Rr. 17.
Marburg, Freitag, 21. Januar 1887.
xxn. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg«. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
Was lagt das Aaslaad?
Die „freisinnigen" Verweigerer der Befestigung der Wehrkraft unseres Vaterlandes, suchen sich jetzt unter allerhand Vorwänden von der kolossalen Verantwortlichkeit zu entlasten, welche sie durch ihre Abstimmung im Reichstage auf sich geladen. Die Wahrheit spielt dabei keine Rolle, in einem Atem versichern sie alles bewilligt zu haben und — sie wollten mit ihrer Verweigerung die Freiheiten und Rechte des Volkes vertreten! Ob die freisinnigen Zeitungen ihre Leser wirklich für so dumm halten, ihnen solche Märchen aufbinden zu können. — Hören wir doch, was das Ausland zu diesem Gebühren sagt. Von den großen englischen Zeitungen schreibt der „Daily Telegraph": „Mit beträchtlicher Majorität hat der Reichstag die Militärvorlage verworfen und sich selbst ums Dasein gebracht. Nach der Meinung aller zivilisierten Nationen, einschließlich Deutschlands Erbfeind, hat der Reichstag dadurch den Ruf seines Patriotismus schwer geschädigt. Aber mehr noch, er hat den Frieden Europas gefährdet. Trotzdem Graf Moltke — dessen Prophezeiungen die Eigentümlichkeit haben, wahr zu werden — erst vor vier Tagen die Versicherung erteilte, daß der Krieg gewiß sein würde, wenn die Vorlage verworfen würde, hat der Reichstag sie verwerfen und dadurch die Feinde des Vaterlandes in der Meinung bestärkt, daß Deutschland keine weiteren Opfer für seine Existenz zu bringen bereit ist.
Von Paris wollen wir' folgende Nachricht mitteilen: Auch der französische Ministerrat hat sich mit der Auflösung des deutschen Reichstages beschäftigt. Man beschloß u. a. eine Unterredung zwischen dem deutschen Botschafter und Herrn Goblet herbeizuführen, in welcher ein wechselseitiges Abkommen dahin getroffen werben sollte, die Presse Deutschlands, beziehungsweise Frankreichs zu einer gegenseitig gemäßigten Haltung zu veranlasien. Ein Teil der französischen Presse hat oen in diesem Sinne bereits in Szene gesetzten Bestrebungen des Premierministers äußerlich auch nachgegeben. Doch es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der Hauptgrund für die verhältnismäßig vernünftige Haltung der meisten Pariser Blätter aus der Besorgnis entsteht, im Interesse des Fürsten Bismarck zu handeln, wenn man noch vor den Reichstagswahlen zu einer feindlichen Haltung gegen Deutschland überginge. Am gegebenen Zeitpunkt wird man die Maske schon fallen lassen. Deshalb muß aber immer wieder vor einem allzu großen Optimismus gewarnt werden. Wir haben auf den wahren Stand der Dinge schon vielfach hingewiesen; diejenigen aber, welche trotz alledem sich täuschen lassen, thun das entweder absichtlich, oder sind überhaupt nicht in der Lage, das Sein vom scheinen zu trennen.
Das sind die Urteile des Auslandes. Mit tiefer Be- schämung und gerechtem Schmerze muß jeder Vaterlandsfreund sich sagen — daß diese Verurteilung des deutschen Reichstags eine verdiente ist.
Deutsches Reich.
