Nr. 303
Marburg, Dienstag, 28. Dezember 1886
XXI. Ja-lM»
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Der Erzähler
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Versöhnt.
Weihnachts - Skizze vou Meta Heyden.
(Fortsetzung.)
Bis vor einigen Wochen war alles im Felderschen Hause gut gegangen, bis die Gräfin Spelvorf erschieuen war. Die hatte der »armen Komteß Seldern" die Augen geöffnet uad ihr gezeigt, welch ein Ungeheuer der Bankier sei. »Aber liebe Gräfin", hatte die junge Frau gemeint, „wir geben ja auch Gesellschaften, wir lassen uns auch unter den Leuten sehen und was man sonst so mitmacht." Da aber halte ihr die Gräfin gründlich die Wahrheit gesagt. War es nicht ein Skandal, daß der Bankier seine junge rcizeude Frau im Dunkeln hielt und unbewundert verkommen ließ, während sie doch die erste Rolle spielen konnte! Das Geld dazu war ja da, aber darauf saß der gestrenge Eheherr, natürlich! In dieser Tonart war die Litanei sortgegangen und wenn sich die junge Frau auch zuerst gesträubt hatte, zuletzt blieb doch etwas hängen, das »Etwas" wurde ein Wölkchen und das wuchs sich zu einer gehörigen Wolke am Ehehimmel aus. Eines schönen Tages war das Gewitter herniedergegangen, Frau Bankier Felder hatte ihrem Manne eine »Szene" gemacht. Der Bankier hatte die Sache humoristisch genommen und die Aufregung seiner Frau gar nicht begriffen und als er sie endlich zu begreifen anfing, da hatte er sich zu einem Worte hinreißen lassen, das ihr noch immer in den Ohren klang:
»In meinem Hanse geht es gut bürgerlich zu!"
Und daun war am Abend der alte Graf gekommen und fie selbst war so unklug gewesen, ihm die Sache, natürlich in Form einer Erzählung, die nicht ihr eigenes, sondern ein anderes Haus betraf, vorzutragen. .Wenn ich der Mann wäre, so würde ich die Unheilstifterin bitten, die Thür von draußen zuzumachen", hatte der Graf sehr gleich-
Das achtzigjährige Militarjubiläuin Kaiser Wilhelms wird am kommenden 1. Januar gefeiert werden. Die Feier ist eben so selten, als der Mann, der sie begeht. Als Friedrich Wilhelm III. seinem zweitältesten Sohn im entlegenen Osten Preußens oie Leutnants-Epau- letten übergab, stand es schlimm um Preußen und um ganz Deutschland. DaS heilige römische Reich deutscher Nation war durch die Hand des Korsen zertrümmert worden; Oesterreich war wiederholt von ihm besiegt, Preußen soeben schwer gedemütigt, die deutschen Mittelund Kleinstaaten vereinigten sich unter Napoleons Rektorat zum Rheinbund, und Verwandte des Imperators wurden zu deutschen Fürsten. Es war eine tieftraurige Zeit, eine Zett, in welcher allein der Degen den Völkern Gesetze vorschrieb. Kaiser Wilhelms Jugend fällt in das gewaltige Ringen zwischen Europa und 'Napoleon, in die, blutigste Kriegsperiode unseres Jahrhunderts, und es ist anzunehmen, daß das schon auf den Knaben einen tiefen Eindruck gemacht hat. Der junge Prinz, der unter Waffenklirren emporwuchs, erwählte sich als seinen Spezialberuf, den Soldatenstand; er war nicht Soldat und Offizier nur dem Namen nach, sondern von vornherein der Thal nach. Daß in ihm echtes Soldatenblut stecke, hat, wie bekannt, Prinz Wilhelm sehr frühzeitig durch seinen Ordonanzritt bei Bar-sur-Aube bewiesen.
