vereins steht, hat durch ihre Vorschläge zur Vorbereitung der Frauensvereinsleistungen für den Mobilmachungsfall der freiwilligen Krankenpflege Anregung dazu gegeben, daß die Frage über die Organisierung dieser Leistungen ebenfalls auf die Tagesordnung der Generalversammlungen gesetzt worden ist.
Jene Vorschläge betrafen: die rechtzeitige Bereitstellung der Fonds zur Beschaffung der vorschriftsmäßigen Verbandmittel und Lazarettgegenstände; die einheitliche B> stimmung der Lieferungen und der Stellen, wohin sie zu leiten, vom Hauptvorstand aus; und die Bestreitung der Kosten für vorschriftsmäßige Ausbildung und Unterhalt von Pflegerinnen und Pflegern von Seiten der Vereine.
Bei Erörterung dieser für den Anschluß der freiwilligen Krankenpflege an den Militär - Sanitätsdienst höchst wich-
und Mr. Colville, treffen sollte! Jgr Atem ging fliegend; der G danke an die Freiheit und ihre Kraft zurück.
Fliehen!
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain
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tatwn des Herrenhauses und machte um 27, Uhr eine Spazierfahrt. Um 4 Uhr erscheint Staatssekretär Graf Herbert Blsmarck zum Vortrage. — Die „Nordd. Alla. Ztg. teilt mit: Gegenwärtig finden in Zabern, Romans- ™ller. ^nd im Breuschthale seitens französischer Holzhändler bedeutende Ankäufe von Brettern und Balken statt, welche von der französischen Regierung bestellt und zur Errichtung von Militärbaracken an der deutschen Grenze bestimmt sein sollen. Mit der Eisenbahn sind bereits von Romansweiler fünf Wagen nach Nancy und vier Wagen nach Verdun abgegangen, weitere Wagen sind zur Beladung bestellt; auch rn Roxheim und Oberehnheim finden gleiche Verla- dungen statt. Es kann hiernach keinem Zweifel unterliegen, daß Frankreich an der Grenze größere Truppenmassen zu- sammenzieht, als in den Festungen garnisvniren, resp. daselbst untergebracht werden können. — Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet: Die in Grootfontain in der Otowi-Gegend .Sudwestafrika) angesiedelten Boers sind auf ihren Antrag nach Genehmigung des Kaisers unter den Schutz des deutschen Reiches gestellt worden. — Die Feier des Krönungsund Ordensfestes wird am nächsten Sonntage in den Fest- raumen des hiesigen König!. Schlosses iu der herkömmlichen Welse feierlich begangen werden. Die Einladung für die neu zu dekorierenden Ritter lautet zu 97» Uhr und ver- sammeln sich dieselben in der ersten Braunschweigischen Kammer, während in der zweiten Braunschweigischen Kammer um 10 Uhr die Ordens-Verleihung stattfindet.'— Die als Zeugen zur Proklamation geladenen, älteren Ritter und Inhaber von Orden und Ehrenzeichen versammeln sich um 107» Uhr im Rittersaal, worauf daselbst gegen 11 Uhr die Ordens-Proklamation erfolgt, bei welcher die Königlichen Prinzen rechts vom Throne Platz nehmen. Nach Beendigung des Proklamations-Aktes begeben sich die Prinzen nach dem Kurfürsten-Zimmer und erwarten dort die Kaiser- lrchen Maiestäten und die Königlichen Prinzessinnen. Tie Hofstaaten und die Gefolge treten gegen 117< Uhr in der boifierten Galerie zusammen, während die zur Feier qela- denen, älteren Ritter und Inhaber, besonders die im Jahre 1886 dekorierten, sich um 117» Uhr in der Schloßkapelle versammeln. Die Majestäten, begleitet von den Königlichen Prinzen und Prinzessinnen, werden sich im Rittersaale die neuernannten Ritter des Roten Adler-Ordens, des Kronen- Ordens und des Hausordens von Hohenzollern vorstellen lassen, worauf dann von 117. bis 12 Uhr die Kour statt- findet, wobei die Prinzessinnen rechts, die Prinzen des Königlichen Hauses aber links vom Throne Aufstellung nehmen. Rach beendeter Kour begeben sich die Allerhöchsten und die Höchsten Herrschaften im geordneten Zuge nach dem Kömginnen-Gemach, werden dort von den Damen des Luisen-Ordens und des Verdienst-Kreuzes erwartet, welche stch den Damen des Gefolges anschließen, nachdem die Reudekonerten vorgestellt worden sind. Um 12 Uhr findet nung hindurch und das Seil krampfhaft sesthaltend, glitt sie an demselben abwärts. ' a
Da — horch!
