Nr. 10
Marburg, Donnerstag, 13. Januar 1887.
XXII. Jahrgang
WerMche Jritnng
Di- Geister der Finsternis.
Roman oufl dem Amerikanischen von A. Bayard.
(Fortsetzung.)
Sinnend verhantcn Beide eine Weile, bis Colville, plötzlich des Arztes Arm ergreifend, ausrief:
»Ich habe es! Ich weiß, was sie zu der That trieb! Diese Mrs. Vance ist mir nicht fremd. Zur Zeit meines nähere» Verkehrs mit der Lawrenceschen Familie entdeckte ich, — auf welche Art ist gleichgiltig, - daß Mrs. Vance ta Lanc-lot Darling verliebt war. Hot nun ihre Hand die That verübt, so war es Eifersucht, die ste dazu auge- stachelt hat!*
„Höchst wahrscheinlich!* versetzte Doktor Pratt.
Beide harten unbekümmert um die Alte gesprochen, welche am Fußende des Bettes saß und begierig lauschend fast unhörbar die Worte „Gold, Gold» vor sich hin- murmelte.
„Was brummst Du, Hex- ?» fragte Doktor Pratt, plötzlich aufmerksam werdend.» „Daß Du kein Sterbenswort von Dem ausplauderst, was wir mit Deinem Mann gesprochen haben! Kommt eine Silbe davon über Deine Lippeu, so soll Deine schwarze Seele, eher als Dir lieb ist, ihrem Schicksal entgegenfliegen!*
„Ich werde nichrs verlauten lassen!» entgegnete das elende Weib grinsend.
So nahte die Morgendämmerung und noch saßen die drei Wächter in dem stillen Zimmer an dem Lager der blassen Mädchengestalt, deren Wtedererwachen nicht einmal ein Athemzug verriet.
_ Doktor Pratt beobachtete schlafttunken seine Patientin, während Mr. Colville in einem großen Lehnstuhl einge- schlummert war.
Wahrlich, nie hatte wohl ein Kranker seine» Wärtern weniger Mühe gemacht, als die schöne Lily. Keinen klagenden Laut hörte man von den blutlosen Lippen, keine ruhelosen Hände suchten die Bettdecke abzustreifen und keine
über die Zeitdauer der Bewilligung sind die Ansichten sehr abweichend von einander. Da möchte ich nun nochmals daran erinnern, daß die Armee niemals ein Provisorium sein kann. (Sehr richtig! rechts). Die Armee ist die vornehmste. aller Institutionen in jedem Lande; denn sie allein ermöglicht das Bestehen aller übrigen Einrichtungen (L>ehr richtig! rechts). Alle politische und bürgerliche Freiheit, alle Schöpsungen der Kultur, die Finanzen, der Staat stehen und fallen mit dem Heer. (Sehr richtig, rechts). Meine Herren, Bewillungen auf kurze Frist, sei cs auf ein, sei cs auf drei Jahre, helfen uns nicht. Die Grundige jeder tüchtigen militärischen Organisation beruht auf Dauer und Stabilität; neue Kadres werden erst wirksam im Verlauf einer Reihe von Jahren! M. H, ich glaube, ich darf sagen, daß heute die Augen Europas auf diese Versammlung gerichtet sind (sehr richtig! rechts), auf die Beschlüsse, welche Sie in einer so hochwichtigen Angelegenheit süssen werden. Ich wende mich au Ihren patriotischen Sinn, wenn ich Sie bitte, die Regierungsvorlage . unverkürzt und unverändert anzunehmen. Zeigen Sie der Welt, daß das Volk und die Regierung einig sind, und daß Sie, meine Herren, bereit sind, jedes Opfer, auch das Opfer einer abweichenden Ansicht zu bringen, wenn es sich um die Sicherung des Vaterlandes handelt. (Lebhaftes Bravo rechts).
