Einzelbild herunterladen
 

XXII. Jahrgang

Marburg, Donnerstag, 6. Januar 1887.

OIicrhkUlhk jfitiing

>

- Illustriertes Sountagsblatt

e

e

v

I

i

-

J

jüngere und jetzt noch einige Tochter, lag in Krämpfen danieder. MrS. Vance, die scdöne Anverwandte der Familie, die, nachdem sie früh vermittln t, bei dem Banquier Lawrence ein zweites Heim gefunden hatte, war die Einzige im Hause, die Ruhe und Selbstbeherrschung genug fand, sich um etwas zu kümmern.

Sie wies die Menge der Neugierige», die das HauS fast bestürmten, zurück und empfing teilnehmende Freunde, dann und wann dabei in ein herzbrechendes Schluchzen ausbrechend und das feine Spitzentaschentuch wie verzweifelt gegen die Augen drückend.

Herr Doktor*, rief sie aus, als der Arzt, den man sofort nach der traurigen Entdeckung hatte rufen lassen, sich über die Leblose beugte, um zu sehen, ob sie wirklich tot sei,o, Herr Doktor, sie kann nicht tot sein, unsere Herzens- Lily kann uns nicht für immer verlasse» haben!*

Der Arzt blickte forschend in das schöne, erregte Antlitz der Sprecherin, das bei dem Anblick der regungslosen Ge­stalt des jungen Mädchens gleichsam verzerrt erschren.

Nochmals beugte er sich über die Tote, besichtigte genauer die schönen, weißen Gefichtszüge, berührte die geöffneten Augenlider und die krawpfhast geschloffenen Hände, und legte seiu Ohr dicht an das stille Herz, das noch am Tage vorher in Jugend, Hoffnung und seligstem Glück froh und lebenswarm geschlagen hatte.

Es thut mir leid', sagte er sich erhebend, zeremoniellen Tones,aber Miß Lawrence gehört uns n-.cht mehr an. Ihr Leben ist seit mehreren Stuude« schon erloschen!*

Einige Stunde» später wurde eine gerichtliche Toten­schau abgehalten.

Miß Ada Lawrence, Mrs. Vance und Miß Lawrences Kammerjungfer hatten die verstorbene junge Dame lebend zuletzt gesehen.

Demgemäß folgte noch selbige« Tages das öffentliche Verhör.

Die Zofe sagte aus, daß sie am Abend des traurigen Ereignisses bis gegen zehn Uhr bei ihrer jungen Herrin ver­

jNachdruck verboten.!

Die Geister der Finsternis.

Roman aus dem Amerikanischen von A. Bo Yard.

1. Kapitel. Eine Braut.

Wie ein Lauffeuer durchlief das G;rücht die Stadt, die schöne Ltly Lawrence habe sich selbst das Leben genommen.

Unmöglich! Ein junges, reizendes Mädchen, der Lieb­ling ihres Vaters, der Abgott ihres Bräutigams, die Erbin eines großen Vermögens, was sollte sie bewogen haben, Hanv an sich selbst za legen?

Dieser Tag sollte ihr Hochzeitstag sein!

Und nun lag sie auf dem mit Vergißmeinicht einge- wirtten Brüsseler Teppich und das warme Licht des hellen Junimorgens fiel durch das offene Fenster auf die in weißen Atlas und kostbare Spitzen gehüllte, leblose Mädchengestalt. Das blonde, aufgelöste Haar ließ das bleiche Antlitz wie aus einem goldenen Rahmen hcrvortteten; die weit ge- ) öffneten, schönen, blauen Augen hatten in dem aufwärts gerichteten, erstarrten Blick einen Ausdruck unsagbaren Entsetzens. Die kleine, weiße Hand umschloß fest einen mit Juwelen eingelegten Dolch, dessen mörderischer Stoß eine dunkel', ote Blutlache auf dem weißen Atlas über ihrem Herzen zuräckgelaffen.

So hatte der Tod sie als sei» eige» gefordert; in der Nacht vor ihrem Hochzeitstag hatte der Fürst der Schatten die lieblichste Braut auf immer in seine eifigeu Arme ge­nommen.

Jähes Entsetzen erweckte die Schreckensbotschaft bei allen, von denen Lily gekannt und geliebt worden war, mehr noch nm ihres liebenswürdige», sausten Charakters, als um ihrer Schönheit und ihres Reichtums willen.