Berit«, 19. Jan. Der Kaiser nahm heute vormittag militärische Meldungen entgegen und hörte darauf den Vortrag des Geheimen KabincttSratS v. Wilmowski. Abends 7*/i Uhr findet im Palais eine Sitzung des Vaterländischen Frauen-Dereins statt. Um 8s/< Uhr ist Thee, wozu geladen sind Prinz Albrecht, der Prinz und dir Prinzessin von Hohenzollern, der Statthalter Fürst Hohenlohe, der bayerische Minister v. Crailsheim und andere hervorragende Persönlichkeiten. — Die Veröffentlichung der von dem Reichskanzler in Aussicht gestellten Kaiserproklamation wird gegen Ende dieser Woche erwartet. — Der Adreßentwurf des Herrenhauses sagt: „Ew. Majestät sind der Schöpfer des preußischen Heeres in seiner gegenwärtigen Gestalt, durch dessen und unserer Bundesgenossen Heldenmut Ew. Majestät das Deutsche Reich in seiner Macht und Herrlichkeit wieder hergestellt und den Frieden Europas während langer Jahre erhalten haben. Gegenwärtig sind die staatlichen Beziehungen der Völker Europas mannigfach gespannt, die Gefahr ist nicht ausgeschlossen, auch das Deutsche Reich unerwartet in Krieg verwickelt zu sehen. Das Herrenhaus ist tief bewegt, daß Ew Majestät der Schmerz nicht erspart geblieben ist. daß die Bewilligung der Mittel zur vollen Wehrhaftigkeit der deutschen Armee an eine unannehmbare Einschränkung geknüpft wurde, welche dem auf wiederholten Kompromissen beruhenden Herkommen entgegen war und zur Auflösung des 'Reichstages führte. Das Herrenhaus spricht die ehrfurchtsvolle Versicherung aus, ganz und freudig zu Ew. Majestät zu stehen. Dankend für die treue Sorge für das Heer, drückt es die Zuversicht aus, daß dem preußischen Volke kein Opfer zu schwer sein wird, um durch die dauernde Wehrhaftigkeit jede Gefahr vom Vaterlande abzuwenden." — In einem nochmaligen Rückblick auf die der Militärvorlage gewidmeten Reden des Reichskanzlers im Reichstage sagt der „St. Petersburger Herold": „Der Grundgedanke dieser hochbedeutsamen Reden des Fürsten Bismarck, die einen Markstein in der Politik und der Geschichte aller Völker bilden werden, gipfelt in dem einen: Jedes Volk strebe nicht darnach, Bündnisse zu schließen und sich auf fremde Hülfe zu verlassen, sondern selbst stark und mächtig zu sein, so daß es, umgeben wohl von Fremden, im Falle der Not allein mit seinem Feinde fertig werde. Fürst Bismarck flieht damit in der Politik den Regierungen und den Völkern einen neuen und großartigen Impuls. Denn abgesehen von jenen Eroberern, die, wie Alexander der Große und Napoleon L, die Welt allein unterjochen zu können vermeinten, wimmelt die Geschichte seit des alten Griechenlands Zeiten von Schutz- uno Trutzbündnissen, d ie selten ihre guten Früchte trugen. Von nun an aber soll es im Leben der Nationen heißen: Allein und frei, mächtig und jedem Gegner ebenbürtig, doch Freundschaft mit allen. In der Thal eine gewaltige
Idee! Wenn die deutschen Reichsboten diesen Gedanken nicht begreifen konnten, so werden Deutschlands Wähler ihn wohl erfassen. Außerhalb Deutschlands hat man diese neueste, die Politik in andere, natürlichere und bessere Bahnen lenkende Idee gut begriffen. — Die „Milit Ztg " hat aus der neuen Rangliste die Zahl sämtlicher aktiven Offiziere der preußischen Armee zusammgezählt und be- rechnet dieselbe auf 13749, nämlich 2 General - Feldmar« schälle, 59 Generale der Infanterie oder Kavallerie, 76 Generallieutenants, 117 Generalmajors, 277 Obersten, 262 Oberstlieutenants, 1143 Majors, 3041 Hauptleute oder Rittmeister, 2727 Premierlieutenants und 6045 Se- kondelieutenants. Da nach dem Etat für 1887/88 14059 Offiziere im preußischen Heere etatsmäßig sind, würden immer noch 310 Stellen vakant sein.
