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Rr. 3.

Marburg, Mittwoch, 5. Januar 1887.

XXII. Jahrgau,.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal* AbonnementS-Preis bei der Expedition 24 Mk.. bei den Postämter 2 Mk- 51 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr ffir die gespaltene Zeile 10 Pfg, Reklamen für die Ze»le 25 Pfg.

OerlskUllik Jätung.

Anzeigen nimmt ent-egrL. die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Dureaux von Haafenstein undVo.'.ler inFranlfurt a. SW., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe rn Fraulsurt a. M., Berlin München und Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M, Berlin, Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Lonntagsblatt.

Expeditton Markt 21. Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Lug. Koch.

KkM" Alle Postanstalten, unsere Agentur in Kirchhain, sowie die unterzeichnete Expedition nehmen noch Bestellungen auf unser Blatt für das erste Quartal entgegen. In Nr. 4 beginnt der höchst spannende RomanDie Geister der Finsternis^' von A. Bayard", um den Anfang desselben zu erhalten, ersuchen wir, uns noch zugedachte Bestellungen baldigst aufzugeben.

Die Exped d. Oberh. Zeit.

Die Militärvorlage.

Die Neujahrs - Nachrichten derVossischen Zeitung", dieses größtu und bedeutendsten für die Interessen Eugen Richters mb Konsorten thätigen Organs sind von beson­ders seltsaner, nicht minder aber charakteristischer Art. Das Blatt findet es begreiflich, daß nach der ganz gewal­tigen legi-latorischen Arbeit, welche in den Jahren 1866 bis 187t geleistet wurde, welche sich auf alle Grundlagen des wirtchaftlichen Lebens bezog und welche die gewaltigste war, dir von der französischen Revolution des Jahres 1789 abgesrhet, jemals in einem Kulturstaate in so kurzer Zeit geleistet worden, welche die nach einer tausendjährigen Zer- riffeichit der einheitlichen Kulturarbeit entgegentretenden Hindernisse hinwegräumte, eine Zeit gekommen sei, in welche: in allen Kreisen des Volkes eine Ermüdung sich einftette. Nur zweimal in dem Jahrzehnte von 1876 bis 1186 hat nach der Ansicht derVossischen Zeitung" ein lwhaftes Aufschäumen des politischen Interesses statt- getutien, das eine Mal, wo es sich um die Abwehr des Tabeksmonopols, das andere Mal, wo es sich um die Ab- weh: des Spiritusmonopols handelte. Vermutlich vergaß das Organ der Deutschfreisinnigen die große politische Thtt, das dritte Aufschäumen des politischen Interesses gefen die nun zur Verhandlung stehende Militärvorlage ayuführen; durch diese Unterlassung ist das Trio, welches dr gewaltigen Merksteine in der Belhätigung der poli- tichen Kraft des deutschen Volkes bedeuten sollen, unvoll- stindig geblieben.

Unseres Erachtens ist es eintestimonium pauper= titis, welches der großen Partei um Richter und Rickert aisgestellt wird, wenn diese oppositionellen Bewegungen as die Glanzpunkte des politischen Lebens des deutschen Solkes bezeichnet werden. Wie es das Beispiel der großen mb kleinen Republiken von Norbamerika, von Frankreich, der Schweiz lehrt, fällt es keinem Politiker dieser Länder, die doch gewiß als das Muster freisinniger und freiheit­licher Gesinnung gelten können, ein, in solchen Dingen, wie die Mvnopolfrage, irgend ein politisches Moment zu ersehen, welches für die Entwickelung des Kulturlebens der Völker in Betracht käme; man hat sich allerorten dort- irii~ 77 ifri-n--------------------1 -----

Lachende Erben.

Humoreske von E. I. Wippchen.

(Schluß.)

Für heute spricht mich Keiner mehr! Gott im Himmel! Ta könnte man mit all den alten Narren und Närrinnen selbst närrisch werden! Und dieses Protokoll! Na, ich danke! Wenn ich nur nicht noch sagen soll, wer der rechte Erbe ist!

Inzwischen gab es in den Häusern der kleinen Stadt einen förmlichen Aufruhr. Der Eine hatte Den, der Andere wieder Diesen bei dem Notar gesehen, und die Mißgunst und Feindseligkeit um die Erbschaft wollte bereits im Vor­aus kein Ende nehmen.