Freunde kamen und gingen, um sich noch einmal das schöne Mädchen, das mau an demselben Tage als glückliche Braut hatte bewundern wollen, anzusehen.

Mr. Lawrence, der beraubte und verzweifelte Vater, war von Kummer und Entsetzen wie geblendet; Ada, seine

. Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f.d. Kreise Marburg «.Kirchhain

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag vou Joh. Lug. Koch

Anzeigen nimmt, ent-ezen die Expedition d Blatte-, sowie d.Annoncrn- Bureaux von Haasenstei» un dBoaler in Franlfurt o. M, Gaffel, Magdeburg und Wen; RudolfMvffe in Frankfurt a. M., Berlin.Münch en und

Köln; ®. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris-

Erscheint täglichaußer an Werktagen nach tsonxv- und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/4 Mk.. bei b«i Postämter 2 Mk. 5') Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnstrtionsgedüdr für die gespaltene Zeile 10 Pfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

sehen, trinke Ich auf das Wohl der Armee. Ich hoffe und weiß, daß die Armee immer das bleiben wird, waö sie bisher war und jetzt ist, wenn sie weiter auch festhält an den drei Grundsäulen ihrer Tüchtigkeit: am Ehrgefühl, an der Tapferkeit und am Gehorsam. In dieser Erwar­tung trinke Ich aus das Wohl der Armee. Sie lebe hoch lx Tief bewegt durch diese mit starker Stimme ge­sprochenen Worte stimmten die Anwesenden begeistert in das dreimalige Hoch Seiner Majestät ein. Eine König­liche Verordnung vom 3. Januar beruft beide Häuser des Landtags auf den 15. Januar ein. Der Reichskanzler Fürst Bismarck kommt heute nach Berlin. Graf Münster, welcher wegen seines kranken Armes noch keine Uniform anlegen kann, mußte deswegen dem Neujahrs- Empfang in Paris fernbleiben. Der Botschafter hatte sich, wie diePost" erfährt, tags zuvor brieflich beim Präsi­denten Grevy entschuldigt und ließ sich durch den ersten Sekretär, Grafen Leyden, vertreten. Herr Grevy sprach beim Empfang dem letzteren, der in Begleitung des dritten Sekretärs Godeffroy und des Militär-Attachees Freiherrn von Huene erschienen war, sein lebhaftes Bedauern aus, daß die völlige Genesung des Botschafters so lange dauere. Nach den seitens des Reichsjustizamtes veröffentlichten vorläufigen Ergebnissen der deutschen Strafrechtspflege im Jahre 1885 läßt sich die Behauptung von der Verminde­rung der durch die Not veranlaßten Vergehen und der Vermehrung der Roheits- und Unbotmäßigkeitsverbreche» wiederum nur bestätigen. Trotzdem die mitgcteilten Zahlen noch nicht endgültig festgestellt sind, kann mit der größten Bestimmtheit versichert werden, daß die deutsche Kriminali­stik sich auch in diesem Jahre wieder in erheblicherem Maße als früher durch Roheit und Gewaltlhätigkeit k-.'-.v- zeichnet. Die Zahl der wegeneinfachen Diebstahls verur­teilten Personen beträgt in dem genannten Jahre 69 241, während sie 1882 noch 79 116 betrug; hiernach ist in einem Zeitraum von vier Jahren eine absolute Vermin­derung von fast 10 000 Verurteilten eingetreten, d. h. die wegen einfachen Diebstahls verurteilten Personen weise» einen Rückgang von nahezu einem Achtel der absoluten Größe auf. Dies ist ungemein bedeutungsvoll und die nüchterne zahlenmäßige Feststellung beweist besser als spalten­lange Ausführungen, daß in den Erwerbsverhältnissen seit 1882 eine Besserung, und zwar eine ständige, eingetreten ist; denn anders läßt sich die fortschreitende Minderung nicht erklären. Die rückläufige Bewegung ist nicht nur bei den relativ leichtesten Diebstahlsfällen eingetreten, son­dern auch bei dem schweren Diebstahl und überhaupt bei allen Gesetzesverletzungen, welche durch wirtschaftliche 9lct= läge hervorgerufen werden. Dem gegenüber heben wir hervor, daß im Jahre 1885 nicht weniger als 18620 Personen wegen einfacher Körperverletzung verurteilt wurden,

