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Marburg, Sonnabend, 15. Jannar 1887.
XXII. Jahrgang
WchkUche ZeitiiW
Wöchentliche Beilage«: Kreis-Blatt f.d. Kreise Marburg «.Kirchhain. - Illustriertes Sonntaasblatt.
Expedition Mar« 21. — Redaktion, Druck und Verla» von Job. »na. Sb* "
Reichstag.
Berlin, 13. Januar.
Das HauS ist gut besetzt, die Tribünen sind wiederum gefüllt, in der Hofloge befindet sich Se. Königl. Hoheit Prinz WUhelm.
Am Bundesratstische: Staatssekretär von Bötticher, Kriegsminister Bronsart v. Schellcndorff nebst Kommiffarien, später Reichskanzler Fürst v. Bismarck.
Präsident v. Wedell-Piesdorf eröffnet die Sitzung nach 11V« Uhr mit geschäftlichen Mitteilungen.
Das Haus setzt die zweite Lesung der Militärvorlage fort.
Abg. Dr. Graf v. Moltke (deutschkons.): Nur eine kurze Bemerkung! Es scheint, daß die wenigen Worte, welche ich in der Sitzung vom 11. Januar gesprochen habe, eine verschiedene Auffassung gefunden haben. Ich habe meine Befriedigung darüber ausgesprochen, daß keine von den größeren Parteien hier im Hause der Regierung verweigern will, was sie zur Verteidigung des Landes als nötig verlangt, und daß sonach nur noch die Zeitftage in Betracht komme. Diese Aeußerung gründet sich auf die - Erklärung des Führers der zahlreichsten Partei im Hause, welcher erklärte, daß diese Partei bereit sei, den letzten Mann und Groschen zu bewilligen; dann aber habe ich, nach Ausweis des stenographischen Berichts, sogleich hinzugefügt, daß die Bewilligung auf kurze Zeit, auf 1, auf 3 Jahre uns nichts nützt «Hört! hört! rechts), daß neue Formationen erf£ im langen Laufe der Jahre wirksam werden, daß die Stabilität und Dauer die Grundlage aller militärischen Organisationen bilde. Es kann also nicht zweifelhaft sein, daß ich der Ansicht bin, daß mindestens eine 7jährige Dauer notwendig ist. (Bravo! rechts.)
Abg. v. d. Decken (Welfe) hält den gegenwärtigen Augenblick für die verlangte Erhöhung der Präsenzziffer für einen äußerst ungünstigen, giebt jedoch eine Notlage auf Seite der Regierung zu und plaidirt für den Antrag Payer. Redner sucht sodann den Vorwurf der Deutsch- feindlichkeit, welchen der Herr Reichskanzler gegen die Welfen erhoben, in breiterer Ausführung zu widerlegen.
Abg. Richter: Schon seit dem konstituierenden Reichstage gab es heterogene Majoritäten in demselben. Auch der Reichskanzler verschmäht solche Majoritäten nicht, er nimmt, wie er selbst einmal gesagt hat, die Mehrheiten, wo er sie findet. Ich wünschte, das Zentrum hätte stets mit uns, den Freisinnigen, zusammen gestimmt; aber leider war das nicht der Fall. Wir haben die Unterstützung des Zentrums nur, wenn es sich darum handelt, wenigstens ein gewisses Minimum von freiheitlichen Rechten zu bewahren. Der Reichskanzler hat der unabhängigen Presse Beschimpfung der Regierung bei der bulgarischen Frage vorgeworfen; das ist unrichtig. Was uns empörte, da«
Die «elfter der Finsternis.
Roman aus dem Ämeritanischen von A. Bayard.
(Fortsetzung.)
. "lest Lily,« sprach er kalt; „ich will Dich, Dich selbst besitzen, und nie, nie werde ich Dich aufgeben! Du bist in meiner Gewalt! Tod für die ganze Welt sollst Du bleiben, bis Du einwilligst, die Meine zu werden!«
.Nie, nie werde ich die Ihre werden!" schrie Lily in tiefster Verachtung und in unsäglichster Angst auf.
«. wird es lehren!" gab er scharf zurück. „Le-
bend siehst Du die Deinen nicht wieder, eS sei denn als «ein Weib!"