So vergingen Tage in einem wahren Sturme.

Endlich! Zm Amtsblatt prangte es jetzt wieder groß und breit:

Proklam! Alle, welche Ansprüche an die Erbschaft der verstorbenen Jungfer Theodosia Nimmersatt zu haben ver­meinen, wollen sich zur Entscheidung der zuständigen Be­hörde und der darauf folgenden Verlesung des Testaments am Dienstag, den zweiten October, mittags ein Uhr in Nummer Sechs des Stadtgebäudes etnfinden.

Das Zivilgericht der Stadt Dideldum."

Und der zweite Oktober kam. Jn Kravatten, schwarzem Gehrock und blankem Zyliuderhut, in Seidenkleidern und schwarzem Kreppschleier, als gälte es ein Leichenbegängnis, wallte eS stromweise nach dem Stadtgebäude hin, wo der große, zur Verkündigung der gerichtlichen Entscheidung bestimmte Saal kaum die Zahl der Erbschaftslusternen fassen konnte.

Jetzt, lautlose Stille; der Vorsitzende Zivilbeamte erhob sich und verlas die dem Testamenr vorangeschickte Klausel, welche den Herrn Notar und Doktor der Rechte Jeremias Hiukebetn seitens der Verstorbenen beauftragte, den be­rechtigten Erben zu suchen. Darauf folgte die Namenver- lesuug aller Derer, welche Ansprüche erhoben hatten. Eine Pause trat ein, ehe der Sprecher fortfuhr:

selbst gewöhnt, die Frage der Einführung von Monopolen insbesondere desjenigen des Branntweinmonopols, lediglich vom fiskalischen Standpunkte, von demjenigen der Nützlich­keit und Zweckmäßigkeit des zu besteuernden Objektes zu betrachten und lacht derartige Wühlhuber und Pseudo- staatsmänner einfach aus, deren ganze Weisheit darin be­steht, die Vorlage einer Regierung, den Branntwein durch monopolistische Behandlung den L>taatsbedürfnifien dienst­bar zu machen, zu einer politischen Haupt- und Staats­aktion aufzubauschcn. Dasselbe gilt von der Militär­vorlage; alle Welt, selbst radikale Organe des Auslandes brücken ihr Befremben barüber aus, wie man auch nur einen Augenblick im Zweifel sein könne, Männern wie Bismarck unb Moltke bie Mittel zur weiteren Kräftigung bes beutschen Heeres zu gewähren unb bies in einem Augenblicke, wo mehr denn je das deutsche Reich dem Be­rufe entsprechen muß, mit der ganzen Wucht seiner impo­santen Kriegsmacht den bedrohten Frieden aufrecht zu er­halten, Katastrophen zu verhindern, deren Gefahr allein Opfer auferlegen würde, gegen welche die verlangten Steuererhöhungen absolut nicht in Betracht kommen. Ge- legenflich des achtzigjährigen Dienstjubiläums unseres er­habenen Kaisers liegt es nahe, auf die Worte hinzuweisen, die derselbe 1858 gesprochen hat:Die Armee hat Preu­ßens Größe geschaffen und dessen Wachstum erkämpft, ihre Vernachlässigung hat eine Katastrophe über sie und dadurch über den Staat gebracht, die glorreich verwischt worden ist durch die zeitgemäße Reorganisation des Heeres, welche die Siege des Befreiungskrieges bezeichneten. Eine vierzigjährige Erfahrung und zwei kurze Kriegsepisoden haben uns indeffen auch jetzt aufmerksam gemacht, daß manches, was sich nicht bewährt hat, zur Abänderung Veranlassung geben wird. Dazu gehören ruhige politische Zustände und Geld, und es wäre ein schwer sich be­strafender Fehler, wollte man mit einer wohlfeilen Heeres- verfaffung prangen, die deshalb im Momente der Ent­scheidung den Erwartungen nicht entspräche. Preußens Heer muß mächtig und angesehen sein, um, wenn es gilt, ein schwer wiegendes politisches Gewicht in die Wagschale legen zu können."

