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Marburg, Freitag, 7. Januar 1887.

XXII. Jahrgang

Erscheint täglich außer an Werktagen nach L onn- unb Feiertagen. Quartal- Wonnements-Preis bei der Expedition 2/4 MI., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Vsg, Rellamen für die Zeile 25 Pfg.

OlinhkM Jcitiniii.

Anzeigen nimmt, entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux van Haasensteiu undBooler in Frankfurt a. M , taffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Fraulfurt a. V-., Berlin,München und Köln; G L. Daube und Co. in Frankfurt a. M«, Berlin, Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f.-. Kreise Marbnrg u. Kirchhain. - Illustriertes Conntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

86^* Alle Postanstallen, unsere Agentur in Kirchhain, sowie die unterzeichnete Expedition nehmen noch Bestellungen auf unser Blatt für das erste Quartal entgegen, und werden soweit eS noch niöglich ist, die erschienenen Nummern und der Wandkalender nachgeliefert.

_______________Die Exped. d. Oberh. Zeit.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Jan. DirStaals-Anz." publiziert folgenden Allerhöchsten Erlaß des Kaisers: An den Gcneral-Feldmarschall, Kronprinzen des Deutschen Reichs und Kronprinzen von Preußen, Kaiserliche und Königliche Hoheit. Ew. Kaiserliche und Königliche Hoheit haben Mir heute in Ihrer Eigenschaft als rangältester General- Feldmarschall der Armee umgeben von einer die ein* zelnen Teile derselben repräsentierenden hohen Generalität die Glückwünsche der Armee zu Meinem 80jährigen militärischen Dienstjubiläum ausgesprochen. Ich habe Ew. Kaiserlichen und Königlichen Hoheit und den Sie um­gebenden Generalen aus warmem und tief bewegtem Herzen gedankt, empfinde aber das Bedürfnis, Meinen Dank auch an die ganze Armee weiter gehen zu lassen und an dem heutigen Tage auch an diese einige Worte zu richten. Die Armee weiß, wie nahe sie Meinem Herzen immer ge­standen hat, und sie wird verstehen, welche Empfindungen Mich heute in dem Gedanken bewegen, ihr nun 80 volle Jahre angehört zu haben. Es ist eine lange und wahr­lich eine wechselvolle, ereignisreiche Zeit, die heute an Meiner Erinnerung vorbeigeht. Beginnend in ernsten Tagen schwerster Prüfung, habe Ich wohl auch in ihrem weiteren Verlauf mancher Sorge und manches Tages, wo Mir das Herz schwer war, zu gedenken, aber es sind deren doch nur sehr wenige gewesen im Vergleich zu den vielen des Glücks und der Freude, die Mir zu erleben vergönnt war. Mein Blick kann sich nicht in die Vergangenheit richten, ohne Mein tief bewegtes Herz von Dank für die Gnade des allmächtigen Gottes überströmen zu lassen, die wahrlich Großes an Mir gethan, die Mich so lange er­hallen und die Mir so viel des Glückes gegeben hat. Und welchen Wechsel hat die Armee in diesen 80 Jahren mit Mir erlebt! Sie stand, als Ich in dieselbe trat, dem schwersten Schlage, der Preußen jemals getroffen, zu­rückgedrängt an die äußersten Grenzen des Reichs, aber der Soldaten-Sinn, den Meine glorreichen Vorfahren in sie gepflanzt, blieb ungebrochen und trieb bald neue Keime. Das bethäligten, die schönste Erinnerung Meiner Jugend, die Befreiungskriege, das erhielt sie sich in der treuen Arbeit einer langen Friedenszeit, und die Ruhmesthaten der Armee in neuester Zeit bezeugen wahrlich, daß dieser Sinn in voller Kraft erhalten und weiter gediehen ist- Ich habe viele Veränderungen mit der Armee erlebt, in ihrer äußeren Form in ihrer Truppenzahl Ich habe die Vereinigung mit den deutschen Kontingenten sich