2Bar das nicht ein Geräusch in den Büschen, als arbeite Pdjetnxrä durch dieselben? Ihr Herzschlag stand still, unbewußt wurde ihr Halt an dem Strick schwächer und schwächer- sie glitt tiefer und tiefer hinab, bis sie jetzt ganz deutlich unter sich auf dem Boden ein heftiges, kurzes Athmen vernahm.
Gepeinigt von Angst und Furcht, klammerte sie sich an b°s Seil, so fest sie konnte. Welche unerwartete Gefahr drängte sich zwischen sie und ihre Freiheit?
Da plötzlich, gleichsam als seien alle Geister der Finsternis aus ihren Höhlen im Erdgeschoß heraufbeschworen worden, durchdrang die tiefe Stille der Nacht ei» Laut welcher Lily das Blut in den Adern erstarren machte und alle Kraft des an dem haltlosen Seil zwischen Fenster und Boden schwebenden Mädchens lähmte bei dem schrecklichen Gedanken an das Schicksal, das ihrer harrte, ein Schicksal, gleich furchtbar, welches sie auch wählte: zurück in das entsetzliche Gefängnis, dem sie so weit bereits entronnen toar, oder hinab in den Rachen des nach seinem rettungslosen Opfer bereits gierig lechzenden, grausamen Bluthundes.
Zwischen Tod und Leben schwebend, vergingen Lily die Sekunden in namenlosem Entsetzen. Zweimal war sie dem sicheren Tode entronnen, um nun so zu enden! Schaudern ergriff sie. Schwächer und schwächer wurden ihre Hände mit denen fie das Sssl umklammert hielt und höher und höher stieg ihre Verzweiflung.
Da — plötzlich ertönte aus einem der oberen Fenster dn Wutschrei. Das Leveretsche Ehepaar war von dem Gebell des Hundes wach geworden und hatte Lillys Fluchtversuch entdeckt.
(Fortsetzung folgt.)
Anzeigen nimmt entgegen di« Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasensteiu undVogler in Frankfurt a. SW., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Franlsurt ♦ o. M., Berlin,München und
Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M-, Berlin, Hannover u. Paris
tigen Frage herrschte Einstimmigkeit darüber, daß die Frauenvereine mit den Männervcreinen bei den Leistungen stets Hand in Hand gehen müssen, daß die Leitung den Männervereinen, und zwar an oberster Stelle dem Zentral- Komitee des Landesvereines zustehen müsse, nicht, wie es nach der theoretischen Organisation der Frauenvereine für diese der Fall sein würde, dem Vorstände des grauen« Verbandes. Mit dem Zentralkomitee des Landesvereines wird der Anschluß des freiwilligen Roten Kreuzes an das militärische durch das Königliche Kriegsministerium vollzogen. Und dadurch allein erhält das freiwillige Rote Kreuz seine internationale Bedeutung und seinen Schutz.