Das sind erhabene Worte, für welche unsere deutschen Oppositionäre keinerlei Verständnis besitzen, während bei­spielsweise dieNeue Freie Presse" in ihrem, dem acht­zigjährigen Militärdienst-Jubiläum gewidmeten Artikel vom 30. Dezember v. Js. auf bie seit bem Jahre 1871 fort­gesetzten Bemühungen des greisen Herrschers hinweist, die deutsche Armee in Blüte zu erhalten, bei deren Muste­rungen und Lagerübungen der oberste Kriegsherr weder im Rheinland und im Elsaß, noch im Norden und Osten seines Reiches fehlte.Der siegreiche Fürst" so schreibt

Gemäß des Eikenntnisses einer niedergesetzlen Kom­mission ist endgültig Herr Bierbraumeister Nikodemus Spund­loch als der zunächst Erbberechtigte befunden worden und ermächtige ich den Herrn Notar und Doktor der Rechte Jeremias Hinkebein nun hiermit, das Testament der ver­storbenen Jungfrau Rosalie Armida Veronika Theodosia Nimmersatt zu eröffnen und zur Verlesung zu bringen, wie bie Testorin es vorgeschrieben, nachdem der zum Erben Er- klä'te, nach geschehenem Ausspruch der Bierbraumeister Herr Nikodemus Spundloch, vor allen Zeugen feierlich gelobt hat, dem Inhalt des Vermächtnisses getreulich nachlcben und dasselbe in allen seinen Punkten anerkennen und streng zur Erfüllung bringen zu wollen."

Mit der ganzen Gewichtigkeit, welche ihm eigen war, erhob sich der dicke Brauer und sprach die ihm vorgesagte Formel mit großem Pathos nach. Nachdem auch diese Formalität vollzogen, erbrach endlich der Herr Notar Jere­mias Hinkebein die Siegel des seitens des alten Fräuleins selbst geschriebenen Testaments. Athemlose Stille trat ein. Alles lauschte in fieberhafter Spannung. Neid spiegelte sich aus allen Gesichtern, nur eins leuchtete in förmlichem Triumph, das des Herrn Nikodemus Spundloch.

Die Zuleitung des Testaments war die gewöhnliche, dann folgte eine Erläuterung der vorausgeschickten Klausel und an diese anschließend, fuhr die Erblasserin fort:

Was das von mir beim Hinscheideu meines Vaters er­erbte Vermögen anbelangt, so hatte ich daS Unglück, dasselbe, in der Hoffnung auf größeren Gewinn, nach und nach in Mailänder Losen anzulegen; die stets mit Nieten gezogenen Glücksblätter wird mein Erde, ich bin davon überzeugt, als unvergeßliche Reliquien nach meinem Tode aufbewahren. Vielleicht, daß ihm die gleichen Losnummern mehr Segen bringen. Dem edlen, alten Geldverleiher Lewerenz Jsaaksohn aber verdanke ich es allein, daß ich nicht zu darben brauchte und meiner einzigen Passion fürs Glückspiel keine Schranken zu setzen nötig hatte, utfb so erlege ich es meinem Erben auf, meine Verpflichlnngen gegen den alten Jsaaksohn, von

das Blattkrönte seine militärische Laufbahn durch die Bemühungen zur Erhaltung deö Friedens in Europa, allerdings gestützt auf eine Armee, bie stets neu gerüstet, immer sorgfältiger ausgebildet wird unb im nächsten Jahre auch stark vermehrt erscheint nach dem Willen des Mo­narchen, der damit die Worte seines Ahnherrn, Friedrichs des Großen zu wiederholen scheint:Die Welt ruht nicht sicherer auf den Schultern des Atlas, als Preußen auf feiner Armee."