— Zu Überweisungen an die preußischen Kommunalverbände wirft der Etat der allgemeinen Finanzverwaltung für das Rechnungsjahr 1887/88 die Summe von 18 Mill. Mark aus, 1850000 Mk. weniger als im Vorjahre Es wird erläuternd dazu bemerkt: „Die Einfuhr an Vieh hat im Etatsjahre 1885/86 und in dem abgelaufenen Teile des Etatsjahres 1886/87 den Erwartungen im allgemeinen enssprochen, dagegen ist die Einfuhr an Getreide durch die vor der Zollerhöhung eingeführten bedeutenden Vorräte und durch befriedigende Ernten vermindert worden. Unter diesen Umständen fehlt für die Veranschlagung der Getreide-Einfuhr im Etatsjahre 1887/88 und die Berechnung des bezüglichen Zollertrages eine sichere Grundlage, es hat deshalb der voraussichtliche Anteil der Kommunalverbände an dem Ertrage der Getreide- und Viehzölle nur nach Schätzung eingestellt werden können." — Mit großer Betonung wird in den freisinnigen und ultramontanen Wahlaufrufen und Zeitungen die Behauptung vorgebracht, daß der aufgelöste Reichstag der von der Reichsregierung geforderten Erhöhung der Friedenspräsenzstärke von 41000 Mann zugestimmt habe. Das ist nicht der Fall, vielmehr ist Thatsache, daß, wie ihre Wortführer erklärt haben, die Polen, Welfen und Sozialdemokraten in dritter Lesung gegen jede Erhöhung und gegen das Triennat gestimmt hätten, der Beschluß der zweiten Lesung also nur ein Scheinbeschluß war. Das muß immer wieder betont werden, sonst erleben wir es schließlich noch, daß behauptet wird), in dritter Lesung wäre auch das Septennat durchgegangen. In Wirklichkeit wäre in der dritten Lesung gar kein Beschluß zustande gekommen, ganz bestimmt aber das Septennat abgelehnt worden Ein längeres Zögern mit der Auflösung hatte sonach gar keinen Zweck.
Potsdam, 19. Jan. Heute vormittags ll3/* Uhr fand im hiesigen Stadtschlosse im Beisein des Staatssekretärs Grasen Bismarck, der Spitzen der Civil- und Militärbehörden die feierliche Ueberreichung des von dem Kaiser von Japan dem Prinzen Wilhelm verliehenen Chrysanthemum-Ordens durch den Prinzen Akihfto-Komatsu
Die Geister der Finsternis.
Roman aus dem Amerikanischen von A. Ba yard.
(Fortsetzung.)
„Guten Abend, Miß Lawrcnce!" bergrüßte Harold Colville das junge Mädchen. „Ich hoffe, Sie befinden sich Wohler!"
Lily würdigte ihn keiner Entgegnung; nur ein vergeht- licher Blick aus ihren schönen Augen gab ihm die Antwort ans seine Worte.
Doch unerschrocken trat er an sie heran.
„Wie/ fuhr er fort, sich zu ihr niederbeugend, „haben Sie für Ihren so treu ergebenen Verehrer kein Wort zum Gruß?"
„Nein, ich habe kein Wort für Sie!" versetzte sie, sich stolz anfrichteud. „Verlassen Sie sogleich dieses Zimmer! Ich will nichts von Ihnen wissen. Ich habe Ihnen nichts zu sagen, mein Herr!"
„Nichts? Lily, eS wäre wirklich klüger gehandelt, Sie schlöffen Frieden mit mir, als mich mit zornigen Worten aufzureizen. Bedenken Sie wohl, daß Sie in meiner Ge- walt fino. Ich liebe Sie. und wünsche nichts als Ihre Gegenliebe! Hüten Sie sich, meine Liebe in Haß zu verwandeln !"
„Mr. Colville/ sprach Llly, „eS ist grausam, unmännlich, ein wehrloses Mädchen gefangen zu halten. Geben Sie mich den Meinen wieder. Dmkeu Sie an meinen armen Vater, an meine leidende Schwester. Es giebt andere Frauen, deren Liebe Sie erring» u können —*
„Für mich giebt es nur ein Weib ans Erden, Lily, und das find Sie. Ich habe mir geschworen, Sie die Meine zu nennen, und Sie könnten eben so gut versuchen einen Berg umzustürzen, als meinen festen Sinn vnd Vorsatz ins
Sqwunken zu bringen! Nur als m.in Weib sehen Sie die Ihren wieder!"