.., schwacher Schrei von ihren Lippen ertönte nnd eine ttefe Ohnmacht erlöste die Aermste für den Augenblick von ihrem Peniger.
Die alte Molly zur Hilfe herbetrufend, verließ Colville wie der Sturmwind in wildester Aufregung das Haus. —
ES war eine tiefe Ohnmacht, in welche Lilv von Neuem versunken war.
Als sie aus derselben erwachte, war sie so erschöpft, daß ste stnudenlaug ruhig und teilnahmlos dalag.
Doktor Pratt kam noch au demselben Abend und flößte ihr einen zweiten Schlaftrunk ein, was sie wide.stuntlos «tt sich geschehen ließ, woranf sie in einen schweren, unruhigen Schlaf verfiel.
Hoch stand die Sonne am Himmel, als Lily endlich wieder zum klaren Bewußtsein erwachte und geraume Zeit lag sie da, die blauen Augen gedankenvoll auf die alte Molly gerichtet, ehe diese nur ihr Erwachen bemerkte.
Daun aber, dieses wahruehmend, sprang die Alte auf w,d eilte aus dem Zimmer, um bald darauf ihrer Kranken ein reichliches Frühstück vorzusetzen.
„Es gehr Ihnen besser?" ftagte die Alte mit ihrer kräch- -endeu Stimme, als fie sah, wie es Lily zu muudeu schien.
sühle mich kräftiger," antwortete das junge Mädchen.
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war, daß die offiziöse Presse Beifall klatschte zu dem Schurkenstreiche von Sofia. Man hat die damalige Entrüstung des Volkes auch wieder den Abgeordneten Windt- horft und Richter in die Schuhe geschoben; das ist aber falsch, selbst von nationalliberaler Seite zurückgewiesen worden und auch die konservative sächsische Presse hat sich uns damals angeschlossen. Wenn es uns nichts anginge, wer in Bulgarien regiert, so hatte die offiziziöse Presse erst recht keine Veranlaffung, gegen Bulgarien Partei zu nehmen. Auch der Reichskanzler selbst hätte in die bulgarische Justiz gegen die Hochverräter in der Armee nicht eingreifen sollen. Auch wenn später der Krieg unvermeidlich ist, sollte man jetzt nicht dauernd mit Krieg drohen. Ein wenig Appell an die Furcht gehört doch wohl zu den Rezepten des Reichskanzlers str die bevorstehende Wahlkampagne. Wir anerkennen alles, was der Reichskanzler bezüglich unserer Beziehungen zu Frankreich sagte; aber wenn eine drohende Gefahr von dem Auslande her vorhanden ist, wie kann es dann der deutsche Reichskanzler verantworten, in einer solchen Zeit den Reichstag aufzulösen, weil er die Forderung der Regierung nur auf 3 Jahre, statt auf 7 Jahre erfüllt bekommen kann? Und welcher Reichskanzler in der ganzen Welt würde es unternehmen, die deutsche Volksvertretung so tief vor dem Auslande herabzusetzen? Wir wissen, was wir davon zu halten haben, wir nehmen es hin, nur um der gewaltigen Persönlichkeit des Reichskanzlers willen; von keiner anderen Persönlichkeit würde man es ja ertragen. Nicht um unseretwillen, sondern des Auslandes wegen muß es gesagt werden. Wie hat denn die österreichischungarische Vertretung sich verhalten? Sie hat Auskunft von dem Auswärtigen Ministerium verlangt und erhalten; wir dagegen haben uns beschieden, geschwiegen, als uns gesagt wurde, es könne keine Auskunft gegeben werden. Auch der deutschen Volksvertretung gebührt ein Anteil daran, daß das deutsche Heer so gut gerüstet dasteht, denn sie hat die Millionen für die Neubewaffnung der Infanterie stillschweigend bewilligt. Ein Reichstag, wie dieser, so I patriotisch, so opferwillig, wie dieser, darf stolz sein auf das, was er gethan hat. (Gelächter rechts.) Sparen Sie Ihr Gelächter für Ihre Zirkel, für die Zeit, wo wir fort sind und stehen Sie ab, dazu beizutragen, den Reichstag, dem Sie selbst angehören, vor dem Auslande herabzusetzen. Man wirft uns Verzögerung der Vorlage vor. In Frankreich beschäftigt der Boulangersche Entwurf die Kammern schon seit 6 Monaten. Redner bemerkt, er habe nicht von Anfang an mit dem Abgeordneten Windthorst alles bewilligen wollen, aber er habe sich der Notwendigkeit gefügt, sich der Majorität anzuschließen, welche jeden Groschen bewillige. Wenn der Reichskanzler gewollt hätte, daß nichts bewilligt würde, so hätte er nicht anders sprechen können,
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Als die Frau abgetragen und sich mit ihrem Strickstrumpf wieder zu Lily gesetzt, fragte diese:
„Wie heißen Sie?"