Einstimmig war man bei der Beratung auch darüber, daß die Leistungen der Männer- und Frauenvereine in deren Provinzialverbänden zu vereinigen seien, und daß sie dort, nach den Bestimmungen des Königlichen Kriegsministeriums, dem Militär-Sanitätsdienst zur Verfügung stehen sollen Eine Organisation, welche diesen Gesichtspunkten entspricht, ist von dem preußischen Zentralkomitee und dem Hauptvorstande des Vaterländischen Frauenvereins bereits angebahnt. Auf ihre Veranlassung hat eine Anzahl von Provinzial- resp. Bezirksverbänden der Männerund Frauenvereine (Magdeburg, Hannover, Cassel, Breslau) Vereinbarungen über gemeinschaftliche Leistungen zur freiwilligen Krankenpflege getroffen. Bei anderen ist ein Gleiches im Werke; und es ist kaum zu bezweifeln, daß nach vollzogenem Anschluß des preußischen Landesvereins an den Militär-Sanitätsdienst die Organisation der Vereinsleistungen in allen Provinzen sich für denselben in praktischer Weise wird gestalten lassen.
Es ist eine ernste und hochwichtige Aufgabe den Delegierten zu der nächsten Generalversammlung des Vaterländischen Frauenvereins, sowie derjenigen zu der General- Versammlung des preußischen Landesvereins, welche dessen Zentralkomitee demnächst einzuberufen beschlossen hat: die Organisation der freiwilligen Krankenpflege des preußischen Roten Kreuzes in einheitlicher, praktischer Weift so zu fördern, daß sie der Armee, welche ihrer Hülfe und Fürsorge vielleicht sehr bald bedarf, und welche diese Hülfe im Kampfe fürs Vaterland zu fordern berechtigt ist, neben dem militärischen Roten Kreuze würdig und thatkräftig zur Seite lieben kann.
Für die preußischen Männer- und Frauen - Vereine giebt es hier nur ein Wahrzeichen, ein Losungswort: Einigkeit in der Opferwilligkeit für König und Vaterland!
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Jan. Der Kaiser nahm heute vormittags mehrere Vorträge entgegen, arbeitete darauf mit dem Chef oes Militärkabinetts, General v. Albedyll, empfing nachmittags zwei Uhr das Präsidium und die Depu- |ie Du6 gictoie Mll.l zur Fluchl wählte? Wenn fie dasselbe th tt, wie jene, Mann?
Gedanke und Thal waren bei dem halb verzweifelten Mäd^en eins.
Mit der größten Vorsicht, um nicht die Schläfer im nächsten Zimmer zu erwecken, machte sie sich an die selbst gestellte Aufgabe, welche keine leichte war.
Erstens mußte sie sehr behutsam sein, um keinerlei Geräusch zu v rurfachen, und in zweiter Linie hatte sie weder Messer, noch Scheere und die Tücher waren dick und wider- stanbsfähig. Endlich jedoch nach vieler Geduld lagen die Stressen vor ihr.
Schnell waren dieselben an einander geknüpft.
Sie befestigte hierauf das eine Ende des auf diese Weift künstlich hergestellten Seiles an den niedrigsten Eisenstab, um zu sehen, ob es bis zur Erde reiche. Sie spähte hinab, doch die Dunkelheit ließ ein deutliches Erkennen nicht zu, indes, wie es Lily scheinen wollte, konnten nur wenige Fuß bis auf die Eide fehlen.
„Ein Sprung wird mich aus der geringen Höhe den Erdboden erreichen lassen! So weit gelangt, kann es mir nickt mehr mißlingen! Gott im Himmel Dank dafür, ich werde frei fein!“ flüsterte das junge Mädchen, heftig bewegt.
Schon setzte sie den Fuß auf das Fensterbrett, da kreuzte ihr Hirn der Gedanke, daß sie einer schützenden Hülle bedürfen würde, um ihr hellfarbiges Kleid zu verdecken.
Ein langer, dunkler Mantel mit Kapuze hing an der Zimmerwand. Sie griff hastig danach, rollte ihn fest zusammen und warf ihn aus dem Fenster in die Tiefe hinab.
Und nun — dem Mantel nach!
Einen Augenblick stand sie nochmals still, die überströmenden Augen zum Himmel emporgerichtet und den Allmächtigen um Gnade und Schutz auf dem gefahrvollen Wege, den sie antnten wollt-, anstehend. Alsdann stieg sie auf das Fensterbrett, zwängte ihre Gestalt durch die enge Oeff-