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Jan. Der Kaiser empfing vormittags den Vortrag des Geheimen Kabinettsrats v. Wilmowski und nachmittags die Vorträge des Ministers v. Puttkamer und des Staatssekretärs v Bismarck. Um 5 Uhr findet ein großes Diner imRunden Saale" statt, an welchem außer dem Kronprinzen und dem Prinzen Wilhelm alle kommandierenden Generäle des deutschen Heeres, welche den Kaiser zu seiner Jubelfeier beglückwünscht haben, ferner der Kriegsminister, Feldmarschall Graf v. Moltke, General v. Waldersee, sowie alle Generaladjutanten und Flügel­adjutanten Sr. Maj. des Kaisers teilnehmen. Die Tafel­musik stellt das dritte Garderegiment. Eine Allerhöchste Kabinettsordre genehmigt, daß denjenigen eingeschiffien Mannschaften der kaiserlichen Marine, welche im laufenden Etatsjahre aus Anlaß notwendiger Jndiensthaltung über den gesetzlichen EntlaffungStermin hinaus bei der Flagge behalten werden, für die Zeit ihres unfreiwilligen Weiter­bienens eine Reservistenzulage von 0,40 Mk. täglich gewährt werde. Diese Zulage ist nach denselben Grundsätzen wie die durch Allerhöchste Ordre vom 20 Juni 1885 für das Etatsjahr 1885/>6 bewilligte Reservistenzulage zu zahlen. Die dem Gesetzentwurf, betreffend den Verkehr mit Kunstbutter, beigegebenen technischen Erläuterungen sagen in Betreff der sanitairen Beurteilung der Kunstbutter: 1. Die aus dem Fett gesunder Tiere dargestellte Kunst­butter giebt, abgesehen von einer vielleicht etwas geringeren Verdaulichkeit im Vergleich zur Milchbutter, im Allgemeinen keine Veranlassung zu der Annahme, daß sie auf die menfch- liche Gesundheit nachteilig einwirken könne. 2. Es besteht der Verdacht, daß ein Teil der im Handel vorkommenden Kunstbutter aus solchen Materialien und nach solchen Fa­brikationsweifen dargestellt wird, welche die Gefahr einer Übertragung von Krankheiten, mögen dieselben durch pflanzliche Krankheitserreger oder durch tierische Parasiten erzeugt sein, auf den Menschen mit Sicherheit nicht aus­schließen. 3. Es besteht der Verdacht, daß ein Teil der Kunstbutter aus ekelerregenden Materialien dargestellt wird. Die aus wirtschaftlichen Gründen vorgeschlagene Kenn­zeichnung der Verkaufsstellen von Kunstbutter dürfte iude ß

dessen Güte ich allein lebte, sowie auch den TodenschmauS im Stern zu bezahlen, damit ich in Ruhe und in Ehren in meinem Grabe schlafen kann. Als mein teuerstes Andenken hinterlasse ich ihm noch, außer den Antiquitäten meiner Familie, meinen heißgeliebten Alfred, den er bis zu seinem Tode pflegen soll. Das liebe, treue Tier wird meinen Tod nicht lange überdauern, aber die kurze Zeit, daß es noch lebt, wird meinem Erbfolger den reichsten Ersatz für Alles bieten . . .*

Keiner hörte mehr den übrigen, nichtssagenden Teil des Testaments. Voller Hohn richteten sich aller Blicke auf den dicken Brauer, der vorhin mit solcher Wichtigkeit das ver­langte Versprechen, die Bestimmungen der Erblasserin ge­treulich zu erfüllen, abgelegt hatte und der jetzt puterroten Gesichts kaum noch seinen Platz inne zu behalten im Stande war.

Knapp aber war das letzte Wort verhallt, so sprang er auf und stürmte davon, vom halblauten Gelächter der klebrigen begleitet.

Der Todenschmans, der am nächsten Abend im Stern stattfand, vereinigte Alle, die Erbansprüche erhoben, bis auf den glücklichen Erben selbst. Der dicke Brauer hatte sich bald einen kolossalen Rausch angetrunken und als die Ver­sammelten ihn in ihrer Ausgelassenheit endlich ans eine schnell herbeigeschaffte Tragbahre luden und unter An­stimmung eines Trauermarsches, der aber mehr gejodelt denn gesungen ward, vom Stern nach seinem Hanse trugen, da gab es in Wirklichkeit nicht nut lachende, sondern viel­mehr jubelnde Erben.

Erst die Rechnung des Sternwirts Tags daraus belehrte Meister Nikodemus Spundloch, was eigentlich geschehen war. Der dicke Brauer schäumte, aber was half das alles? Der alte Jsaaksohn, der Herr Notarins Jeremias Hinke­bein, Hivz unb Peter kamen und er mußte bezahlen bezahlen!

Donner noch einmal!" polterte er, indem er feinen Seiger in einem Humpen Extragebrän nach dem andern ertränkt-.Den Henker auch! Da sei der Teufel lachender Erbe !*