Abg. ^Freiherr v. Stauffenberg (deutsch- fteis.) fuhrt zunächst aus, daß bereits die erste Lesung der Vor- lage die Einmütigkeit sämmtlicher Parteien dahin ergeben habe, daß alles gewährt werden müsse, was zum Schutze des Vaterlandes nötig sei; trotzdem jedoch dürfe die Volksvertretung allein schon in Rücksicht auf die zahlreichen Militärischen Fragen auf dem einschlägigen Gebiete auf eine eingehende und sorgfältige Prüfung nicht verzichten.
"un seine Partei zu der Annahme gelangt sei, daß 441200 Mann auf drei Jahre, die weiter geforderten Bataillone aber nur provisorisch auf ein Jahr zu bewilligen seien, so sei dieselbe ein Resultat jener ernsthaften Prüfung, fowie der vom Kriegsminister selber abgegebenen Erklärungen. Redner bespricht sodann seinen Antrag in ausführlicher Darlegung und sucht den seiner Partei gemachten Vorwurf zurückzuweisen, daß dieselbe dem Vaterlande den nötigen Schutz verweigere, indem er die Ansicht vertritt, daß hier die Frage (des Septennats nicht ausschlaggebend sei, daß vielmehr nach jeder Richtung hin eine gesetzliche Regelung für möglichst kurze Frist vorteilhaft erscheine. (Beifall links».
Nach einer kurzen Geschäftsordnungsdebatte, auf Grund deren die Diskussion der ersten drei Paragraphen der Vorlage zusammengefaßt wird, ergreift das Wort'
Fürst Bismarck: Tie Wehrkraft des Reiches, wie
fikbeidürstenden Lippen riefen jetzt nach einem kühlenden Labetrnnk.
Still und bleich lag sie da, unbekümmert um Das, was nm sie her vorginp.
Horch! Dumpf verkündete die alte Uhr im Erdgeschoß die dritte Morgenstunde durch das Haus.
Colv llr fuhr unruhig aus seinem Halbschlummer auf, lehnte sich Jedoch, als der letzte Schlag in dumpfem Echo erstarb, wieder zurück. Zirm Einschlafen kam er nicht mehr, denn ein gleichzeitiger Ruf ans dem Munde des Arztes und dem der Alten lentte seinen Blick nach dem Bett hin.
Was war das? Was war geschehen?
Der furchtbare Bann war gelöst! Einem Gespenste gleich lag die Kranke da, aber ihre großen, blauen Auge», wett offen, starrten mit einem unbeschreiblichen Ausdruck des Entsetzens in das widerwärtige Gesicht der Alten am Fügende des Lagers. M
Wie zu einem Schrei öffmten sich jetzt die Lippen und Blut drang aus Mund und Nase hervor.
„Spute Dich!» fuhr der Arzt die Alte heftig an. „Hole warmes Wasser und einen Schwamm!"
So rasch ihre Füße sie trugen, entfernte sich die Frau und kehrte schnell mit dem Verlangten zurück.
Doktor Pratt ging hastig daran, das Gesicht von Blut zu säubern.
Ein langer tiefer Seufzer entfuhr den Lippen der Da- liegenden. Den Kopf zur Seite wendend, sah sie sich matt im Zimmer um. Der Arzt machte Colville ein Zeichen und dieser zog sich in die dunkelste Ecke des Raumes zurück.
»Trinken Sie diesen W in, Miß Lily?* sprach der Arzt, ein Glas an ihre Lippen haltend. Sie schlürfte schwach den Inhalt, schloß die Augen wieder und verfiel in einen "E'^rquickenden Schlaf, sanft, doch deutlich hörbar athmend.
Mit ttiumphirender. Miene wandte sich Doktor Pratt letzt erst Colville zu.
Reichstag.
Berlin, 11. Januar.
Die heutige (18.) Sitzung, welche vor gut besetztem Hause und dichtgefüllten Tribünen, sowohl denjenigen für Hof und Diplomatie, in deren ersterer sich Prinz Wilhelm in Begleitung mehrerer höheren Offiziere eingefunden hatte, wie von den sonstigen Tribünen, wurde um 121/* Uhr vom Präsidenten v. Wedell-Piesdorf eröffnet.