weilt habe, um auf deren Wunsch an dem Bramkleide einige kleine Abänderungen vorzunehmen. Wahrend sie arbeitete, kamen Mrs. Vance und Miß Ada, um mit Miß Lily ein Plauderstündchen zu halte». Miß Aba, die ihre schöne ältere Schwester abgöttisch liebte, suchte diese zu bewegen, doch einmal den Brautstaat anzulegen. Nachdem sie, die Zofe, eine Weile ihre junge Herrin bewundert habe, wurde sie von derselben mit der Bemerkung, sie werde sich schon allein auskletden, entlassen. Hierauf verließ das Mädchen mit einemgute Nach:!" das Zimmer. Am folgende» Morgen ging sie, um ihre junge Gebieterin um die gewohnte Stunde zu wecken, fand jedoch die Thüre von innen ver­schlossen. Als auf mehrfach wiederholtes Rufen und Klopfe» keine Antwort erfolgte, wurde sie ängstlich und setzte den Bankier davon in Kenntnis. Mr. Lawrence ließ die Thür öffnen und beim Eintreten sanden sie Lily tot auf dem Boden liegen, im Brautkleid und einen mit Juwelen besetzte» Dolch in der rechten Hand haltend.

Auf die Frage, ob der Dolch Miß Lawrences Eigentum gewesen, antwortete das Mädchen bejahend nnd fügte hinzu, daß Miß Lily denselben vor einigen Tagen vou Mrs. Vance als Hochzeitsgeschenk erhalten habe.

Auf die weitere Frage, warum Alle die That für Selbst­mord und nicht für Mord hielten, brach die treue Dienert» in Thräne» aus und erklärte letzteres für ganz unmöglich, denn ihre junge Herrin habe nicht einen einzigen Feind auf Erde» beseffen. Auch sei kein Mord aus Habgier verübt worden, denn nicht ein Stück aller ihrer Kostbarkeiten und Geschenke fehle. Die natürliche Folgerung sei, daß Miß Lawrence sich selbst mit ihrer eigenen Waffe das Lebe» ge­nommen habe.

Miß Adas Zeugenaussage war nur eine Verstärkung der Erzählung der Zofe. Sie und Mrs. Vance hatten bald nach der Dienerin das Zimmer verlassen. Lily schien sich in bester Laune zu befinden. Ada war die That ihrer Schwester ein Rätsel. Sie sah dieselbe erst wieder, als man sie am folgenden Morgen kalt und tot im Zimmer liegend sand.

schäften der Mißgunst, des Neides und der Gehässigkeit hinein zu hetzen? Wer lügt den armen Leuten jetzt Tag für Tag vor, daß die neue Militärvorlage nur darauf abziele, die auf ihren Schultern ruhende Slilitärlaft nach der persön­lichen und pekuniären Seite noch zu erhöhen, während sie ohnehin schon durch die militärischen und finanzwirtschaft­lichen Einrichtungen des Reiches im Vergleich mit den wohlhabenden Klassen des Volkes in unverantwortlicher Weise überbürdet wären? Wer weist bei jeder Gelegenheit hämisch auf die Vorteile, welche die neue Militärvorlage dem Offizier bringen würde, und auf diePrivilegien" der Einjährig-Freiwilligen hin? Wer treibt diese wüste Hetzarbeit, immer mit der Tendenz, einen Keil zwischen unser wehrhaftes, einiges Volk" zu treiben, anders als dieFreis. Ztg." und dieGermania?" Und endlich, wenn der Kronprinz wiederum ausdrücklich dieWehrhaf­tigkeit unseres gesamten Volkes" als die gewichtigste Bürg­schaft für die Wahrung de? Friedens bezeichnet wer will die Friedenspräsensstärke unseres Heeres entweder um so viel Mann verringern, daß von einer Wehrhaftigkeit des gesamten Volkes keine Rede fein kann, oder die Güte der Ausbildung durch Verkürzungell der Dienstzeit nach dem Urteile der Autoritäten in einem Maße beeinträchtigen, daß die Qualität der Wehrhaftigkeit leidet?

