Rr. L.
Marburg, Dienstag, 4. Januar 1887.
XXII. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/4 Mk., bei den Postämter 2 Ml- 5 » Pfg. (excl. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Bsg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
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Anzeigen nimmt, entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVorler in Fianksurt a. M, Kassel, Magdeburg. und Wien: Rudolf '.i'-rffe in Franlfurt a- £■., Berlin München und flöln; G S. Daube und Sc. in Frankfurt a. M- Berlin, Hannover u. Paris'.
Wöchentliche Beilagen: KreissBlatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Lmmtagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Loch.
AÜe Postansialten, unsere Agentur in Kirchhain, sowie die unterzeichnete Expedition nehmen noch Bestellungen auf unser Blatt für das erste Quartal entgegen. In Nr. 4 beginnt der höchst spannende Roman „Die Geister der Finsternis" von A. Bayard", um den Anfang desselben zu erhalten, ersuchen wir, uns .noch zugedachte Bestellungen baldigst aufzugeben.
_______________Die Exped d. Oberh. Zeit.
Des Jahres Anfang
ist der Zeitpunkt, an welchem nicht nur der Privatmann das Fazil zu ziehen gewöhnt ist, sondern auch der politische Chronist den Blick rückwärts wendet. Aber nicht nur rückwärts, sondern auch vorwärts wird sich gerate bei diesem Vornehmen der Blick des Politikers richten müssen.
So ist es denn Gebrauch geworden, daß an der Jahres« wende nicht nur die Ergebnisse des politischen Lebens für den verflossenen Zeitraum kalkuliert werden, sondern auch zu ergründen versucht wird, was in der Zukunft Schoße vorbehalten sein möge. Wir .haben im alten Jahr noch bereits einige Rückblicke gegeben und gedenken heute gerade des ersten Tages des Jahres 1887, er stellt uns ein Bild vor Augen, das, richrig verstanden, die Erfüllung alles besten bedeuten muß, was viele Sorgen Hinwegzuschaffen geeignet ist.
Achtzig Jahre sind es an diesem Tage, daß unser greiser Kaiserlicher Herr der preußischen Armee angehört, achtzig Jahre find es, auf welche Kaiser Wilhelm als solche treuester Pflichterfüllung zu allen Zeiten und in allen wechselvollen Lagen zurückblickt.
Wenn das preußische Volk und das deutsche Volk an diesem Tage, an welchem^ in der Zeit der tiefsten Erniedrigung des preußischen Staates vor achtzig Jahren ein junger Prinz des Hohenzollcrnstammes als Offizier in die Armee trat und, entsprechend den Traditionen seines hohen Hauses, mit dem den höchsten Verdiensten um das Vaterland vorbehaltenen Ordensstern geschmückt wurde — wenn an diesem Tage das ganze Volk seinen Blick mit besonders warmer Liebe und Verehrung auf seinen kaiserlichen Herrn richtet, so lag darin mehr, als Worte zu sagen vermögen.
Schauen wir zurück auf jene Zeit: die Kraft Preußens, seine von großen Königen geschaffene Armee war nicht allein dem äußeren Feinde unterlegen und von ihm vernichtet, sondern das L-chwert in der Hand der Boruffia war rostig und stumpf geworden, weil eine Politik falscher Sparsamkeit und enger Gesichtspunkte unter dem Einflüsse des von Westen her sich gellend machenden sogenannten neuen Geistes verkannt hatte, daß Preußens Beruf für sich selbst und für Deutschland in der vollkommensten Entwickelung seiner Wehrhaftigkeit bestand — und noch besteht.