vollziehen und die Marine entstehen sehen, es sind unter Meinen Augen Generationen durch die Armee gegangen, aber innerlich in den Herzen und dem Empfinden der Armee giebt es keine Veränderung. Ten Sinn für Ehre und für Pflicht über alles hoch zu halten und jederzeit bereit zu sein, das Leben dafür zu lafsen das ist das Band, welches alle deutschen Stämme eng umschließt, wel­ches Enkel und Urenkel jetzt eben so fest wie früher die Vorfahren vereinigt, und welches Meine Regierung mit Siegen geschmückt hat, deren Ich heute als der hell­strahlendsten Stellen Meines militärischen Lebens in hoch­gehobenster Empfindung gedenke. Es ist wahrlich eine hohe Freude für Mich, an dem heutigen Tage in solcher Weise zur Armee sprechen zu dürfen und über diese 80 Jahre sagen zu können, daß wir sicherlich, voll und ganz, fest zu einander gehört haben, Ich mit Meinem ganzen Herzen und Denken, die Armee mit vollster Treue, Hin­gebung und Pflichterfüllung, für welche Mein Dank und Meine Anerkennung die lebendigste Empfindung Meines Herzens bis zu Meinem letzten Athemzuge bleiben wird. Ew. Kaiserliche und Königliche Hoheit wollen diese Meine Worte durch die hierher berufenen Generale zur Kenntnis der Armee bringen taffen. Berlin, den 1. Januar 1887. Wilhelm.

Berlin, 5. Jan. Der Kaiser hörte heute den Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts, Wirkl. Geheimen Rats von Wilmowski, und empfing den Flügeladjutanten und Militär- Attachee in Wien, Obersten Grafen von Wedel. Die vereinigten Ausschüsse des Bundesrats für das Seewesen, für Handel und Verkehr und für Justizwesen hielten gestern eine Sitzung. Die Kommission für die Ausarbeitung des Entwurfs eines deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs hat am Montag im Reichsjustizamt unter dem Vorsitze des Wirklichen Geheimen Rats Dr. Pape wieder eine Sitzung abgehalten. Damit hat sie die durch das Weihnachtsfest unterbrochene Thätigkeit wieder ausgenommen. Die Kom­mission berät gegenwärtig über das Erbrecht, den von dem Ober-Landesgerichts-Präsidenten Dr. v. Schmidt redigierten fünften und letzten Teil des Zivilgesetzbuchs. Der Entwurf dieses Te ls soll so weit vorgeschritten sein, daß die Plenar­beratung desselben bis zum Sommer zur Beendigung ge­langen wird. Alsdann werden von der Kommission noch einige mit dem eigentlichen Gesetzbuch im Zusammenhang stehende Gesetze ausgearbeitet werden, nämlich das Ein­führungsgesetz, die Grundbuchordnung, Gesetze, betreffend die Ergänzung und Berichtigung oder die Revision der Zivil-Prozeßordnung und der Konkursordnung, ein Gesetz, betreffend Die Zwangsvollstreckung in das unbewegliche Eigentum und ein Gesetz, betreffend die Behandlung der Extrajuvizialsachen. Für die letzteren Gesetze sollen, der N. P. Ztg." zufolge, zum großen Teile schon Entwürfe vorliegen, und sonach steht zu erwarten, daß die Beratungen hierüber nicht allzu lange Zeit in Anspruch nehmen werden. Die gestern von einer Stelle, bei der ein Irrtum aus­

geschlossen sein müßte, verbreitete Nachricht, daß der Reichs­kanzler nach Berlin kommen werde, hat sich nicht bewahr­heitet. Er scheint, wie daö bei ihm nicht selten ist, seine Dispositionen im letzten Augenblick wieder geändert zu haben. Es heißt jetzt, es sei noch nicht bestimmt, ob er überhaupt schon in den nächsten Tagen nach Berlin kommen werde. Vermutlich hängt dies von dem Verlauf der Be- ratungen der Militärvorlage ab. Dem Vernehmen nach soll das Uebereinkommen zwischen Deutschland und Portugal, betreffend die Besitzverhältnisse in Afrika, dem Bundesräte und dem Reichstage bald zugchen.