Es ist wirklich ein starkes Stück, daß dieFreis. Ztg." aus diesem Schlag ins Gesicht, den sie erhalten hat, noch eine Anerkennung und Bekräftigung ihres Standpunkts herausdrechseln will. Sie rechnet dabei selbstverständlich auf die Urteilslosigkeit ihrer Leser, die sich durch die Sicher­heit ihres Auftretens soweit täuschen lassen würden, daß sie auf jedes eigene Nachdenken über die Worte des Kron­prinzen verzichten. Daß sie durch dieses Blendwerk ferner die Vorstellung wachzurufen sucht, als ob der Kronprinz mit der Haltung des Herrn Richter ganz einverstanden wäre, und so die Autorität des künftigen deutschen Kaisers mittelst einer plumpen Täuschung wieder einmal zur Deckung ihrer demokratischen Bestrebungen mißbraucht, ist für diesenFreisinn* und seinen vergeblichen Haß gegen alleGouvernementalität" ungemein bezeichnend. Alles in allem aber sieht man, sowohl in dieser letzteren, wie in der oben besprochenen Hinsicht, was dieFreis. Ztg." wohl nur durch ein Versehen als Ueberschrift über ihren folgenden Artikel gesetzt hat, nämlich:

Wie es gemacht wird."

Deutsches Reich.

Berlit», 4. Jan. Am Schluffe des gestrigen Kaiser­diners für die kommandierenden Generale der deutschen Armee erhob sich der Kaiser und brachte folgendes Hoch aus:Zum Abschied, Meine Herren, nachdem Ich in diesen Tagen die Freude gehabt habe, Sie um Mich zu

WZ- Alle Postanstallen, unsere Agentur in Kirchhain, sowie die unterzeichnete Expedition nehmen noch Bestellungen auf unser Blatt für das erste Quartal entgegen. In Nr. 4 beginnt der höchst spannende RomanDie Geister der Ftnfterrris" von A. Bayard", um den Anfang desselben zu erhalten, ersuchen wir, uns noch zugedachte Bestellungen baldigst aufzugeben.

________Die Exped d. Oberh. Zett. DerServilisrrms" derFreis. Ztg." auf

Lügenpfaden.

DieFreis. Ztg." hat den traurigen Mut, sich den Anschein zu geben, als könne sie die Ansprache, welche der Kronprinz bei der Neujahrsgratulation an den Kaiser ge­richtet hat, zum Besten ihrer Haltung in Sachen der Militärvorlage deuten. Sie giebt die folgenden Sätze aus dieser Ansprache zum Teil mit Fettdruck wieder:

Solche friedliche Arbeit konnte indes nur gedeihen, weil gleichzeitig Eurer Majestät fachkundige und rastlose Leitung die Schlagfertigkeit des Heeres zu der Vollkommen­heit förderte, deren jeder deutsche Soldat sich mit Stolz bewußt ist. Der preußische Grundsatz, daß eS keinen Unterschied gibt zwischen Volk und Heer, weil beide eins und zu ces Vaterlandes Verteidigung jederzeit bereit sind, ist durch Eurer Majestät Fürsorge Gemeingut der ganzen Nation geworden. In dieser Wehrhaftigkeit unseres ge­samten Volkes liegt die gewichtigste Bürgschaft für die Wahrung unseres Friedens."

Diese Worte, meint dieFreis. Ztg.", werden in den weitesten Kreisen des Volkes den aufrichtigsten Widerhall finden. Das hoffen wir auch^ und zwar von ganzem Herzen; aber wie wird in diesem Falle dieFreis. Ztg." fahren unter welche Beurteilung wird, an diesen Sätzen geprüft, ihre Haltung gegenüber der Militärvorlage fallen? Unser Kronprinz hebt hier einmal hervor, daß die friedliche Arbeit in unserem Vaterlande nur dank der sachkundigen und rastlosen Leitung, mit welcher der Kaiser die Schlag­fertigkeit des Heeres bis zur Vollkommenheit förderte, ge­deihen konnte. Nun, eben diese sachkundige und rastlose Leitung hat in der unzweideutigsten Weist, selbst und durch den Mund von Vertretern, erklärt, daß die Schlagstrtig- teit und Vollkommenheit des Heeres, die den europäischen Frieden und den weiteren sicheren Schutz der friedlichen Arbeit verbürgt, beeinträchtigt würde, wenn wir uns jetzt nicht zu den mäßigen Opfern der Militärvorlage ent­schlössen und wie hat sich dieFreis. Ztg." zu diesen Erklärungen und diesen Forderungen gestellt? Wer wühlt ferner Tag für Tag in einem künstlichenUnterschiede zwischen Volk und Heer" herum und suchtunser wehr­haftes, einiges Volk* in Zwietracht und alle trüben Leiven-