Was der junge Prinz versprochen, hat der Mann gehalten. Während der Regierung seines Vaters noch errang sich Prinz Wilhelm durch seine scharfe und klare Auffassung, durch seine hervorragenden Kenntnisse ein besonderes Ansehen, das mit den Jahren fortwährend stieg. Als zweitgeborener Sohn hatte der Prinz zunächst keine Aussicht auf den Thron, er meinte dem Vaterlande am besten durch Hebung der Armee und des Soldatenstandes zu dienen. Mit solchem Eifer widmete er sich seiner Aufgabe, daß ihm in jener Zeit der Beinamen des Soldaten- Prinzen erwuchs, den er lange behalten hat, und der ihm zur höchsten Ehre gereicht. Als Prinz Wilhelm nach der Thronbesteigung seines Bruders Friedrich Wilhelm IV. Thronfolger wurde und damit den allgemeinen Staatsgeschäften näher trat, blieb er doch noch derselbe eifrige Soldat, der er früher gewesen und bis auf diesen Tag auch geblieben ist. Kaiser Wilhelms Grundsatz ist es von jeher gewesen, die Werke des Friedens nach Kräften zu pflegen, aber um den Frieden zu erhalten, dazu bedurfte er eines starken Heeres und entsprechender Organisation. Dieses Heer und diese Organisation zu schaffen, das war das Ziel, welches Kaiser Wilhelm als Prinz von Preußen faßte und welches er auszuführen begann, nachdem er für seinen Bruder die Regierung übernommen. Was erreicht worden ist, ist bekannt, und es ist überflüssig, darauf näher einzugehen.
Kaiser Wilhelm kann mit vollem Recht als der Schöpfer
mutig geantwortet; dabei aber hatte er doch nach dem Bankier hingeschi lt.
Ec hatte es wirklich gewagt, der Tyrann, das Ungeheuer; er hatte „ihre Freundin, die Gräfin Speldorf hinaus- komplimentiert. Natürlich immer höflich, wie es Damen gegenüber Sitte, natürlich nicht direkt, aber in seiner ironischen, nichtswürdigen Art, die darum nicht weniger verständlich war. Und die Gräfin war gegangen, Wut im Herzm, nm nicht mehr wieder zu kommen. „Besser gar keinen Mann, als solch einen Mann", das waren ihr letzten Worte zu der „armen Fran" gewesen, als sie noch einen Augenblick mit einander allein waren.
„Ich lasse mich von Ihnen scheiden, mein Herr!" hatte die schöne Fran zum Schluß der Szene gerufen, die sie wieder ihrem -ötanne gemacht und bann war fie fortgeeilt in ihre Gemächer. Aber er sollte sehen, daß fie Ernst machte, das Lächeln sollte schon von seinen Lippen verschwinden. Sie hatte den »rechten Flügel" des Hauses fit Besitz genommen, er mochte den „linken" behalten. Und die Kinder behielt sie natürlich auch, natürlich, beim die gehörten ber Mutter.
Nein, er wollte es anders nnb fie mußte sich fügen, vorläufig bis die Scheidung erfolgt war, die fie gleich nach Weihnachten einleiten wollte. „Ich will Dir Cesarine lasten" hatte er gesagt, „Hans nehme ich zu mir hinüber. Die Mädel halten sich lieber an die Mutter und eS ist ja nur vorläufig. Die Kinder können sich täglich Besuche ab# statten." Und dabei hatte er wieder so lustig mit den Augen gezwinkert und fie war so wütend auf ihn, so — so — fie haßte ihn, hafte ihn nie geliebt, das wußte sie nun genau.
So wars gekommen, daß im Felderschen Hause heute zwei Weihnachtsbäume brannten, einer für Cesarine, einer für Hans.
Drüben auf dem »rechten", wie hüben auf dem „linken"
der modernen Armee bezeichnet werden. Er reformierte zunächst die preußische Armee und es ist wahr, ausgezeichnete Helfer standen ihm bei dem schweren Werke zur Seite. Nicht minder zutreffend ist cs aber auch, daß der Kaiser selbst den Antrieb zu allem gab, überall thätig mitwirkte, jede äußere Kleinigkeit im Militärwesen mit scharfem Auge beobachtete und verfolgte. Kaiser Wilhelm hat wirklich mitgearbettet, nicht einfach seine Befehle gegeben und die Ausführung angeordnet. Die preußische Armee entfaltete sich nach dem großen Kriege zur deutschen Reichs-Armee und heute beseelt jeden einzelnen Soldaten die treue Anhänglichkeit zu Kaiser und Reich. Die Organisation des Deutschen Heeres ist aber von allen modernen Staaten mehr oder minder getreu kopiert worden, alle Mächte achten in militärischer Beziehung auf Deutschland und verfolgen unsere Fortschritte mit eifrigstem Jntereffe. Deshalb konnten wir auch durchaus richtig sagen, daß Kaiser Wilhelm der Urheber der modernen Armeereform ist. Was der Kaiser geschaffen, hat auf ber ganzen Erde Anerkennung gefunden und auf unsere Armee sind wir ja besonders stolz. Der neunzigste Geburtstag des Kaisers, den wir in drei Monaten begehen, wird Anlaß geben, dem greisen Herrscher laute Ovationen zu bereiten, ihm zu danken für alles, was er im Krieg und Friedn für Deutschland gethan; aber auch das 80jährige Militärjubiläum verdient eine Erinnerung, die es auch wohl allenthalben im Deutschen Reiche haben wird.
