Rr. 7.
Marburg, Sonntag, 9. Januar 1887.
XXII. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Kurtagen. — Quartal» WonnemrntS-Preis bei der Spedition 2^ Wk., bei bei Postämter 2 Mk. 5> Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die «spaltcne Zeile 10 Pfg, Reklamen für die Zeise 25 Pfg.
GrchkMt MiW.
Anzeigen nimmt, enigeg-n die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux van Haasensteiu undBvaler in Frankfurt a. SR., kastel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a. M., Berlin.München »ud Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. $L, Berlin, Hannover » Paris.
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Alle Postanstalten, unsere Agentur in Kirchhain, sowie die unterzeichnete Expedition nehmen noch Bestellungen auf unser Blatt für das erste Quartal entgegen, und werden soweit es noch möglich ist, die erschienenen Nummern und der Wandkalender nachgeliefert.
_______________Die Exped. d. Oberh. Zeit. Deutsches Reich.
Berlin, 7. Jan. Der Kaiser empfing heute vormittag 11 Uhr den Herzog von Koburg, nahm darauf den Vortrag des Finanzministers von Scholz entgegen und machte nachmittags eine Spazierfahrt. An dem Diner nehmen der Herzog von Koburg, das Kronprinzliche Paar, Prinz Wilhelm, die Erbprinzcssin von Meiningen, der Fürst Salm-Dyk, Fürst Blücher und andere Persönlichkeiten teil. — In dem Denkschreiben des Kaisers an das Zentralkomitee der deutschen Rote-Kreuz-Vereine für die Neujahrsglückwünsche heißt es: Wenn Ich auch der Hoffnung lebe, daß die Bemühungen, dem deutschen Volke die Segnungen des Friedens zu erhalten, nicht vergeblich sein werden, kann Ich doch Meine volle Anerkennung über den Ernst und Eifer nicht zurückhalten, womit die Rote-Kreuz- Vereine auch in ruhigen Zeilen der Erfüllung ihrer Aufgabe sich hingeben. — Fürst Bismarck befand sich, dem „Hamb. Korresp." nach, vor dem Feste nicht sonderlich wohl, und es erfolgte deshalb die Berufung seines Leib- Arztes Ur. Schweninger nach Friedrichsruh. Dieser soll dem Fürsten geraten haben, mindestens bis Mitte Februar in Friedrichsruh zu verbleiben und dann erst zu den Geschäften hierher zurückzukchren. Dann aber hieß es, der Fürst sei bereits zum 15. Januar zu erwarten. Abgesehen von diesen ganz bestimmt getroffenen Dispositionen weiß man aber dennoch, daß es möglich bleibt, daß der Fürst sich Plötzlich zu. einer Reise nach Berlin entschließt. Vorläufig wird angenommen, daß auch die zweite Lesung der Militärvorlage ohne den Fürsten Bismarck stattfinden und der Kriegsminister allein die Vertretung der Regierungen übernehmen werde. — Im Kaiserlichen Statistischen Amt ist nunmehr die Bearbeitung des sämtlichen durch die Berufszählung vom 5. Juni 1882 gewonnenen Materials für das Reich fertig gestellt und das Ergebnis veröffentlicht. Das Gesamtwerk besteht aus der Berufsstatistik (im engeren Sinne), der landwirtschaftlichen Betriebsstatistik und der Gewerbestatistik. Die Veröffentlichung ist in sechs Bänden der istaiistik des Deutschen Reichs (N. F. Bd. 2 bis 7) erfolgt. Dieselben enthalten nicht nur Tabellenwerk, sondern auch in die Sache selbst eingehende Erläuterungen und Ausführungen, sowie kartographische Darstellungen. — Die zweite Lesung der Militärvorlage findet, wie nunmehr feststeht, nächsten Dienstag statt, und
Die Geister der Finsternis.
Roman auS dem Amerikanischen von A. Bayard. (Fortsetzung.)
Erschreckt über den Ausdruck der Erschöpfung auf seinem blassen Gesicht, eilte Mrs. Vance an die Glocke, um dem darauf erscheinen Diener den Befehl zu geben, ein Glas alten Sherry zu bringen.
Das Berlangte ward in wenigen Minuten serviert und unter heftigem Zittern nahm Mrs. Vance den Kopf des Halbbewußtlosen in ihren Arm und setzte ihm das Glas an die Lippen. Der kräftige Wein belebte ihn sofort.