Referent Abg. Frh. v. Huene (Zentrum) konnte sich den Amendements gegenüber, die jetzt vorliegen, namens der Kommission nicht aussprechen.
Nachdem sodann Abg. Dr. Buhl (nat.-lib.) namens der Kommission über die eingegangenen Petitionen kurz berichtet, nahm nach lautloser Stille des Hauses das Wort
Abg. Dr. Graf v. Moltke (deutschkons.): Meine Herren! Niemand von uns täuscht sich wohl über den Ernst der Zeit, in welcher wir uns befinden Alle größeren europäischen Regierungen treffen eifrigst Vorkehrungen, um einer ungewissen Zukunft entgegenzugehen. Alle Welt fragt sich, werden wir den Krieg bekommen? Nun meine Herren, ich glaube, daß kein Staatslenker freiwillig die ungeheuere Verantwortung auf sich .nehmen wird, die Brandfackel in den Zündstoff zu werfen, welcher mehr oder weniger in allen Ländern angehäuft ist. Starke Regierungen sind eine Bürgschaft für Frieden. Aber die Bolksleidenschaften, der Ehrgeiz der Parteiführer, die durch Schrift und Wort mißgeleitete öffentliche Meinung, das alles, meine Herren, sind Elemente, welche stärker werden können als der Wille der Regierenden; haben wir doch erlebt, daß selbst Börsenintereffen Kriege entzündeten. Wenn nun in dieser politischen Spannung irgeno ein Staat in der Lage ist, für die Fortdauer des Friedens zu wirken, so ist es Deutschland, welches nicht direkt in den Fragen beteiligt ist, welche die übrigen Mächte aufregen; Deutschland, welches seit dem Bestehen des Reiches gezeigt hat, daß es keinen seiner Nachbarn angreifen will, wenn es nicht von ihm selbst dazu gezwungen wird. Aber, meine Herren, um diese schwierige, vielleicht undankbare Vermittlerrolle durchzusühren, muß Deutschland stark und kriegsgerüstet sein. (Bravo! rechts.) Werden wir dann gegen unseren Willen in den Krieg verwickelt, so haben wir auch die Mittel, ihn zu führen. Würde die Forderung der Regierung abgelehnt, meine Herren, dann glaube ich, haben wir den Krieg ganz sicher. (Hört! hört! rechts.) Es ist ja nun erfreulich und wird seine Wirkung nach außen nicht verfehlen, daß von den großen Parteien dieses Hauses keine ist, welche ungeachtet mancher verschiedenen Ansichten in inneren Angelegenheiten der Regierung die Mittel verweigern wird, welche sie nach gewissenhafter Erwägung von uns für die Verteidigung nach außen fordert: nur |
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain
___ Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. A»ch.
f »^ Was sagst Du nun zu meiner Kunst?- fragte er scharfen Tones. '
Colville zitterte vor Auftegung. Wie auf ein Wunder blickte er auf das Antlitz der ruhig Schlafenden.
Prall, Du stehst im Bunde mit dem T.....’•
furchtsam. „Vor einer Stunde noch hätte
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-- Lebenden!» wiederholte Colville. Ich
£""^e. Du besäßest auch die Macht, wie Dn sie dem toeden!^ —r——", £ie6e $n mir tn ihrem Herzen zu er=
.Die Sonne sandte bereits ihr goldenes Moracnlicht wachte®rbC n<eber' 018 ans ihrem tiefem Schlaf en-
Ihre großen, blauen Augen öffneten sich und sahen mit einem Ausdruck der Verwirrung nm fich. 9 . iH?» fragte ste matt, sich mit ihrer kleinen
weißen Hand über die Stirn fahrend. 9 '
Colville war weggegangen. Doktor Pratt iudeß. der in unermüdlicher Pflichttreu och immer an ihrem Bette saß antwortete ruhig und freundlich:
^r"OTrVinLtn ^ten Händen, Miß Lawrence. Ich bin d--,-» sich
„Ah war sehr krank, sagen Sie?* fragte Lil», in das fl6er c?e gebeugte, finstere Gesicht des Sprechers blickend.