„Man nennt mich die alte Molly,« lautete die Antwort.
„Wohnen Sie allein in diesem Hause?«
„Nein, mein Mann wohnt mit mir hier,«entgegnete die Alte.
„Ihr seid wohl sehr arm?« fuhr Lily f°rt, ihren Blick durch das kärglich ausgestattete Zimmer schweifen laffend.
„Ja, sehr arm,« erwiderte die alte Molly, während ein habgieriger Schimmer in ihren Augen aufleuchtete.
„Sind wir in diesem Hause in New-York?« ftagte die Kranke weiter.
„Nein, in der Umgebung der Stadt!« sagte die Alte. _ Sie viel Geld verdienen, Haufen gländenden
Goldes?" fragte das junge Mädchen schüchtern.
„Und ob ich es möchte!" antwortete die Alte, während ihre Augen gierig funkelten.
,Zch werde Ihnen Geld, viel Geld geben, Molly, wenn Sie meinem Vater eine Botschaft von mir bringen wollen!" sprach Liiy zitternd vor Erregung.
.Geld, viel Geld, — wo ist es?« fragte die Alte vorsichtig.
„Ich habe eS nicht bei mir,« erwiederte Lily, „allein mein Vater wird Sie reichlich belohnen, wenn fie ihm eine Kunde von mir bringen.«
-Ich will aber im voraus bezahlt sein,« widersprach die Alte. „Bloßen Versprechungen allein treue ich nicht.«
Ratlos blickte Lily um sich.
ni<£t8 Wertvolles an sich, ausgenommen den Brillantring an ihrer Hand. Aus diesen fiel ihr Auge.
2?fe Ei»e Botschaft von mir zu meinem Vater, Molly, und ich gebe Ihnen diesen Ring!« sprach fie hastig, o«; Pratt und Mr. Colville würden den Ring an rrhrem Finger vermiffeu. Sie würden erforschen, daß Sie muh damtt gedungen haben, «ud die arme Molly nm ihrer Verrates willen töten.« ’
„Sie haben Recht!« murmelte die Kranke.
als -s geschehen sei. Bezüglich der Zeitftist und feiner SÄ10. UtJb Auslegung der Verfassung sei die Rede des Reichskanzlers widerspruchsvoll und nicht aufrecht »u erhalten. Dem Reichstage sei ausdrücklich das Recht zu- gesprochen, auch in militärischen Dingen mitzusprechen. Dies sei erst neuerdings ber Heranziehung und Ausbildung der Eilatzresermsten zu Waffen - Uebungen bestätigt wor- den. Die Streitfrage, wegen welcher der deutsche Reichstag aufgelöst werden soll, ist, ob nach 3 Jahren die Anzahl der Dispositionsurlauber größer oder geringer sein soll; hier- u^r wollen wir nicht einmal jetzt eine Entscheidung herbei- gefuhrt wlffen, sondern erst nach 3 Jahren. Wir fassen dabei die Belastung des Volkes ins Auge. Wenn der Knegsminister recht hätte mit der Forderung, man solle Vertrauen zu der Regierung haben, sie werde vom Volke nicht mehr verlangen, als es tragen könne, dann wäre der ganze Reichstag überflüssig. Der Reichskanzler habe ganz rund dem Reichstage erklärt: Bist Du nicht willig, so brauche rch erst recht Gewalt. Die Auflösung des Reichs- ^ges heutt bedeutet Mißftauen gegen das eigene Volk. Als der Reichskanzler im Jahre 1866 den Reichstag in seine deutsche Politik aufnahm, wußte er, daß dieses Element eine innere Notwendigkeit sei für die deutsche Einheit; so ganz freiwillig, so lediglich aus Gnade, wie es gestern dargestellt wurde, ist der Reichstag nicht entstanden, derReicks-