„Verzeihen Sie Mrs. Vance,« sagte er, sich aufrichlend, mit gebrochener Stimme. „Ich fühle mich noch so sehr schwach — und es ist so hart, o so hart für mich, unter solchen traurigen Verhältnissen hierhrrzukommen!«
Und ein heftiges Beben durchzuckte die Gestalt des jungen ManneS.
„O, glanben Sie mir, ich fühle und traure mit Ihnen,« sprach die schöne Mrs. Vance mit bestrickender Snmme. „Unsere arme, verlorene Ltly l« Und aufschluchzeud verbarg fie das AnUttz hinter dem feinen Spitzcntuch. „O, wir trauen Alle, Alle um sie!«
„Durch den Selbstmord soll fie gestorben sein,« rief er erregt aus. „Welches Geheimnis liegt hier verborgen, MrS. Vance ? Was nur kann das Mädchen, welches ich so bald schon mein Weib nennen sollte, zu dieser entsetzlichen That getrieben haben?«
„Haben Sie wirklich keinen Grund vermutet?« fragte fie, ihn traurig ansehend.
„Nein, — denn es gab keinen. Jung, schön, liebend nud geliebt, was konnte sie von Kummer wissen?«
„So schien eS Ihnen,« antwortete fie leise und saust, zur Erde niederblickend, als könne sie die Qual, welche aus deS jungen Mannes Zügen ausgeprägt war, nicht ertragen, »doch so befremdend es klingen und scheinen mag, Lily hatte einen geheimen Kummer, uns Alle« unbekannt. Sie litt
Persönlichkeiten, die mit dem Reichskanzler Fühlung haben, versichern, daß sich derselbe unzweifelhaft daran beteiligen und daß es zu einer großen parlamentarischen Attion kommen werde. So mißlich es erfahrungsgemäß ist, über die Reisedispositionen des Reichskanzlers etwas mitzuteilen, so mag doch nicht verschwiegen werden, daß er von den Personen seiner Umgebung morgen hier erwartet wird. Da sein eigener Sohn diese Mitteilung gemacht hat, wird sie sich diesmal vielleicht bewahrheiten. Es werden auch jetzt die Nachrichten über den unbefriedigenden Gesundheitszustand des Reichskanzlers bestritten. — Unter den vielen Gerüchten, die heule im Reichstag zirkulieren, mag noch der Kuriosität halber eines verzeichnet sein, nach welchem der Kaiser von Rußland zum 90. Geburtstage des Kaisers Wilhelm nach Berlin kommen werde. — Dem Landtage wird gleich nach seinem Zusammentritte außer dem Etatsentwurfe eine größere Reihe von Vorlagen zugehen, u. a. folgende Gesetzentwürfe aus dem landwirtschaftlichen Ministerium, welche sämtlich bereits fertig gestellt sind: 1. ein Gesetz wegen Abgrenzung und Organisation der Berufsgenossenschaften auf Grund des § HO des Reichsgesetzes vom 5. Mai 1886, betr. die Unfallversicherung der ländlichen und forstwirtschaftlichen Arbeiter ; 2. ein Gesetz, betr. das Verfahren und das Kostenwesen bei der Gülerkonsolidation im Regicrungs - Bezirk Wiesbaden, einschließlich des Kreises Biedenkopf und der durch die Kreisvrdnung vom 7. Juni 1885 mit dem Regierungsbezirk Wiesbaden vereinigten Gemeinden; 3. ein Gesetz betreffend die Vertretung und Verwaltung der durch ein Auseinandersetzüngsverfahren begründeten gemeinschaftlichen Angelegenheiten; 4. eine Landgüterordnung für den Regierungsbezirk Cassel; 5. eine Haubergsordnung für den Dill- und den Oberwesterwaldkreis; 6. ein Gesetz, betreffend die Verteilung der öffentlichen Lasten bei Grundstücksteilungen und bei Gründung neuer Ansiedelungen in der Provinz Hannover.