lieber die Bedeutung des Militär-Jubiläums Kaiser Wilhelms spricht sich derDaily Telegraph" folgender­maßen aus:Der deutsche Kaiser ist der älteste Offizier seiner Armee, der Doyen aller Offizierkorps in Europa, der einzige lebende Oberst in der Welt, welcher seine Aktivität durch siebzig Jahre behauptet hat ... Seine Regierung ist auch sonst, vom militärischen Standpunkte aus, kaum weniger ereignisvoll als die seines berühmten Großoheims Friedrich II. . . . Deutschland verdankt ihm seine Einheit, seine Stärke und einen vorherrschenden Ein­fluß auf dem Kontinent Es ist ihm aber noch für größere und dauernde Güter verbunden. Sein Leben hat der ganzen deutschen Nation ein Beispiel von unschätzbarem Werte gegeben. Den größten Teil des Jahrhunderts hin­durch lehrte er seine Landsleute die Tugend der Vaterlands­liebe. Von ihm mehr als aus den philosophischen Lehren ihrer Schulen erfuhren sie, daß Ehre, Gerechtigkeit, Wahr­heit und Selbstverleugnung zu den Grundbegriffen wahrer Größe gehören; daß Mut und Entschlossenheit nicht un­vereinbar sind mit Sanftmut und Duldsamkeit; daß ein einfacher biederer Mann, der an die Heiligkeit seiner irdi­schen Sendung glaubt und auf die Vorsehung vertraut, große Thaten verrichten kann, ohne auch nur um ein Haar vom Pfade der Tugend abzuweichen. In Glück und Un­glück war fein Verhalten untadelig. Als König, Unter» than, Gatte, Vater, Soldat und Bürger that er seine Pflicht und erwarb sich Die tiefe Liebe und die völlige Achtung aller, mit denen ihn das Geschick zusammen führte. Ein solches Leben, wie das seinige gelebt zu haben, heißt der Menschheit für alle Zeiten nutzen. Noch ungeborene Geschlechter werden von des ehrwüroigen Kaisers Beispiel lernen und ihn ihren Kindern und Kinveskindern als die seltene Verkörperung aller menschlichen Tugenven preisen. Es ist gut, an einem Jahrgedächtnis, welches der gebildeten Menschheit eine Gelegenheit zur Huldigung Wilhelms von Hohenzollern darbietet, zu wissen, daß seine reine und edle Vergangenheit durch jedes den Sterblichen erreichbare Glück belohnt worden. Angebetet von seiner Familie, seinem Hausgesinde und seinen Soldaten, verehrt von allen Freunden Deutschlands und geachtet selbst von seinen Feinden, kann der weißbärtige Jubilar sich eine fast hehre Befriedigung gestatten, wenn er auf eine Laufbahn von mehr als achtzig Jahren zurückblickt, deren Glanz nicht von irgend

Die Geister der Finsternis.

Roman auS dem Ameritanischen von A. Bayard. (Fortsetzung.)

2. Kapitel. Das Geheimnis des Arztes.

Doktor Pratt wohnte dem Leichenbegängnis von Miß Lawrence bd und seinem Falkenblicke entging nicht das Geringste. Er sah den Kummer des trauernben Vaters, der verzweifelnden Schwester, schaute forschend und den schweren Kreppschleier der schönen Mrs. Vanee und bemerkte die Ab­wesenheit des tief unglücklichen Bräutigams; er betrat sogar mit den Freunden und Verwandten die dustere Gruft, um zum letzten Male noch einen Blick auf die bleichen Züge der schönen Selbstmörderin zu werfe», die das Antlitz vom goldenen Haar umrahmt, wie schlafend auf dem weißen Atlaskiffen dalag, das mit unzähligen Rosenknospen und Lilien geschmückt war.

Vom Begräbnisplatz ließ der Arzt sich nach einer der vornehmsten Straßen der Stadt fahren. Vor einem der ersten Hotels hielt der Wagen.

Doktor Pratt schickte seine Karte einem daselbst wohnen­den Mr. Colville.

Einige Minuten später betrat er, von einem Hotelbe­diensteten dorthin geführt, das Zimmer dieses Herrn.

i Mr. Colville war ein hübscher, aber ein wenig verlebt aussehender Mann von etwa dreißig Jahren. Er war äußerst modern gekleidet und die Eleganz feiner Erscheinung, die kostbaren Juwelen, sowie der ausgesuchte Luxus, der ihn umgab, verrieten den an ein sehr reiches Leben ge­wöhnten Mann.