I k? «n “ dw Volksvertretung nur, um der Regierung die Verantwortlichkeit abzunehmen, um neue Steuern zu fcettilhgen aber ohne jede Selbstständigkeit. Käme ein solcher Reichstag, wie er ihn wünscht, nach Berlin, so wurden alle abgelehnten Monopole wieder vorgelegt und die Verfassung revidiert werden, so daß für immer der Reichs- tag nur als ein Konsorttum zur Steuerbewilliquna er- Aemen würde Der deutsche Kaiser wird und muß der Führer de» Heeres bleiben, aber nicht der Führer ber Parteien- Wer die Standarte des Kaisers in die Wahlkämpfe hlnelnträgt, schadet dem Ansehen des Kaisertums. Wir Eden den Kampf, den wir hier abbrechen, wieder aufnehmen. Wir bleiben bei der Ueberzeugung, daß die Zu- tuu^t uns gehört. (Lebhafter Beifall links; Zischen rechts ) . ,M>g- Dr- Buhl ist für die Bewilligung der Vorlage m ihrem vollen Umfange Es sei schwierig für ihn, nach dem vorhergegangenen rhetorischm Brillantfeuerwerk zu sprechen; er wolle nur an der Hand der Kommisfions. Verhandlungen nachweisen, daß ein Zweifel über das Be- dürfniS der Vorlage nicht bestehen könne, zumal nach den ausklarenden Reden des Reichskanzlers auch hinsichtlich der auswärtigen Politik. (Beifall recht» und bei den National- liberalen.)
Reichskanzler Fürst v. Bismarck tritt den Ausfüh- rungen des Abg. Richter bezüglich der bulgarischen Frage entgegen und führt an der Hand zahlreicher Zitate aus
Eine Weile lag fie io Gedanken versunken, plötzlich jedoch erhellte sich ihr G-flcht. w
„Molly, hob sie von neuem voller Hast an, „sehen Sie ber. In meinem Ringe find fünf Brillanten. Jeder ein»
Stein ist hundert Dollar wert. Ich löse Ihnen einen Brillant aus dem Ringe, wenn Sie mir helfen wollen, von hier zu entfliehen.« '
„Es ist ein gewagtes Unternehmen, und der Lohn dafür > ist ein geringer,« verfetzte die habgierige Alte.
„Mein Vater wird Ihnen ein Vermögen geben, wenn wtr brisfthen. Molly, wollen Sie mir behilflich fein?« ftagte Lily mit schwer bangendem Herzen.
„Ja, ich will!« antwortete die alte Frau kurz entschlossen.
„Sie wollen?« fragte Lily und wie im Jubel klang es durch ihre Stimme. „Und jetzt gleich?«
„Ja, sogleich, ehe der Doktor und Mr. Colville zurück» kommen. Mein Mann tarnt indessen bet Ihnen bleiben.«
3n fieberhafter Aufregung verlangte Lily das Nöttge, um zu schreiben. '
Molly brachte ihr einen vleistiftstumpf und ei» Stück rohen Papiers; anderes hatte fie nicht.
Und fich mit Anstrengung aufrichtend, schrieb nun Lily mit zitternder Hand folgende unzusammenhängende Zeilen: „Mein lieber Mtpa!
Ich bin nicht tot, obgleich Ihr mich in einen Sarg ge» ?8£nn^.ta die Toteugrust unserer Familie eingeschloffeu habt. Man hat mich au3 der Gruft entführt, ein Arzt gab "ich dem Leben wieder und nun bin ich Mr. Colvilles Ge» fangene, der geschworen hat, mich nur dann fteizugeben, wenn ich ihn heirate.
Die aw Frau, die mich pflegt, habe ich gedungen, um Dir diese Zeilen zu übermitteln. Gieb ihr Geld für ihre Dienste und fie wird Dich hierher führen zu mir. O, eile, Papa, und befreie aus ihrer schrecklichen Gefangenschaft
Deine Lily.« (Fortsetzung folgt)