Am 1. Januar, wo wir mit unserem Kaiser und seiner Armee den Tag feierten, an welchem das älteste aktive Glied derselben in ihre Reihen trat, jetzt, wo wir uns des neuen Deutschen Reiches und seiner Herrlichkeit erfreuen, kann nichts deutlicher sprechen, als der Hinweis auf die Thatsache, daß bereits an jenem 1. Januar 1807 der Eintritt des Prinzen Wilhelm in das Heer im äußersten Osten der Monarchie, in der Stadt Königsberg, erfolgte, weil man nicht sicher wußte, ob am kurz bevorstehenden zehnten Geburtstage des Prinzen der preußische Hof sich an einem Orte befinden werde, an welchem eine solche Feier würdig begangen werden könnte — und, daß wenige Tage nach diesem feierlichen Akt Preußens gelicbteste und unvergeßlichste Königin, unseres Kaisers erhabene Mutter, nach Memel zu flüchten sich genötigt sah
Jener junge Prinz aber, er hat gehalten, was das vorahnende Herz der Mutter von ihm erwartete In Pflichterfüllung ist er Allen ein Vorbild gewesen — und ist es geworden unserem Volke für alle Zeit. Mit nie ruhender Sorge hat der zum Manne Gereifte, der, als er berufen wurde, die schöne und schwere Pflicht des Königtums auf sich zu nehmen, sich als Wahlspruch erkor: „Meine Kräfte gehören dem Vaterlande", für das Wohl seines preußischen und des ganzen deutschen Volkes gewirkt. Gottes Segen hat diesem treuen Wirken nicht gefehlt.
Vor allem aber hat unser Kaiser, ohne dabei je die Werkendes Friedens aus den Augen zu lassen, der Armee seine Sorge zugewendet. Und wenn also an diesem Tage das deutsche Heer sich der Ehre erfreute, den gefeiertsten Monarchen der Welt achtzig Jahre in seinen Reihen zu zählen, wenn die um des Kaisers Majestät versammelten Heerführer beredtes Zeugnis dafür ablcgen, wie dieses Heer diese Ehre zu schätzen weiß, so ist damit gleichzeitig der Dank des gesammten Volkes, das ja seinen Ruhm und seine Ehre darin sucht, ein Volk in Waffen zu sein, seinem Kaiser dargebracht für eine achtzigjährige Pflichterfüllung^ sonder Gleichen, die int deutschen Kaisertum den sichersten Hort des Friedens uns geschaffen hat.
Alles aber, was an Wünschen für des Vaterlandes Wohl in den Herzen der deutschen Ration sich regte, faßte sie an diesem Jubeltage mit besonderer Innigkeit zusammen in den Ruf:
Heil unserem Kaiser Wilhelm!
Deutsches Reich.
Berti«, 1. Jan. Ihre Majestäten empfingen heute um 10 Uhr die Königliche» Prinzen und Prinzessinnen. Um 10'/» Uhr fand Gottesdienst im Dom statt. Um 12V« Uhr wurde der gesamte Hof^empfangen. Um 12'/, Uhr erschien der Kronprinz an der Spitze der kommandierenden Generale der deutschen Armee. Der Kronprinz hielt an
Se. Majestät den Kaiser und König folgende Ansprache: „Allervurchlauchtigster, Großmächtigster Kaiser, Allergnädigster Kaiser, König und Kriegsherr! Mit Euerer Kaiserlichen und Königlichen Majestät begeht heute das Heer die Erinnerung an den Tag, da Allerhöchstdicselben vor achtzig Jahren durch König Friedrich Wilhelm III. in die Reihen der Preußischen Armee ausgenommen wurden. Wiederholt schon durfte ich, wie im gegenwärtigen Augenblicke, mit Vertretern des Heeres vor unfern Kriegsherrn treten, und ihm dafür danken, daß er uns in gewaltigen Kämpfen zu herrlichen Siegen geführt hatte. Bei oer heutigen Feier aber blicken Euere Majestät auf sechzehn vom Frieden reich gesegnete Jahre zurück, welche vor allem der ungestörten Entwickelung und der Kräftigung des nach Harren und Kampfe wieder aufgerichteten Reiches gewidmet waren. Solche friedliche Arbeit konnte indeß nur gedeihen, weil gleichzeitig Euerer Majestät sachkundige und