»Za-Sie standen am Rande des Grabes! Doch sprechen Sie nicht; es kann Ihnen nur schaden.* W P q n m-'Ab-r ich muß reden!" beharrte die Kranke hartnäckig.
H hi" - Dies ist nicht Lawrence-Hall!" Da- blickte sie in dem ärmlich, schlecht möblirten Zimm?r umher. „Wo find mein Vater, meine Schwester e O mein Sott! und ein durchdringender Schrei kam von ihren Lippern
sie jetzt ist, reicht nach der Ueberzcugung der verbündeten I Regierungen nicht aus, die Sicherheit des Reiches dauernd zu verbürgen. Dies ist auch die Ueberzcugung aller militärischen Autoritäten, mit Ausnahme derjenigen des deutschen Reichstages. Also alle mflitärischen Autoritäten stehen gegenüber denjenigen der Herren Richter, Windt- horst und Grillenberger. Ich kann nur annehmen, daß die Herren aber noch andere Gründe bezüglich der Vor- den verbündeten Regierungen voraussetzen, als militärische, Indessen diese Voraussetzungen, als ob cs uns um Einführung neuer Steuern zu thun sei, ist gerade so absurd, als wenn wir bei der Opposition vor- ^Eeu, es läge ihr daran, in der Thal die Sicherheit Deutschlands zu gefährden. Auch Erobcrunqs- mQtL n! der Vorlage vermutet, die Sucht nach Militärischem Prestige und Einmischung in fremd? Anae- legcnhciten. Vergißt man denn ganz die friedliche Politik des Kaisers, der, nur gezwungen und infolge historischer Entwickelung zwei große Kriege geführt hat? Es ist doch zu bedenken, daß der gordische Knoten, vor dem wir vor den letzten Kriegen standen, doch nur durch das Schwert gelöst werden konnte, nur durch die Wehrkraft, auf welche wir uns stutzen konnten, das wird jeder zugeben, wie jeder zugestehen wird, daß man von diesem Hause aus die orientalische Frage nicht lösen kann. Die Aufgabe, die uns nach dem Frankfurter Frieden zufiel, war keine geringe. Frieden zu machen war leichter, als ihn zu erhalten Es ist uns gelungen, mit Oesterreich, zu welchem wir jetzt in o herzlichen Beziehungen stehen, in gegenseitigem aufrich- tigern Vertrauen ein -Bündnis zu schließen, wie es uns nie wahrend der >it des deutschen Bundes gelungen war. Großer Einfluß zur Befestigung des Ffte- dens ist den freundschaftlichen Beziehungen der drei Kaiser- Machte zu einander beizumessen. Es ist daran zu er- tnnern, daß die lange Friedenszeit des Jahrhunderts, welche
111 Z"t der verrufenen heiligen Allianz fiel. Jetzt ist eS geboten, dem Weltteile die Folgen des Friedens zu erhalten. Dazu bedürfen wir vor allem eines starken Heeres, stark genug, ums un ohne jede Butchesgenoffenjchast sicher zu stellen. Unsere Freundschaft l? "Uh heute über jeden Zweifel erhaben. Alle Kombinationen, welche man sich in unseren Bezie- hungen zu Rußland gemacht hat, find nach meiner Meinung hinfällig. Daß man uns von russischer Seite an- werde, glaube ich nicht. Auch nicht, daß man Schwierigkeiten benutzen werde, die uns von anderer Seite erstehen konnten. Alle Kombinationen von einer Koa- htwn Rußlands und Frankreichs seien falsch. Wir werden Handel nicht mit Rußland haben, wenn wir nicht nach Bulgarien gehen und sie dort aussuchen. Dazu wollte die
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Ouartal- AbonnementS-Preis bei der Expedition 2*/4 Mk.. bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfa. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
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Köln; ®. S. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris-