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Marburg, Freitag, 14. Januar 1887.
XXII. Jahrgang
Zunächst sprach Abg. v. Helldorf (deutschkons.) sur die Vorlage, indem er vor Allem betonte, daß, wer hören wolle, alles Nötige aus den gestrigen Reden des Herrn Reichskanzler vernommen haben müsse. Bewilligungen auf kürzere Dauer, als die Vorlage vorschlage, seien noch gestern vom Grafen von Moltke als unannehmbar dargethan. Durch die Beschränkung der Bewilligungsdauer würde zugleich auch die Dualität der Armee beeinträchtigt. Ter Redner ging dann näher auf die Entstehung und die staatsrechtliche Bedeutung der Verfassungsbestim- mungen über die Präsenzstärke des Heeres, speziell auf den Art. 60 ein Das Bestreben der Opposition, die Bewilligungsdauer unter das Septennat herabzudrücken, sei mehr als Feilschen auf einige Jahre: es bedeutet den Kampf um Begründung der Parlamentsherrschaft. Es würde em unberechenbarer Schaden für das Reich sein, wenn die Regierung vor den Herren Richter, Windthorst und Bebel m dieser Frage kapitulieren würde.
Abg. Hasen clever (Soz.-Dem.) bezeichnete die Reden des Herrn Reichskanzler als solche, welche auf das Ausland den Eindruck machen müßten, daß unsere Regierung kriegslustig sei; Herr Deroulede habe in dem fürsten Bismarck seinen Meister gefunden. (Großes Gelachter). Das Volk wolle keinen Krieg, es wolle die Abrüstung eiesseit und jenseit der Vogesen. DaS Wort „Parlamentsheer" sei nur ein Schlagwort, das in die Welt hinausgeschleudert werde. Kein Parlament der Welt wurde sich eine solche Behandlung gefallen lassen, wie sie durch den Herrn Reichskanzler dem Deutschen Reichstag zu Teil geworden; ein Minister, der sich das in einem anderen Parlament erlaubte, würde nicht lange auf seinem Posten bleiben dürfen. (Vize - Präsident Freiherr v o n ^ranckenftein bezeichnete diese Bemerkung als unzu- lasftg). Gerade die Nichtbewilligung der Vorlage würde den Frieden auf lange Zeit hinaus sichern. Er beklagte >lch sodann über die Verketzerung der Gegner der Ne- gierungsvorlage von Seiten der Konservativen und Na- ttonalliberalen im Lande. Seine politischen Freunde würden rm Gegensätze zum Zentrum gegen jeden Mann und gegen jeden Groschen stimmen uud sich bei der Abstimmung über dre verschiedenen Amendements der Abstimmung enthalten; nur für da« Amendement Stauffenberg bezüglich der drei-
Dauer würden sie eventuell stimmen, in der «chlußabstlmmung aber den Entwurf einfach verwerfen
Kriegsminister Bronsart v. Schellendorff legte noch einmal die Gesichtspunkte dar, welche bei der Ausarbeitung der Vorlage für die Regierung maßgebend gewesen. Als Hauptgesichtspunkte bezeichnete er nochmals die Heeresentivickelung der Nachbarstaaten, welche zu der Ueber- zeugung geführt, daß die Heeresmachl des Deutschen Reiches zisiermaßlg nicht mehr ausreiche. Eine Hinaufschraubung der aktiven Dienstzeit werde in keiner Weise beabsichtigt. Zweck der Vorlage sei, daß wir dauernd bezw. auf längere
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasensteiu undVooker
Die Geister der Finsternis.
Roman au» dem Amerikanischen von A. Bayard.
(Fortsetzung.)
Allein Lily hörte nicht auf seinen Mahnruf. Sich im Bette auf richtend, fuhr sie mit Ungestüm fort:
„Ich hörte Sie zu den Meinen sagen, ich sei tot. Dann wurde die gerichtliche Leichenschau abgehalten. Ich hörte da« Totenamt, während ich im Sarge lag, bei all dem Schrecklichen unfähig, mich zu rühren, unfähig, die Thrämn meiner Liebe» zu trocknen »nd sie zu trösten. Sie trugen mich auf den Friedhof hinaus. Dort augekommen, schlossen sie mich, — mich, eine Lebende, in die schauerliche Gruft ein, mitten unter die Toten. Von dem Augenblick an der, lor ich das Bewußtsein! Welche Qualen ich erduldet habe wie könnte ich es sagen!" rief das Mädchen, die Hände vor das Gesicht schlagend.