Das heiße Blut schoß ihr ins Gesicht bei seinen Worten und ihre Hande krampften sich in einander.
„Schenken Sie der Vernunft Gehör, Lily, die Ihnen zuflüstert, jeden nutzlosen Wieberstand aufzugeben/ fuhr er fort. „Ich liebe Sie und Sie find tot für die ganze Welt, tot für den Vater, der Sie vergötterte, tot für die Schwester, die Sie liebte und tot für den Mann, dem Sie sich zu eigen geben wollten als fein Weib. Willigen Sie ein, die Meine zu werden und eine Stunde nach unserer Vermählung schon sollen Sie die Ihrigen Wiedersehen und ihmn die romantische Geschichte Ihrer wunderbaren Errettung aus der Todengrust erzählen. Sie können Ihnen auch sagen, daß die Hingabe, welche ich damit an den Tag legte, Sie bewog, meine Treue mit Ihrer Hand zu belohnen. Erwägen Sie Alles wohl. Ich gebe Ihnen Zeit zur Entscheidung. Aber beharren Sie noch ferner bei Ihrer Weigerung und —"
Ihr Blick ließ ihn verstummen.
Hoch aufgerichtet, mit dem ganzen Stolze der beleidigten Unschuld stand sie ihm gegenüber und maß ihn mit zornig blitzenden Augen. <
„Schurke! Feigling!" schlenderte sie ihm in leidenschast. lieber Erregung ins Angesicht. „Sie wagen eS, mir zu drohen! Ich verachte Sie! Niemals werde ich Ihr Weib! Lieber sterben, sterben von meiner eigenen Hand, als umgeben von dem größten Reichtum der Welt, die Ihre sein!"
„Rasende!" stieß er wntbebend hervor. „Weißt Du, was Du sprichst? Thorheit ist eS, blinde Thorhett! Aus diesem Gefängnis giebt es keinen Ausweg für Dich, wie an meiner Seite als mein Weib!"
»Gehen Sie, gehen Sie!" stöhnte Lily, mit ungestümer
Geberde die Hand gegen die Thüre ausstreckend. „Gehen Sie, verlassen Sie mich, wenn ich nicht zu Ihren Füßen sterben soll!"
UneMschlosseu zögerte Colville einen Augenblick; aber ihre blitzenden Augen und ihre furchtlose Haltung schüchterten feinen feigen Charakter ein.
Mit einer scheuen Verbeugung verließ er das Zimmer.
Das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, brach Lily in ein unaufhaltsames Schluchzen aus.
O, wie, wie konnte ihr Erlösung aus dieser furchtbaren Gefangenschaft werden?
In ihrem tiefen Schmerze beachtete sie eS nicht, wie die Dämmerung hereinbrach. Die alte Molly brachte ihr das Abendmahl, von demLily sich jedoch weigerte etwas zu genießen, worauf die Alte sich verdrießlich entfernte.
Wieder war die Aermste allein, allein mit ihren traurigen Gedanken.
Sie ging ans Fenster und spähte zwischen den Gitterstäben hindurch hinaus. Es war Abend geworden; einige bleich schimmernde Sterne glitzerten am bewölkten Horizonte, der Mond schien mit nur mattem Licht hernieder. O, wenn sie durch diese Eisenstäbe in die Nacht hinaus entkommen könnte?
Und warum nicht?
Sie stand athemloS und horchte. Jetzt — Laute aus dem Nebengemach verrieten ihr, daß die Leverets fich zur Ruhe begaben. Sie warf sich, angekleidet wie fie war, auf ihr Lager nieder, keinen Ton im Hanse fich entgehen lassend.
Noch eine kurze Weile im Nebenraume Sprechen und Hantieren, dann, kaum eine halbe Stunde später, kündete lautes Schnarchen ans dem anstoßenden Zimmer ihr au, daß diejenigen, denen das Wächteramt über fie anvertraut war, in festen Schlaf verfallen seien.
(Fortsetzung folgt)