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Dezbr. Der Kaiser nimmt heute vor- x mitags einige Vorträge entgegen. Nachmittags findet ein Diner und darauf die Weihnachtsbescheerung statt, wozu der Hof, die Flügeladjutanten und drei Generaladjutanten geladen sind. Um 81/» Uhr findet Thee, Souper und Weihnachtsbescheerung in der königlichen Familie statt. Am ersten Feiertag vormittags 11 Uhr ist im Palais Gottesdienst für die königliche Familie. — Ein kaiserlicher Erlaß wird veröffentlicht, wodurch der Reichskanzler ermächtigt wird, auf Grund der bezüglichen Gesetze von 1882, 1885 und 1886 eine dreieinhalbprozentige Anleihe von 35,738,856 Mk. aufzunehmen, wovon vier Millionen für den Zollanschluß Hamburgs, drei Millionen für den Zollanschluß Bremens, 28,738,856 Mk. für Zwecke der Verwaltungen des Reichsheeres, der Marine und der Reichseisenbahnen bestimmt sind. — Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Verschiedene Blätter verbreiteten in den letzten Tagen die Nachricht, der deutsche Militärbevollmächtigte in Petersburg sei dort erschossen worden. Die „Freisinnige Zeitung" fand es sogar für nötig, die Nachricht mit den abenteuerlichsten Ausschmückungen durch ein Extrablatt kolportieren zu lassen. Bisher schenkten wir diesem unqualifizierbaren Verhalten keine Beachtung; nachdem aber in der heutigen Morgen-
Flügel lagen die Geschenke für die Kinder aufgebaut und auf beiden Seiten brannten bereits die Lichter des Weihnachtsbaumes. Die Kinder, die im übrigen von der „getrennten Wirtschaft", wie die ausnahmsweise verschwiegene Lisette die neue Einrichtung nannte, nicht viel merkten, waren zunächst davon, daß ein jedes feinen besonderen Weihnachtsbaum haben sollte, sehr erbaut. Dann aber, als sich ber erste Freudenrausch gelegt hatte, verlangte Hans nach der Mama und der Schwester. Der Bankier nah« seinen Sohn an der Hand und ging mit ihm hinüber in8 „feindliche Lager". Wieder spielte ein Lächeln um seinen Mund, als er anklopfte und auf das »Herein" ins Zim» mer trat.
„Ich bringe Dir Deinen Sohn", sagte er und schon flog der Kleine auf die Mutter zu. Diese antwortete nichts; verschränkten Armes stand die hohe, schöne Gestatt in ihrem schwarzen, einfachen Kleide da. Cesarine, — diesen etwas »aparten" Namen hatte die junge Fran nach des Kindes Geburt durchgesetzt, während der Bankier trotz alles Sträubens seiner Frau auf dem gut bürgerlichen Namen „Hans" für den Sohn bestanden hatte, — war auf einen Stuhl geklettert und eben wacker dabei, die Herrlichkeiten des Christ- baumeS genauer in Augenschein zu nehmen, wobei natürlich die kleinen Händchen und das Leckermäulchen gar sehr mit ins Spiel kamen.
„Du solltest das Kind nicht so umher klettern lasten, Dina", sagte der Bankier und wehrte die Kleine vom Baume ab, fie schließlich vom Stuhl auf die Erde setzend.
„Für Sie, mein Herr, bin ich Bernhardine von Selbem", war die stolze Antwort, „ich denke, daß sich wenigstens meine Tochter keine Beschränkungen aufzuerlegen braucht."
Und sie wies auf die Süßigkeiten hin, die am Baume hingen.
(Schluß folgt)