rastlose Leitung die Schlagfertigkeit des Heeres zu der Vollkommenheit förderte, deren jeder Deutsche Soldat sich mit Stolz bewußt ist. Der Preußische Grundsatz, daß es keinen Unterschied giebt zwischen Volk und Heer, weil Beide eins- und zu des Vaterlandes Verteidigung jederzeit bereit sind, ist durch Euerer Majestät Fürsorge Gemeingut der ganzen Nation geworden. In dieser Wehrhaftigkeit unseres gesamten Volkes liegt die gewichtigste Bürgschaft für die Wahrung unseres Friedens. So möge es mir heute wie vordem gestattet fein, auszusprechen, daß unser wehrhaftes, einiges Volk in dankbarer Liebe und opferwilliger Treue seinem Kaiser und Kriegsherrn vertraut, mit freudiger Zuversicht auf ihn als den Wahrer des Friedens blickt, und den einmütigen Wunsch hegt, daß Gottes Segen in Fülle auch ferner auf Euerer Majestät ruhen möge." Se. Majestät der Kaiser dankte in sehr herzlichen und warmen Worten, gedachte seines Vaters, der vor 80 Jahren in schwerer Zeit ihn in die Armee habe eintreten lassen in der Hoffnung, daß er bessere Zeiten erleben werde. Die Vorsehung habe sie ihn erleben lassen im vollsten Maaße und besonders durch die Erfolge, die er mit der Armee gehabt habe. Er danke allen Anwesenden als den Vertretern der Armee und damit der Armee, auch den nicht mehr aktiven Offizieren, die aber an den Erfolgen mitgewirkt. Se. Majestät umarmte hierauf den Kronprinzen, ging alsdann auf den Felemarschall Grafen Moltke zu, umarmte auch diesen in herzlichster Weise und dankte demselben für seine unvergleichlichen Dienste. Schließlich sprach Se. Majestät die Hoffnung aus, die Anwesenden am 1. Januar 1888 wieder zu sehen. Ihre Majestät die Kaiserin war am Arme Sr. K. Hoheit des Prinzen Wilhelm zugegen. Zu gleicher Zeit mit den kommandirenden Generalen erschienen auch zum Empfange die hier wohnhaften aktiven und die zur Disposition stehenden Generale,
Lachende Erbe«.
Humoreske von E. I. Wippchen
(Fortsetzung.)
.Sie exkufieren, Herr Doktor', redete er den Mann mit den funkelnden Brillengläsern an, „ich komme wegen des Inserats von heute Morgen.'
„Welches Inserats?"
„Nun, wegen der Erbschaft —"
„Welcher Erbschaft?"
„Nun, oer Erbschaft der Jungfer —"
„Welcher Jungfer?"
„Nun, der Jungfer Nimmersatt —"
„Nun, und — ?"
„Und? Na, ich wollte meine Ansprüche darauf geltend machen. Ich bin der Nächste dazu!"
„Beweise!"
„Die find schnell geliefert. Die Jungfer Nimmersatt war meine Nichte!"
Mit einem Satze war der gelehrte Herr mit den funkelnden Brillengläsern aus seinem Lehnstuhl aufgesprungen.
„Mann, sind Sie von Sinnen?"
„Ich denke nicht!" grinste der dicke Brauer vergnügt. „Die Jungfer Nimmersatt war meine Nichte. Was ist denn dabei?"
„Sie war noch einmal so alt wie Sie!"
„Das mag wohl fein, dennoch ändert das Nichts an der Thatsache, daß sie meine Nichte ist!"
„Erklären Sie!"
„Na, meiner Halbschwester Tochter wird doch wohl meine Nichte fein?"
Der Herr hatte sich wieder auf feinen Stuhl niedergelassen; jetzt aber fuhr er zum zweiten Male auf, als fürchtete er in Wirklichkeit um seines Gegenübers Verstand.
»W—a—s ?• stieß er aus. „Ihrer Halbschwester Tochter ?"
„Nun, ja, meine Halbschwester heiratete den alten Nimmersatt, als derselbe siebenzig Jahr alt war. Die Jungfer
Theodosia, die Tochter des Alten, war damals vierzig Jahr alt, während meine Halbschwester erst zwanzig Jahr zählte und ich noch ein Junge von zehn Jahren war. Die junge Frau starb sehr bald und die Jungfer Theodosia war so mit des alten Nimmersatt Tode vessen alleinige Erbin. Ich meine, da bin ich doch gewiß der Nächste dazu."