— Die Sitzung der Militärkommisston des Reichstages begann heute um 10'/. Uhr. Zunächst nahm Abg. Dr. Buhl, Berichterstatter über die eingegangenen Petitionen, das Wort. Er teilte mit, daß gegen Die Regierungsvorlage 16, für dieselbe 170 Petitionen eingegangen seien; von letzteren kommen ungefähr zwei Dritteile aus Württemberg. Die Petitionen hätten 19404 Unterschriften, darunter außer oen württembergischen solche aus Bromberg, Dresden, Duisburg, Wiesbaden, Königreich Sachsen, Berlin (Oranienburger Thor, konservativer Verein), aus Westpreußen, Niederbarnim, Frankfurt a. M. Konservativer Verein), ; Magdeburg , nationalliberaler Verein und Aelteste der | Kaufmannschaft), Merseburg und Düffeldorf. Der Bericht- ! erstatter empfiehlt, dem Plenum vorzuschlagen, die Petitionen als durch die Verhandlungen erledigt zu erklären. — Der 1 ■ zeitweise an Niedergeschlagenheit und Zerstreutheit und trat Dann wieder von einer unnatürlichen, fieberhaften Fröhlichkeit. Mein monatelanger Verdacht wurde nur noch bestärkt durch ihr tragisches Ende.«
„Uno was, vermuten Sie, könne allenfalls der Grund dieses geheimen Kummers gewesen sein?« fragte der junge Manu, sie überrascht und ängstlich ansehend.
„Ich kann» nur nach Mutmaßungen schließen,« antwortete Mrs. Vance zögernd. „Es wäre Grausamkeit, Ihre Seele mit Verdachtsgründen zu quälen, die grundlos sein könnten.«
„Aber ich bestehe daraus, daß Sie eS mir sagen,« erwiderte er mit unbewußter Autorität in seinem Blick und Stimme.
„Ich bildete mir ein, — verstehe« Sie mich wohl, es war bloße Einbildung, — daß Lily, obwohl Ihnen anverlobt, eine unerwiederte Liebe für einen Anderen im Herzen hegte, die ihr künftiges Glück zu zerstören drohte!
„Unmöglich!* antwortete er entschieden. „Lily liebte nur mich, — liebte mich so treu, wie ich sie; davon bin ich fest überzeugt. Nein, Mrs. Vance, Sie sind auf Irrwegen! Nur der Aussage der Richter kann ich Glanben schenken, sie allein ist für mich maßgebend. Die verhängnisvolle That kann einzig in einem Anfalle von Geistesstörung auS- gefühtt worden sein.«
„Mr. Lawrences Eintreten ließ die teilnehmende A«t- wott, welche Mrs. Vance auf de« Lippen hatte, unausgesprochen bleiben.
Als die beiden Männer sich schweigend die Hände druckten, bemertte Jeder den verheerenden Kummer, der auf dem Anllitz des Anderen ausgeprägt war.
Mr. Lawrences stattliche Gestalt war gebrochen; sein Gesicht war durchfurcht vyn dunklen Linien, welche Gram und Sorge tief darauf eingegraben hatten, und weiße Fäden mischten sich in das Kastanienbraun seiner Haare.
Die geisterhafte Blässe in Laucelot Darlings Antlitz,
Vorsitzende bemertt, daß nach seiner Auffassung die Besprechung der Petitionen, die er übrigens nicht hindern wolle, sich beffer für das Plenum eigne. — Abg. Rickert erklärt, daß der Vertreter des Reichsschatzamts, Staatssekretär Jacobi, selbst auf die Petitionen hingewiesen hätte; deshalb empfehle sich auch eine kurze Besprechung. Wenn die freisinnige Partei Petitionen gegen die Militärvorlage hätte einbringen wollen, so wäre es leicht gewesen, 500000 Stimmen zusammen zu bringen. Die Aeltesten der Kaufmannschaft zu Magdeburg hätten eine Petition für die Vorlage eingebracht, ohne daß die Regierung eingegriffen hätte, die doch sonst so sehr darüber wache, daß solche Körperschaften sich nicht in Politik mischen. — Abg. Windthorst richtet an den Abg. Buhl die Anfrage, ob demselben nicht bekannt sei, daß in den Versammlungen zu Gunsten der Vorlage auch an die Mittel gedacht worden sei, die Deckung für die erhöhten Ausgaben zu beschaffen. — Dem Abg. Buhl ist davon nichts bekannt. — Abg. Hasenclever