Die Erinnerung Dessen, was sie in ihrem todähnlichen Zustande gelitten, überwälttgte sie vollends.
„Sie wird sich töten!* murmelte Dr. Pratt, ihr fast gewaltsam einen beruhigeuden Trank einflößend.
Die Arzenei wirkte fast augenblicklich und ließ die dem Leben Wiedergegebene in einen tiefen, unnatürlichen Schlaf versinken.
Der alten Molly, wie die Frau hieß, nun seine genauen Instruktionen ertheilevd, entfernte sich der Arzt.
Gegen Abend erst schlug Lily die Augen auf. Die alte Molly, kaum ihr Erwachen wahrnehmend, erhob sich und entfett te sich, und Lily lag nun mit weit geöffneten Augen da, ihre Erinnerungen sammelnd. Wo war sie? Was war geschehen? Wir war sie hierherg- kommen? Wirr, wüst war es ihr im Kopf uud bange Furcht preßte ihr die Brust zu- lammen*
Plötzlich schreckte sie zusammen. Fußttitre, nicht von der Alten, sondern Tntte, von Männerschritteu herrührend.
Reichstag.
Bern», 12. Januar 1887.
Drr Reichstag setzte die zweite Beratung der Militärvorlage fort.
DaS „Parlainentsheer".
Darum handelt es sich in der That bei den über die Militärvvrlage noch schwebenden Meinungsverschiedenheiten, ob das deutsche Heer ein kaiserliches Heer bleiben oder in ein Parlamentsheer verwandelt werden soll. Die Notwendigkeit der verlangten Hceresverstärkung wird allseitig anerkannt, aber dieselbe soll nach dem Willen der Mehrheit des Reichstages auf so kurze Dauer bewilligt werden, daß nach Moltkes Ausspruch die Neuformationen auch nicht annähernd zur vollen Geltung kommen können, lediglich aus dem Grunde, um den Bestand des Heeres, dieses Fundaments nicht nur der Sicherheit, sondern damit auch jeder Kultur, jeden geistigen, sittlichen und materiellen Fortschritts Deutschlands, den in rascher Folge wechselnden parlamentarischen Machlzwecken zu unterwerfen und ihn nicht nach dem Sicherheitsbedürfnis des Vaterlandes, sondern nach dem parlamentarischen Machlbedürfnis zu bestimmen. Tas hieße die festeste Stütze der Existenz den schwankenden Bedürfnissen einer auf augenblickliche Machtinteressen abzielenden Politik und den Rücksichten einer kurzsichtigen Popularitätshascherei preisgeben, deren Folgen das deutsche Volk nur allzubald in schweren Opfern an Gut und Blut empfinden würde. Denn nichts ist sicherer als das, daß wir den Krieg in dem Augenblicke haben, rn welchem die französische Regierung die Ueberzeugung gewinnt, daß wir Frankreich nicht militärisch gewachsen sind. Und zwar selbst dann, wenn dieses Land nicht auf der abschüssigen Bahn der wachsenden Demokratisierung zur Militärdiktatur gelangt, für welche der Revanchekrieg eine Existenzfrage sein würde. Der ohnehin so lose befestigte stein des Revanchekrieges kommt sonach unfehlbar ins Rollen, wenn das feste Gefüge der deutschen Armee dem Bestreben nach Parlamentsherrschaft preisgegeben wird. Schon das Zugeständnis, daß alle sieben Jahre die Friedenspräsenzstärke neu reguliert werden soll, enthält eine weitgehende Konzession an den parlamentarischen Einfluß; wer jetzt aber die damalige Vereinbarung zu Gunsten einer Verstärkung der parlamentarischen Macht brechen will, macht sich des Versuches schuldig, aus Partei- und Machtinteressen an den Fundamenten der deutschen Einheit zu rütteln, und erteilt zugleich dem Kaiser ein direktes Mißtrauensvotum, indem er voraussetzt, derselbe würde ohne parlamentarischen Druck die Armee über das Bedürfnis hinaus verstärken. Soll Deutschland daher die Hoffnung auf Frieden und damit die Möglichkeit einer gedeihlichen Fortentwickelung erhalten bleiben, so muß unserem deutschen Heere der Charakter des kaiserlichen Heeres unverkümmert bewahrt werden.
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ich das über mich gewinnen? Nein, Alles, nur dies Eine verlange nicht von mir!" e
„Wie, Sie könnten mir versagen, Vater, Schwester unb Freunde je wiederzusehen?" fragte sie erblassend.
»wein, Lily, unter der Bedingung, daß Du mir Deine geliebte Hand zum ewigen Bunde reichst, gebe ich Dich dem Leben, der ganzen Welt zurück!" W q
w AÄ&TJWtr“ ■®kta H--- «n Twd hat das Bündnis gelöst!" versetzte er. „Dem Verlobter hat Dich im Unwillen über Deinen vermuteten Selbstmord schon aus seinem Herzen verbannt. Er wähnt, daß Du einen Anderen liebtest und den Tod einer neigungs» hättest. Werde die Meine, Lily, und sein Glaube wird dadurch nur bestärkt werden'"
niemals, denn ich liebe Sie nicht!" rief sie mit Leidenschaft aus.
„SIHt ber Seit wird die Liebe kommen. Dankbarkett gegen den Erretter Deines Lebens wird Liebe in Dir wach werden laffen und Du fällst das glücklichste Weib unter der Sonne werden, denn ich liebe Dich mehr als alles sonst auf Erden'"
»Zch werde niemals einen Anderen denn Lancelot Darling lieben!" antwortete das Mädchen mit Festigkeit.
Seine Stirn verfinsterte sich drohend. “
„Nie wieder will ich den Namen meines verhaßten Neber- buhlers von Seinen Lippen hören!" rief er zornbebend „Ich rettete Dein Leben, nicht er! Und dennoch hast Du keinen anderen Dank für mich als Hohn!"
„O, nicht so; ich kann und will dankbar sein, wenn Sie mir wirklich das Leben retteten!" brach Lily aus. Aber ^s'sien Sie mich Ihnen diese edle Thal anders lohnen, als wie Sie fordern. Nehmen Sie Alles, was ich habe, aber geben Sie mich den Meinen zurück! Werde» Sie, »ach, de" Siemir das Leben gerettet, nicht zum Mörder meinls Glückes!"--- (Fortsetzung folgt.)
tönten an ihr Ohr. Lily lag athemlos; da — die Thür betrat das Zimmer. Lily wandte das Gesicht zur Seite, im nächsten Moment entrang sich ihr Sch"t des Entsetzens. Der Eingetretene war Harold Dicht an das Lager der vom Tode zum Leben Wieder, erwachten herantretend, blickte der Eingetretene mit verzehrenden Blickm auf das selbst in ihrer Blässe noch schöne
LDs blutlose Wangen färbten sich purpurn.
i Mr. Colville, Sie hier?" rief sie zornig. „Was giebt Ihnen ein Recht, hier so unberufen einzudringen?"
„Lily, so bewillkommst Du mich?" rief Colville in Amerzltchem Vorwurfe ans. „Lily, Geliebte, ich rettete T°d. Soll das mein Lohn sei»? Nachdem Alle Dich verlaffen und Ttch in den Sarg eingeschlossen ba ruhte meine Liebe nicht, ich mußte »och einmal Dein teures Antlitz sehe». Ja, Lily, die Liebe, die Du in glücklicheren Tagen verschmähtest, sie klammerte sich noch an Dich die Tote, und suchte Dich auf an der Ruhestätte der Ver- storbenen. Ich betrat die Gruft, öffnete Deine» Sarg und küßte die Lippe», die mir im Tode selbst noch teurer waren als die aller lebenden Frauen. Da entdeckte ich in Dir ein schwaches Lebensfünkchen; mein Wagen entführte Dich bei Statte des ewigen Schlafes, unb ich übergab Dich bet pflege eines berühmten Arztes. Durch feine unermüdliche Sorgfalt wardst J)u dem Leben wiebergegeben unb nun,
o:? e »ai?äc s°Hst Du, meine einzige, unvergleichlich-Lily, allein nur für mich leben!" ö q
®r lriumphierenb, während in ihren Augen ein Ausdruck des Entsetzens aufleuchtete.
, '^-rstehe ich recht, Sire, — Sie könnten daran denken, mich dm Meinen nicht zutückgeben zu wollen?" stieß Lily in athemloser Erregung hervor. ö 9
»Lily, kannst Du das von mir verlangen?" Wie könnte
Zeit hinaus sicher find, eine erhöhte Rekruteneinstelluna vornehmen zu können , um zu einer erhöhten Kriegsstärke zu gelangen, ohne dabei eine Verschlechterung der Qualität herbeizufuhren, die bei der Infanterie ganz entschieden ein» treten wurde, wenn die Dienstzeit verkürzt werden sollte Den Einwand, daß unsere Finanzkrasl nicht weiter ange- wannl werden dürfe, könne er nicht gelten lassen; solange Deutschland die gegenwärtige Stellung in der Welt ern- nahme, mußten auch die persönlichen und finanziellen Lasten getragen werden Die Bewilligung auf ein Jahr wäre ein militärischer Nonsens und könne unter keinen Umständen acceptlert werden. Wenn immer behauptet werde, daß kein Reichstag die nötigen Mittel verweigern würde, so sollte der Reichstag doch auch das Vertrauen haben, daß keine erscheine^ Wla"0en toerbe' a(s unbedingt notwendig
Abg. Graf v. Behr-Behrenhoff (Reichspartei) hob hervor, daß seine politischen Freunde gegen jedes Amendement stimmen würden, da sie an dem Septennat eilten wünschten Es liege auch umsoweniger ein achlicher Grund vor, von demselben abzuweicheii, als abae- sehen, daß tn dem Artikel 60 der Verfaffung eine gesetzliche Grundlage für die Friedenspräsenzstärke der Arme? gegeben sei, auch die Ablehnung der Regierungsvorlage im Auslande einen schlechten Eindruck Hervorrufen würde
Abg. Dr. W i n d t h o r st spricht nochmals gegen die Vorlage. Bezüglich der Aeußerung des Reichskanzlers über Hannover bemerkt Windthorst, der König Georg von Hannover habe tn Nikolsburg und später Unterhandlungen über den ^nedensschluß erbeten, sei aber schnöde abge- wlesen worden (Der Präsident ruft den Redner wegen dieses Ausdrucks zur Ordnung.) Windthorst fährt fort: Wenn der König von Hannover bann wirklich die Hilfe der Franzosen angerufen, so habe er nichts anderes gethan als andere Leute auch, welche, während der Deutsche Bund noch bestand, nut Italien kokettierten, um den Widerstand Oesterreichs zu brechen; als andere Leute auch, die aus £X^9al^\@efan9enen ^"e Legion gegen Oesterreich. budeten Die Hannoveraner arbeiteten und wirkten als treue Angehörige des Deutschen Reichs; sie hätten bier nntgewirkt bei der Wirtschaftspolitik des Herrn Reichs- kanzl-rs, sie hätten für Deutschlands Macht und Ehre, wie alle Deutsche, geblutet auf den Schlachtfeldern des letzten Krieges. Er erinnere an das heldenmütige zehnte Armee- korps, welches zumeist aus Hannoveranern besteht. Der ^E -,Welf sei ihm ein Ehrenname; dies konstatiere er
\ batz man dre Welsen künftig in Ruhe lasse. ’ Wmdthorst wiederholt, daß es sich bei der Vorlage nur um die Auflösung des Reichstages, nur um die Schaffung einer Versammlung von Kopfnickern handele. Es falle ihm nicht em, sich mit der Autorität Moltkes tu verbuchen. Die Rede des Fürsten Bismarck sei nur dazu angethan, die Ablehnung der Vorlage zu fördern; er sei
in Fianlfurt a. M., Gaffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Franlsurt ♦ a. Berlin München und Möln; G ?. Daube und Co. in Frankfurt a. M.,
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~~ -------------------------------------------------------- J ________Berlin,Hannoveru.Paris.
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt s. d. Kreise Marburg u. Kirchham. - Illustriertes Sonutaasblatt
_______ ____ __ Exped'tion Markt 21. — Redaktion, Druck uud Verlag von Joh. Lug. Koch. O *