„Hm, hm!" machte der rechtsgelehrte Herr, indem seine Hand das knochige Kinn strich, auf dem Platz genug für einen Bart gewesen wäre. „Hm, hm, die Sache liegt sehr verwickelt.'
„Wieso?" fragte der Brauer verdutzt. „Machen Sie man ja keine Malcschen, Herr Doktor, und lassen Sie blos keinen Andern heran. Es soll auch Ihr Schade nicht sein. —"
„Herr —"
„Na, ich meine man. Ich braue mir stets EiuS extra und da kommt es mir auf ein Faß nicht an, wenn ich einen guten Freund habe. Nichts für ungut denn! Wenn Sie mich nötig haben, lassen Sie mich wohl rufen, denn was die Verwandtschaft anbetrifft, kann gewiß Keiner kommen, der berechtigtere Ansprüche erheben könnte, als ich."
Ein Knochenfinger, der laut an die Thür pochte, ließ den Brauer seinen Kratzfuß machen und sich empfehlen, während der Anwalt sich auf sttnem Stuhl zurückwendete, die Brille hoch über die Stirn schob, als säßen da feine Augen, und dem so energisch Einlaß Begehrenden herausfordernd entgegensah.
Im nächsten Moment schoß der Schneider Z'riru an dem dicken Brauer vorbei, bei dessen Anblick er fast zu- fammeuduckte, während Jener sich wie ein Puterhahn ausblies und die Thür hinter sich zuschlug.
Hatte der rechtsgelehrte Herr schon mit Meister Spundloch seinen Stand auszuhalten gehabt, so sollte es ihm mit dem spindeldürren Schneider noch besser ergehen. Die Verwandschaft, auf welche sich dieser und alle folgende» sich auf, den Proklam Meldeyden, von denen jeder Einzelne der allein berechtigte Erbe fein wollte, beriefen, ging bis ins Tausendste, daß es dem Herrn Jeremias Hinkebeiu recht
grün vor den Augen ward und er mehr als einmal Ver- anlassung fand, dem Redestrom der allzueisrig Beweis- führenden ein gebieterisches: „Genug!" oder ein verzweifeltes: „Der Fall liegt eklatant!" entgegenzusetzen, um von den lästigen Besuchern nur frei zu werden.
„Welcher Einfall dieser verrückten Jungfer, es mit zu überlassen, den rechten Erben zu suchen!" rief er unwirsch, als endlich eben eine Pause ihn aufathmeu ließ. „Ich sage es ja, wenn die Weiber alt werden, so bekommen fit alle mehr oder weniger einen Spleen. O, daß ich Unglücks- vogcl Notar in diesem Eulennest fein muß! Hätte ich die Alte doch bewegen können, mir ihre Erbschaft zu hinterlassen. Aber was sagte sie auf eine berarartige zarte Anspielung? „Mein lieber Hinkebein, das kann ich Ihnen nicht anlhun!" Nicht anthun! Mir nicht anthuu! Solche alte verschrumpfelte Jungfern, die kommen aus der Prüderie gar nicht heraus! Ich würde mich ja bedankt haben, mir diese Ausgabe aufzuladen, wenn ich das hätte voraussehen können. Verwünscht, das ist wieder Einer! Herein!
Und als sei er furchtbar beschäftigt, beugte der Herr Notar sich tief über feinen Schreibtisch, indeß eine zaghafte Hand die Thür öffnete und ein noch zaghafterer Schritt bann das Gemach durchmaß, bis endlich die zaghafteste Stimme dicht neben Herrn Jeremias Hinkebein, der keinen Moment das Gesicht erhoben hatte, ertönte:
„Herr Doktor--Sie verzeihen--die Jungrer
Nimmersatt —"
Du lieber Himmel! Hatte der Herr Notar schon viel bestanden, die Probe, auf welche die jetzt folgende Auseinandersetzung der sentimentalen Kontrollschreibersgattin Herrn Jeremias Hinkebein stellte, sollte die härteste sein, welche er bisher erfahren hatte. Mit einem Sprunge strebte der gelehrte Herr, alle seine Würde vergessend, der Thür zu, als endlich die thräneureiche Besucherin hinter derselben wieder verschwunden war, um den Schlüssel umzudrehen.
(Schluß folgt.)