erklärt, daß in den Entrüstungsversammlungen über die Kommissione Verhandlungen ganz falsche Mitteilungen gemacht worden seien. Man habe gelogen, rote telegraphiert, und wenn ein Gegner der Vorlage, der zufällig Sozialdemokrat war, zum Volke habe sprechen wollen, so seien die Versammlungen aufgelöst oder verboten roorben. — Abg. Richter tadelte das Verfahren der Behörden bei diesen Petitionen, welche alle Körperschaften, die sich für die Vorlage erklärten, ruhig hätten gewähren lasten, während aus früheren Vorkommnissen bekannt sei, daß sie unerbittlich Kundgebungen dieser Körperschaften gegen Regierungsvorlagen unterdrückt hätten. — Die Kommission beschließt, dem Plenum vorzuschlagen, daß die Petitionen durch die Kommissionsbeschlüffe für erledigt erklärt werden. — Nunmehr nimmt der Berichterstatter Abg. Frhr. v. Huene das Wort. Bei dem Verlesen des sehr umfangreichen Berichts machte Abg. Dr. Bamberger den Einwand, daß er gesagt habe, er stehe nicht auf dem Boden der ganzen Vorlage, um dem Ausland durch unsere Heereserhöhung nicht den Anstoß zu gleichen größeren Rüstungen zu geben. Im llebrigen werden nur geringfügige und wenige Ausstellungen gemacht, die sich zumeist auf Zifferndifferenzen beziehen. Ferner wurde durch die Abgg. v. Köller und Hasenclever konstatiert, daß bei der Abstimmung über die Feststellung der Sitzung, in welcher die zweite Lesung der Vorlage genommen werden sollte, einige Nationalliberale schließlich mit der Majorität dafür gestimmt hätten, dem Vorsitzenden die Anberaumung der nächsten Sitzung anheimzugeben, was mit der Vertagung bis nach Neujahr gleichbedeutend war. — Diese Konstatierung geschah ohne Widerspruch. — In Bezug aus eine Aeußerung des abwesenden Schatzsekretärs Jacobi aus der letzten Sitzung, in welcher derselbe von der öffent- felue wild blickenden Augen und seine zitternden Hände verriete« de« älteren Manne nur zu deutlich, wie quälend und herzbrechend seine Verzweiflung und sein Schmerz wäre«.
„Lancelot, mein armer Junge, Du bist noch schwer krank« sprach Mr. Lawrence in liÄevollstem Tone.
Des Banquiers Hand statt aller Antwort heftig drückend, rief der junge Mann leidenschaftlich aus:
„Mr. Lawrence, wollen Sie mir eine große Gunst erweise« ?« „Und die wäre?« fragte der alte Mann gütig.
Die Brust des Gefragten hob ein schwerer Seufzer.
«Geben Sie mir den Schlüssel zu der Gruft. Lasten Sie mich meine Lily noch ein einziges Mal sehen!« antwortete er bann in flehendem Tone. „O, verweigern Sie mir die Erfüllung meiner Bitte nicht," fuhr er erregt fort, als er das Erschrecken des Banquiers sah. „Ich muß von ihr Abschied nehmen! Nur noch einmal lasten Sie mich meine Lily sehen, bevor der Tod sein Zerstörungswerk an ihrer Schönheit vollendet!«
„Aber, Lancelot, wäre es nicht besser, ihrer so zu gedenken, tote wir fie das letzte Mal sahen, lebend und liebe- toarm? Auch bist Du viel zu schwach, um solche schmerzliche Aufregung zu ertragen."
„Wie, Mr. Lawrence, Sie könnten nur daran denken, es mir zu verweigern, meine tote Braut noch einmal zu sehen, einen letzten Kuß auf die falten Lippen Derjenigen zu drücken, die binnen kurzem mein Weib hat werden sollen?« rief der junge Mann in Tönen des leidenschaftlichsten Schmerzes.
„O, gewähre« Sie ihm diese letzte Bitte!« redete jetzt Mrs. Vance ein, indem sie ihre kleine Hand auf des Banquiers Arm legte. „Haben Sie Mitleid mit feinem bin» tenben Herzen unb feinen vernichteten Hoffnungen. Vergessen Sie nicht, wie sehr er feine Lily geliebt hat. Gehen Sie mit ihm nach der Gruft, wo unsere geliebte Lily den Schlaf des ewigen Friebens fchlummert!«
(Fortsetzung folgt.)