Beim Einttitt des Arztes nahm er seine Cigarre aus dem Munde und rief mit kurzem Lachen:

Pratt, wie zum Henker, welcher böse Geist führt Dich zu mir?"

Ich komme von einem Begräbnis, antwortete der also Empfangene ruhig, sich völlig ungeniert auf einen der mit AtlaS gepolsterten Sessel niederlassend.

Einem Begräbnis?" Mr. Colville erbebte sichtlich und erblaßte.War e8 etwa das von von Miß Lawrence?"

Wie Du sagst!" war die gleichmäßige Erwiderung.

Die schöne Lily eine Brant des Todes! Und dennoch, es ist besser so!" sprach Mr. Colville bitter.

Deine Kälte überrascht mich," sagte Dr. Pratt, ihn scharf ins Auge fassend.Ich glaube, Du liebtest dieses Mädchen hoffnungslos, verzweis lad?

Verzweifelnd, wahrlich, ich that eS!" rief Mr. Colville, von seinem Sitz aufspringend und tote rasend das Zimmer durchschreitend.Aber was nützte es mir?" Sie wollte nichts von meiner Liebe wissen. Sie wies mich spöttisch von sich und gab meinem stolzen Nebenbuhler den Vorrang. O, die Kunde von ihrer Verlobung machte mich fast wahnsinnig. Die Braut eines Anderen sie! Und nun ist sie tot! Aber tausendmal besser immerhin, sie ruht im Grabe, als daß sie einem Anderen angehörte!"

Setze Dich," sagte der Arzt kurz.Beruhige Dich, oder Du wirst in Krämpfe verfallen, tote der von Entsetzen ergriffene Bräutigam bei der Nachricht ihres Todes.

Was sagst Du? In Krämpfe verfiel er?" fragte Mr. Colville, seinen Gang unterbrechend.Wäre er doch daran gestorben! Aber nein, dann wären sie jetzt vereint in einem besseren Leben!"

Wenn es ein besseres Leben giebt!" versetzte Dr. Pratt hohnlachend. «

Mr. Colville warf sich in einen Lehnsessel und sah den Arzt verdrießlich an.

Zur Sache! Was ist der ergentticye Grunv Dernes Besuches?" fragte er kurz.Du hast mich schon zu so mancher bösen That verleitet, daß ich jedes mal, fo ost ich Dein satanisches Gesicht sehe, eine neue Schurkerei vermute."

Ich denke, Freund, Du wirst anders urteilen, wenn Du gehört hast, was mich zu Dir führt! Ich habe diese Woche, um Deines Glückes willen, meine Freiheit aufs Spiel gesetzt", antwortete Dr. Pratt mit scheinbarer Gleich­gültigkeit.Aber wenn Du es vorziehst, in solchem Tone weiter zu mir zu sprechen, so kann ich mein Geheimnis auch für mich behalten."

Ein Geheimnis?" fragte Mr. Colville mit Lebhaftig­keit.Ah, Doktor, Deine Geheimnisse pflegen stets be§ Hörens wert zu sein! Mache mich immerhin zu Deinem Vertranten!"

Was ich Dir heute zu sagen habe, ist doppelt hörens­weit," antwortete Dr. Pratt flüsternd, und sich erhebend, schloß er vorsichtig die Thür ab, vorerst noch einen miß­trauischen Blick in d Korridor hinauswerfend.

Nachdem er sich vergewissert, daß kein Lauscher in der Nähe fei, nahm er dicht neben Mr. Colville Platz und fuhr ruhig fort:

Dieses Mal kann ich Dir mein kostbares Geheimnis nicht so ohne Weiteres anvertrauen, Colville; aber ver­kaufen will ich eS Dir um die hübsche, runde Summe von zehntausend Dollar, eine Kleinigkeit für einen Mann wie Du bist!"

Zehntausend Dollar!" rief Nir. Colville, auf feine beiden Füße springend.Nein, so wahr ich lebe, cs giebt kein Geheimnis unter Gottes Sonne, welch- S ich mir nm diesen Preis erlaufen würde!"

Giebt eS keins?" fragte der Andere cynisch znrück; und seinen Mund Colvilles Ohr nähernd, flüsterte er leise,